Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Nur intellektuell reicht nicht

Von Arno Widmann
06.10.2005. Die Prospect-Liste der 100 wichtigsten Intellektuellen gibt Auskunft über die Provinzialität der wenigen bereits weltweit agierenden Medien, aber keineswegs über die Ideen der globalen Gegenwart.
Die 100 wichtigsten, besten öffentlichen Intellektuellen der Welt listen die beiden Zeitschriften Prospect (hier) und Foreign Policy (hier) auf. Nein, das wäre eine falsche Übersetzung. Es geht nicht um die besten oder wichtigsten, es geht um "the world's top 100 public intellectuals". Eine dumme Liste. Denn wer genau liest, kann jetzt aufhören, weiter zu lesen. Er weiß schon: Aus dieser Liste wird er nichts Neues erfahren.

Wer "top" ist, darüber entscheidet hier der Bekanntheitsgrad. Niemand kann diese Liste ernst nehmen. Nicht einmal die Listenmacher selbst haben das getan. Hätten sie ihre Kriterien angelegt, sie wären nicht auf einhundert Namen gekommen. Aus einem einfachen Grund: Es gibt weltweit wahrscheinlich nicht einmal ein halbes Dutzend Intellektuelle, deren Äußerungen überall auf der Erde in den unterschiedlichsten Milieus wahrgenommen werden. Wendete man das Kriterium der top public intellectuals an, auf dieser Liste fände ein Massaker statt, das außer dem Papst kaum jemand überleben würde.

Selbst wer bereit ist, in dem Papst - einem professionellen Dogmatiker - einen Intellektuellen zu sehen, wird doch Mühe haben, ihn auf diese Liste zu setzen. Benedikt XVI. verdankt doch seine Topstellung gerade nicht seinem Status als Intellektueller, sondern seinem davon Lichtjahre entfernten Amt. Vor ein paar Monaten hätte er noch nicht auf dieser Liste gestanden.

Thomas Friedman ist eine journalistische Größe in der schönen, übersichtlichen Welt der New York Times-Leser. Ist der brillante Leitartikler wirklich einer der Top-Intellektuellen der Gegenwart? Wer liest Abdolkarim Soroush? Wer wartet auf neue Aufsätze oder gar Bücher von ihm zum Thema Islam und Demokratie? Soroush, der auf der Liste steht, belegt ihre Unsinnigkeit. Seine Bedeutung liegt nämlich gerade darin, dass er mit seinen Überlegungen am Rande steht. Er hat auf keiner top public intellectual Liste etwas zu suchen. Nicht im Iran, nicht in den USA und nicht in Deutschland. Ein Blick auf seine Auflagenzahlen, auf seine reale öffentliche Beachtung macht das sofort klar.

Dass er genannt wurde, zeigt, dass die Liste von Prospect und Foreign Policy nach einer anderen Liste schielt. Nach einer viel spannenderen Liste nämlich, nach einer, die die einhundert wichtigsten Ideengeber der Gegenwart nennt. Stellte man diese Liste auf, wäre man freilich mit einem Schlag all die aus der New York Times und ein paar anderen Medien in die Liste der top public intellectuals verschobenen Herren los und wir befänden uns in einer Auseinandersetzung darüber, was die Ideen der Gegenwart sind, der globalen, der sich globalisierenden Gegenwart. Wir hätten es nicht mehr mit den immer gleichen Gesichtern zu tun, sondern mit Männern und Frauen, die unsere so verschiedenen Weltbilder zentral bestimmen. Nicht dadurch, dass sie das ihre uns in Leitartikeln jeden Tag vorhalten, sondern weil sie geforscht und nachgedacht, weil sie etwas herausbekommen haben, das unsere Leben und/oder unsere Sichten auf es radikal verändern.

Wir feiern das Einstein-Jahr. Vor einhundert Jahren hat ein kleiner Angestellter im Berner Patentamt unser Weltbild revolutioniert. Mehr als seine Zeitgenossen Stalin, Hitler, Keynes, Joyce oder Picasso. Aber war Einstein ein Intellektueller? Er war zunächst einmal Wissenschaftler und erst durch seine wissenschaftliche Arbeit ein öffentlicher Intellektueller. Man wird Ähnliches über Jean-Paul Sartre sagen können. Der war zunächst Philosoph und wurde dadurch zu einer öffentlichen Figur. Einer, der nur ein Intellektueller ist, und auf dieser Liste wimmelt es von ihnen, ist einer, der nichts herausbekommen hat, der es aber versteht, was andere herausbekommen haben, an die große Glocke zu hängen. Das ist verdienstvoll und nichts spricht dagegen, auch diese Menschen in einer Liste - von mir aus von einhundert Menschen - zu erfassen, aber sie sind uninteressant. Sie sind es, weil wir sie schon kennen.

In den Medien aber verkehrt sich diese Logik. Hier ist das interessanteste der Star, also der, den alle sehen und über den man schon alles weiß. Wer schon zehntausend Mal fotografiert wurde, auf den stürzen sich die Fotografen. Diesem Prinzip huldigen Prospect und Foreign Policy. Das ist dumm nicht nur für deren Leser, sondern auch für sie selbst. Sie treiben die Autorenpreise damit in die Höhe. Beim nächsten Text, den sie von Vargas Llosa abdrucken, wird der sie daran erinnern, dass er auf ihrer Liste steht. Das Verhängnisvolle an der Liste von Prospect und Foreign Policy ist: Je mehr Leute sich an der Liste beteiligen, desto enger wird die Auswahl werden. Diese Liste nutzt nicht das weltweit verstreut produzierte Wissen und führt es einem globalen Publikum zu. Diese angeblich auf Globalisierung angelegte Liste reproduziert die Provinzialität der wenigen bereits weltweit agierenden Medien.
Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Michael Hasin: Gute Literaturkritik ist Gesellschaftskritik

