Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3665 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 367

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2025 - Kunst

Matt Copson, Age of Coming, 2020. Courtesy the artist and Lodovico Corsini, Brussels, Photo: Benjamin Baltus.

Das KW Institute of Contemporary Art, Berlin, hat eine neue Leiterin: Emma Enderby, die sich nun mit vier parallel laufenden Ausstellungen vorstellt, die Werke von jungen Gegenwartskünstlern präsentieren. Unter anderem ist, berichtet Sophie Jung in der taz, eine "laseranimierte Oper" namens "Coming of Age. Age of Coming. Of Coming Age" des Briten Matt Copson zu sehen: "Nur ein Baby taucht auf Copsons sonst schwarzer Bühne auf. Der Kopf überzeichnet groß, süße Knopfaugen, räsoniert das Kleinkind singend im gläsernen Ton eines tatsächlichen Knabensoprans über die menschliche Existenz, Schaffen und Geschaffensein; 'Ich schaffe Großes / Ich bin eine große Schöpfung' singt das Kind auf Englisch, schwankt auf Copsons zitternden Lichtumrissen in einfachen Farben zwischen der Weisheit und dem Größenwahn kindlicher Unwissenheit hin und her, spielt mit einem Streichholz, brennt alles nieder, weint, pinkelt. Man wird hineingezogen in diesen drolligen Existenzialismus, das Laser-Anime ist Immersion in totaler Reduktion."

Auch Thomas Wochnik macht sich auf ins KW. Er begeistert sich, wie wir im Tagesspiegel lesen, vor allem für Jessica Ekomanes Klanginstallation "Antechamber". Wobei er klarstellt: "Voraussetzung ist, dass man sich in der Installation Zeit lässt. Es ist ein wenig so, als wären die neun Lautsprecher einzelne, im Warteraum Wartende. Und als hätte, wie etwa im Wartesaal beim Arzt, jeder seinen eigenen inneren Rhythmus. Nur, dass diese Rhythmen hier hörbar sind, einander überlagern, den Raum akustisch ausloten. Bewegt man sich durch dieses polyrhythmische Meer hindurch, verschieben sich unentwegt die Akzente und Richtungen - und mit ihnen auch die eigene Wahrnehmung von Dauer."

Peter Richter spaziert für die SZ durch die die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom, die bereits vor der Eröffnung für Schlagzeilen sorgte, weil Teile des Kuratoriums gefeuert wurden und auch zahlreiche ursprünglich eingeplante Ausstellungsstücke aus verschiedenen Gründen nicht den Weg in den Ausstellungssaal fanden (siehe hier). Ziel war eine Re-Italienisierung des Futurismus, erläutert Richter, außerdem sollten die intellektuellen Verbindungen zwischen futuristischen Künstlern und dem Faschismus möglichst wenig thematisiert werden. Das Ergebnis ist dementsprechend: "Wer sich an andere Ausstellungen zu dem Thema erinnert, reibt sich die Augen über so viel gut gelaunte Unbeschwertheit", meint Richter. Wo in anderen Futurismus-Ausstellungen "die Wolken von Faschismus, Krieg, Gewalt und Tod über allem hängen", läuft in der aktuellen Römischen alles "auf bemerkenswerten Katholikentagskitsch hinaus."

Besprochen werden die Schau "Kosmos Kandinsky" im Potsdamer Museum Barberini (FAZ), "Precious Okoyomon. One Either Loves Oneself or Knows Oneself" im Kunsthaus Bregenz (Welt), die Ausstellung "Illusion - Traum-Identität-Wirklichkeit" in der Hamburger Kunsthalle (taz), Nicole Heinzels Einzelausstellung "frgmntd lmnts / lmntl frgmnts" in der Berliner Galerie kajetan (taz) und die Liliane Lijn gewidmete Schau "Arise Alive" im Wiener Mumok (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2025 - Kunst

