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Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

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Essay

Die Hits des Heiligen Heine

Von Georg Klein
16.02.2006. Die Hits des Heiligen Heine. Eine spirituelle Spruchparade aus doppelt gegebenem Anlass. Zusammengestellt von Georg Klein
Platz 10: HEILIGE BÜCHER
"Das Buch, das neben mir lag, war nicht der Koran, Unsinn enthielt es freilich genug."


Platz 9:
HEILIGE GESETZE

"Teurer Leser, wenn Du mal nach Amsterdam kömmst, so lass dir (...) die spanische Synagoge zeigen. Diese ist ein schönes Gebäude, und das Dach ruht auf vier kolossalen Pfeilern, und in der Mitte steht die Kanzel, wo einst der Bannfluch ausgesprochen wurde über den Verächter des mosaischen Gesetzes, den Hidalgo Don Benedikt de Spinoza. Bei dieser Gelegenheit wurde auf einem Bockshorne geblasen, welches Schofar heißt. Es muss eine furchtbare Bewandtnis haben mit diesem Horne. Denn wie ich in dem Leben des Salomon Maimon gelesen, sucht einst der Rabbi von Altona ihn, den Schüler Kants, wieder zum alten Glauben zurückzuführen, und als derselbe bei seinen philosophischen Ketzereien halsstarrig beharrte, wurde er drohend und zeigte ihm den Schofar, mit den finsteren Worten: "Weißt du, was das ist?" Als aber der Schüler Kants sehr gelassen antwortete: "Es ist das Horn eines Bockes!" da fiel der Rabbi rücklings zu Boden vor Entsetzen."


Platz 8: DEUTSCHE HEILIGKEIT
"In keiner anderen Sprache hätte die Natur ihr geheimstes Wort offenbaren können, wie in unserer lieben deutschen Muttersprache. Nur auf der starken Eiche konnte die heilige Mistel gedeihen."


Platz 7: GOTT UND HÜHNER
Was ist Gott? Was ist seine Natur? So frug ich schon als kleines Kind: Wie ist Gott? Wie sieht er aus? Und damals konnte ich ganze Tage in den Himmel hinaufsehen, und war des Abends sehr betrübt, dass ich niemals das allerheiligste Antlitz Gottes, sondern immer nur graue, blöde Wolkenfratzen erblickt hatte. Ganz konfus machten mich die Mitteilungen aus der Astronomie, womit man damals in der Aufklärungsepoche, sogar die kleinsten Kinder nicht verschonte, und ich konnte mich nicht genug wundern, dass alle diese tausend Millionen Sterne, eben so große, schöne Erdkugeln seien, wie die unsrige, und über all dieses leuchende Weltengewimmel ein einziger Gott waltete. Einst im Träume, erinnere ich mich, sah ich Gott, ganz oben in der weitesten Ferne. Er schaute vergnüglich zu einem kleinen Himmelsfenster hinaus, ein frommes Greisengesicht mit einem kleinen Judenbärtchen, und er streute eine Menge Saatkörner herab, die, während sie vom Himmel niederfielen, im unendlichen Raum gleichsam aufgingen, eine ungeheure Ausdehnung gewannen, bis sie lauter strahlende, blühende, bevölkerte Welten wurden, jede so groß, wie unsere eigene Erdkugel. Ich habe dieses Gesicht nie vergessen können, noch oft im Traume sah ich den heiteren Alten aus seinem kleinen Himmelsfenster die Weltensaat herabschütten; ich sah ihn einst sogar mit den Lippen schnalzen, wie unsere Magd, wenn sie den Hühnern ihr Gerstenfutter zuwarf.


Platz 6: HEGEL, GOTT & ICH
Eines schönen hellgestirnten Abends saßen wir beide, Hegel und ich, neben einander am Fenster, und ich, ein zweiundzwanzigjähriger junger Mensch, ich hatte eben gut gegessen und Kaffee getrunken, und ich sprach mit Schwärmerei von den Sternen, und nannte sie den Aufenthalt der Seligen. Der Meister aber brümmelte vor sich hin: "Die Sterne, hum, hum! die Sterne sind nur ein leuchtender Aussatz am Himmel!" - "Um Gotteswillen!", rief ich, es gibt also droben kein glückliches Lokal, um dort die Tugend nach dem Tode zu belohnen? Jener aber, indem er mich mit seinen bleichen Augen stier ansah, sagte schneidend: "Sie wollen also noch Gottes Trinkgeld dafür haben, dass sie Ihre kranke Mutter gepflegt und Ihren Herrn Bruder nicht vergiftet haben?"


