Bestellen Sie bei eichendorff21!Dringend empfiehlt Jens Malling auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ den Bildband "Ukrainian Modernism" des ukrainischen Fotografen Dmytro Solowjow, der ihm Einblicke in das nicht erst durch den russischen Angriff bedrohte reiche modernistischeSowjet-Erbe der Ukraine gewährt: "Gerade die Achtziger waren die Dämmerjahre der Sowjetunion. Eine Zeit, in der Designer, Architekten und Künstler scheinbar freie Hand hatten. In der ihrem Vorstellungsvermögen keine Grenzen mehr gesetzt waren. In der ihre Schöpferkraft keine Rücksicht mehr nehmen musste. Eine Zivilisation hatte ihren Zenit erreicht. Eine Weise, die Gesellschaft einzurichten, kulminierte. Und dasselbe galt für die Art, Fakultäten, Forschungsinstitute, Theater, Bahnhöfe, Busbahnhöfe, Kulturhäuser und Kinos zu gestalten."
"Franklin Village" in Mannheim. Büro Sauerbruch Hutton. Foto: Jan Bitter Wo bleibt das Wagemutige, Verrückte in der Architektur der Gegenwart, fragt sich Nikolaus Bernau in der taz, der überall nur noch Vorsicht vor Baukosten und Bauregeln in Deutschland walten sieht. Auch im "Franklin Village" in Mannheim, für das das Berliner Büro Sauerbruch Hutton nun den vom Bundesbauministerium und der Bundesarchitektenkammer verliehenen Deutschen Architekturpreis erhielt: "Es ist ein Intimität und Gemeinschaftlichkeit versprechender Wohnungsbau mitten in einem einstigen Kasernengelände. Meist angenehme drei Geschosse, große Grünhöfe, alles in Holz gebaut, in sorgfältig detaillierter Serie. Das ist werthaltig. Nur Mietwohnungen gibt es, die ihre NutzerInnen nicht mit Riesenkrediten belasten, die Grundrisse in unterschiedlichsten Formaten, davon mehr als zehn Prozent sozial gefördert und in enger Abstimmung mit den künftigen BewohnerInnen entwickelt. Kurz: 'Beim Franklin Village' von Sauerbruch Hutton kommt vieles von dem zusammen, was derzeit die Baupolitik fordert."
Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Ann-Kristin Tlusty Marilyn Monroes Therapeutin Erika Freeman, die den Holocaust überlebte und nun mit 98 Jahren, den für die Öffentlichkeit gesperrten Balkon der Wiener Hofburg, auf dem Hitler den "Eintritt" seiner "Heimat in das Deutsche Reich" verkündete, zurückerobern will. In der FAZ bewundert Ulf Meyer auf der kleinen Insel Naoshima Tadao Andos"New Museum of Art".
Hannes Hintermeier bestaunt für die FAZ das Werk der indischen Architektin Anupama Kundoo in der Ausstellung "Reichtum statt Schönheit" im Architekturzentrum Wien. Kundoo setzt dem westlichen Beton- und Expansionswahn Bauten wie ihr "Wall House" entgegen: "Das luftige, nach mehreren Seiten mittels Klappelementen zu öffnende Wall House ist nach seinen zweistöckigen unverputzten Ziegelmauern benannt. Diese Tonziegel werden vor Ort in temporären Öfen gebrannt, die nach dem Brennvorgang Backstein für Backstein zerlegt und verbaut werden, um dann wieder Feldern Platz zu machen. Die Ziegel sind dünn und unregelmäßig; mit Kennerschaft gefügt, tragen sie auch große Lasten. Gleiches gilt für die gewölbte Decke aus konischen, hohlen Tonkegeln, die ineinandergesteckt und auf der Außenseite von einer Schicht Ferrozement geschützt werden. Die Keramikdecke sorgt durch ihre Hohlräume für eine gute Klimatisierung."
