Fallende Blätter

Von Christina Weiss
19.09.2003. Bessere Lesbarkeit, Eroberung der vorderen Seiten, mehr Dynamik, kurz: eine Offensive für den Qualitätsjournalismus wünscht sich die Staatsministerin für Kultur vom deutschen Feuilleton.
Sehr geehrte Frau Völckers,
sehr geehrter Herr Steinfeld,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Der Befund fällt eindeutig aus: Dem deutschen Feuilleton geht es nicht gut. Wenn dem nicht so wäre, träfen Sie sich nicht hier, oder vielleicht doch? Jedenfalls soll es nicht oder nicht vorrangig um die ökonomische Krise der Zeitungen im Allgemeinen, der Qualitätszeitungen im Besonderen und der Feuilletons als Fall für sich gehen. Denn ich sehe durchaus auch Positives, wenn ich die Entwicklung der Feuilletons in Deutschland seit meiner Studienzeit in den siebziger Jahren rekapituliere.

Ich sehe übrigens auch Positives im Vergleich etwa mit Italien oder Frankreich, wo es ein Feuilleton - trotz des französischen Ursprungs des Wortes - in der uns geläufigen Ausprägung nicht gibt. Dafür haben die feuilletonistischen Periodika wie etwa der Nouvel Observateur einen anderen, höheren Stellenwert als in Deutschland. In ihnen spielen sich Leitdebatten ab, nicht in den Feuilletons.

Die Veranstalter haben mich als Staatsministerin für Kultur und Medien eingeladen, sie hätten aber auch die Leserin einladen können, die wie Tausende andere den Tag mit einem Blick ins Feuilleton beginnt oder endet - je nachdem. Meist reicht es nur zu einem Streifen der Schlagzeilen. Zeitungen, wie ich sie erlebe, nehmen nicht mehr unbedingt den Nachrichtenkampf auf, den sie gegenüber den elektronischen Medien nicht gewinnen können. Man versucht stattdessen, Hintergründe zu erhellen.

Wir sind gehalten, Feuilletons manchmal fast wie Bücher wahrzunehmen, weil die dreihundert Zeilen zu einem noch so brennenden Thema am Morgen unmöglich lesen können. Trotzdem ist es die Originalität, manchmal auch Tiefe der Gedanken, die Präzision der Formulierung, die Nachhaltigkeit der Analyse, welche die Lektüre des Feuilletons zu einem Bedürfnis und oft auch einem intellektuellen Vergnügens jenseits beruflicher Verpflichtung macht, wie Sie in meinem und vielen anderen Berufen geboten ist.

Dabei gilt dies, im Falle meiner Person, nicht flächendeckend und ist das Lesevergnügen nicht immer ungetrübt. Gerade das Feuilleton verspielt gelegentlich Kredit, wenn Beiträge nicht auf den Punkt kommen oder bringen, was der Fall oder nicht der Fall ist, zu weitschweifig sind und den Leser mit kryptischen Sätzen konfrontieren, die sein Zutrauen in das eigene intellektuelle Vermögen schwächen. Die Lesefreundlichkeit hat im deutschen Feuilleton nachgelassen oder wird zu häufig missachtet.

Dies wäre gewissermaßen mein erster Appell an Sie, die Sie das deutsche Feuilleton in der Breite seiner Wirksamkeit und auf der Höhe seines Niveaus repräsentieren. Lesbarkeit bedeutet nicht Seichtheit, Klarheit der Analyse und Transparenz der Urteile und Wertungen nicht Oberflächlichkeit, das stellen gerade die nicht wenigen Feuilletonisten mit juristischer Ausbildung unter Beweis.

Mein zweiter Appell richtet sich eher an die Ressortleiter der Politik oder der Wirtschaft, an die Chefredakteure, die ich ermuntern möchte, mehr als ein-, zweimal im Jahr dem Feuilleton Zutritt auf der Titelseite zu gewähren, wo doch die Feuilletonisten quasi als Seiteneinsteiger Kluges, Bedenkenswertes und Weitsichtiges zu Ereignissen des politischen Geschehens beitragen können. In "El Pais" ist es nicht außergewöhnlich, dass ein Gedanken eines Dichters in Leitartikelspalten auftauchen.

