Viele Menschen verbinden mit dem Begriff der Willensfreiheit intuitiv die Vorstellung, dass man unter identischen Bedingungen auch anders hätte handeln und entscheiden können, als man es faktisch tat. Daran ist die Auffassung geknüpft, dass der Mensch letztendlicher Urheber seiner willentlichen Handlungen ist und deshalb auch dafür verantwortlich. In den Geisteswissenschaften dominierte bislang der Wunsch nach Autonomie des Geistigen nahezu alle Forschungsfragen, doch zeigen die Neurowissenschaften, dass dieser Wunsch keinesfalls mit den Beobachtungen an unserem Gehirn korrespondiert. Diese Erkenntnisse lösen heftige Kontroversen und mitunter Bestürzung aus, rühren sie doch an die Grundfesten unseres menschlichen Selbstverständnisses als autonome, frei entscheidende und selbstverantwortliche Personen. Obwohl das Problem der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus eines der ältesten der Philosophie ist, genießt das Thema derzeit auch in der breiteren Öffentlichkeit bemerkenswerte Aufmerksamkeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2006
Kritisch betrachtet Rezensent Helmut Mayer diesen von Gerhard Roth und Klaus-Jürgen Grün herausgegebenen Band über die "neurowissenschaftliche Grundlegung der Philosophie". Das Strickmuster des Bandes findet er reichlich simpel. Vor allem bei Herausgeber Klaus-Jürgen Grün sieht er das Bestreben, eine philosophierende Hirnforschung als "materialistisches" Korrektiv gegen die angeblich bornierte akademische Philosophie in Stellung zu bringen. Dass die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth als fraglose Autoritäten herangezogen werden, wundert Mayer da nicht weiter. Die hirnforscherlichen Attacken auf philosophische Erklärungsansprüche, die der Band bietet, findet Mayer dann allerdings "alles andere als erhellend".
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