Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2026 - Film

Grimmiges Menschenbild, heiter serviert: "Send Help" von Sam Raimi

Mit rustikalen Horror-Grotesken wie dem hierzulande insbesondere aufgrund eines langjährigen Verbots berüchtigtem "Tanz der Teufel" ist Sam Raimi groß geworden, später drehte er Aufsehen erregende Spider-Man-Filme. Mit "Send Help" widmet er sich nun den geschlechtspolitischen Dynamiken einer Robinsonade: Wer behält in der Wildnis die Oberhand, Chef oder Angestellte, Mann oder Frau? Im Grunde bleibt Raimi seinen Wurzeln treu, notiert Karsten Munt im Perlentaucher: Der Film funktioniert "ebenfalls mit dem Holzhammer, teilt allerdings in einem ganz anderen Genre aus. Raimi macht Horrorfilme, auch wenn er mal keinen Horrorfilm macht." Die satirischen Aspekte sind vielleich etwas fade geraten, aber das ändert sich im Laufe: "Wenn 'Send Help' über die Stränge schlägt, dann nicht in seiner Klassenkampf-Allegorie, sondern dort, wo hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzt, närrische Match Cuts Erzählmotive verschnüren und ein Crash Zoom oder eine über den Dschungelboden gleitenden Kamera Unheil verkünden." Tazler Benjamin Moldenhauer sieht in dem Film das "äußerst grimmige Menschenbild" aus Raimis frühen Filmen am Werk. Zu sehen sind Menschen "in ihrer Unterwerfungskompetenz, Eitelkeit und Karriere- oder schlicht Geldgeilheit." Doch der Film "kippt nicht ins Misanthropische. Einfach, weil seine doch radikale Negativität eine ausgesprochen heitere ist." Weitere Kritiken in FR und Standard.

Außerdem: Rosalba Vitellaros zum Holocaust-Gedenktag im EU-Parlament gezeigter Animationskurzfilm "La Storia di Sergio" erinnert an die Ermordung von Kindern in Auschwitz im Zuge von Menschenexperimenten, berichtet Nicholas Potter in der taz. Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Simon Verhoevens gleichnamige Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (Standard, Tsp, Welt, FR) und Teona Strugar Mitevskas "Mother" mit Noomi Rapace als Mutter Theresa (NZZ).
Stichwörter: Raimi, Sam, Robinsonade

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2026 - Film

Mädchenfreundschaften unter dem Blick der Nonne: "Little Trouble Girls" von Urška Djukić

Katharina Böhm ist in der taz sehr fasziniert von Urška Djukićs Debütfilm "Little Trouble Girls", der vom sexuellen Erwachen eines Mädchens unter den strengen Augen einer Nonne und unweit "schwitzender Bauarbeiter" erzählt. Was die Slowenin "daraus macht, ist dann erstaunlich frei von Nonnen- wie Bauarbeiterklischees und handelt weniger von Sex als von Sinnlichkeit." Deswegen "ist es kein Zufall, dass ihr Ohr das Erste ist, was man von ihr sieht. ... Es ist die Chorprobe, in der Lucija und Ana Maria sich das erste Mal begegnen, und Lucijas Sinne sind voll auf Empfang gestellt. Sie guckt das fremde Mädchen nicht nur an, sie studiert es. Hört nicht nur den Bibeltext, der vorgelesen wird, sondern bemerkt das Summen der Fliege auf dem Kronleuchter. Wie Haarsträhnen um Finger gewickelt und heimlich SMS getippt werden. Es passiert viel zu selten, dass die Tonebene im Film die gleiche Zuwendung erfährt wie das Bild. ... Die Szenen zwischen den Schülerinnen erzählen in jedem Fall Schönes und Schmerzhaftes davon, wie komplex Mädchenfreundschaften sein können."

