Der Literaturhistoriker und Ästhet Sándor Bazsányiwürdigt Krasznahorkai als "einen der wenigen sprachschöpferischen Schriftsteller auf der Landkarte der ungarischen Literatur der Jahrtausendwende verehrt werden (und ich möchte hier nur drei Namen aus diesem kleinen Kreis nennen, die vor ihm damit begonnen haben: Miklós Mészöly, Imre Kertész und Péter Nádas). Und das nicht nur, weil er meist ungewöhnlich lange Sätze formuliert oder weil diese langen Sätze äußerst ausgefeilt sind. Vielmehr können wir Krasznahorkai als einen Sprachschöpfer und damit als einen Weltenschöpfer bezeichnen, weil er die Wörter nicht in ihrer üblichen oder ausgehöhlten Bedeutung verwendet, sondern ihnen eine völlig neue Bedeutung gibt, unter anderem dank der Sprachspiele, die in seinen langen, langen Sätzen toben. Die Sprachschöpfung geht notwendigerweise mit der Weltschöpfung einher - wie wir auch nach dem berühmten Satz von Wittgenstein denken können: 'Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.' Bei Krasznahorkai geht es jedoch, wie bei allen bedeutenden Schriftstellern, um die ständige Erweiterung und Überschreitung der Grenzen der sprachlich geschaffenen Welt. Sowohl in thematischer als auch in poetischer Hinsicht."
"Ein Satz von Krasznahorkai ist die Ordnung des Sternenhimmels", schreibt die Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Sarolta Deczki. "So wie Valuska, der einfältige Junge, die Leute in der Kneipe herumkommandiert, die ihm ehrfürchtig gehorchen, als würde die eisige Kälte für kurze Zeit die verrauchte, alkoholgetrunkene Luft und die Köpfe reinigen. Sie schauen staunend zu und spüren die Gegenwart einer unbekannten Kraft. Die Gewissheit, dass etwas Ordnung in das Chaos bringt und man nichts anderes tun kann als zu gehorchen. Diese Kraft ist der unendlich lange Satz von Krasznahorkai, der wie ein Strudel den Menschen herumwirbelt und dann in die Tiefe reißt. Es gibt kein Entkommen. Er umschlingt einen, packt einen und lässt einen nicht mehr los. Er lässt dem Chaos, der Anarchie freien Lauf, aber manchmal blitzt die Ordnung auf, die Ordnung des Sternenhimmels. Jeder Text ist wie ein Labor, in dem der Autor mit einer dichten, harten, dunklen Substanz experimentiert."
Nicht alle jedoch fanden, dass Krasznahorkai den Nobelpreis verdient hat. Der Kritiker und Literaturhistoriker Dávid Szolláth kann sie nicht ganz ernst nehmen: "Ich bin noch ganz begeistert, da kommen schon die Stolzen, die das Gefühl haben, dass nicht nur er, sondern wir alle den Preis bekommen haben. Und dann kommen auch die Nörgler, die Spielverderber, die die üblichen Sprüche klopfen. Dass der Nobelpreis dazu diene, das Gewissen des Dynamitfabrikanten reinzuwaschen, dass er nicht den wahren literarischen Wert messe, dass er voreingenommen sei, Schriftsteller mit dieser oder jener Weltanschauung bevorzuge, dass andere ihn mehr verdient hätten, dass die sich gut vermarktenden Modeschriftsteller im Vorteil seien. Sie sagen ihre Meinung, tippen in schlaflosen Nächten ihre Facebook-Beiträge, sind gekränkt und hoffnungsvoll, warten auf das Wunder, aber sie sehen das Wunderbare nicht, sie sind wie einige Nebenfiguren des Preisträgers, die sich gewohnheitsmäßig in einem Labyrinth der Frustration eingeschlossen haben. Wenn ich ihnen zuhöre, fühle ich mich, als wären wir in der gut beheizten Kneipe von Sátántangó und würden auf Irimias warten oder auf dem eisigen Platz der Kleinstadt nach dem klappernden Wagen des berühmten Wals Ausschau halten. So kam Krasznahorkai letzten Donnerstag von seiner Weltreise nach Hause."
