Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Was ist Musik? Bedeutungslose Unterhaltung oder eine chiffrierte Sprache, die Hieroglyphe eines Mysteriums? Ist ihr Zauber Betrug oder Grundlage einer Weisheit? Das sind die tiefen Fragen, denen der bedeutende französische Philosoph Vladimir Jankélévitch in seinem musikphilosophischen Meisterwerk auf den Grund geht. Erstmals 1961 in Frankreich erschienen, ist es nun in deutscher Übersetzung zu entdecken.
In der Musik gibt es für Jankélévitch eine doppelte Komplikation, die metaphysische und moralische Probleme bewirkt: Musik ist zugleich ausdrucksvoll und ausdruckslos, tiefgründig und oberflächlich, sie hat einen Sinn und doch auch keinen. Wie das Leben wird sie in die Zukunft gelebt beziehungsweise gehört, aber in die Vergangenheit hinein verstanden. Jede neue Erfahrung, jeder neue Ton kann das Vorherige in seiner Bedeutung verändern.
Ganz benommen ist Rezensentin Gisela von Wysocki nach diesem etwa um 1960 erstmals erschienenen Buch des französischen Philosophen, Pianisten, Musikwissenschaftlers und Mystikers Vladimir Jankelevitch. Warum? Weil Jankelevitch ihr in einer leidenschaftlichen, gelehrten und poetischen Flut der Worte einen ganz neuen Blick auf Musik eröffnet, dabei von Bach über Beethoven bis Mahler alle deutschen Komponisten - gemäß seiner Überzeugung, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien "nicht verjährbar" - auslässt und sogar gängige wissenschaftliche Lesarten übergeht. Stattdessen nimmt Jankelevitch auf seiner "Odyssee" Georg Simmel und Henri Bergson an die Hand, sucht in Werken von Debussy, Liszt, Satie oder Ravel nach dem "pneumatischen Erleben" von Musik und nähert sich dem Unaussprechlichen so beredt, dass die Kritikerin mit geschärftem Blick für den "eclat des Tiefenlosen" aus dem "Delirium" erwacht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2016
Rezensent Andreas Mayer versteht gut, dass die Musik keine Sprache ist, aber auch nicht zum Mystizismus taugt, wenn er die Texte des französischen Philosophen Vladimir Jankelevitch liest. Jankelevitchs Einlassungen zu Ravel und Fauré, Mussorgski oder Smetana lassen Mayer von einem Anti-Adorno sprechen, einem "Gegenkanon" zu deutsch-österreichischen Musikschulen. Als Schlüssel zum Gesamtwerk des Autors taugt das kurze Werk laut Mayer, da Musik zu den zentralen Denkmotiven des Autors gehöre, aber auch, weil Jankelevitchs Denken in einer hier gut sichtbaren Verbindung von Gnostik und Drastik, Intellekt und Intuition bestehe. Dieselbe im Ton besser aufzuheben, hat die mit wenig "Mut zur poetischen Freiheit" gesegnete Übersetzung leider größtenteils versäumt, meint Mayer etwas traurig.
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