07.08.2015. Kritik braucht Glauben, nicht an Gott, aber an die Literatur. Kritiker müssen daran glauben, dass sie gut ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Sie müssen Fundamentalisten sein, missionieren wollen. Mormonen der Literatur. Mehr lesen

Guido Graf: Kritik als Reparatur

22.07.2015. Muss der Betrieb gerettet werden oder die Kritik? Was wollen wir überhaupt von Kritik? Wie können wir sie verbessern? Indem wir die subjektlose Objektivität der heutigen Literaturkritik durch eine kollektive Subjektivität ersetzen. Dazu muss der Kritiker Kollaborateur werden, Gesprächspartner und Gastgeber. Mehr lesen

Wolfgang Tischer: Wir brauchen einen Inselführer

17.07.2015. Wolfram Schüttes Idee einer Literaturzeitung im Netz könnte die falschen Finanziers anlocken, und sie pflegt einen Begriff von Literatur, der den Entwicklungen im Netz hinterhinkt: Das heißt nicht, dass es nicht Orte einer durchaus auch elitären Reflexion über Literatur im Netz braucht. Mehr lesen

Jan Drees: Wofür wir brennen

09.07.2015. Seit Wochen und Monaten wird (mal wieder) über den Zustand der Literaturkritik debattiert. Entstanden ist der Wunsch nach stärkerer Institutionalisierung. Warum wir keine neue Literaturzeitung brauchen, aber mehr Leidenschaft. Mehr lesen

Marie Luise Knott: Aus der ideologischen Antike

06.07.2015. Die Kunstbiennale in Venedig läuft noch bis November und wird auch dieses Jahr wieder Millionen Besucher anziehen. Doch die öffentlichen Reaktionen auf die von Okui Enwezor kuratierten Räume - zentraler Pavillon und Arsenale - sind durchwachsen. Von "Inhaltismus" und "Revolutionsromantik" ist die Rede. Überhört wurden im Trubel der Eröffnung die Stimmen, die in den Sälen umgehen, ein wenig wie Gespenster - oder sind es doch gute Geister? Mehr lesen

Florian Kessler: Die Vielfalt preisen

03.07.2015. Heute ist das Netz die literarische Öffentlichkeit. Und eine Gesellschaft, in der nicht nur Profis das Gespräch dominieren, kann nicht völlig missraten sein. Wozu also eine Printzeitung im Netz? Was wir dagegen gebrauchen könnten, wäre ein renovierter Alfred-Kerr-Preis! Mehr lesen

Dana Buchzik: Es braucht Dialog

02.07.2015. Apropos Leser: Eine digitale Zeitung muss sich, mehr noch als ein Printblatt mit Online-Ableger, darauf gefasst machen, dass eine bunte, lebendige und interessierte Leserschaft von sich hören lassen wird. Mehr lesen

Ekkehard Knörer: Tatsächlich ein Desiderat

01.07.2015. Die Bedeutung von Literaturkritik hat sich aus gutem Grund relativiert und kann nicht künstlich reanimiert werden. Die Idee einer Netzzeitung ist dennoch höchst reizvoll. Die Los Angeles Review of Books könnte ein Vorbild sein. Stellt sich nur die Frage der Finanzierung... Mehr lesen

Jörg Sundermeier: Nele liebt Paul, aber Paul liebt Isa

30.06.2015. Ist es nur eine Frage des Orts? Auch im Internet braucht Kritik mündige Leserinnen und Leser - und mündige Kritikerinnen und Kritiker. Die Frage wäre also, ob Wolfram Schüttes Literaturzeitung im Netz etwas am Zustand des Betriebs ändern könnte. Mehr lesen

Nikola Richter: Literaturkritik ist überall

30.06.2015. Ich würde Wolfram Schütte wirklich gerne einmal auf einen Kaffee treffen und ihm zeigen, wie er mit ein paar einfachen Handgriffen das für ihn vielleicht noch unübersichtliche Internet sondieren könnt. Was er sucht, das Finden ohne Suchen, gibt es längst. Mehr lesen

Tilman Winterling: Mit einer Idee und einem Arbeitstitel

29.06.2015. Das ideale Online-Literaturmagazin wäre eines, das das Beste aus beiden Welten - Print und Netz - verbindet. Die Krautreporter könnten ein Vorbild sein. Mehr lesen

Michael Kötz: "Wunderwelt" wäre mein Vorschlag

26.06.2015. Wolfram Schüttes Projekt einer Literaturzeitung im Netz ist der Vorschlag für ein Unternehmen. Aber ein Unternehmen wird nur begonnen, wenn eine Chance auf Gewinn besteht. Einige Vorschläge Mehr lesen

Perlentaucher-Debatte Literaturkritik im Netz

26.06.2015. Wenn Literaturkritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung. Ein Appell von Wolfram Schütte - und eine Perlentaucher-Debatte. Überblick über alle Artikel. Aktualisiert am 10. August. Mehr lesen

Alexander Kluge: Rettende Öffentlichkeit

25.06.2015. Ein Zuviel an Silicium nennt man Wüste. In der Wüste gibt es Stützpunkte des Lebens. Das sind die Oasen. Oft sind sie räumlich klein, im Verhältnis zum Gesamtgelände. Zu Wolfram Schüttes Projekt einer Netzzeitung für Kritik. Mehr lesen

Wolfram Schütte: Über die Zukunft des Lesens

24.06.2015. Wenn die Kritik eine Zukunft hat, dann im Netz - wenn auch in Form einer Zeitung, die online steht. Nennen wir sie Fahrenheit 451. Ein Plädoyer Mehr lesen