Leonard Krähmer von critic.de war weniger angetan: "An botanisch-plakativer Metaphorik findet Djukić sichtlich Gefallen. Von der Nahaufnahme eines Mädchennabels schneidet sie auf eine Blüte, die von einer Biene bestäubt wird. Mehrfach zeigt 'Little Trouble Girls' mit Musik unterlegte Blumen in Nahaufnahme. ... Obwohl Djukić eine beeindruckende und taktile Sensibilität für die Erfahrungsräume weiblicher Adoleszenz beweist, laboriert 'Little Trouble Girls' am typischen Debütfilm-Syndrom, möglichst viel von dem anzudeuten, was nach Beherrschung der filmischen Form aussieht", was dazu führt, "dass sich die großen Bilder, die am Ende reihenweise aufgefahren werden (Achtung: Chornonnen am Wasserfall), in ihrem Formwillen gegenseitig abnutzen."

Weitere Artikel: Wolfgang Hamdorf resümiert im Filmdienst das Filmfestival Max Ophüls Preis, wo der deutsche Filmnachwuchs vor allem seine Sorgen zum Ausdruck brachte: "Der satirisch-poetische Blick auf die Gesellschaft der Zukunft korrespondierte in Saarbrücken mit dem düsteren Blick junger Filmemacher auf die Gegenwart." Ulf Lippitz spricht im Tagesspiegel mit Simon Verhoeven, der in seinem neuen, auf Zeit Online besprochenen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff) seine Mutter Senta Berger inszeniert hat.

Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (critic.de, mehr dazu bereits hier), Koya Kamuras "Winter in Sokcho" (critic.de) und Sam Raimis Survivalthriller "Send Help" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2026 - Film

Harte Schale, fürsorglicher Kern: "Heated Rivalry"

Diese Serie ist "großer subversiver Pop", schreibt Rabea Weihers, die auf Zeit Online darüber nachdenkt, warum die demnächst auch in Deutschland startende HBO-Serie "Heated Rivalry" über die romantische und sexuelle Annäherung zweier homosexueller Eishockeyspieler insbesondere von Frauen zu so einem Erfolg gemacht wurde. "Kampfmaschinen" sind diese Männer nur auf dem Eis, aber "privat entwickeln sie sich im Laufe der Serie zu Idealtypen, wie liberale, progressive Heterofrauen sie sich wohl vorstellen: umsichtig, fürsorglich, aufrichtig, bei sich." Damit "führt die Serie ein neues Narrativ von Männlichkeit in die Popkultur ein. ... Sie zeigt Männer in so leidenschaftlicher Tiefenschärfe, wie" Frauen "sie selbst gern erleben würden."

Tobias Sedlmaier steht der Serie in der NZZ skeptisch gegenüber. Nicht nur stört ihn, wie "erstaunlich klinisch und mechanisch" hier "makellos-muskulöse Männerkörper" inszeniert sind. Auch wundert ihn, dass kaum problematisiert wird, dass die Serie mit queeren Inhalten vor allem auf ein heterosexuell-weibliches Publikum schielt, was in der schwulen Szene durchaus für Stirnrunzeln sorgt. "Die omnipräsente Euphorie über 'Heated Rivalry' überdeckt die Kritik an Stereotypen, die leise auch aus der queeren Community zu hören ist: Echte Homophobie ist nur angedeutet, das Versteckspiel der beiden hingegen romantisiert. Die Vielfalt homosexueller Lebensweisen wird stellvertretend in ein abgenutztes Romance-Schema gepresst. Womöglich liegt es an der Sympathie für die gute Sache, dass "Heated Rivalry" oft mit Samthandschuhen angefasst wird."

Die Spielszenen überzeugen: "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren"

Tazler Wilfried Hippen kann Wilfried Haukes auf Grundlage von Astrid Lindgrens Tagebüchern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandener Doku-Fiction "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" zwar einiges abgewinnen: Die Spielszenen sowie das Archivmaterial überzeugen. "Allerdings problematisch" wird der Film oft dann, wenn sich die Erben der schwedischen Kinderbuchautorin "in arg gestellten Gesprächsszenen" ins Bild drängen. "Da wird auch deutlich, dass dies ein von der Familie autorisierter Film ist (Urenkel Johan Palmberg wird im Abspann als executive producer genannt). So wirken diese Sequenzen zu oft wie Homestorys, in denen all die schön restaurierten Wohnungen und Häuser der Lindgren-Familie vorgestellt werden. Spätestens bei den werbespotartigen Aufnahmen vom Vergnügungspark 'Astrid Lindgrens Värld' kann man schon von Product-Placement sprechen." Zuvor hatte der Filmdienst mit dem Regisseur gesprochen (unser Resümee).

