16.06.2026. Der Perlentaucher und das "Toledo"-Programm des Deutschen Übersetzerfonds starten eine Zusammenarbeit. Der Perlentaucher wird auf die "Toledo"-Journale verweisen, in denen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit an ganz konkreten Büchern reflektieren. Und wir starten zusammen mit "Toledo" eine neue Kolumne - "Mind the Gap": Hier geht's ums Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Den Start macht die Chinesisch-Übersetzerin Karin Betz: "Literaturübersetzung ist kein Rechenexempel, sie ist im besten Sinn unberechenbar."
Das "Toledo"-Programm hat sich seit seinem Start 2018 als internationale Sparte und digitales Labor des Deutschen Übersetzerfonds etabliert. Toledo schafft einen Begegnungsort der deutschsprachigen und internationalen Übersetzerszenen und stärkt literarische ÜbersetzerInnen darin, ihre Mittlerrolle zwischen den Kulturen und Sprachräumen aktiv auszuüben. Auf die Idee zu einer Kooperation mit "Toledo" kamen wir durch die grandiosen "Toledo-Journale", die auf der schönen Website von Toledo nachzulesen sind: Das sind Berichte aus dem Maschinenraum der Literatur, sie beleuchten das Innenleben literarischer Werke und die Transitstrecken in andere Sprachwelten. Nicht zuletzt richten sie Aufmerksamkeit auf die ÜbersetzerInnen selbst. Über die Jahre hat sich das Format als eigene kleine Gattung etabliert und sich zu einem wichtigen Medium der Reflexion und Präsentation übersetzerischer Arbeit profiliert. Der Perlentaucher wird von seinen Buchseiten künftig auf die Journale verlinken, sofern ein solches zu einem Buch in seiner Datenbank vorliegt. Außerdem starten wir heute zusammen mit "Toledo" die Kolumne "Mind the Gap". Hier geht es um eine andere Art der Reflexion: Gerade Übersetzungen gehören zu den Qualifikationen, die von Künstlicher Intelligenz radikal in Frage gestellt werden: Technische Übersetzungen oder Übersetzungen aus bestimmte Sachgebiete wie Recht oder Wirtschaft können heute schon von KI erstellt werden - der Übersetzer wird hier zum Kontrolleur im Maschinenraum. Aber wie verhält es sich mit literarischen Übersetzungen? Einige der bekanntesten deutschen und internationalen ÜbersetzerInnen werden in den nächsten Monaten über diese Fragen nachdenken. Den Start macht die Chinesisch-Übersetzerin Karin Betz - und sie lässt sich den Schneid nicht von der Maschine abkaufen!
D.Red.
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Bestellen Sie bei eichendorff21!Früh am Mittwochmorgen nach der Verleihung des International Booker Prize an Yang Shuang-zi und ihre Übersetzerin Lin King, kommt eine nicht weiter kommentierte Whatsapp-Nachricht von einem guten Freund: "The German translation is being prepared by seasoned translator Karin Betz": Wir gratulieren!
Upps, wo kommt dieses Zitat mit meinem Namen her, die Übersetzung erscheint doch erst im Frühjahr 2027? Ich schreibe zurück und frage nach. Und siehe da, die Google-KI hat's auf die Stichworte "Taiwan Travelogue" und "German translation" hin ausgespuckt. "Seasoned translator". Ein hübsches englisches Wort, "seasoned". Liest sich wie "hat alle vier Jahrzeiten überstanden", im Kontext übersetzt man, je nachdem: gewürzt, bewährt, erfahren. Nun gut. Eigentlich will ich wissen, woher die KI diese freundliche Bezeichnung für mich hat, und gebe die gleiche Suchanfrage ein. Doch siehe da: Mittweilerweile bin ich nicht mehr "seasoned", sondern "veteran translator", was mir den Spaß an der Suche verdirbt, denn das liest sich wie "hat den Krieg überstanden".
Mind the Gap: Die Lücke zwischen Wort und Bedeutung. Künstliche Intelligenz ist ein Spiel- und Spaßverderber, weil so ein Algorithmus von vornherein keinen Spaß versteht, rein gar nichts versteht von meiner Lebenswelt oder der Lebenswelt des Personals von Romanen. Ich interessiere mich für sie, sehr sogar, zärtlich, mütterlich, skeptisch begleite ich sie, und nicht selten muss ich zu ihnen sagen: Moment mal, so redet doch kein General, keine Vierjährige, kein Gauner! Ich gestalte ihre Rede sprachlich so, wie Wissen, Lebenserfahrung und der Kontext des Werks sie mir eingeben. Die Sprachen, Kulturen, Menschen, die ich als Übersetzerin aus dem Chinesischen zusammenbringen muss, werden nicht so leicht Freunde.