Calder Gardens in Philadelphia. Foto: Herzog & de Meuron So ganz überzeugt ist Guardian-Kritiker Oliver Wainwright nicht von den Calder Gardens in Alexander Calders Geburtsstadt Philadelphia, die Herzog & de Meuron auf einem knapp fußballfeldgroßen Stückchen Land zwischen zwei Highways als halb unterirdisches Labyrinth angelegt haben. Jacques Herzog fühlte sich ungewöhnlich frei bei dem Entwurf, erzählt er Wainwright, sein Auftraggeber, Calder-Enkel Sandy Rower, wusste allerdings sehr genau was er nicht wollte: ein klassisches Museum. Und da beginnen für Wainwright die Schwierigkeiten, denn Informationen über den Künstler findet er kaum. "Sein Enkel beschreibt das Projekt als eine Art spirituelle Suche. Rower bezeichnet den Komplex als Hypogäum, also einen unterirdischen Tempel oder eine unterirdische Grabstätte, und nennt ihn 'einen heiligen Ort der Selbstkultivierung' - und tatsächlich hat der Ort etwas Ritualistisches an sich. Die Besucher werden auf eine theatralische Reise voller Kompression und Entspannung mitgenommen, durch dunkle Gänge geführt, dann in unerwartet luftige Galerien gestoßen, eingeladen, um Ecken zu spähen, sich in Nischen zu setzen und versunkene Gärten zu erkunden, um das Werk auf ihre eigene Weise zu entdecken, ohne dass ein Wandtext in Sicht ist. Die Idee ist nicht, zu fragen, wann und wie diese Skulpturen entstanden sind oder was sie bedeuten könnten, sondern sich einer rein ästhetischen Begegnung hinzugeben und mit Calders beweglichen Kreaturen in dieser kuriosen unterirdischen Menagerie zu kommunizieren."
Dankwart Guratzsch beschäftigt sich in der Welt mit einem Trend in der Architektur hin zu Planbarkeit und computergestützter Optimierung. Im Standardbespricht Adelheid Wölfi Maximilian Hartmuths Buch "The Kaiser's Mosque", das sich mit orientalischer Architektur in der Habsburgermonarchie beschäftigt.
"Einer ebenso tiefen wie weit ausschweifenden Beschäftigung mit einem Ost-Phänomen", nämlich dem Plattenbau, kann Paul Jandl für die NZZ in der Ausstellung "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Potsdamer Haus "Das Minsk" nachgehen. Sechzig Künstler haben das architektonische Relikt in Szene gesetzt: "Von außen hat Uwe Pfeifer die Großsiedlungen immer wieder gemalt. Seine Bilder haben schon im Titel eine subversive Nüchternheit, heißen 'Beton und Steine', 'Antennendach', 'Fußgängertunnel' oder 'Wäscheleine im Nebel'. Bis in die Tiefe sind die Plattenbauten gestaffelt. Ihr Minimalismus der Form dehnt sich als städtebaulicher Größenwahn bis zum Horizont aus, als gäbe es dahinter keine Welt. Peter Herrmann lässt in einem Ölgemälde Natur und Kultur fast karikaturhaft aufeinandertreffen. Stilisierte Kühe grasen vor einem ebenso stilisierten Wohnblock und schauen selbstvergessen aus dem Bild."
Mit der Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße feiert Nils Minkmar in der SZ eine hoffnungsvolle Nachricht. Der Architekt Gustav Meyerstein hatte das Gebäude in den letzten Jahren der Weimarer Republik im Bauhaus-Stil entworfen, Rachel Salamander hat sich mit dem von ihr gegründeten Verein "Synagoge Reichenbachstraße e. V." für die Wiederherstellung eingesetzt: "es ist ein Bau, in dem man auf Zeitreise geht, aber nicht in eine idealisierte Vergangenheit, denn von hier aus, das flüstert der Bau in vielen Details, wird es aufwärts und vorwärts gehen. Es ist auch für Menschen, denen jede religiöse Musikalität fehlt, ein Weltraumbahnhof für das Denken neuer Zustände, eine Reise zur Utopie. Das Licht und die Leichtigkeit der Synagoge in der Reichenbachstraße, die in ihrer rekonstruierten Form zum ersten Mal seit 1945 wieder zu spüren sind, wecken augenblicklich, wenn man dort zu Besuch ist, eine lange eingeschlafene Vorstellungskraft."
Weiteres: Christian Schröder spaziert für den Tagesspiegel auf der Suche nach Bauhaus-Gebäuden durch Berlin.