Weiteres: Der Tages-Anzeiger übernimmt aus La Republicca ein Gespräch mit Gwyneth Paltrow über ihr Kino-Comeback in Josh Safdies "Marty Supreme" an der Seite von Timothée Chalamet. Besprochen wird Thilo Mischkes ZDF-Dokuserie "German Guilt", in dem der Journalist gemeinsam mit Ronja von Rönne und Katja Riemann die eigenen Familiengeschichten aus dem Nationalsozialismus zu rekonstruieren versucht (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2026 - Film

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Reinhard Kleber spricht für den Filmdienst ausführlich mit Wilfried Hauke über dessen dokumentarische und fiktionale Elemente kombinierenden Porträtfilm "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren". Für den eng mit Lindgrens Erben entstandenen Film ließ er sich von den zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandenen Tagebuch-Aufzeichnungen der schwedischen Kinderbuchautorin leiten. "Überrascht hat mich Lindgrens analytische Begabung, wenn sie die Kriegsereignisse verfolgt und erkennt, was da mental falsch läuft. ... Warum es in Norwegen eine starke Nazi-Fraktion gibt" oder "wie sich die Finnen so tapfer gegen die Russen wehrten, während die Dänen bis zum Abwinken mit den Nazis kollaborierten. ... Diese Analysen stammen von einer Mutter mit zwei Kindern, die als Sekretärin ausgebildet ist. Sie ist keine Historikerin, keine Kulturwissenschaftlerin, sondern eine Frau, die vom Bauernhof kommt, die viele Bücher liest und ein Talent fürs Erzählen hat. ... Der entscheidende Punkt, darüber einen Film zu machen, war jedoch ein anderer. Hier versucht jemand, einen literarischen Stil zu finden" und "das gelingt Lindgren in wachsendem Maße. Hier schreibt sich jemand frei."

NZZ-USA-Korrespondent Marc Neumann staunt, dass die "South Park"-Macher Trey Parker und Matt Stone mit ihren respektlos anarchischen Grotesken gerade nicht nur die Trump-Administration derbe der Lächerlichkeit preisgeben, sondern damit auch Zuschauerrekorde einfahren und zumindest bislang keinen Repressionen ausgesetzt sind. Dabei läuft die Animationsserie sogar auf Paramount. Und "Paramount hat angeblich unter Druck von Trump unter anderem Steven Colberts 'Late Night Show' abgesetzt. Mit Trey Parker und Matt Stone ... unterzeichnete Paramount erst in diesem Frühsommer einen Fünfjahresvertrag über 1,25 Milliarden Dollar. ... Der Erfolg von 'South Park' ist der Grund, warum Trump es unterlässt, sich dagegen zu wehren. Er würde den Sendungsmachern bloß noch mehr Aufmerksamkeit bescheren. Einzig zu Beginn von Saison 27 gab das Weiße Haus ein laues Statement ab, die Show sei seit zwanzig Jahren irrelevant und buhle verzweifelt um Aufmerksamkeit. Seither kam nichts mehr."

