Post aus der Antarktis

Die Polarstern legt an

Von Isabel Köhler, Bernd Schuldt
10.02.2002. Endlich konnte die Polarstern an der Schelfeiskante anlegen. Weihnachten und Neujahr haben Isabel Köhler und Bernd Schuldt noch auf der Neumayer-Station gefeiert: Bei Sonnenschein und mit einem Gläschen Sekt an der Eisbar.
Liebe Leserinnen und liebe Leser,

der Dezember und somit das Jahr 2001 sind nun schon eine Weile Geschichte, das neue Jahr hat begonnen und bereits über einen Monat geschafft. Zeit - das Ding, das so schnell laufen kann - Ihnen erneut von den vergangenen Wochen auf der deutschen Forschungsstation in der Antarktis zu berichten.

Der letzte Monat des abgelaufenen Jahres war für uns sehr ereignisreich. Wie schon zu Weihnachten berichtet, endete mit der Ankunft der beiden Polarflugzeuge unsere Zeit der Überwinterung. Zwei Frauen und sieben Männer hatten die Station betreut, die Forschungen weitergeführt und allen Orkanen getrotzt. Nach einem einwöchigen zähen Kampf gegen das Eis gelang es dem Forschungseisbrecher "Polarstern" am 18. Dezember weit westlich der Station an der Schelfeiskante einen Liegeplatz zu finden, an dem der Treibstoff für die Station und die Flugzeuge gelöscht werden konnten. Dies war erforderlich, weil das "Benzin" aus ökologischen Gründen nicht auf dem Meereis umgeschlagen werden darf - eine gute Regelung. Allerdings war dort der Eisabbruch ca. 40 Meter hoch, so dass nur der Treibstoff in die Tanks hoch über dem Schiff gepumpt wurde. Eine Entladung mit dem Kran war nicht denkbar, konnte man doch vom höchsten Punkt des Schiffes kaum über die Eiskante schauen.



Treibstoffentladung

Nach Beendigung dieser Operation suchte sich die "Polarstern" etwa 20 km östlich von Neumayer einen neuen Liegeplatz, dieses Mal im Meereis im der Atka-Bucht. Mit zwei "Volle Fahrt voraus" - Manövern schob sie sich so weit in das Eis, daß eine sichere Meereisentladung stattfinden konnte. An zwei Tagen wurden mit allen Kräften die Umschlagsarbeiten am Schiff durchgeführt. Auch dabei wurde den Anforderungen des Umweltschutzes größte Aufmerksamkeit geschenkt.

Am Nachmittag des 22. hatten Kapitän und wissenschaftlicher Fahrtleiter alle alten und neuen Überwinterer der Neumayer-Station traditionsgemäß in den "Blauen Salon" des Schiffes eingeladen. Bei einem Gläschen Sekt wurde der "Stab der Überwinterer" symbolisch an die neue Mannschaft der Station übergeben. In kurzen Ansprachen würdigten beide die Leistungen der "alten" und die Aufgaben der "neuen" Überwinterer.

Obwohl der Lade- und Löschprozess noch nicht ganz beendet war, wurde vor dem Schiff auf dem Eis, auch aus Tradition, ein kleines Abschiedsmeeting veranstaltet. Die "Polarstern" kommt in dieser Sommersaison nämlich nicht ein zweites Mal zu Neumayer. Bei wenig Wind und viel Sonne sowie Punsch nahmen beide ÜWI-Mannschaften, Sommergäste, Besatzungsmitglieder und Flieger daran teil. Bei gemütlichem Geplauder wurden die wegen der Eislage schwierigen Tage und der weitere Reiseverlauf des Schiffes wie die Aufgaben der Sommersaison und der ÜWI besprochen. Gegen 19 Uhr ertönte dann über die Bordlautsprecher "Time to say Good bye" über das Eis und die letzten Konvois machten sich auf den Weg zur Schelfeiskante und weiter zur Station. Die anderen Gäste der Party wurden mit den beiden Hubschraubern des Schiffes "heim"geflogen, die Besatzungsmitglieder per Stahlkorb (Mammy chair) an Bord gehievt, denn das Ausbringen einer Gangway war nicht möglich. Gegen 20 Uhr verließ das Schiff seinen Liegeplatz in der Bucht und begann eine Forschungsreise in Richtung Nordosten, im Südatlantik.



Meereisentladung

Mit einem Male waren mehr als 60 Personen an der Station - ein rechter Trubel gegen die Zeit zu Neunt. Dabei war mit Holländern, Dänen, Italiener, Isländer, Japaner, Schwaben und Bayern die Besatzung international verstärkt, was der Zusammenarbeit und Kameradschaft keinerlei Abbruch tat.Sie können sich sicherlich vorstellen, liebe Leserinnen und Leser, daß an den folgenden Tagen sehr viel Arbeit auf alle wartete. Transport aller Container und Tanks zur Station bzw. zum Winterlager, Ausstauen der Container und Kontrolle der Lieferungen, wetterbedingtes Schließen oder Öffnen der Rampen, Fortsetzung der tägliche Routinearbeiten und der Übergabe, Vorbereitung der Polarflieger für ihre Einsätze als Messflugzeug und für logistische Flüge, sowie des Konvois zur Kohnen-Station auf 75° S und 0°04' O. Dort wurde eine von der EU geförderte Tiefeisbohrstelle errichtet. In diesem Jahr sollen bis in eine Tiefe von 600 - 800 m Eiskerne gebohrt werden.

