Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Recht auf Blasphemie

Ein Kommentar zum Karikaturenstreit.
14.02.2006. "Das Einhauen auf Pfaffen gehörte hierzulande doch lange zu den Lieblingssportarten der Nation!" Heute pochen in Le Monde elf französische Schriftsteller auf ihr Recht zur Blasphemie.
Zur Zeit der "Satanischen Verse", als auf den Kopf eines bekannten Schriftstellers eine Fatwa ausgesetzt wurde, fanden sich hier und dort - im Rundfunk, bei Abendessen, zwischen den Zeilen der Leitartikel - Feingeister, die über die Frage dozierten, ob dies ein gutes Buch sei. Die Grobgestrickteren sprachen von Provokation. Und in Provokation schwingt das Wörtchen "unnötig" immer schon mit.

Heute bittet man uns zu bedenken, dass die Karikaturen eines Propheten, die vor fünf Monaten in einer dänischen Zeitung erschienen sind, vielleicht keine guten Karikaturen seien. Ehrlich gesagt sind uns die Karikaturen und die Frage, ob sie gut oder schlecht sind, ziemlich schnuppe. Man sagt uns, dass sie den Hass schüren. Auch hier würden wir antworten, dass der Hass nicht in unseren Sitten und nicht in unsren Herzen liegt. Warum sollten wir verantwortlich für den Hass von anderen sein, der Hass nährt sich aus sich selbst.

Die Älteren unter uns haben bestimmt das Gefühl eines Deja-Vu. Es scheint ja, dass die Feingeister zur Zeit des Münchner Abkommens vor allem eines nicht wollten, nämlich das deutsche Volk demütigen, den nationalen Stolz der 1918 gedemütigten großen Nation verletzen - und so weiter. Es war schon eine komische Rücksicht, die wir da unseren deutschen Brüdern erwiesen. Wir ließen sie in den Armen einer Macht, die sie unterdrücken, sie in endlosen Kriegen verheizen, sie zu Scheußlichkeiten anleiten, aus ihnen zuerst Monstren, dann Opfer machen und sie am Ende wörtlich in zwei schneiden würde, denn der Teufel ist der große Spalter.

Man fordert uns auf, ein ästhetisches, moralisches und emotionales Urteil zu fällen, wo es um Grundprinzipien unserer Demokratie geht: Das Recht der Frauen und Männer, frei zu leben ist bestimmt nicht das Credo der Religionen und wird es niemals sein.

Es geht nicht nur um das Recht zu irren. Die Wahrheit ist, dass wir die Freiheit zur Blasphemie haben. Es ist reichlich irritierend, im Frankreich des Jahres 2006 ans das Recht zur Blasphemie zu erinnern. Das Einhauen auf Pfaffen gehörte hierzulande doch lange zu den Lieblingssportarten der Nation! (...)

Nichts rechtfertigt die überzogenen Reaktionen der ernsthaft in ihrem Glaube Gekränkten, der Politiker, die allzu gern auf diesen Zug aufspringen, und der neuen Kriegspropheten. Wenn der Präsident einer Menschenrechtsorganisation mit dem Argument eines "antimuslimischen Rassismus" Klage erhebt gegen Zeitungen, die sich der Komplizenschaft mit den Gotteslästerern schuldig machten, dann fragen wir uns: Um welche Rasse handelt es sich hier? Wird der Islam durch die Gene übertragen? Was sollen Hunderttausende Frauen und Männer darüber denken, die hier eingewandert sind, und die mal wieder mit einer Religion identifiziert werden, die sie häufig genug gar nicht mehr ausüben?

Wir sind doch nicht dumm: Einerseits die Zeichnungen, die vor sechs Monaten fast unbemerkt blieben, andererseits die ultrareligiöse Partei, die die Wahlen in Palästina gewinnt, und die Drohungen des Iran (wie sollen wir die iranische Provokation nennen - nötig? unnötig?)

Wir sind Schriftsteller. Unsere Horizonte sind unterschiedlich, so wie unsere geographische Herkunft, unser soziales Milieu, unsere religiösen Traditionen, unsere Einzelschicksale, unsere tiefsten Überzeugungen und - pardon - unsere sexuellen Vorlieben.

Es ist kaum zu übersehen, dass in dem Krieg zwischen christlichen Fundamentalisten aus den USA und muslimischen Fanatikern aus dem Nahen und Mittleren Osten der Zorn auf die laizistischen und gemäßigten Länder niederprasselt.

Demnächst wird uns allen in Frankreich oder Dänemark die Pressefreiheit im Namen dieses oder jenes Gotts verwehrt. Wenn wir es zulassen, dann wird man als nächstes die Bibliotheken mit den Werken Voltaires, Sades, Ovids, Omar Khayyams, Prousts und all der anderen anstecken. Um dieses große Autodafe werden die Päpste, die Großrabbiner und Großmuftis gemeinsam ihre Freudentänze aufführen.

Salim Bachi, Jean-Yves Cendrey, Didier Daeninckx, Paula Jacques, Pierre Jourde, Jean-Marie Laclavetine, Gilles Leroy, Marie N'Diaye, Daniel Pennac, Patrick Raynal, Boualem Sansal.*

Der Aufruf erschien im Original am 14. Februar 2006 in Le Monde.

Übersetzung aus dem Französischen: Thierry Chervel
Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Andre Glucksmann: Voltaire: Gegenangriff

04.05.2015. Johannes Paul II. hat Marx besiegt und ging vor Voltaire in die Knie. So wie Voltaire verzichtet das heutige Europa auf ein höchstes Wesen. Aber so wie Voltaire macht es aus Atheismus keine Religion. Denn das Gegenteil des Fanatismus ist Toleranz. Mehr lesen

Aleida Assmann: Die Chiffre 1915 - einsames oder gemeinsames Gedenken?