Veronika Darida, Leiterin des Instituts für Kunsttheorie und Medienwissenschaften der Universität ELTE in Budapest, schreibt über die im Vergleich zu seinem Prosawerk überschaubaren, jedoch nicht minder bedeutenden dramatischen und theatertheoretischen Schriften von Péter Nádas und macht sich eigene Gedanken über das Theater: "Wie Nádas es formuliert: 'Mich interessiert das Beziehungsgeflecht, das sich im Theater zwischen den lebenden Körpern entwickelt.' Dazu fügt er die Musikalität der Sprache, die Stilisierung und die Theatralik hinzu. Aber das ist immer noch lediglich ein imaginäres Theater. Die Geburt des realen Theaters ist die Aufführung, die qualvollen Wehen des langen Probenprozesses. Dabei verändern sich die Beziehungssysteme zwischen den Akteuren (einschließlich Regisseur, Autor, Dramaturg, Darstellern usw.) ständig, aber nicht berechenbar, nicht nach einem vorab festgelegten Plan. Die Probe ist ein Ort ständiger Zusammenbrüche und Wiederauferstehungen, körperlicher und seelischer Verletzungen, Verletzungen und Begeisterungen, wo Liebe und Hass einander entsprechen und miteinander verwechselt werden können. Die gemeinschaftlichste Kunst entsteht aus einsamen Qualen. (…) Jeder abgeschlossene Probenprozess ist eine unzählige Anzahl verpasster Gelegenheiten, aber auch die Verwirklichung zahlreicher neuer Ideen. Ein wesentlicher Lernprozess, dessen Ergebnisse in der nächsten Aufführung nicht genutzt werden können, weil alles von vorne und neu begonnen werden muss. Die nach der Premiere aufkommende Spannung, das Weinen und Lachen sind Reaktionen auf eine Grenzsituation, auf die es keine andere Antwort gibt."
Im Interview mit Élet és Irodalom spricht der aus Siebenbürgen stammende SoziologeZoltán Rostás über das Leben mit und zwischen zwei Kulturen (ungarisch-rumänisch) sowie über den Nutzen des Lernens: "Ich bin nicht nur in Siebenbürgen geboren, sondern auch dort aufgewachsen, was freilich prägend ist. Andererseits war ich nie ein echter Bukarester, denn es war fast schon zu meinem Lebensstil geworden, mindestens alle zwei Monate in die Städte Siebenbürgens und Rumäniens zu fahren. Ein echter Bukarester Ungar kommt höchstens in seiner Freizeit oder zu Feiertagen über die Karpaten. (…) Bereits als Gymnasiast in Vásárhely wurde mir bewusst, dass es rumänische und ungarische Bücher, Theater, Zeitungen und Schulen gibt, aber die Frage, ob diese Kulturen aufeinandertreffen oder nicht, stellte sich nicht, denn dafür sorgte, wie ich später erkannte, großzügig die kommunistische Partei. Außerdem interessierten mich damals die großen Zusammenhänge der Welt, nicht solche Provinz-Querelen. Während meiner Studienzeit in Cluj-Napoca lernte ich dann die verschiedenen Varianten der traditionellen ungarischen, rein intellektuellen Kultur kennen, gleichzeitig kamen jedoch Zweifel in mir auf. (...) Die Frage (nach dem Sinn des ganzen Gelernten, wenn wir ständig überrascht sind) ist berechtigt, aber ich würde zurückfragen: Sind wir überrascht, weil unser Wissen nutzlos oder unvollständig war? Oder weil unser moralisches Empfinden protestiert? Überraschungen lassen sich nicht vermeiden, aber durch die ständige kritische Überprüfung unseres Wissens erreichen wir etwas. Natürlich sind die meisten Menschen von nichts überrascht. Ich beneide sie nicht! (…) Mich überrascht die Resignation, Apathie und Hoffnungslosigkeit."