Gleichermaßen können Sie sich vorstellen, daß unter diesen Umständen kaum ein Gedanke an Weihnachten, stille Nacht - heilige Nacht oder Weihnachtsstimmung aufgekommen ist. Dennoch wurden am Weihnachtsabend so zwischen 16 und 17 Uhr alle Arbeiten langsam eingestellt.

Ab 19 Uhr war die Weihnachtsfeier angesetzt, bei der in der Messe ein Tannenbaum (aus Plastik) seinen grünen Schimmer verbreitete und weihnachtliche Musik erklang. Der Abend wurde bei Kartoffelsalat und Bowu eröffnet. In mehreren Räumen wurde gemütlich bis in den ersten Weihnachtstag hinein gefeiert. Pünktlich um 0 Uhr knallten die Sektkorken, denn einer aus dem neuen Überwinterungsteam hatte Geburtstag. Der Jubilar wurde mit viel Hallo, Gratulationen und kleinen Überraschungen beschert.

Da die zu erledigenden Arbeit auch über die Weihnachtsfeiertage fortgesetzt werden mußten, denn der Konvoi zur Kohnen-Station mußte auf Grund der Zeitverluste durch den eisbedingt verspäteten Anlauf der "Polarstern" so rasch wie möglich auf den Weg gebracht werden, wurde auch an den Feiertagen mit Hochdruck weitergearbeitet. Neben Frühstück und Mittagessen sollte es darum am ersten Weihnachtstag ab 19 Uhr ein Feiertags-Dinner geben, zu dem die Köche beider ÜWI-Mannschaften sowie einige fleißige Helfer zu einem wahren Festtagsschmaus einluden. Der zweite Weihnachtstag verlief so ähnlich, allerdings fiel das Dinner etwas weniger umfänglich aus.

Auf Grund der intensiven Arbeiten der vorangegangenen Tage waren alle Vorbereitungen gegen Mittag beendet, so daß der Kohnen-Konvoi am Nachmittag verabschiedet werden konnte und sich auf die "Kufen" machte. Mit sieben Pisten-Bullies und jeweils drei Schlitten im Anhang machten sich bei sonnigem, aber luftigem Wetter zehn Kollegen auf den Weg von rund 758 km über Eis und Schnee. Am 4. Januar nachmittags erreichten sie ihr Ziel, wobei keine witterungsbedingten Stehzeiten auftraten. Inzwischen wurden die Arbeiten an und in der Station kaum weniger, aber es wurde etwas ruhiger, so dass zu Silvester eine stimmungsvolle Party zu erwarten war.



Der Kohnen-Konvoi

Das Wetter zeigte sich am letzten Tag des Jahres von seiner besten Seite. Es war ein wirklicher Sommertag mit viel Sonne und leichten bis mäßigen Winden aus Südwest. Am Nachmittag genossen wir beide wieder einmal die Sonne auf dem Treppenturm bei einem Tässchen Tee und stellten erneut fest, wie wunderbar die Gegend ist, in der wir nun schon mehr als einem Jahr leben. Anschließend hat Bernd bei einem Spaziergang in der sonnengleißenden weißen Weite und Stille das alte Jahr und die Zeit auf und im Eis Revue passieren lassen und sich dann auf der Koje liegend und der 9. Sinfonie von Ludwig van B. lauschend innerlich gefestigt auf den Abend vorbereitet. Isabel hat sich ebenfalls auf ihre Kammer zurückgezogen und an die Lieben zu Hause gedacht.

Um 20:00 Uhr war es soweit. Das Rutschen (dabei darf Rutschen hier durchaus wörtlich genommen werden) ins neue Jahr sollte beginnen. Mit einem kalten Büfett wurde es eröffnet, das ein optischer wie kulinarischer Höhepunkt zum Jahresausklang war. Es war fast zu schön, um gestürmt zu werden. Aber wie alle kalten Büfetts erlag auch unseres seinem irdischen Schicksal. Gegen 22 Uhr wurde nahezu am Ende der Welt ebenfalls dem guten, alten Brauch gefolgt und das berühmte Filmchen "Dinner for one oder der 90. Geburtstag" als Video-Version aufgeführt. Um 23 Uhr Stationszeit schweiften die Gedanken fast aller in die rund 14 000 km entfernte Heimat, wo in diesen Augenblicken bereits das neue Jahr begann. Es waren bestimmt zahllose guten Wünsche auf dem Weg.

Eine Stunde später dann war es auch bei uns soweit. Bei Sonnenschein wurde das Jahr 2002 auf Neumayer willkommen geheißen. Mit einem Gläßchen Sekt an der eigens für diesen Zweck errichteten Eisbar aus wirklichem Eis wurde auf das beginnende Jahr angestoßen. Für die einen bringt es das baldige Ende der Zeit im Eis, die anderen stehen voller Tatendrang am Anfang ihrer Überwinterung und die Sommergäste möchten die Saison nach besten Kräften nutzen. Besonders schön fanden wir, zum zweiten Mal das neue Jahr bei Sonnenschein begrüßen zu können, ganz ohne Raketenrauch und Knallerlärm. Der Himmel blieb trotz Jahresbeginn strahlend blau, das Eis glitzerte und die Sonne freute sich ihres Daseins, gleichwohl alle von uns.

In der Zwischenzeit nun hat die Sommerkampagne ihren Alltag gefunden, alles geht seinen Gang, doch darüber werden wir im nächsten Brief berichten.

Prosit Neujahr, Willkommen im neuen Jahr - wir wünschen allen Leserinnen und Lesern noch einmal ein gesundes, glückliches, erfolgreiches und friedvolles 2002.

Isabel & Bernd