Weiteres: Die Agenturen melden, dass beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken Ben Voits Berlin-Film "Gropiusstadt Supernova" den Hauptpreis gewonnen hat (hier Ausschnitte aus dem Film sowie ein Gespräch mit den Machern). Sophia Zessnik sorgt sich in ihrer taz-Kolumne um den Fortbestand der Kinos in den Großstädten. Geschichtslehrern, die ihren Schülern die DDR vermitteln wollen, rät Michael Pilz in der Welt dazu, für ihren Unterricht auf Frank Beyers Film "Spur der Steine" zurückzugreifen, der seinerzeit rasch im Giftschrank der SED verschwand. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Drehbuchautor und Regisseur Christopher Hampton zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die HBO-Serie "The Pitt" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2026 - Film

Beklemmende Ambivalenzen: "White Snails" von Elsa Kremser und Levin Peter

Das deutsch-österreichische Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter war bislang vor allem für dokumentarische Arbeiten bekannt. Diese sind "Kunstwerke einer marginalen Sensibilität, eines dezidierten Gegenblicks zu panoptischer Überwachung und Panoramen der Macht", schreibt Bert Rebhandl im Standard. Ihr neuer Film "White Snails" ist zwar fiktiv, aber dokumentarisch grundiert und erzählt von einem Model und einem Bestattungsarbeiter in Belarus. Was auf den ersten Blick nicht sonderlich politisch wirkt, offenbart sich bei genauerem Hinsehen dann aber doch als genau das: Es "ist eine Geschichte, die alles Offizielle, Institutionelle meidet, und die nach einem Bereich sucht, der eben nicht einfach das Private ist, sondern etwas Größeres: etwas Persönliches, das auch latent subversiv ist." Es geht "um einen entscheidenden, auch politischen Aspekt des heutigen Belarus - um die Frage, ob man in diesem Land (noch) leben kann. Masha ist dabei die gefährdetere der beiden, bei ihr haben Ideen von Weggehen eine beklemmende Ambivalenz."

"Hollywood belohnt wieder ernsthaftes, politisches Kino", jubelt Tobias Sedlmaier in der NZZ angesichts der sechzehn, respektive dreizehn Oscarnominierungen für Ryan Cooglers "Blood & Sinners" (unser Resümee) und Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik). Denn: Beide Filme "sind vielschichtige Spiegel des Zeitgeschehens". Doch Vorsicht, sagt der Perlentaucher: Man hat auch schon zweistellig nominierte Filme gesehen, die am Ende leer ausgegangen sind. Mladen Gladic von der Welt sieht in den beiden Filmen nur die prominentesten Beispiele eines sich formierenden Gegenwartskinos, das "als Allegorie dessen, was alles falsch läuft in den USA ... verstanden werden" kann. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die darüber hocherfreute FAZ-Kritikerin Sandra Kegel, die im übrigen auch Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (unsere Kritik), der es nun doch nicht in die Nominierungen geschafft hat, keine Träne nachweint: "Die Kunstanstrengung steht in den drei Filmstunden herum wie ein Grabstein, der nicht verwittert."

Weiteres: Tobias Sedlmaier porträtiert in der NZZ die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler, die aktuell in Ildikó Enyedis "Silent Friend" (unser Resümee) zu sehen ist. Agententhriller aus Hollywood zeichnen ein völlig falsches Bild beruflichen Alltag eines Spions, erklärt Clara Nack in der taz.

Besprochen werden Chloé Zhaos "Hamnet" (dieser Film "gibt dem wabernd überwältigend Menschlichen eine ästhetische Form", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ, mehr zum Film hier), Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (WamS, FAS), Timur Bekmambetows Science-Fiction-Film "Mery" mit Chris Pratt (Standard) und Nicole Schergs vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Wise Women" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2026 - Film

16 Nominierungen für "Blood & Sinners" - Rekord!

Die Oscarnominierungen sind bekannt gegeben. Ryan Cooglers antirassistischer Splatter-Horror-Western "Blood & Sinners" (unser Resümee) bricht mit 16 Nominierungen alle Rekorde, dicht auf den Fersen ist ihm Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) mit 13 Nominierungen. "Dass die beiden Favoriten ausgerechnet von Warner Bros. produziert wurden, ist eine pikante Pointe", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest. "Um das Traditionsstudio ist in den vergangenen Monaten ein unerbittlicher Bieterstreit zwischen Netflix und Paramount entbrannt. In puncto Dominanz von Box-Office, Streamingmarkt und jetzt auch Oscars könnte sich der Warner-Deal für die Netflix-Bilanz als wegweisend herausstellen. Denn in einem Kinojahr, das stärker denn je von Franchises dominiert war, ist die Anerkennung von singulären Filmen wie 'Blood & Sinners' und 'One Battle After Another' ohne eine angehängte Verwertungskette zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer."