Die Eröffnung hat zwei Jahre länger gedauert als geplant, aus zehn wurden vierzehn Millionen Euro Baukosten: Geschenkt, meint Hannes Hintermeier in der FAZ beim Anblick der durch das Engagement der Publizistin Rachel Salamander wiederhergestellten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße: "Die Glaselemente der Decke sind baubedingt nur noch im hinteren Teil von Tageslicht durchflutet. Ein bläuliches Licht lässt den Raum schimmern, es verleiht ihm eine Anmutung corbusierhafter Klassizität. Allein der gelbe Veroneser Marmor, der die Nische des Thoraschreins fasst, wirkt eher barock als Bauhaus. Manche Bänke wurden gerettet und aufgearbeitet, das neue Eichengestühl steht im Erdgeschoss, wo auch die Türen mit sechs Mattglasfeldern originalgetreu nachgebaut wurden. Gleiches gilt für die kugeligen Bauhaus-Deckenlampen und die zwei hohen Leuchten, die den Thora-Schrein rahmen, mundgeblasenes Glas, die Fassungen aus Messing nachgeschmiedet."
Casino Municipale. Michele Cirigliano: "Architektur des Glücks" Urs Bühler trifft sich für die NZZ mit dem Regisseur Michele Cirigliano, der in seinem Film "Architektur des Glücks" das Scheitern des von dem Architekten Mario Botta für 150 Millionen Franken entworfenen brutalistischen "Casino Municipale" in Campione d'Italia dokumentiert. Als größte Spielbank Europas geplant, stürzte das Gebäude die Gemeinde 2018 in den Ruin: "Die Polizei räumte die marode gewordene Spielbank wegen Missmanagements, Bilanzfälschung, Amtsmissbrauchs. Die Gemeinde, als alleinige Besitzerin auf Gedeih und Verderb mit dem Betrieb verbunden, stand mit 130 Millionen Euro in der Kreide. Die meisten der 2000 Einwohner verloren ihre Arbeit. So wurde eine der reichsten Gemeinden Italiens schlagartig zu einer der ärmsten (...) Man nennt Kasinos auch Spielhöllen; hier ergriff das Fegefeuer nicht nur ein paar Individuen, sondern ein ganzes Kollektiv."
Darius Ossami begleitet für die taz den Linken-Politiker DennisEgginger-Gonzalez beim Abendspaziergang durch Berlin-Steglitz, wo sich ihm mit der fast verwaisten Shoppingmall "Boulevard Berlin", Unmengen an ungenutzten Parkplätzen, dem seit Ewigkeiten eingerüsteten Steglitzer Kreisel und dem leerstehenden Bierpinsel ein Trauerspiel bietet: "Seit 2021 gehört der Pinsel der Immoma GmbH von Götz Fluck (...), die dort wieder Gastro einrichten will und auch andere Luftschlösser plant, verbunden mit dem Hinweis, man suche noch nach Finanziers. Aus der ursprünglich für dieses Jahr verkündeten Wiedereröffnung wurde nichts. Egginger-Gonzalez spricht von 'spekulativem Leerstand', da Fluck die Grundfläche, die durch einen Erbbauvertrag dem Land Berlin gehört, eigentlich kaufen will."
Die ehemalige Wassersperre zwischen Berlin-Kreuzberg und Alt-Treptow soll zu einem Museum werden, berichtet Julia Schmitz im Tagesspiegel. Jetzt sind in einem Architekturwettbewerb erste Entscheidungen gefallen. Mehr Informationen hier.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Ben Lerner: Transkription Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Er reist an die US-amerikanische Ostküste, um das letzte Interview mit seinem neunzigjährigen Mentor Thomas zu führen,…
Ines Geipel: Landschaft ohne Zeugen Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur…
Abdelwahab Meddeb: Das Licht von Marrakesch Aus dem Französischen von Beate Thill. "Das Licht von Marrakesch", dessen französische Vorlage im Frühjahr 2026 gleichzeitig in Frankreich erscheint, enthält eine Auswahl…
Maria-Sibylla Lotter: Opfer Was bedeutete es in der heutigen Gesellschaft, die Opferrolle zu erleben und Verwundbarkeit zu zeigen? Schwäche zu zeigen galt lange als Tabu. Heute kann, wer sich als Opfer…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier