Die europäische Geschichte kennt wohl kaum zwei unterschiedlichere Staatswesen als den schweizerischen Bundesstaat von 1848 und das Zarenreich. Ganz abgesehen von der nicht vergleichbaren Grösse und Macht der beiden Länder standen sich hier konträre politische Systeme und Kulturen gegenüber: Während die zarische Autokratie ihre Untertanen mit eiserner Hand kontrollierte und nach aussen die Rolle einer europäischen Führungsmacht spielte, kultivierte die liberale Schweiz eine kleinstaatliche Selbstgenügsamkeit, die sich für Verbesserungen im Innern interessierte und auf eine aktive Aussenpolitik weitgehend verzichten zu können glaubte. Die Zarenherrschaft erschien den Schweizern als despotisch und rückständig; umgekehrt sah St. Petersburg in der liberalen Entwicklung der Eidgenossenschaft und besonders in ihrer toleranten Asylpolitik einen gefährlichen Ausdruck politischer Dekadenz.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2004
Ulrich M. Schmid zeigt sich in seiner knappen Kritik von diesem Buch über das Verhältnis der Schweiz zum russischen Zarenreich von 1848 bis 1919 sehr angetan. Der Autor Peter Collmer stellt darin die "diskursive Inkongruenz zweier politischer Systeme" fest, erklärt der Rezensent. Als besonders konfliktträchtigen Punkt zwischen Russland und der Schweiz sei der Umgang mit politischen Gegnern zu betrachten, was dazu führte, dass während der 1860er und 1870er Jahre viele "Revolutionäre" in der Schweiz politisches Asyl suchten, so Schmid weiter. Er lobt als die Stärken von Collmers Buch die "geschickte Auswahl" vieler interessanter "Fallbeispiele" sowie den "luziden Nachweis" der Verschiedenheit in der "politischen Kultur" der beiden Staaten.
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