Die deutsche Oscarhoffnung, Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" (unsere Kritik), hat es derweil nicht bis in die finalen Nominierungen für den besten internationalen Film geschafft. Das braucht sich die Regisseurin "aber nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen", tröstet David Steinitz in der SZ, "denn so hart wie diesmal war die Konkurrenz in dieser Kategorie selten. In die Endauswahl geschafft haben es der brasilianische Thriller 'The Secret Agent' mit 'Narcos'-Star Wagner Moura, die iranische Tragikomödie 'Ein einfacher Unfall' (die durch Frankreich eingereicht wurde, weil der Regisseur Jafar Panahi in seiner Heimat politisch verfolgt wird), das gefeierte spanisch-französische Drama 'Sirāt', das Gaza-Drama 'Die Stimme von Hind Rajab' und die norwegische Familientragikomödie 'Sentimental Value'." Außer "Hind Rajab" hatten alle Filme in Cannes Weltpremiere: Sie "unterstreichen mal wieder mehr als deutlich den Ruf der Croisette als bedeutendstes Filmfestival der Welt."

Weitere Artikel: In seiner "Cinema Moralia"-Glosse auf Artechock ärgert sich Rüdiger Suchsland unter anderem über eine "geschwätzige" Pressemitteilung der Europäischen Filmakadamie, die für die ganze Welt Empathie aufbringt, nur nicht für die Opfer und Hinterbliebenen des 7. Oktobers. Patrich Heidmann spricht für epdFilm mit Chloé Zhao über deren "Hamnet"-Film. Gerhard Midding versenkt sich für epdFilm in die düsteren Soundtrackwelten von Hildur Guðnadóttir. Dunja Bialas verzweifelt auf Artechock, dass das vor einem Jahr geschlossene Münchner Traditionskino am Sendlinger Tor unter dem Titel "Das neue Dings" als Eventlocation wiedereröffnet wird, in der nur äußerst ausnahmsweise auch mal ein Film gezeigt wird. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst die Verleihung des Europäischen Filmpreises. Rumeysa Ceylan blickt für die taz auf den Social-Media-Hype insbesondere unter Frauen um die HBO-Serie "Heated Rivalry", in der es um schwule Eishockeyspieler geht. In der FAZ legt uns Wiebke Hüster das filmische Begleitprogramm der Hamburger Ausstellung "Die Botschaft der Wildtiere" ans Herz.

Besprochen werden Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" (critic.de, Artechock, epdFilm, mehr dazu bereits hier), Leela Vargheses und Emma Hough Hobbs' Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (FAZ, unsere Kritik), Timur Bekmambetovs "Mercy" (Artechock), Vinciane Millereaus "Die progressiven Nostalgiker" (Artechock), Tim Dünschedes "Die Drei ??? - Toteninsel" (Artechock) und die Amazon-Serie "Steal" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2026 - Film

Szene aus Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab"

Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" wurde schon bei der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig sowohl gefeiert, aber auch kontrovers diskutiert (unsere Resümees). Der Film erzählt anhand von Tonaufzeichnungen aus Perspektive einer Notruf-Einsatzzentrale von den letzten Lebensminuten des palästinensischen Mädchens Hind Rajab, das bei einem israelischen Angriff auf Gaza-Stadt getötet wurde und per Telefon um Hilfe rief. Dass dieser Fall schrecklich ist, steht für Menschen mit Empathievermögen unabhängig von politischer Positionierung völlig außer Frage, schreibt Chris Schinke in der taz. Aber er stellt sich auf Fragen zum Gestus und ob es richtig ist, das Massaker vom 7. Oktober als Kontext auszublenden. Es "ist ein Film, der vehement emotionalisieren, der wachrütteln, der erschüttern soll. Ein erzählerisch grobschlächtiger, beinahe schon erpresserischer Gestus." Zwar "darf ein Film radikal einseitig, durchaus auch parteiisch sein. Die Frage ist vielmehr, ob die erzählerisch-ästhetischen Setzungen bei Zuschauern zu einer vielversprechenden Auseinandersetzung führen. 'The Voice of Hind Rajab' lässt mit seinem Überwältigungsgestus eine solche kaum zu, sondern erzielt seinen emotionalen Effekt auf Kosten des Originalmaterials, bei dem sich die Frage stellt, ob die Stimme eines toten Mädchens instrumentell zum Gegenstand von Dramatisierung werden sollte."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah den Film völlig anders, widerspricht sich aber auch ein wenig selbst: "Beim Filmfestival Venedig versetzte die Regisseurin das Premierenpublikum in gebannte Anspannung, die sich in den angeblich längsten dokumentierten Ovationen der Festivalgeschichte von 23 Minuten entlud." Doch gibt es laut Kothenschulte "keine unangemessene Emotionalisierung, nichts wird einer dramaturgischen Zuspitzung oder einer Spannungsdramaturgie untergeordnet." Was denn nun?

Auch SZ-Kritiker Moritz Baumstieger fragt sich, ob "man stundenlange Aufzeichnungen eines fünfjährigen Kindes nutzen darf, um einen emotionalen Effekt zu erzielen", wischt diese Bedenken aber schnell weg, denn schließlich haben die Eltern ihr Okay gegeben. Dass der Film keinen Kontext liefert, hält er derweil für einen Vorteil, so werde wenigstens niemand "dämonisiert. ... Dass bei dieser Herangehensweise kein ausgewogener Film mit Informationscharakter herauskommt, ... ist logisch." Zwar "kann man es falsch finden, in Zeiten von KI-Fakes und allgemeiner Verwirrung mutwillig Fakten und Fiktion zu vermischen. Doch jedem, den das stört, steht es frei, sofort nach dem Abspann wieder von Emotion auf Ratio zu schalten."

Weitere Artikel: Die Deutsche Kinemathek eröffnet ihr auf zehn Jahre (und womöglich länger) angelegtes Provisorium im Berliner E-Werk, berichtet Michael Meyns in der taz. Daniel Kothenschulte spricht in der FR mit Chloé Zhao über ihr Shakespeare-Drama "Hamnet". Katja Nicodemus sendet in der Zeit eine Notiz von Rosa von Praunheims Beerdigung.

Besprochen werden Leela Vargheses und Emma Hough Hobbs' Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (Perlentaucher, Tsp), die DVD-Ausgabe von Francis Lawrences Stephen-King-Adaption "The Long Walk" (taz), Tim Dünschedes neuer "Die Drei ???"-Film (Welt), Ildikó Enyedis "Silent Friend" (Jungle World, mehr zum Film hier), Paul Feigs "The Housemaid" (NZZ, unsere Kritik) und Ronja von Rönnes und Thilo Mischkes ZDF-Doku "German Guilt" über die Suche in den eigenen Familien nach NS-Tätern (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2026 - Film

Die Berlinale hat ihr Programm bekannt gegeben. Es ist der zweite Jahrgang unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle. "Die ganz großen Spitzentitel des anstehenden Kinojahres, um die sich die drei großen europäischen Festivals traditionell reißen", sind nach mittlerweile alter Sitte auch in diesem Jahr mal wieder nicht dabei, seufzt David Steinitz in der SZ. "Regieprominenz" vom Kaliber eines Richard Linklaters, den Tuttle 2025 nach Berlin locken konnte, fehlt tatsächlich, stellt tazler Tim Caspar Boehme fest, aber immerhin sind ein paar Namen dabei, die engagierte Beobachter des internationalen Autorenkinos auf dem Zettel haben können. Aus Deutschland sind Ilker Çatak, Angela Schanelec und Eva Trobisch im Wettbewerb. Doch wächst der Zweifel, ob jene, "die einen stetigen Bedeutungsverlust der Berlinale im Vergleich mit ... Cannes und Venedig beklagen, nicht doch recht haben könnten".