Die Soziolinguistin Ágnes Huszáranalysiert in Elet es Irodalom die Kommunikationsstrategien der Regierungspartei Fidesz sowie des Ministerpräsidenten Viktor Orbán: "Das Hauptziel von Orbáns Rede am 7. September beim jährlichen "bürgerlichen Picknick" im West-Ungarischen Kötcse (Kötsching) war es, sich neben Russland, das er zum Sieger erklärte, dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der die Welt verändert, und der Weltmacht China zu positionieren und, wenn auch nur vage, auf die Beute hinzuweisen, die einem treuen Gefolgsmann zusteht: die ehemals ungarischen Gebiete in der Karpatenregion. Damit hat er seine Regierung und seine Partei endgültig auf eine postfaktische Politik festgelegt. Die Wahrheit - die Übereinstimmung mit den Tatsachen - spielt dabei keine Rolle mehr. Der Wahlkampf ist post-truth-, oder, um es unverblümter zu sagen: lügenzentriert (...) Diese Politik richtet sich an das Inland und zielt darauf ab, die Wahlen im nächsten Jahr zu gewinnen. Orbán möchte sich als globalpolitischer Faktor präsentieren, als wichtiger Mann, auf den die Führer der Großmächte hören und der selbst globalpolitische Wendepunkte herbeiführen kann, beispielsweise den Untergang oder den Fortbestand der Europäischen Union. Er, der in die Zukunft blickt und die Weltpolitik gestaltet, wird sich nicht mit irgendwelchen Kleinigkeiten - dem ungarischen Gesundheitswesen, dem Bildungswesen - beschäftigen, diese Probleme lösen sich von selbst. Oppositionsmitglieder nimmt er nicht einmal als Menschen wahr - sie sind für ihn Wanzen, kleine Hähne, haarlose Füchse vom Lande. (…) Was Orbán als 'Kunst der Politik' darzustellen versucht, ist in Wirklichkeit Betrug, Wortbruch, Täuschung eines gutgläubigen Partners. Früher oder später wird dies auffliegen. Bei den europäischen Partnern ist dies bereits geschehen, so wird er zu wichtigen Beratungen nicht mehr eingeladen."
Der Schriftsteller und Herausgeber der jüdischen Monatszeitschrift Szombat (Samstag) Gábor T. Szántózeichnet in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung "1945 - wie weiter?" der 2B Galerie, Parallelen und Unterschiede der Lebensverläufe der polnischen und ungarischen Juden vor, während und nach dem Holocaust nach und bekräftigt eine ethnologische Perspektive auf jüdisches Leben in Ungarn am Beispiel des Warschauer Polin Museums: "Das vor einem Jahrzehnt eröffnete Polin-Museum in Warschau kann die Geschichte der polnischen Juden angemessen darstellen, weil es eine ethnologische Perspektive einnimmt, die sich aus der ehemaligen ethnokulturellen Souveränität der polnischen Juden ergibt: ihrer Unabhängigkeit und Selbstidentität mit eigener Sprache, Kultur und politischen Organisationen. Der Großteil der ungarischen Juden war vor und während des Zweiten Weltkriegs stärker assimiliert als die polnischen Juden. Ihre Identität basierte ausschließlich auf religiösen Unterschieden - bei vielen gab es nicht einmal das. Der ausschließende, zerstörerische Schock der Vernichtung verursachte daher in ihrem Identitätsbewusstsein vielleicht ein noch tieferes, existenzielles Trauma, das über die Zahl der Opfer und das individuelle Leid hinausging, da es ihnen ohne eine feste, eigenständige Zugehörigkeit schwerer fiel, über das, was ihnen widerfahren war, zu sprechen und es war für sie schwieriger, ihre Wut gegenüber den Tätern und ihren Kollaborateuren zu empfinden und auszudrücken, da sie sich als Opfergemeinschaft scharf von den Tätern und der schweigenden Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen mussten. (…) An Warschauer Polin arbeiteten 150 Historiker und Fachleute aus anderen Disziplinen fast ein Jahrzehnt lang und entwickelten das Konzept in zahlreichen Diskussionen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, dass auch in Ungarn eine ähnliche Einrichtung entsteht. Denn wir brauchen kein 'Haus der Schicksale', sondern ein historisches Museum zur Geschichte der ungarischen Juden, in dem nicht nur die Vernichtung der Juden, sondern auch ihr Leben dargestellt wird."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Elie Wiesels Trilogie "Die Nacht", "Die Morgendämmerung", "Tag" erschien vor kurzem das erste Mal in Gänze auf Ungarisch. Der Übersetzer des letzten Bandes, der Schriftsteller und Redakteur József M. Takács denkt im Interview mit Benedek Várkonyi u.a. über die Bedeutung der Erinnerung nach: Dass die Erinnerung die Rache der Überlebenden ist, "scheint zwar wenig zu sein, aber es wäre sehr schwierig, konkret Rache zu üben. Man kann nicht ganze Völker zur Verantwortung ziehen. Die Hauptkriegsverbrecher wurden mehr oder weniger zur Rechenschaft gezogen, während wir wissen, dass viele davongekommen sind. Welche konkrete Vergeltung wäre dennoch möglich? Es gab jüdische Widerstandskämpfer, die versuchten, Rache zu nehmen, davon handelt Rich Cohens Buch 'The Avengers'. Aber eigentlich bleibt nur die Erinnerung; wir reiben den Schuldigen unter die Nase, was sie getan haben. Einerseits ist dies eine Erinnerung, andererseits eine Warnung an die Welt, dass sich diese Gräueltaten nicht wiederholen dürfen. (…) Ich möchte, dass die Erinnerung nicht an Kraft verliert. Ich sehe, dass die Welt weiterhin daran erinnert werden muss, dass solche Warnungen, wie sie diese Bücher enthalten, notwendig sind. Denn meiner Meinung nach verbessert sich der mentale Zustand der Welt nicht wesentlich. Dass ein Buch alt wird, sogar hundert Jahre alt, bedeutet nicht unbedingt, dass seine Botschaft an Bedeutung verliert oder an Kraft einbüßt."