"Wer könnte auch nur fünf ... Gegenwartskünstler nennen, die in afrikanischen Ländern tätig sind?", hatte der britisch-ghanaische Kurator Osei Bonsu am Samstag im FAS-Interview gefragt (unser Resümee). Das dürfte sich dank der Schau "A world in common" im c/o Berlin über Fotografie aus Afrika ändern, glaubt Jens Hinrichsen im Tagesspiegel - etwa dank Khadija Sayes Serie "in this space we breathe": "In Selbstporträts zelebriert die britische Künstlerin eine Reihe von Ritualen mit Kultgegenständen aus Gambia, dem Herkunftsland ihrer Eltern. Afrikanische, christliche und islamische Traditionen mischen sich darin. Bei dem von Khadija Saye genutzten Kollodium-Nassplatten-Verfahren wurde der Bildprozess selbst zum Ritual, denn die Künstlerin überließ sich 'auf ähnliche Weise dem Unbekannten, wie es bei allen spirituellen höheren Mächten erforderlich ist: durch Hingabe und Opferbereitschaft', wie sie selbst einmal erklärt hat. 2017 kam die Fotografin mit ihrer Mutter beim Brand der Londoner Grenfell Towers ums Leben: ein Indiz der prekären Bedingungen, unter denen Schwarze in Europa häufig leben müssen."

Ein ähnliches Problem wie Tilman Krause mit Theatern hat Peter Truschner im neuen Fotolot mit  aktuellen (Foto-)Ausstellungen: "Nicht anders als bei den angesagten Schlagwörtern in den Medien und den Parametern der Kulturpolitik wird abseits von den klassischen Topoi der Kunstgeschichte konsequent Zeitgeist-Narrativen wie #femalegaze oder #postcolonial (nicht zuletzt auch finanziell) zugearbeitet, weshalb daraus hervorgehende Arbeiten dieses Spektrums (Ausstellungen, Theateraufführungen, Symposien) oftmals austauschbar sind."

Weitere Artikel: In der SZ blickt Tanja Rest auf eine besondere Absurdität: Weil diverse Discounter einige Birkenstock-Modelle nachahmen, haben die Anwälte des Sandalen-Fabrikanten vor Gericht Kunststatus der Schuhe beantragt: "Für die Mode wäre die Erhebung ihrer ikonischen Kleider und Accessoires in den Stand von Kunstwerken natürlich ein feuchter Traum - und nicht nur, weil sie das von Nachahmern abgezweigte Geld dann selbst einsammeln könnte." Im Tagesspiegel schaut Nicola Kuhn nach dem Einbruch entsetzt auf die leeren Vitrinen im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeusmuseum.

Besprochen werden die Ausstellung "Gravity's Rainbow" in der Galerie Nord in Moabit (taz), die Ausstellung "Liliane Lijn: Arise Alive" im Wiener Mumok (Tsp, mehr hier) und die große Kandinsky-Schau "Geometrische Abstraktion" im Potsdamer Barberini Museum (FR, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2025 - Kunst

Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901), The Clown Cha-U-Kao, 1895. Image: The Swiss Confederation, Federal Office of Culture, Oskar Reinhart Collection "Am Römerholz", Winterthur

In der Londoner Courtauld Gallery dürfen erstmalig Bilder aus der Winterthurer Sammlung des Schweizers Oskar Reinhart ausgestellt werden, die seit Jahrzehnten dem Verleih-Verbot des Sammlers unterlagen, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Echte Meisterwerke sind dabei, von Goya bis Henri Toulouse-Lautrec. Auch ein Bild des 19-jährigen Picasso ist dabei, der 1901 ein Porträt seines Freundes Mateu Fernández de Soto malte, das ein Überraschung bereit hielt: "An der Wand hinter de Soto sind rote Farbtupfer zu sehen, die dem Bild einerseits Tiefe geben, andererseits aber vermuten ließen, dass womöglich etwas dahinter läge. Der Sammlung in Winterthur fehlen Technik und Mittel für eine Untersuchung, die Galerie von Reinharts altem Zeitgenossen Courtauld aber verfügt darüber. Das Bild wurde also untersucht, und: Zum Vorschein kam eine Frau. Hinter dem Picasso liegt noch ein zweiter Picasso."

