Magazinrundschau - Archiv

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113 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 12

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - New Lines Magazine

Zartbesaiteten kann man die Lektüre dieses Berichts von Uğur Ümit Üngör und Annsar Shahhoud im Grunde nicht empfehlen. Minutiös schildern die beiden Völkermordforscher darin zunächst (und auch im weiteren Verlauf immer wieder) die Gräueltaten syrischer Armee- und Geheimdienstoffiziere bei einem Massaker an Zivilisten. Dokumentiert sind die seitens der Täter in aller Ruhe und Siegesgewissheit begangenen Morde auf einem Video, das offenbar als private Trophäe und Beleg gegenüber Vorgesetzten entstanden ist. Aber wie ticken Menschen, die solche Taten zu begehen imstande ist und sich dabei auch noch unbekümmert auf HD-Video filmen? Mittels eines Fake-Facebook-Profils und bildforensischer Methoden haben Üngör und Shahhoud in langwieriger Kleinstarbeit nicht nur den Ort des Geschehens identifiziert, sondern sich auch online an die Haupttäter herangepirscht und mit viel Ausdauer ihr Vertrauen gewonnen. "Nach einigen Monaten konfrontierten wir Youssef mit dem Massaker und ließen ihn wissen, dass wir die Aufnahmen gesehen haben. Zunächst leugnete er, in dem Video zu sein. Dann sagte er, er habe lediglich jemanden verhaftet. Schließlich entschied er sich für eine Rechtfertigung: Er habe nur seinen Job gemacht und zeigte sich zudem zufrieden: 'Ich bin stolz auf meine Taten.' Warum hatte Youssef eingewilligt, so lange mit uns zu sprechen? Wahrscheinlich aus vielen Gründen: Neugier, Einsamkeit und Frustration. Seit der Krieg mit einem Pyrrhussieg und einer wirtschaftlichen Ermattung endete, leben Assads Täter oft schweigsam mit ihren Erinnerungen. Sie saufen Araq und rauchen Kette. Auch war er unzufrieden, wie sich die Arbeit in letzter Zeit entwickelte, seit er als Kommandeur aus Tadamon und Yarmouk abgezogen und zu langweiliger Schreibtischarbeit versetzt wurde. Dass er den Massenmod in Tadamon gestand, kam nicht völlig überraschend: Seine Frau und seine Kinder wusste wahrscheinlich von nichts, wir waren wohl die einzigen, die ihn je danach gefragt haben. Als wir ihm schließlich offenbarten, dass uns sämtliche Videos vorliegen und wir im Laufe unserer Untersuchungen einen Riesenhaufen belastender Informationen über ihn und seine Einheit gesammelt haben, begann er, uns zu bedrohen - oder besser gesagt die Kunstperson Anna: 'Komm nach Damaskus und Du wirst alles verlieren, was du liebst', sagte er im Zorn."
Stichwörter: Damaskus, Einsamkeit

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - New Lines Magazine

Sehr kenntnisreich schreibt Tom Rogan über die allzu innigen Beziehungen zwischen britischen Politikern und putinnahen Oligarchen. Viele dieser Politiker sind im Westminster Russia Forum engagiert, das seiner Satzung nach für bessere Beziehungen für Russland eintritt. Auch hier spielt wieder die stolze demokratische Tradition Britanniens hinein, deren mangelnde Regelwerke angenehme Nebeneinnahmen ermöglichen: Anders als etwa Abgeordnete anderer Länder können "britische Politiker auch während ihrer Amtszeit lukrative Finanzgeschäfte mit russischen Interessenten betreiben. Dies gilt insbesondere für das Oberhaus. Angeführt von George Galloway, der Fernsehsendungen für russische Staatsmedien moderiert, können die Mitglieder des Parlaments auch von Auftrittshonoraren in Medien wie RT profitieren. Amerikanische und britische Beamte sagen mir, dass das Westminster Russia Forum kaum mehr ist als ein korporativ-politischer Zugangsagent für die in London ansässigen Spione des SVR." George Galloway gilt wegen seiner Auftritte bei iranischen und russischen Staatsmedien laut Wikipedia als der britische Abgeordnete mit den höchsten Nebeneinnahmen.

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - New Lines Magazine

Der Nobelpreis für Peter Handke vor anderthalb Jahren war auch Gelegenheit zu erkennen, dass es in den vornehmsten deutschen Feuiiletons Stimmen gibt, die Genozidleugner verteidigen, sofern es sich nur um verehrte Dichter handelt. Edin Hajdarpašić analysiert nochmal die Handkesche Rhetorik des Leugnens, die natürlich nicht einfach ein Leugnen ist, sondern ein Neu Arrangieren von Wirklichkeit, bekannt eher aus anderen politischen Ecken, wo es auch mit dem angemessenen Abscheu bedacht wird. Hajdarpašić erinnert an Handkes Freundschaft zu Novislav Djajić, der zu einem serbischen Erschießungskommando gehörte: "In Djajić hatte der Österreicher nicht nur eine Freundschaft gefunden - Handke war Trauzeuge bei Djajićs Hochzeit und wohnte der Taufe seiner beiden Töchter bei -, sondern auch die Schlüsselelemente, um die Fakten des Bosnienkrieges umzuschreiben. In Handkes Erzählung war Djajić ein idealistischer serbischer Dorfbewohner, der in die Kriegswirren hineingezogen wurde. In einer Zeit, in der das Töten überhand nahm, war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und hielt bei einer Massenhinrichtung eine Waffe in der Hand. An einer Stelle in der 'Reise' lässt Handke Djajić über seine Verantwortung nachdenken und dann feststellen: 'Wissend, dass ich schuldlos war, sagte ich Ja zu meiner Bestrafung. Vom fremden Staat bestraft und vom eigenen Volk verachtet, verlor ich das Gefühl für meine Schuld.' Wenn es in Handkes Geschichte eindeutige Bösewichte gibt, dann sind es die fremden Richter, die gedankenlos darauf bestehen, Männer wie Djajić zur Verantwortung zu ziehen."
Stichwörter: Handke, Peter, Bosnienkrieg