Platz 5: ICH ALS GOTT
Ich war jung und stolz, und es tat meinem Hochmut wohl, als ich von Hegel erfuhr, dass nicht, wie meine Großmutter meinte, der liebe Gott, der im Himmel residierte, sondern ich selbst hier auf Erden der liebe Gott sei. (...) Aber die Repräsentationskosten eines Gottes, der sich nicht lumpen lassen will und weder Leib noch Börse schont, sind ungeheuer; um eine solche Rolle mit Anstand zu spielen, sind besonders zwei Dinge unentbehrlich: viel Geld und viel Gesundheit. Leider geschah es, dass eines Tages - im Februar 1848 - diese beiden Requisiten mir abhanden kamen, und meine Göttlichkeit geriet dadurch sehr ins Stocken. (...) seit ich zu den Frommen gehöre, gebe ich fast gar nichts mehr aus für die Unterstützung von Hilfsbedürftigen; ich bin zu bescheiden, als dass ich der göttlichen Fürsehung wie ehemals ins Handwerk pfuschen sollte, ich bin kein Gemeindeversorger mehr, kein Nachäffer Gottes, und meinen ehemaligen Klienten habe ich mit frommer Demut angezeigt, dass ich nur ein armseliges Menschengeschöpf bin, eine seufzende Kreatur, die mit der Weltregierung nichts mehr zu schaffen hat, und sie sich hierfüro in Not und Trübsal an den Herrgott wenden müssten, der im Himmel wohnt, und dessen Budget ebenso unermesslich sei wie seine Güte ist, während ich armer Exgott sogar in meinem göttlichen Tagen, um meinen Wohtätigkeitsgelüsten zu genügen, sehr oft den Teufel an dem Schwanz ziehen musste. Geständnisse.


Platz 4: SPOTT GOTTES
Ach der Spott Gottes lastet schwer auf mir. Der große Autor des Weltalls, der Aristophanes des Himmels, wollte dem kleinen irdischen, sogenannten deutschen Aristophanes recht grell dartun, wie die witzigsten Sarkasmen desselben nur armselige Spöttereien gewesen im Vergleich mit den seinigen, und wie kläglich ich ihm nachstehen muss im Humor, in der kolossalen Spaßmacherei.

Ja, die Lauge der Verhöhnung, die der Meister über mich herabgeußt, ist entsetzlich und schauerlich grausam ist sein Spaß. Demütig bekenne ich seine Überlegenheit und ich beuge mich vor ihm im Staube. Aber wenn es mir auch an solcher höchsten Schöpfungskraft fehlt, so blitzt doch in meinem Geiste die ewige Vernunft, und ich darf sogar den Spott des Gottes vor ihr Forum ziehen und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen. Und da wage ich nun die untertänigste Andeutung auszusprechen, es wolle mich bedünken, als zöge sich jener grausame Spaß , womit der Meister den armen Schüler heimsucht, etwas zu sehr in die Länge; er dauert schon über sechs Jahre, was nachgerade langweilig wird. Denn möchte ich ebenfalls mir die unmaßgebliche Bemerkung erlauben, dass jener Spaß nicht neu ist und dass ihn der große Aristophanes des Himmels schon bei einer anderen Gelegenheit angebracht, und also ein Plagiat hoch an sich selbst begangen habe.


Platz 3: ZUKUNFT GOTTES
"Ich trug an Bord meines Schiffes die Götter der Zukunft."


Platz 2: SEEHUNDE
"Der Autor gewöhnt sich am Ende an sein Publikum, als wäre es ein vernünftiges Wesen. auch dich scheint es zu betrüben, dass ich Dir valet sagen muss, du bist gerührt, mein teurer Leser, und und kostbare Perlen fallen aus deinen Tränensäckchen. Doch beruhige dich, wir werden uns wiedersehen in einer besseren Welt, wo ich dir auch bessere Bücher zu schreiben gedenke. Ich setze voraus, dass sich dort auch meine Gesundheit bessert und dass mich Swedenborg nicht belogen hat. Dieser erzählt nämlich mit großer Zuversicht, dass wir in der anderen Welt das alte Treiben, ganz wie wir es in dieser Welt getrieben, ruhig fortsetzen, dass wir dort unsere Individualität unverändert bewahren und dass der Tod in unserer organischen Entwicklung gar keine sonderliche Störung hervorbringe. Swedenborg ist eine grundehrliche Haut, und glaubwürdig sind seine Berichte über die andere Welt, wo er mit eigenen Augen die Personen sah, die auf unserer Erde eine Rolle gespielt. (...) So närrisch sie auch klingen, so sind diese Nachrichten eben so bedeutsam wie scharfsinnig. Der große skandinavische Seher begriff die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz, so wie er auch die unveräußerlichen Individualitätsrechte des Menschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die Fortdauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz, wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen anziehen; Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert. In der anderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armen Grönländer behaglich fühlen, die einst als die dänischen Missionare sie bekehren wollten, an diese die Frage richteten: ob es im christlichen Himmel auch Seehunde gäbe? Auf die verneinende Antwort erwiderten sie betrübt: der christliche Himmel passe alsdann nicht für Grönländer, die nicht ohne Seehunde existieren könnten.

Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, mein teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden."


Platz 1: OHNE TITEL
"Der Teufel ist ein Logiker."

Nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt von Georg Klein
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Archiv: Essay

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27.01.2016. Ist es statthaft, Flüchtlinge nicht als Opfer zu sehen, ihnen nicht mit Mitgefühl zu begegnen? Absolut, meint der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. Denn die Adressierung als Opfer, so gut sie auch gemeint sein mag, verhindert die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, gerade auch über unterschiedliche Kultur- und Gesellschaftsvorstellungen. Mehr lesen

Eva Quistorp: In zig Alltagssituationen

18.01.2016. Die einen missbrauchen das Ereignis. Die anderen polemisieren gegen diesen Missbrauch. Keiner kümmert sich um die, um die es wirklich geht: die Frauen zuerst. Und dann die ungeheure Integrationsarbeit. Mehr lesen

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25.11.2015. Wer die Menschenrechte ganz aufklärerisch für universal hält, braucht sich bei Kulturtypologien und Wertlehren oder Religionskritik nicht lange aufzuhalten. Es geht darum, diese universellen Rechte vernünftig zu vermitteln. Eine Antwort auf Thierry Chervel. Mehr lesen

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24.11.2015. Macht es einen Unterschied, ob Demokratien wegen ihrer "Werte" oder ihrer "Prinzipien" gehasst werden? Letztlich können moderne Gesellschaften auf den Begriff der Werte nicht verzichten, weil auch ihre Rechtsgrundsätze sich aus Werten ableiten. Eine Antwort auf Gustav Seibt. Mehr lesen

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21.11.2015. Warum Beschreibung jetzt wichtig ist, ebenso wichtig wie der Versuch, gemeinsam nachzudenken, statt sattsam bekannte Polemiken zu pflegen. Antwort auf Oliver M. Piecha. Mehr lesen

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19.11.2015. Ausgerechnet einen "Sterbefilm" als Rahmen filmischer Selbst-Reflexion zu benutzen, müsste sich schon der exklusiven Ernsthaftigkeit des Themas wegen von selbst verbieten - Nanni Moretti aber gewinnt damit ein experimentelles Verhältnis zu Sterben und Tod. Über "Mia Madre". Mehr lesen

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19.11.2015. Wir sollten daran festhalten, die vielfältigen, oft zumindest funktionierenden Formen des Zusammenlebens offenen Auges zu beschreiben, denn diese Beschreibung ist vielleicht, was den gemeinsamen Grund schafft, gegen die Schnelligkeiten des Tötens aufzustehen. Eine Antwort auf Necla Kelek. Mehr lesen

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13.11.2015. Fotobücher feiern eine ungeheure Konjunktur. Sie sind nicht fürs Gucken, was Vinyl fürs Hören ist, kein Retroformat, sondern geradezu eine Folge der Digitalisierung. Und gleichzeitig ein Gegenraum zum Netz. Notizen eines gefährdeten Betrachters. Mehr lesen

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12.11.2015. Erst wenn man anfängt, Gabriele Goettles Reportagen als Ganzes zu sehen, zeigt sich die Dimension des Unternehmens, an dem sie jetzt seit fast dreißig Jahren arbeitet. Ich weiß nicht, seit wann Gabriele Goettle bewusst ist, dass sie an einer einzigen riesigen vielstimmigen Komposition sitzt. Eine Laudatio. Mehr lesen

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10.11.2015. Am Ende zieht André Glucksmann aus Voltaires "Candide" eine ganz bescheidene Folgerung: Wir müssen unseren Garten bebauen und ihn verteidigen: Europa, die einzige auf Transzendenz verzichtende Zivilisation. Mehr lesen

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