Dass der amerikanische Künstler Gary Hill ein echter "Videopionier" war, davon kann sich tazlerin Bettina Maria Brosowsky in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg überzeugen. "In 'The Psychedelic Gedankenexperiment' etwa, einer Installation von 2011, wurde ein Text zur bewusstseinserweiternden Kunsterfahrung durch LSD rückwärts eingesprochen und dann vorwärts laufend abgespielt: eine akustische Kakophonie, nur bedingt dem Verständnis einer Aussage dienend. Dazu operiert ein verwirrter Wissenschaftler an frei im Raum schwebenden Molekülen, auch das ohne plausible Effizienz, während die Zuschauer auf kippelnden, ultraleichten Styroporhockern verharren dürfen. Ein unterhaltsam narrativer, ja fast ein Slapstick-Charakter scheint dem Setting dann doch eigen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2025 - Kunst

Felix Nussbaum, Angst (Selbstbildnis mit seiner Nichte Marianne). 1941. © Museumsquartier Osnabrück, Foto Christian Grovermann


Angst ist ein gutes Thema für eine Ausstellung, besonders jetzt, findet Tania Martini in der FAS mit Blick auf die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien. Und ein vielschichtiges: "Die Ängste der Mehrheitsgesellschaft sind oft andere als die der Minderheiten. Die Geschichte des Antisemitismus zeigt, wie die Phantasmen der Einen den Tod der anderen bedeuten können. ... Nackte Angst offenbart das düstere Gemälde 'Angst' des jüdischen Malers Felix Nussbaum. Das Selbstporträt im Stil der Neuen Sachlichkeit aus dem Jahr 1941 zeigt den Künstler in verzweifelter Erwartung des Bösen", das ihn 1944 einholte, als er mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert wurde. "Das Angstthema wechselt abrupt an einer Vitrine mit einer Medikamentenschachtel. 'Ivermectin-biomo' ist darauf zu lesen. Es ist ein Medikament, das zur Parasitenabwehr entwickelt worden ist. 'Deutsch statt nix verstehn'-Kickl, jener rechtsextreme FPÖler, der gerade versucht, in Österreich Kanzler zu werden, und der der schlichten Idee anhängt, Eliten schützten nur sich selbst und verschwörten sich gegen das Volk, empfahl den Menschen das Medikament gegen Covid-19."

Dawit L. Petros, Untitled (Prologue III), Nouakchott, Mauritania, 2016 © Dawit L. Petros. Courtesy of the artist and Tiwani Contemporary


Ebenfalls für die FAS besucht Andreas Kilb die Ausstellung "A world in common" im c/o Berlin über Fotografie aus Afrika und unterhält sich mit dem britisch-ghanaischen Kurator Osei Bonsu. Denn mal im Ernst: Was wissen wir schon von der aktuellen Kunst und Kultur Afrikas? "Sosehr sich der Westen für sein eigenes Klischee von Afrika als eines Reichs von nachhaltigen Lehmbauten für Menschen ohne Schuhe, Maskenkunst und tribalem Wissen interessiert, so groß ist immer noch die Unkenntnis, was aktuelle Kunst und Theoriebildung aus Ländern wie Senegal, Marokko, Nigeria oder Kenia betrifft. Wer hat je ein Werk des Philosophen Souleymane Bachir Diagne studiert, eines der lesenswerten nigerianischen Theoretikerin Sophie Okuwole oder der Malerin und Philosophin Nkiru Nzegwu? Wer beschäftigt sich mit der politischen Theorie des in Nigeria lehrenden Olufemi Taiwo? Wer könnte auch nur fünf aktuelle Philosophen oder Gegenwartskünstler nennen, die in afrikanischen Ländern tätig sind?"

Besprochen werden außerdem drei Ausstellungen in St. Moritz, "Jean-Michel Basquiat. Engadin" bei Hauser & Wirth, "Wols" in der Galerie Karsten Greve und "Jordan Watson. Easier to Breathe" in der Dorfkirche (NZZ), die Daniel Neuberger gewidmete Schau "Wachs in seinen Händen" im Wiener KHM (Standard) sowie die Ausstellungen "Matthew Wong - Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei" in der Wiener Albertina (Standard) und "Die Welt der Farben. Slowenische Malerei 1848-1918" im Unteren Belvedere in Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2025 - Kunst

László Moholy-Nagy: Komposition Z VIII, 1924. Bildrechte: Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie.


