Lucian Hölscher

Neue Annalistik

Entwurf zu einer Theorie der Geschichte
Cover: Neue Annalistik
Wallstein Verlag, Göttingen 2003
ISBN 9783892446644
Kartoniert, 112 Seiten, 14,00 EUR

Klappentext

Angesichts der Vielfalt und Unversöhnlichkeit geschichtlicher Erfahrungsräume im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert stellt sich die Frage, wie die Geschichte noch als einheitliche Wirklichkeit gedacht werden kann. Der geschichtstheoretische Entwurf, der darauf eine Antwort gibt, schreibt den historischen Ereignissen eine für den Zusammenhang des geschichtlichen Kosmos zentrale, allerdings ganz neue Bedeutung zu: Als Knotenpunkte verknüpfen sie die unterschiedlichsten Geschichten zu einem sich stetig erweiternden Gewebe historischer Sinn- und Ereigniszusammenhänge. Das "annalistische" Geschichtsbild ist gegenwarts- und vergangenheitszentriert zugleich. Historisch zu denken ist allerdings nur eine unter vielen Möglichkeiten der Aneignung von und Orientierung in der Welt - wenn auch eine bislang außerordentlich erfolgreiche.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.07.2003

Lucian Hölscher ist "zu theorieverdorben", witzelt Marie Theres Fögen in ihrer lesenswerten Besprechung von Hölschers neuestem Buch, um einfach weiterzumachen. Auf den ersten fünfzig Seiten hatte der Autor mithilfe der Theoreme des Konstruktivismus (sehr charmant gemacht, sagt Fögen) den modernen Stand der Geschichtstheorie skizziert und war zu der für einen Historiker unbequemen Einsicht gekommen, dass Tatsachen nun einmal Ergebnisse von Wahrnehmung und Deutung sind und es damit keine von der Beobachtung unabhängige Wirklichkeit gibt. Was nun? fragt Fögen. So zu tun als ob, dafür hat Hölscher nicht genug Ironie, behauptet die Rezensentin. Stattdessen habe er sich ein Konstrukt gebaut, das er "Neue Annalistik" nenne und das auf das Ereignis als solches setze. Das Ereignis wird damit "zum festen Fels ... in der Brandung der Interpretationen", schreibt Fögen spöttisch. Egal, was über die Französische Revolution erzählt wird, es hat sie gegeben, erklärt Fögen. Das klinge zwar gut, sei aber dennoch eine Mogelpackung. Denn wie anders als aus Beobachtung und Erzählung lässt sich ein Ereignis destillieren, fragt Fögen. Gerade Ereignisse unterliegen einer hochgradig selektiven Wahrnehmung, wendet sie ein, und lassen sie damit zur leichten Beute einer konstruktivistisch angehauchten Geschichtsschreibung werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.05.2003

Als bestes Geschenk zum 80. Geburtstag Rainhart Koselecks bezeichnet Ullrich Raulff in seiner Rezension das Buch. Geschrieben von einem Schüler Koselecks, Lucian Hölscher, müsste der kleine Band Pflichtlektüre eines jeden Geschichtsstudenten werden, so der Rezensent weiter. Besprochen wird hier eine Geschichtstheorie, welche ihre Koseleckschen Wurzeln nicht verneint, sondern offen zu erkennen gibt. Eine besondere Gewichtung sieht der Rezensent in der Betrachtung historischer Zukunftsvisionen. Sie erlauben es, so Raulff, zu erkennen, dass historische Entwicklungen nicht zwangsläufig sind, sondern nur eine von mehreren Möglichkeiten darstellen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2003

In "geistreicher Schlichtheit" legt Lucian Hölscher nach Ansicht von Rezensent Gerrit Walther seine Einwände gegen die postmoderne Geschichtstheorie vor. Hölscher störe der politische Eifer der Postmoderne, die jeden historischen Einzelfall als unvergleichlich und alle historischen Wirklichkeitsentwürfe als gleich wahr betrachte. Mehr noch beunruhige ihn, so Walther, dass das Beharren auf der sinn- und zusammenhanglosen "Vielfalt" historischer Phänomene wissenschaftliche Erkenntnis schlechthin unmöglich mache. Denn mit der Einen Realität nämlich falle jener "erkenntnisleitende Fluchtpunkt", ohne den kein Wahrheitsanspruch begründet werden könne, formuliert Walther das Problem. Hölscher suche daher ein Prinzip, mit dessen Hilfe die Menge disparater, politisch, "sozial, generationell, ethnisch begrenzter Geschichtsbilder" theoretisch vereinigt werden kann. "Seine Lösung könnte kaum provokanter ausfallen", findet Walther, "Es sind die Ereignisse selbst."