Was haben die Globalisierungskritiker, die Ökologiebewegung mit ihrer Suche nach alternativen Lebensentwürfen, die Utopie von der Gleichheit der Menschen und die Dialektik der Aufklärung - die Verlustgeschichte des Fortschritts - mit dem berühmten Bürger von Genf zu tun?Er war ein maßgeblicher Stichwortgeber seiner Epoche, der Zivilisationskritiker seiner Tage. Bis heute treibt er uns um: Der Uhrmachersohn in den glänzenden Salons von Paris war vermutlich der Erste, der in kompromissloser Schärfe ein Unbehagen an der Aufklärungskultur artikulierte und sich der Gesellschaft verweigerte; der Erste, der darüber schrieb und damit den Zorn anderer Aufklärer wie Voltaire, Diderot und anderer Enzyklopädisten auf sich zog. Er erkannte, dass der Fortschritt einen enormen Preis hat, sprach von einer "Selbstentfremdung" des modernen Menschen und beklagte die Anmaßungen der Moderne und der Vernunft. Er war Aufklärer über die Aufklärung, der mit seinen Gedanken von der Rückbesinnung auf den "natürlichen Menschen" die Französische Revolution wie kaum ein anderer beeinflusst hat: modernes Demokratieverständnis, Staatstheorien und Verfassungsdebatten, die Berufung auf ein Naturrecht als Grundlage der Staatsgewalt und die Einforderung eines Gesellschaftsvertrages vor dem Hintergrund des französischen Feudalabsolutismus. "Unser Rousseau" ist das Porträt eines bahnbrechenden Repräsentanten der Spätaufklärung und dabei ein Epochenbild, in dem die europäischen Gesellschaftsverhältnisse, die Debatten seiner Zeit mit unserem heutigen Selbstverständnis in ein erhellendes Verhältnis gesetzt werden.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.01.2022
Rezensentin Claudia Mäder verfolgt höchst interessiert, wie die Germanistin Sabine Appel in ihrem "eleganten" Buch über Jean-Jacques Rousseau dessen ambivalente Haltung zu Wissenschaft und Kultur untersucht. Denn bei einem Spaziergang nach Vincennes, wo sein Mitstreiter Denis Diderot im Gefängnis saß, kam Rousseau, der große Aufklärer, zu der Erkenntnis, wie Mäder erzählt, dass alles, was als Fortschritt betrachtet werde, eigentlich "Verderb" sei. Appel macht der Rezensentin allerdings deutlich, dass Rousseau nicht mit der Unvernunft kokettierte, sondern dem Fühlen, dem Menschsein und dem Erleben der Natur einen höheren Wert beimessen wollte. Mäder erfährt dabei, welche Bedeutung das Erdbeben von Lissabon dabei hatte oder wie Rousseau die Pariser Salons zu verachten begann, jene Welt der manierierten "Larven und Spukgestalten" mit ihrer gekünstelten Höflichkeit, wie Mäder zitiert. Nicht einverstanden ist die Rezensentin mit der These der Autorin, dass Rousseau die Aufklärung sozusagen als Kritiker von innen "vollendet" habe, denn tatsächlich sei sie doch ein noch immer unverwirklichtes Projekt.
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