25.04.2015. Auf den türkischen Genozid an den Armeniern folgte ein Mnemozid. Solange eine Opfergruppe mit der Erinnerung an das ihr zugefügte Leid und Unrecht allein bleibt, setzen sich die Bedingungen ihrer Verfolgung und Auslöschung fort. Die einzige Möglichkeit, diesen unerträglichen Zustand zu überwinden, besteht darin, dass diese tiefe Wunde anerkannt und von außen bestätigt wird. Mehr lesen

Najem Wali: Ich denke hier an einen Walzer

11.03.2015. Freiheitskämpfer wie Kreisky leben überall auf der Welt verstreut, zu verschiedensten Zeiten an verschiedensten Orten und gehören unterschiedlichsten Ethnien, Nationen, Hautfarben und Religionen an. Männer und Frauen, die der Geist der Freiheit eint. Sie kämpften gegen das Böse, gingen ins Gefängnis oder ins Exil, manche kamen dabei auch um, und sie sind nicht sehr zahlreich, doch sie gehen in das Gedächtnis der Menschheit ein. Dankesrede zur Verleihung des Kreisky-Preises Mehr lesen

Pascal Bruckner: Die vertauschten Opfer

23.02.2015. Der Begriff der Islamophobie verfolgt drei Ziele: Er erklärt Kritik an Religion zu Rassismus. Er will die Diskriminierung von Muslimen dem Antisemitismus gleichstellen. Und er pocht auf einen Status der Singularität, den er dem Holocaust neidet. Mehr lesen

Wolfgang Kraushaar: Radikale Auslöschung

19.02.2015. Die von Olivier Roy gezogene Parallele zwischen RAF-Terrorismus und "Islamischem Staat" führt in die Irre. Die Mörder aus Paris und Kopenhagen, aber auch aus Nigeria und Syrien folgen einer totalitären Liquidierungslogik, die den Begriff des exterministischen Terrorismus angemessen erscheinen lässt. Eine Begriffsklärung. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Wer was wozu gehört

16.02.2015. Die Frage ist nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern welcher. Und die andere Frage ist, welcher Islam mit dem Islamismus nichts zu tun hat. Anmerkungen zu einer absurden Debatte. Mehr lesen

Eva Quistorp: Die Schule der Kritik

14.01.2015. Warum hat es ausgerechnet in der linken und linksliberalen Szene und bei den Grünen so viel Feigheit und Ignoranz gegenüber dem Islam und dem Islamismus gegeben? Ein Wutausbruch Mehr lesen

Ulf Erdmann Ziegler: Eigenes Leben

05.01.2015. Seine Soziologie blickte auf etwas, das vorher wohl übersehen worden war: die Ambivalenz. Schicksal und Willen. Zwang und Entkommen. Eine persönliche Erinnerung an Ulrich Beck
Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Drifting Away

23.12.2014. Die Bewegungsform dieser Gesten, in denen sich weder Aktion noch Passion, weder Tun noch Erleiden, weder Einverständnis noch Widerstand, sondern gelassene In-Differenz gegenüber diesen ichzentrierten Zuständen offenbart, kann man am ehesten als Driften bezeichnen. Zur Nirwanologie der Ambient Music - Aufruhr im Zwischenreich, letzter Teil. Mehr lesen

Matthias Küntzel: Islam, Totalitarismus und Kritik

22.12.2014. Die Proteste der Pegida sind rassistisch: Sie verrühren Islamismus und Islam - so wie die Islamisten selbst es tun. Aber zu sagen, der "Islamische Staat" habe mit dem Islam "nichts zu tun" ist ebenso falsch. Statt dessen gilt es, Islamkritik an der Seite aufgeklärter Muslime zu entfalten. Mehr lesen

Martin Vogel: Martin Vogel gegen VG Wort

17.12.2014. Morgen entscheidet der Bundesgerichtshof in dem jahrelangen Prozess, den der Urheberrechtler Martin Vogel gegen die VG Wort angestrengt hat - Streitpunkt sind die Ausschüttungen der VG Wort an die Verlage. Wir präsentieren das Dokument, in dem er seinen Rechtsstandpunkt noch einmal resümiert. Mehr lesen

Ralf Fücks: Wider die Relativierung der Tatsachen

15.12.2014. Die Lüge hinzunehmen ist der Beginn der Selbstaufgabe der liberalen Demokratien. Diese Gefahr droht auch im Konflikt um die Ukraine. Rede zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2014 an die Pussy-Riot-Aktivistinnen Nadeshda Tolokonnikowa und Maria Aljochina sowie an Juri Andruchowytsch. Mehr lesen

Peter Mathews: Der wohlverstandene Islam

14.11.2014. Zwei Anmerkungen zu Katajun Amirpurs Kampf gegen den "Islamischen Staat" mit theologischen Mitteln - und zum offenen Brief konservativer Islamgelehrter an den selbsternannten Kalifen von Bagdad. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Helle Tunnel, dunkle Lichtungen

13.11.2014. Assistenz am Lebensende praktizieren sie nach eigenen Ad-hoc-Regeln: Sterben lernen lässt sich auch im Kino. Für eine Sterbepädagogik im Namen der Entängstigung. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Aufruhr im Zwischenreich - Teil 4

17.10.2014. Gegen das antisuizidale "Dammbruch"-Argument: Wenn der Staat die Pflicht hätte, die Bürger zu ihrem eigenen Wohl vor sich selbst zu schützen, dann müsste man auch Rauchen, Motorradfahren und Currywürste verbieten. Mehr lesen