Zoltán Kovács, Chefredakteur der Zeitung, kommentiert die Worte des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der in der vergangenen Woche in mehreren Interviews der Ukraine indirekt drohte: "Was haben wir letztendlich in diesem Krieg getan? Wir haben uns so schnell wie möglich dem Aggressor angeschlossen, über den wir zwei Dinge mit Sicherheit wussten: Erstens, dass er Freiheitsbestrebungen stets niedergeschlagen und bestraft hat. Das wissen wir, wenn nicht aus anderen Quellen, dann aus unserer eigenen Geschichte. Zweitens, dass er über enorme Macht verfügt. Auch das wissen wir aus zuverlässiger Quelle, nämlich aus dem politischen Umfeld des Regierungschefs, der der Meinung ist, dass wir uns schon 1956 nicht hätten wehren sollen. (...) Dann erklärte die Regierung sehr schnell ihre Friedenszuneigung, was bedeutete, dass Orbán und seine Mitstreiter vom ersten Moment des Krieges an emotionslos zusahen, wie die Ukraine einen grausamen Krieg über sich erdulden musste. (…) Dann schwächte Orbán, wo immer es möglich war, die EU gerade in ihrem einheitlichen Vorgehen, während er manchmal in Rage geriet und sich selbst übertraf: 'Wir könnten den Zusammenbruch der Ukraine an einem einzigen Tag herbeiführen, an einem einzigen Tag, aber das ist nicht in unserem Interesse', sagte er (…). Laut dem Ministerpräsidenten bezieht die Ukraine einen Großteil ihres Stroms und Gases aus Ungarn, aber wenn 'ein Unfall passiert, ein paar Masten umfallen, ein paar Leitungen reißen, dann steht die Ukraine still'. So spricht der Ministerpräsident Ungarns. Mein Gott, mein Gott. Irgendwann müssen wir einmal aufklären, wie wir bis hierher gelangt sind, aber im Moment ist die wichtigere Frage, wie wir hier wieder herauskommen."
Der Verfassungsrechtler Gábor Gadódiskutiert die erneut auf der Tagesordnung stehende Gesetzänderung zur ausländischen Finanzierung von ungarischen Organisationen, NGOs, Presseorganen und Parteien, nach der solche als "ausländische Agenten" verboten werden können: "Die Unterstützung einer Vereinigung aus dem Ausland, die sich für eine aus ihrer Sicht wichtige öffentliche Angelegenheit einsetzt, gilt - im Gegensatz zu einer Spende an eine Partei - nicht als Einmischung in die Parlamentswahlen. Die finanzielle Unterstützung privater Akteure der Gesellschaft und die im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung gewonnenen EU-Mittel machen die aus Wahlsiegern gebildete Regierung nicht zu einem Agenten einer fremden Macht. Die Argumentation der Regierungsparteien ist daher unbegründet. Es ist natürlich nicht verwunderlich, dass die autoritäre Führung es nicht gerne sieht, wenn Akteure (die 'Zivilgesellschaft'), die die zur 'Staatsreligion' erhobenen Ideologie hinterfragen wollen, sich 'lautstark' in der Öffentlichkeit zu Wort melden. Und es ist für sie besonders besorgniserregend, wenn die EU dies aus Gründen des Schutzes der Menschenrechte und der Demokratie sogar noch fördert. Seit anderthalb Jahrzehnten baut der Regierungschef eine geschlossene Gesellschaft auf, in der Andersdenkende keinen Platz haben. Solange das System Bestand hat, dienen die Begriffe 'verfassungsmäßige Identität' und 'christliche Kultur' der Unterdrückung. Die Frage ist, ob wir die Welt so verändern können, dass diese Begriffe schließlich mit Freiheit in Verbindung gebracht werden."
