Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz kann nicht einfach als organische Entwicklung gedeutet werden, die von der vormodernen Landsgemeinde zur Verankerung der Volksrechte wie Referendum und Initiative in den Kantonsverfassungen und später in der Bundesverfassung führt. Diesem teleologischen Deutungsmuster wird eine alternative Sichtweise entgegengestellt. Sie begreift die Entstehung der direkten Demokratie als Resultat politischer und sozialer Kämpfe und versucht die "soziale Logik" der vielgestaltigen Protestbewegungen zu entschlüsseln. Im Zentrum stehen die Erfahrungen, Wahrnehmungsweisen, Interessenlagen und Bedürfnisstrukturen der historischen Akteure aus den unteren Gesellschaftsschichten. Diese erscheinen nicht nur als passive Objekte, sondern als Agierende und Reagierende. Die Studie konzentriert sich schwergewichtig auf die Sattelzeit und umfasst den Zeitraum von der Spätaufklärung bis 1874. Zudem werden die Defizite der schweizerischen Demokratieentwicklung im 20. Jahrhundert aufgezeigt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2017
Rezensent Markus Schär ist dem Historiker Rolf Graber dankbar für dessen langjährige Bemühungen um eine vollständige Darstellung der Schweizer Demokratiegeschichte. In der Schweiz eine Seltenheit, meint Schär. Dem Leser bietet das neue Buch Gelegenheit, Grabers Arbeit zu würdigen, meint Schär. Laut Rezensent bietet es Quellenfülle, eine spannende Erzählweise und eine anregende Analyse des langen, revoltenreichen Wegs der Schweiz zur direkten Demokratie. Weiterhin aktuelle Themen wie das Verhältnis Elite/Volk und Bürgerentscheide regen Schär zum Nachdenken über die Gegenwart an.
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