Die Autonomie des freien und mündigen Menschen gilt als Leitbild der Moderne. Für den Soziologen Castel eine unbestreitbare Errungenschaft, deren Kehrseite jedoch Konsequenzen hat, auf die es Antworten zu finden gilt, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht weiter zu gefährden. Denn der Mensch ist in unserer "Gesellschaft der Individuen" mit Umbrüchen in der Arbeitswelt konfrontiert, die tief greifende soziale und anthropologische Konsequenzen haben. Er sieht sich Ansprüchen ausgeliefert, denen er nicht immer gewachsen ist. Diese Überhöhung des Individuums hat die Welt der Arbeit längst erobert. Gefordert werden Verantwortungsgefühl, Risikobereitschaft und Unternehmungsgeist, um angesichts der heutigen ökonomischen Situation die berufliche Leistung zu steigern und die nötige Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen. Begleitet ist dieser Appell an den Einsatz des Individuums stets von einer Verdammung staatlicher Zwänge.
Profund, aber altmodisch nennt Rezensent Andreas Eckert diese Studie des französischen Sozilogen Robert Castel, der darin die großen Umbrüche der Arbeitsgesellschaft nachzeichnet: die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse, den Umbau der Sozialsystem und den Ausschluss weiter Bevölkerungsteile aus dem arbeitenden Zentrum. Langzeitarbeitslosigkeit und soziale Prekarisierung wurden in die Banlieue gedrängt. Dies findet Eckert zwar alles instruktiv dargestellt, was er dem Buch, das sich aus verschiedenen Essays zusammensetzt, jedoch anlastet, ist seine Konzentration auf Frankreich. Auch wenn Castel einen universalistischen Duktus pflege, wirft er keinen einzigen längeren Blick auf ein anderes Industrieland. Kritisch merkt der Rezensent auch an, dass Castels Arbeitsbegriff sich auf die Lohnarbeit beschränke.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.05.2011
Für Christian Schlüter hat der Kapitalismus derzeit ein "kleines Glaubwürdigkeitsproblem". Allerdings zeigt der französische Soziologe Robert Castel seines Erachtens, dass die Voraussetzung für die Fortexistenz des Kapitalismus bereits geschaffen sind. Die Analysen des Autors vermitteln für ihn ein ernüchterndes Bild vom Individuum, das nicht mehr bürgerliches Subjekt ist, sondern Produkt einer tiefen Desintegration, dessen Situation von Entkollektivierung und Entsolidarisierung geprägt ist. So zustimmend er das Buch gelesen hat, so bedauerlich scheint es ihm, dass der Autor wie viele Linke "über die Defensive" nicht hinauskommt.
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