János Széky erklärt, wie und warum zwei Länder - Polen und Rumänien -, die vor 15 Jahren weniger entwickelter waren als Ungarn, nun beide (Polen vor längerer Zeit, nun aber auch Rumänien) Ungarn, hinsichtlich des realen Pro-Kopf-Konsums der privaten Haushalte in der EU, überholt haben. Széky betrachtet die vergangenen 15 Jahre des rechtskonservativen Versuchs als verschwendete Jahre. "Ungarn hat also mindestens zwei Jahrzehnte, wenn nicht mehr, aus dem Fenster geworfen. Andere haben das nicht getan. Was ist das rumänische und polnische Geheimnis? Die reflexartige Antwort lautet: 'Sie stehlen das Geld nicht.' Oder noch allgemeiner: Sie haben keinen Orban. Wenn es nur so einfach wäre. (…) Und warum wurde das nationale wirtschaftliche Interesse nicht den Interessen bestimmter politischer Gruppen in Polen oder Rumänien untergeordnet? Es liegt nicht daran, dass das menschliche Material besser, die politische Kultur entwickelter, die historischen Traditionen günstiger (oder schlechter) sind. Es lag am Fehlen einiger einfacher Bedingungen: Die Menschen waren gegen eine staatlich gelenkte Wirtschaft geimpft; es konnte nicht alle Macht in einer Hand konzentriert werden, d. h. es gab eine institutionelle Gewaltenteilung (nicht das, was Montesquieu im 18. Jahrhundert theoretisierte, sondern tatsächliche territoriale und städtische Selbstverwaltungen, die nicht von der Gunst der Zentralregierung abhängig sind; ein direkt gewählter Präsident mit einigen echten Befugnissen; ein Zweikammerparlament); kein allgegenwärtiges Zwei-Drittel-System, das Parlamentswahlen weitgehend überflüssig macht; und kein grob unverhältnismäßiges Wahlsystem, das es leichter macht, zwei Drittel zu erreichen. Damit Ungarn wieder aufblühen kann, müssen sich diese Bedingungen ändern, und dann können wir hoffen, einen Teil des Rückstands von zwei oder drei Jahrzehnten aufzuholen."
Gestern wurde der große ungarische Filmregisseur Béla Tarr siebzig Jahre alt. In Elet es Irodalom würdigt ihn der Dramatiker und Drehbuchautor András Forgács: "Man hat das Gefühl, dass alle seine Filme von denselben Personen gespielt werden, so viele wiederkehrende Gesichter gibt es. Schauspieler jedoch gibt es in einem Tarr-Film keine, denn selbst die professionellen Schauspieler sind nicht als solche da. Sie sind Persönlichkeiten, seltsame Wesen. Tarr sagt, es sei die Aufgabe des Regisseurs dafür zu sorgen, dass die Rolle und die Persönlichkeit miteinander harmonieren, also gibt er meist nur physische Anweisungen. Bei Tarr sind die Orte ebenfalls Hauptdarsteller. Sie haben Gesichter. Wir bewegen uns durch sie hindurch. Die Zeit vergeht nicht, sie passiert. In einem Tarr-Film wird die Zeit auch als Verbrechen begangen. Vielleicht gehen die Figuren irgendwo hin. Sie bewegen sich, sie gehen weiter, sie sind immer noch in Bewegung. Wir gehen mit ihnen. Wir werden nicht müde, ihnen zuzusehen. Das Gehen ist die unzerstörbare syntaktische Einheit von Tarrs Filmsprache. Aber es gibt kein Drehbuch, oder wenn es eines gibt, wird es vor dem Dreh verworfen."