Nehmen wir zum Beispiel die Figuren von Yang Shuang-zis Roman 台灣慢遊錄 (Taiwan manyou lu, englischer Titel Taiwan Travelogue), dessen deutscher Titel noch nicht feststeht: Allzu leicht könnte meine Sprache sich so verhalten wie die darin geschilderte japanische Autorin Chizuko Aoyama, die 1938 nach Taiwan reist, sich aber bewusst nicht vor den Karren der japanischen Kolonialpolitik spannen lassen möchte. Von Natur aus gefräßig, mampft sie sich begeistert durch taiwanische Küche, doch allein darauf beschränkt sich ihr Enthusiasmus nicht. Aoyama glaubt, auch ungleiche Machtverhältnisse ließen sich einfach verschlingen und versteht nicht, dass ihre übergriffige Ignoranz Freundschaft und Liebe zwischen ihr und ihrer Dolmetscherin erst recht verhindert. Die taiwanische Dolmetscherin Wang Qianhe wäre gerne literarische Übersetzerin, und tatsächlich verkörpert die Figur all das, was Übersetzung sein kann und sollte: Sie ist mehrsprachig, besonnen, strategisch, empathisch, kreativ, vielfältig talentiert, risikobewusst, verbirgt sich geschickt hinter einer Maske und legt diese Maske hin und wieder ebenso gezielt ab. Der Roman selbst verhandelt, worauf es ankommt, wenn wir übersetzen. Deshalb bedeutet jeder Satz der Übersetzung eine Entscheidung, die nur ein Mensch treffen kann, der kapiert, dass er den Text gleichzeitig chinesisch, japanisch und taiwanisch lesen muss, und der die über Sprache ausgetragenen Machtspiele mitspielen kann. Sicher, ein Paradebeispiel für einen Text, aus dem keine mit noch so vielen geklauten Werken gefütterte Sprachmaschine Literatur machen könnte.
Technik ist nützlich, sie kann mir lästige Arbeit abnehmen, etwa ein Glossar sortieren oder gerne in Gestalt eines Roboters meine Küche aufräumen, während ich mich in Ruhe in die sprachliche Gestaltung meiner Übersetzung vertiefe. Aber allein die Verantwortung, die ich für meinen, den deutschen Text übernehme, verleiht mir den dafür nötigen Mut. Literaturübersetzung ist kein Rechenexempel, sie ist im besten Sinn unberechenbar. Sprache ist Denken, sie ist unser Zugang zur Welt, ereignet sich nah am Zittern und Staunen. Und es sind unzählige sprachliche Entscheidungen, die ich treffen muss, um den vielen interkulturellen, historischen, romantischen Funken, die dieser Roman sprüht, ein neues Leben zu ermöglichen, in einer elastischen, beweglichen deutschen Syntax.
Die deutschen Medien hatten vor der Booker-Preisverleihung ihre Kommentare zu Bazyar und Kehlmann vermutlich schon im Kasten, und dann mussten sie plötzlich genauer hinhören und brauchten Aussprachehilfe. Wer ist Yang Shuang-zi, was ist das für ein Roman, wo liegt noch gleich Taiwan und war das wirklich mal japanische Kolonie?
Vielleicht hatte auch Dirk Fuhrig vom Deutschlandfunk die KI befragt, wer die deutsche Übersetzung des Booker Prize Gewinners verantwortet (die Pressemitteilung von DuMont dazu kam erst später), und hatte die schöne Idee, mich als Übersetzerin anzuschreiben und um ein ausführliches Interview zu Inhalt und Übersetzung von Taiwan Travelogue für die Sendung Büchermarkt zu bitten. Und ich, die ich gerade im Schweizer Übersetzerhaus Looren sitze und längst an der Übersetzung eines anderen Romans aus Taiwan arbeite, lasse mich gerne unterbrechen, denn: Wunderbar, wenn die Aussagefähigkeit von Übersetzern zu Werken, von denen sie jedes Wort in ihrer Sprache neu geschrieben haben, deren Entstehungsland und Autorin sie persönlich kennen, erkannt und genutzt wird.
Man kann von Übersetzern oft Überraschendes lernen. Von Lin King etwa in ihrer Dankesrede, dass Orangensaft in den USA entweder "no pulp" oder "with pulp" verkauft wird, in Großbritannien dagegen in der Variante "smooth" oder "with juicy bits". Nun heißt pulp bekanntlich Fruchtfleisch - aber auch Brei, Schlamm. Juicy bits wiederum sind saftige Stückchen - aber auch saftige oder pikante Details, sozusagen das Beste an einer Sache. In diesem Sinn schloss King an: "I hope we can all start thinking of translation not as 'pulp' but the 'juicy bits', and proudly labeling it so on the carton." Nämlich: wir wären hoffentlich bald alle so weit, auf der Verpackung, also dem Einband zu erwähnen, dass ein Buch juicy bits enthält, also dass - und von wem - es übersetzt wurde. Im englischsprachigen Raum ist das noch keine Selbstverständlichkeit, aber deutlich weiter verbreitet als im deutschsprachigen. Dabei wäre der Name einer konkreten Übersetzerin auf dem Titel allemal wirksamer und menschlicher als die "Ohne KI"-Aufkleber, die in jüngster Zeit Buchausgaben zieren.
Pulp und Juicy-Bits. Auch ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, den perfekten Orangensaft zu pressen, frisch und schmackhaft, aber bitte mit juicy bits: zum Beispiel, indem ich einem typisch taiwanischen Markstandimbiss seinen originalsprachlichen Namen lasse, also aus in Sojasauce geschmortem Schweineschwartenhack nicht einfach Hackfleischsoße mache. Aber halt: Wähle ich den Namen in hochchinesischer Aussprache, rousao, oder in taiwanischer, bahso? Mind the gap ... Ich koche übrigens gerne, deshalb: besser "seasoned" als "veteran", bloß nicht altgedient! Lieber als die alte Dienstmagd, die devot den aufgewärmten Braten serviert, bin ich die Köchin, bei der der Braten neue Würze bekommt, ohne seine Aromen zu übertünchen, und die ihn, dreist gepfeffert, mit einem verschmitzten Lächeln kredenzt.
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