Die Wirkungsorte und Einflüsse von Wassily Kandinsky sind zahlreich, wie die Ausstellung "Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert" im Museum Barberini zeigt. Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Schulz jedenfalls staunt angesichts der Vielfalt. Werke von rund 70 Künstlerinnen und Künstlern, von Mary Martin bis Victor Pasmore, sind vertreten und zeigen Kunst, die eine KI nie so geistreich kreieren könnte, ist der Kritiker überzeugt: "Der neutrale Hintergrund ist ideal gewählt, denn davor spielen sich regelrechte Eruptionen der Farbe ab. Es ist, als ob die Farbe endlich befreit worden wäre von der lästigen Aufgabe, dingliche Realität abbilden zu müssen. Kandinskys Werke - ein volles Dutzend in der Ausstellung - weisen den Weg, das Geistige selbst zur Erscheinung zu bringen. Gebändigt wird die Farbe im Verlauf des hier betrachteten 20. Jahrhunderts mehr und mehr durch Geometrie als einer rein abstrakten Ordnung des Raumes beziehungsweise der Fläche."

Ein offener Brief, unterschrieben von 5000 Kunstschaffenden, verlangt vom Auktionshaus Christie's, dass eine für den 20. Februar anberaumte Auktion abgesagt wird, berichtet Hanno Rauterberg auf Zeit Online. Grund für den Protest ist, dass nur Kunst verkauft werden soll, die mithilfe von KI erstellt wurde - diejenigen, mit deren Kunst die Generatoren trainiert worden sind, dabei jedoch aller Voraussicht nach leer ausgehen. Tricky, findet Rauterberg: "Appropriation Art, also die Kunst der kulturellen Aneignung, wurde zu einer eigenen Spielform, um sich im Kanon der Künstler mit Gesten der Ermächtigung und Eingemeindung hervorzutun. Die Moderne war immer auch Pastiche, Mimikry, Mash-up - und nicht selten fühlten sich Künstler von anderen Künstlern auf ungute Weise imitiert, wenn nicht bestohlen." Dass sich heute allerdings "Techkonzerne bei der Kunst bedienen, nur um ihre Maschinen und also ihre Profite zu mästen, hat mit kreativer Findigkeit nichts zu tun. Und immer noch wird viel zu selten über diese Form des Missbrauchs diskutiert. Nur muss man sich zugleich davor hüten, einen großen KI-Boykott verhängen zu wollen. Was Konzerne nicht dürfen, darf die Kunst sehr wohl. Man nennt es Freiheit."

Weitere Artikel: Der Leiter der Kasseler Museen, Martin Eberle, ist vom Land Hessen entlassen worden, nachdem er sich gegenüber dem Vorsitzenden des Kulturbeirats, David Zabel, rassistisch geäußert haben soll, berichtet der Spiegel. Besprochen wird noch die Ausstellung "Hierzulande" des Reportage-Fotografen Robert Lebeck in den Opelvillen in Rüsselsheim (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2025 - Kunst

Überwältigend, oder? Obelix-Proportionsstudie von Albert Uderzo. © Asterix® Obelix® Idefix® /© 2025 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo


