
Zartbesaiteten kann man die Lektüre
dieses Berichts von Uğur Ümit Üngör und Annsar Shahhoud im Grunde nicht empfehlen. Minutiös schildern die beiden
Völkermordforscher darin zunächst (und auch im weiteren Verlauf immer wieder) die
Gräueltaten syrischer Armee-
und Geheimdienstoffiziere bei einem Massaker an Zivilisten. Dokumentiert sind die seitens der Täter in aller Ruhe und Siegesgewissheit begangenen Morde auf einem Video, das offenbar als private Trophäe und Beleg gegenüber Vorgesetzten entstanden ist. Aber wie ticken Menschen, die solche Taten zu begehen imstande ist und sich dabei auch noch unbekümmert auf HD-Video filmen? Mittels eines Fake-Facebook-Profils und
bildforensischer Methoden haben Üngör und Shahhoud in langwieriger Kleinstarbeit nicht nur den Ort des Geschehens identifiziert, sondern sich auch online an die Haupttäter herangepirscht und mit viel Ausdauer ihr Vertrauen gewonnen. "Nach einigen Monaten konfrontierten wir Youssef mit dem Massaker und ließen ihn wissen, dass wir die Aufnahmen gesehen haben. Zunächst leugnete er, in dem Video zu sein. Dann sagte er, er habe lediglich jemanden verhaftet. Schließlich entschied er sich für eine Rechtfertigung: Er habe nur seinen Job gemacht und zeigte sich zudem zufrieden: 'Ich bin stolz auf meine Taten.' Warum hatte Youssef eingewilligt, so lange mit uns zu sprechen? Wahrscheinlich aus vielen Gründen:
Neugier,
Einsamkeit und Frustration. Seit der Krieg mit einem Pyrrhussieg und einer wirtschaftlichen Ermattung endete, leben Assads Täter oft schweigsam mit ihren Erinnerungen. Sie saufen Araq und rauchen Kette. Auch war er unzufrieden, wie sich die Arbeit in letzter Zeit entwickelte, seit er als Kommandeur aus Tadamon und Yarmouk abgezogen und zu langweiliger Schreibtischarbeit versetzt wurde. Dass er den Massenmod in Tadamon gestand, kam nicht völlig überraschend: Seine Frau und seine Kinder wusste wahrscheinlich von nichts, wir waren wohl die einzigen, die ihn je danach gefragt haben. Als wir ihm schließlich offenbarten, dass uns sämtliche Videos vorliegen und wir im Laufe unserer Untersuchungen einen
Riesenhaufen belastender Informationen über ihn und seine Einheit gesammelt haben, begann er, uns zu bedrohen - oder besser gesagt die Kunstperson Anna: 'Komm nach Damaskus und
Du wirst alles verlieren,
was du liebst', sagte er im Zorn."