Im Tagesspiegel beschleicht Andreas Busche zunehmend der Eindruck, dass auch Tuttle "gegen die Markt-Konzentration im internationalen Festivalzirkus machtlos ist. Das relativiert ein wenig die Kritik an ihrem Vorgänger, dem gelegentlich eine 'Verzwergung' der Berlinale vorgeworfen worden war." Carlo Chatrian wurde ja recht unschön von der Kulturpolitik und unter Applaus von Teilen der Presse abgesägt, unter anderem, weil er angeblich zu wenig Stars auf den Roten Teppich gebracht habe. Stimmt also wenigstens die Star-Power? Mit einer kleinen Handvoll Stars - die meisten im Herbst ihrer Karrieren - ist zwar zu rechnen, meldet Jörg Gerle im Filmdienst, aber nur abseits des Wettbewerbs. "Das Kino, das Tuttle und ihr Team für ihren Wettbewerb präferieren, ist dagegen eher unglamourös: An der Spree glüht man für das Kino mit Anspruch."

Außerdem: Bert Rebhandl ist im Standard überzeugt, dass Jessie Buckley mit ihrer Rolle in Chloé Zhaos (in taz, Standard und FAZ besprochenem) Shakespeare-Drama "Hamnet" den Oscar schon gewonnen hat. Der Filmdienst meldet die Nominierten für den Preis der deutschen Filmkritik. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Geena Davis zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Joe Carnahans Netflix-Thriller "The Rip" mit Ben Affleck und Matt Damon (Standard),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2026 - Film

Besprochen werden Chloe Zhaos Shakespeare-Drama "Hamnet" (NZZ, mehr dazu bereits hier),  Alexe Poukines "Madame Kika" (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (Welt) und Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2026 - Film

Noch bis zum 25. Januar läuft im Berliner Zeughauskino das Nachspiel einiger Filme der von Tilman Schumacher (der auch für den Perlentaucher als Kritiker tätig ist) ursprünglich für DOK Leipzig kuratierten Reihe "Un-American Activities" (unser Resümee) mit us-amerikanischen Filmen, die zur Zeit der DDR bei DOK Leipzig im Programm liefen. Aus diesem Anlass hat Cargo Schumachers großen Essay zur Reihe online freigeschaltet. "Was ist es, was die Filme enthüllen? Ich denke, sie treibt vor allem die Offenlegung einer sehr amerikanischen Rhetorik der Macht um. De Antonios Filme kreisen um medial vermittelte Mechanismen des Machterhalts und -missbrauchs. Dialog- und Monologexzesse wie 'Point of Order' (1964) und 'Milhouse - A White Comedy' (1971) sind Found-Footage-Montagen, die nicht weniger als eine Demontage der schillernden Führungsfiguren des ultrakonservativen Amerikas zum Ziel haben. De Antonios Filme sind scharf, kantig, ätzend; es sind persönliche Feldzüge, ohne Rücksicht auf Verluste." Doch "handelsübliche Agitprop war ... eher die Ausnahme als die Regel." Diese Filme "gehen in Konfrontation mit dem eigenen Land, dessen Versprechen sie nicht eingelöst sehen. Sie haben die Hoffnung auf die USA - trotz allem - noch nicht aufgegeben."

Weitere Artikel: Mit Ausnahme von Jafar Panahis Rede und eines Seitenhiebs Richtung Donald Trump war die Verleihung des Eurpäischen Filmpreises, bei der Joachim Triers "Sentimental Value" als bester Film ausgezeichnet wurde, ein "eher unpolitischer Abend", berichtet Jenni Zylka in der taz. Für den Standard resümiert Valerie Dirk den Abend. Denis Sasse widmet sich im Filmdienst Patchwork-Family-Filmen. Besprochen werden Chloé Zhaos Shakespeare-Drama "Hamnet" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und Wilfried Haukes mit Spielszenen angereicherte Kinodoku "Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren" (SZ).