In der großen Ausstellung, die das Berliner Museum für Kommunikation dem Asterix-Zeichner Albert Uderzo widmet, glaubt Peter Richter (SZ) einen freundlichen Ernst Jünger (darunter machen sie es in der SZ nicht) aufzuspüren: "Uderzos Comics sind ja im Grunde auch alles sublimierte 'Stahlgewitter', eine einzige Abfolge von Kampfabenteuern mit kindgerechten Mitteln. ... die Onomatopoesie von Gewaltanwendung ist schon vor der Erfindung von Asterix und Obelix das, was die Sprechblasen in den Comics der beiden am prominentesten ausfüllt: 'POC!', heißt es zum Beispiel hinreißend kurz und trocken, als ein Indianer einen furchtbar albern mit dem Degen herumfuchtelnden Kolonialfranzosen mit der Friedenspfeife auf die Perücke klopft - und damit ausknockt. Das Gefuchtel wird übrigens zeichnerisch mit Mitteln wiedergegeben, die einst der Futurismus zur Suggestion von rasender Bewegung entwickelt hatte, eine ausgesprochen kriegsbegeisterte Kunstrichtung der Moderne." (Mehr zur Ausstellung hier)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Julia Stellmann die bosnische Künstlerin Selma Selman vor, die gerade im Amsterdamer Stedelijk Museum ausstellt.
Stichwörter: Uderzo, Albert

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2025 - Kunst

Carl Friedrich Mylius - Frankfurt am Main: Römerberg, ca. 1855. 
© Städel Museum.


FAZ-Autor Matthias Alexander ist ziemlich begeistert von der Ausstellung, die das Frankfurter Städel unter dem Titel "Forever Frankfurt!" einem lokalen Künstler widmet: Carl Friedrich Mylius, der sich, aktiv in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Architekturfotografie verschrieb. Mylius porträtierte eine Stadt im Wandel, fern jeder Sentimentalität: "Er lichtet die Abbruchhäuser mit dem gleichen neutralen Blick ab wie die Neubauten, die sich kurz darauf an ihrer Stelle breitmachen." Diese Aufnahmen sind erstaunlich modern, findet der Kritiker: "Unter einem ausgebrannt-leeren Himmel stehen leicht überbelichtete Häuser an unbelebten Straßen. Die gewissermaßen organische Seite der Stadt, das bunten Treiben ihrer Bewohner, ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblendet. Das Versprechen der Authentizität, mit dem die Fotografie in ihrer Anfangszeit angetreten ist, um die Malerei abzulösen, kann sie in einem wichtigen Punkt nicht einlösen, was ihr aber aus heutiger Sicht gerade einen eigenen künstlerischen Rang verleiht."

Auch Judith von Sternburg zeigt sich in der FR sehr angetan: "Mylius (...) lässt sich nicht in die Karten schauen. Er sucht eine hyperrealistische Objektivität. In echt kann nur ein Adlerauge die Streben der winzigen Fenster sehen, und die Schatten, die die Streben werfen. Oder die stecknadelgroßen Gesichter von aus Stein gehauenen Figuren. Aber das ist alles nicht retouchiert, das ist da. Mylius' Bilder erinnern in wilden Zeiten noch einmal daran, woher Fotos einst den Ruf hatten, nicht zu lügen."

Was reizt die Leute an den derzeit grassierenden immersiven Erlebnisausstellungen? Alexander Menden kann es sich in der SZ nicht recht erklären. Zum Beispiel die "Titanic: Eine immersive Reise" in Köln. Warum zahlen Leute Geld dafür, hautnah bei einem Schiffsunglück dabei zu sein? "Am seltsamsten fühlt es sich aber an, in der 'immersiven Galerie' in einem eigens mit Einstiegslücke versehenen Rettungsboot-Nachbau Platz zu nehmen und dem Dampfer gleichsam aus der Perspektive der Überlebenden beim Sinken zuzusehen. Den stärksten Eindruck hinterlassen dabei die an die Wand projizierten, immer verzweifelter werdenden Morse-Nachrichten des Funkers der 'Titanic' und die Antworten von Schiffen, die viel zu weit entfernt sind, um einzugreifen. Die Todesschreie der im Wasser Treibenden ersparen die Ausstellungsmacher dem zahlenden Publikum. Wer hätte danach noch Lust, sich im Shop mit 'Titanic'-Malbüchern für zehn Euro oder der 'Badeente Titanic-Offizier' für 12,90 Euro einzudecken?"

Weiteres: Museumsbesuch auf Rezept: das gibt es jetzt, und zwar in der Schweiz, weiß Niklas Maak in der FAZ. Maja Goertz unterhält sich für monopol mit der Malerin Sophie Esslinger.

Besprochen werden Anne-Mie van Kerckhovens Schau "AMVK Dudoute_Toaster_Absolu" in der Berliner Galerie Barbara Thumm (Berliner Zeitung), "Impression, Morisot", eine Ausstellung im Palazzo Ducale, Genua, über die weiblichen Netzwerke der Impressionistin Berthe Morisot (monopol), Selma Selmans Schau "Sleeping Guards" im Amsterdamer Stedelijk Museum (Tagesspiegel) und Axel Anklams Ausstellung "Lichtwanderer" im Berliner Zentrum für aktuelle Kunst (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2025 - Kunst

Gerrit Dou, "Alte Frau mit Kerze", 1661, Wallraff Richartz-Museum &. Fondation Corboud. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Überwältigt von der Fülle an "Früchten, Getier und Gardinen" und anderen "Requisiten der Augentäuscherei" steht  Tagesspiegel-Kritikerin Nicola Kuhn in der Kunsthalle Hamburg. Eine Ausstellung widmet sich illusionistischer Malerei aus unterschiedlichen Epochen. Da gibt es Rebhühner, Totenschädel und viele sehr realistisch gemalte Trauben, aber auch faszinierende Aussichten: "Während Friedrich Wasmann um 1833 aus seiner Kammer tief ins idyllische Anienetal blickt, breitetet sich um 1928-30 vor Xaver Fuhr eine nächtliche Stadt aus, durchschnitten von Gleisen. Fast anarchisch drängt sich das gelbliche Blattwerk einer Zimmerpflanze dazwischen, als würde die Natur ihr Recht zurückfordern. Drinnen, draußen - das Bild wird zur Schwelle der Realitäten. Delaunay übermalte 1912 in seinem Fensterbild, das im Zentrum den Eiffelturm zeigt, gleich den Rahmen mit. Bei dem Rembrandt-Schüler Gerrit Dou beugt sich eine alte Frau mit flackernder Kerze so weit über den Sims, dass sie den Betrachterraum zu beleuchten scheint. Die größte Illusion aber besteht darin, dass wir glauben, sie brennt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum Das Minsk in Potsdam (FR), die Ausstellung "24-2=2022" mit Werken der ukrainischen Künstlerinnen Alevtina Kakhidze und Renata Rara Kaminska in der St.-Matthäus-Kirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Gordon Matta-Clark: '(Ex)Urban Futures of the Recent Past'" in der Galerie Thomas Schulte (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2025 - Kunst

Novemver 14, 2020, 7:32 PM © Sam Youkilis

Nicht vorschnell sollte man über die Fotografien von Sam Youkilis urteilen, die im C/O Berlin zu sehen sind, rät Laura Helena Wurth in der FAS. Youkilis ist eigentlich auf Instagram unterwegs und postet dort seine Bilder, erklärt sie ("3261 Beiträge beiläufiger Sehnsucht"). Ein bisschen kitschig wirken seine Motive bisweilen schon, aber tatsächlich ist Youkilis ein scharf beobachtender "Chronist seines Alltags", betont Wurth: "Auf den Screens im Ausstellungsraum sieht man ein Kind mit Eiscreme auf Rollschuhen irgendwo durch Mexiko sausen und im nächsten Moment einen türkischen Eisverkäufer, der in rasender Geschwindigkeit das Eis zu Kugeln formt. Oder ungarische Rentner, die im seichten Wasser eines Thermalbades Schach spielen, zusammengeschnitten mit Sonnenanbetern in Italien. Es sind alltägliche Szenen, eigentlich Banales, Dinge, die oft nicht viel Beachtung erfahren, denen Youkilis hier eine Bühne gibt und so einen anderen Blick auf sie ermöglicht. Und auch wenn die Bilder oft den Eindruck erwecken, dass ein Filter über ihnen liegt, arbeitet er ohne; auf das perfekte Licht muss er warten. Er verwendet lediglich die normalen Bildbearbeitungstools, die das iPhone und Instagram anbieten."

