Die Gedichte und Erzählungen Walter Benjamins standen bisher im Schatten seiner theoretischen Schriften. Dabei zeigt Benjamin in seiner dichterischen Arbeit ein bemerkenswertes literarisches Vermögen und eine große poetische Bandbreite. In den Gedichten findet man die Orientierung am hohen Ton Friedrich Hölderlins ebenso wie an der übermütigen Nonsense-Lyrik Christian Morgensterns. Die Erzählungen glänzen mit überraschenden Wendungen und dichten Sprachbildern. Die Edition versammelt sämtliche überlieferten poetischen Texte und Entwürfe Benjamins, darunter bislang unveröffentlichte Erzählvorhaben. Kommentar und Dokumente erschließen stoffliche Vorbilder und biographische Kontexte. Besonders die bedeutenden "Sonette auf Fritz Heinle", Benjamins Dichter-Freund, der sich 1914 das Leben nahm, erscheinen nun in einem anderen Licht: nicht nur als ein Echo auf die Dichtung Stefan Georges, sondern auch auf diverse im Umfeld des "Neuen Clubs" entstandene Lyrikformen, und vor allem: als kontinuierliche poetische Erinnerungsarbeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2024
Rezensent Wolfgang Matz scheint etwas zwiegespalten angesichts dieser von Chryssoula Kambas herausgegebenen Neuedition von Walter Benjamins Gedichten und Erzählungen als Teil der Kritischen Gesamtausgabe. Die Frage, ob Benjamin ein bedeutender Dichter war, lässt sich mit der Ausgabe allerdings erstmals seriös beantworten, findet er, da der Lyriker und Erzähler Benjamin hier zum ersten Mal chronologisch und trennscharf in einem Band vorgestellt wird. Eine innere Werkeinheit aber ergibt sich laut Matz nicht. Die Gedichte findet der Rezensent interessanter als die erzählenden Texte, weil sie das Bild Benjamins gut ergänzen, indem sie auf seine Vorbilder und Traditionslinien verweisen. George klingt für Matz in den Sonetten auf den toten Freund Fritz Heinle an, dann wieder erlangt Benjamin "gedankliche Eigenart", so Matz. Die editorische Genauigkeit der Ausgabe beeindruckt Matz, hat für ihn aber eine Kehrseite in der "extremen Philologisierung", bei der noch kleinste Korrekturdetails und Layouts wiedergegeben werden.
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