Es war doch der Quantensprung des deutschen Feuilletons in den letzten 10, 15 Jahren, dass diejenigen, die sich in der Welt der Künste und Wissenschaften auskannten, vor dem weiten Horizont ihrer kulturellen Kompetenz es wagten, über Bericht und Rezension hinaus Sondierungen in die Tiefe vorzunehmen. Überzeugendstes Beispiel der jüngsten Zeit war die Berichterstattung im Zusammenhang mit dem zweiten Irak-Krieg. Der ist als das, was er auch oder wirklich war, vor allem im kulturellen Kontext analysiert worden.

Denn es sind die Feuilletonisten, die nicht nur zu logischen, sondern eben auch weiträumigen assoziativen Schlüssen fähig sind. Was legitimiert das Feuilleton zu derartigen Grenzüberschreitungen?

Ich meine: Die Fähigkeit zur Analyse vor dem Horizont der Geschichte aber auch lebensweltlicher Erfahrungen, die präzise Verwendung der Sprache jenseits abgegriffener Metaphern und Wendungen.

Mein dritter Appell zielt eigentlich auf die Erhaltung eines Status quo. Die wesentlichen intellektuellen Debatten des letzten Jahrzehnts sind weder im Fernsehen (dort schon gar nicht), noch in den Kulturprogrammen der Radiosender, noch in der Literatur, noch im Internet, sondern in den Feuilletons der großen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen geführt worden.

Einige Beispiel hierfür - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - sind der Historikerstreit, die Walser-Bubis-Debatte, die quälende Auseinandersetzung um das Holocaust-Denkmal, die Erörterung der sich in Konturen abzeichnenden Folgen von Gen- und Nanotechnologie, schließlich der Stellvertreterkrieg um die Verstrickung der Kunst in Zeiten kommunistischer Diktatur, in Deutschland und anderwärts.

Meine Damen und Herren, immer stärker rücken nunmehr die drängendsten Probleme unseres Sozialstaats in den Blick der Feuilletons. Fast könnte man den Eindruck haben, erst die wirtschaftliche Krise der Zeitungen habe zur plötzlichen Aufmerksamkeit geführt.

Fast könnte man vermuten, dass jetzt, wo die Krise das Feuilleton selbst erfasst hat, die Redakteure ihre Sozialpunkte zusammenzählen und einige Blätter sich vor der eigenen Vergreisung grausen, eine Gesellschaftsdebatte ins Blatt drängt. Zwar haben sozialpolitische Themen die Künste nicht verdrängt, aber wenn man im Archiv eines großen Frankfurter Feuilletons recherchiert, erfährt man, dass die "Rente" im Vergleich zum "Theater" in den vergangenen vier Jahren doppelt so häufig vorkommen wie im gleichen Zeitraum zuvor. Zwar steht das Verhältnis zwischen "Rente" und "Theater" immer noch 180 : 4076, aber es gibt Bewegung.

Die brauchen wir dringend. Die Deutschen, so hat es ein polnischer Intellektueller neulich auf den Punkt gebracht, haben an Dynamik verloren, Debatten dauern immer länger, Kommissionen werden immer größer, Entscheidungen immer verwaschener. Heute sei es einfacher, in Polen einen Studiengang einzurichten als in Deutschland. Vielleicht, so denke ich, hat auch das Feuilleton an Dynamik verloren.

Meine Damen und Herren, die Feuilletons können diese im wahrsten Sinne des Wortes staatstragende Funktion weiterhin nur erfüllen, wenn ihre Spielräume nicht beschnitten werden. Jürgen Habermas hat im März diesen Jahres die intellektuelle Kompetenz des deutschen Feuilletons als "Rückgrat für die diskursive Innenausstattung einer freien politischen Meinungs- und Willensbildung" bezeichnet.

Aber sie ist mehr als das. Die schriftsprachliche, das heißt also im Wortsinne literarische Intellektualität und Kompetenz des Feuilleton-Journalismus mikroskopiert alle Bereiche sozialer, politischer und ästhetischer Realität und generiert zugleich Zusammenhänge, wo diese dem einzelnen Leser, dessen Leben hoch spezialisiert und fragmentiert ist, längst abhanden gekommen sind. Der Qualitätsjournalismus insgesamt ist nicht nur ein Eckpfeiler unserer pluralen Demokratie, er ist auch eine kulturelle Leistung, deren Sicherung - jenseits staatlicher Subventionen - nicht nur Anliegen, sondern auch Aufgabe der Politiker sein muss.