Besprochen werden die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum "Das Minsk" in Potsdam (Welt) und die Ausstellung Noa Eshkol - Textile Traces" in der Galerie Neugerriemschneider in Berlin (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2025 - Kunst

Der amerikanische, in Berlin lebende Künstler Fareed Armaly lehnt den Käthe Kollwitz-Preis ab, meldet die Berliner Zeitung mit Bezug auf einen Brief, den Armaly schon im August an die preisverleihende Akademie der Künste geschrieben hatte. Grund sei der "verstörende Trend zur Zensur in Deutschland." Dabei dient ihm "Kollwitz' Leben und Werk zur Rechtfertigung seiner Entscheidung, denn sie sei Künstlerin und Aktivistin gewesen, das Politische habe sich bei ihr mit dem Persönlichen und ihrer Kunst verbunden." Der Künstler gibt an, "eine Verschiebung zum Reaktionären zu erkennen, die darauf abziele, die Stimmen derer, die unter Bezugnahme auf das Völkerrecht für die Rechte der Palästinenser eintreten, zum Schweigen zu bringen. (...) In diesem Kontext der Einschüchterung schienen sich auch liberale Kulturinstitutionen selbst zu zensieren. All dies trage strukturell zur 'fortgesetzten Entmenschlichung der Palästinenser' bei. Wenn er seine Stimme als Künstler bewahren wolle, müsse er den Preis ablehnen."

Max Liebermann, Gartenlokal in Laren, um 1903, Foto: Oliver Ziebe.


Die Liebermann-Villa am Wannsee ist ein geschichtsträchtiger Ort, das möchte die Kuratorin Viktoria Krieger auch mit der neuen Ausstellung "Im Fokus. Gesammelte Geschichten. Liebermanns Werke und ihre Wege" zeigen, was Tagesspiegel-Kritikerin Elke Buchholz sehr begrüßt. Um Liebermanns "außerordentliche Bedeutung im Kulturleben seiner Zeit noch stärker in die Öffentlichkeit bringen" zu können, war das Haus auf Leihgaben angewiesen, erklärt Buchholz: "Fast durchweg sind es großzügige Dauerleihgaben, die auf oft verschlungenen Pfaden zurück an den Wannsee fanden. Erst neulich hat sich wieder ein Privatsammler gemeldet, der lieber ungenannt bleiben möchte. Sein winziges Skizzenblatt hängt jetzt im Entree, als jüngster Neuzugang. Flott und flüchtig hat Liebermann, vielleicht selbst mit auf der Caféterrasse sitzend, 1893 die Leute im Kurort Wildbad festgehalten."

In der FAZ rät Stefan Trinks dringend, die neue Dauerausstellung "Trau deinen Augen" in der Kunstsammlung Gera zu besuchen, lässt sich doch hier die ganze Schaffensbreite von Otto Dix betrachten: Von seinen neusachlichen Werken bis zum Nachkriegswerk, das vor allem durch den Mangel an Farben und Materialien geprägt ist: "Nach dem Krieg wechselt er die christliche Identifikationsfigur und sieht sich jetzt als 'Hiob'. Das 1946 entstandene nun wieder expressiv und pastos-fahl-fehlfarbene Bild - die Schwären auf dem Leib der Leidensinkarnation Hiob etwa sind antinaturalistisch hellblau, weil seinerzeit nicht mehr alle Farben zu bekommen waren und erst einmal auf die weniger beliebten zurückgegriffen werden musste - ist ein gemaltes Mahnmal. Dix zeigt seinen vergesslichen Landsleuten, die plötzlich alle Widerständler waren, dass de facto nur einige wenige in den eben erst vergangenen 'tausend Jahren' die unmenschlich harte Prüfung Gottes auf sich nahmen - und überlebten. Die Bohlen des verkohlten Dachstuhls über dem prophetischen Mahner krümmen sich zu einer zerborstenen Swastika."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Modell Neutralität" im Aargauer Kunsthaus (NZZ), die sich mit der politischen Dimension von Kunst auseinandersetzt und dabei ein ums andere Mal in Schweiz-Klischees tappt, wie Kritiker Philipp Meier betont.