Herausgegeben von Claudia Maurer Zenck. Im März 1925 zieht der 21-jährige Dr. Theodor Wiesengrund für einige Monate nach Wien, um seine kompositorische Ausbildung bei Alban Berg fortzusetzen. Dieser macht ihn mit dem Wiener Streichquartett und seinem 28-jährigen Primarius Rudolf Kolisch bekannt, einem der wichtigsten Interpreten der Neuen Musik der Schönberg-Schule. Adorno und Kolisch werden schnell Freunde und beginnen einen ausgedehnten Briefwechsel, in dem sie intensiv über musikalische Themen - Komposition, Analyse, Reproduktion - diskutieren, nicht zuletzt über das gemeinsame (aber nie realisierte) Projekt einer "Theorie der musikalischen Aufführung". Aber auch Privates kommt ausführlich zur Sprache. Sorgfältig ediert, ausführlich kommentiert und ergänzt durch einen reichhaltigen Materialienteil mit einigen bislang unveröffentlichten Texten und Dokumenten, liegt dieser Briefwechsel nun erstmals vollständig vor. Er gewährt Einblick in eine Beziehung, die für die Geschichte und die Aufführungstheorie der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts von einzigartiger Bedeutung ist, in der sich aber auch die Zeitläufe und ihre Verwerfungen spiegeln. Eine Korrespondenz, die nicht nur für die musikwissenschaftliche Forschung von überragender Relevanz ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2023
Rezensent Wolfgang Matz erlebt Adorno als Musiker in dem von Claudia Maurer Zenck "großartig" herausgegebenen Briefwechsel zwischen Theodor Adorno und dem Violinisten Rudolf Kolisch. Einzigartig erscheint ihm diese Korrespondenz wegen ihrer Dauer, ihrer Ernsthaftigkeit in Sachen Musik und aufgrund ihres Unterhaltunsgwertes. Letzterer ist für Matz unter anderem darin begründet, dass Adorno hier so viel Intimes preisgibt wie sonst nirgends, etwa über erotische Niederlagen. Doch auch die kritische Diskussion von Boulez und Stockhausen, Schubert und Mozart kommt nicht zu kurz, verspricht der Rezensent. Der Band scheint Matz den Briefwechseln Adornos mit Krenek und anderen Musikern auf jeden Fall ebenbürtig.
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