Dieser dritte Appell mündet in einen vierten an den Leser. Die Krise des Qualitätsjournalismus, das ist hinreichend dargelegt worden, ist im Wesentlichen wohl keine geistige, sondern eine ökonomische. Wirtschaftskrise und neue Kommunikationswege sind verantwortlich für die Einnahmeverluste im Anzeigengeschäft. Denjenigen Lesern aber, die das Verschwinden der Berliner Seiten der F.A.Z. und der NRW-Beilage der Süddeutschen beklagen, die im Rückzug aufs Kerngeschäft eine Musealisierung der Redaktionen sehen, die gar den Untergang des Tagesspiegels und vielleicht der Welt befürchten, seien auf die Relation von Qualität und Preis hingewiesen.

Erstere hat bekanntlich seinen letzteren, was bei Autos und Designermöbeln ohne weiteres anerkannt wird. Es wäre einigermaßen absurd, wenn zu viel Qualität die Qualitätszeitungen wirtschaftlich ruinierte. Der angemessene Preis aber läge eigentlich- ohne die interne Quersubvention - einiges höher als die derzeitigen Verkaufspreise der Qualitätszeitungen.

So wird sich der Leser, den wir uns durchweg durchaus als geneigt vorstellen dürfen, sich über kurz oder lang fragen müssen, was ihm seine Qualitätszeitung wert ist, wo er doch bei vielen anderen Kaufentscheidungen gerade hinsichtlich der Qualität häufig keine Kompromisse einzugehen bereit ist.

Vielleicht wäre es für diesen Prozess mentaler Veränderung hilfreich, wenn die Qualitätszeitungen, besonders auch deren Feuilletons, ein wenig unterhaltsamer, vor allem aber auch schneller würden. Ein Beispiel: Die Entwicklungen in der Wissenschaft haben neue Seitenkonzepte erzwungen. Anderenfalls hätte man nicht Schritt halten können.

Mein letzter Appell ist ein Vorschlag, den ich wohlwollend zu prüfen bitte. Das Feuilleton lebt von der Authentizität. Wenn ich heute die ganze Tragweite dessen verstehen will, was in München, Berlin oder Hamburg kulturell passiert, muss ich etwas über die Zustände, sagen wir in Paris, Petersburg und New York, aber vielleicht auch in Hongkong, Kairo oder San Francisco erfahren. Die Recherche mag dem Journalisten durch das world wide web noch so erleichtert, die Informationsbeschaffung noch so sehr beschleunigt sein, der authentische Bericht eines Journalisten vor Ort ist durch nichts zu ersetzen. Am Korrespondentennetz aber sparen die Zeitungen unter dem Druck der Bilanzen zu allererst. Und ehe die politischen Korrespondenten abberufen werden, erhalten die Vertreter des Feuilletons ihren Rückruf in die Redaktionen.

Mir schwebt vor, hier mit Hilfe der finanziellen Potenz einer großen Stiftung oder eines Druck- und Verlagshauses ein Stipendium für jüngere, qualifizierte Journalisten zu schaffen, die durchaus in fester Stellung in einer Feuilletonredaktion arbeiten. Ihnen sollte für einen gewissen Zeitraum, vielleicht ein Jahr, ermöglicht werden, vor Ort für das Feuilleton zu berichten. Das Stipendium müsste die ja nicht eben geringen Mehrkosten für den Auslandsaufenthalt abdecken, welche die Zeitungen in vielen Fällen nicht mehr erwirtschaften können. Die Auswahl eines geeigneten und viel versprechenden Kandidaten wäre Sache einer Jury, man müsste überlegen, ob in einem Bewerbungs- oder Vorschlagsverfahren.

Die Sicherung eines hochwertigen Feuilletons, wie wir es in Deutschland im Augenblick haben, ist mir aus den genannten Gründen ein persönliches, aber auch ein politisches Anliegen.

Seine Erhaltung löst nicht alle Probleme, ist aber ist eine wichtige Voraussetzung für jene fortgesetzte Selbstreflexion, ohne die das Individuum den sich beschleunigenden Veränderungen unserer Lebens- und Wahrnehmungswelten schutzloser ausgeliefert und ohne die unsere politische und gesellschaftliche Ordnung ein Stück weit gefährdeter wäre.

Und vergessen Sie mir in Ihren Runden hier die Künste nicht! Ich hoffe, diese Tagung trägt dazu bei, dies nicht nur in selbstbespiegelnder Weise den Teilnehmern, sondern vor allem jener Öffentlichkeit, die das Feuilleton zu ihrer Reproduktion braucht und die von ihm profitiert, deutlich zu machen.

Die Offensive für den Qualitätsjournalismus muss im Feuilleton beginnen! Vielen Dank.