Direkte Demokratie und außenpolitische Neutralität, der Zusammenhalt unterschiedlicher Sprachnationen, wirtschaftliche Modernität, Wohlstand, Weltoffenheit, Sauberkeit: Das sind nur einige der Tugenden, für die die Schweiz weltweit bewundert wird. Volker Reinhardt zeigt, dass sich das "Phänomen Schweiz" am besten im historischen Rückblick verstehen lässt. Dabei fragt er immer wieder nach dem Selbstverständnis der Schweizer als wehrhafte Nation, für das der Mythos um Rütlischwur und Wilhelm Tell konstitutiv ist und das in den letzten Jahren durch die Offenlegung wirtschaftlicher Verflechtungen mit dem "Dritten Reich", die zunehmende Einwanderung und europäische Integration sowie die Anfechtung des Bankgeheimnisses kritisch hinterfragt wird.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.09.2010
Urs Hafner hat zwei neue Geschichten der Schweiz gelesen, die ihm grundsätzlich beide als "Synthesen jüngerer Einzelstudien" und, was die Forschung betrifft, auf neustem Stand erscheinen. Er schlägt beide Bücher der "politischen Geschichtsschreibung" mit dem Fokus auf politische Verfassungen und Institutionen zu und vermisst bei beiden kulturgeschichtliche und geschlechterspezifische Aspekte sowie eine Auseinandersetzung mit früheren Geschichtsdarstellungen. Volker Reinhardt allerdings wirft er vor, dem Spätmittelalter in seiner ohnehin knapp gehaltenen "Kleinen Geschichte" nicht genügend Raum zu geben und auch das 20. und 21. Jahrhundert kommt dem Rezensenten hier entschieden zu kurz. Wenn der Autor zudem behauptet, auch heute sei ein Großteil der Schweizer vom "Tell-Rütli-Mythos" überzeugt und glaube, dass die Schweiz sich durch ihre "feste Verteidigungshaltung" vor einer Eroberung durch Nazideutschland geschützt habe, dann findet das der Rezensent schlicht "weltentrückt".
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