Michel Matveev

Die Gehetzten

Roman
Cover: Die Gehetzten
Weidle Verlag, Bonn 2010
ISBN 9783938803233
Kartoniert, 240 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Rudolf von Bitter. Eine Familie auf der Flucht. Mit ihrer Mutter, ihren Frauen und einem Kind wollen zwei Brüder, beide Volkssänger, den russischen Pogromen von 1919 entkommen und geraten in die Fänge der rumänischen Staatssicherheit. Ihre Verzweiflung in den Haftanstalten und Asylen, die anschließende Irrfahrt über das Mittelmeer und ihr Elend in Paris erzählt Michel Matveev aus eigenem Erleben in einer Form, die sowohl an biblische Texte wie an Kafkas Weltsicht erinnert: Die Figuren bleiben anonym, sind einem unkontrollierbaren Geschehen ausgeliefert, das sie in der Art einer tödlichabsurden Mechanik zermalmt. Ein großer, verstörender Klagegesang. Das Buch erschien 1933 bei Gallimard und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Dies ist die erste deutsche Ausgabe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2011

Merkwürdig, einerseits wird Hans-Peter Riese nicht müde, die Distanz zu beschreiben, die ihn von dieser Geschichte einer Flucht durch ein antisemitisches, von Pogromen und Massenmorden geprägtes Osteuropa und Russland und von ihren Figuren trennt. Andererseits aber zeigt er sich schließlich erschöpft von dieser "Höllenfahrt" und bis ins Mark berührt. Des Rätsels Lösung ist wohl, dass Michel Mateevs bereits 1933 erschienener Roman quasi dokumentarisch und im Präsens beginnt, mit raffiniert verschnittenen Bildern (wie später die Nouvelle Vague, so vermerkt Riese), als geradezu prophetische Vorwegnahme des jüdischen Schicksals in Europa, mit der Ich-Form beim Rezensenten aber schon früh Zweifel streut, ob es sich nicht doch um eine autobiografische Erzählung handelt. Das Ende dann konfrontiert Riese mit individuellen Schicksalen und lässt aufgestaute Emotionen frei. So etwas, da ist sich Reise sicher, vermag nur ein sensibler wie stilistisch reifer Autor zu leisten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2010

Für bedeutsam, wenngleich nur noch wenig bekannt hält Rezensent Oleg Jurjew diesen im Original 1933 verfassten, nun erstmals aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Roman. Der Autor hieß eigentlich Iossif Konstantinowski, wurde in Jaffa geboren, wuchs in Odessa auf und floh nach der Revolution (obwohl zeitlebens selbst ein Linker) nach Frankreich. Erzählt wird hier von einer "Odyssee ohne Ithaka", die sich in wesentlichen Stationen mit dem Fluchtweg des Autors deckt, ohne dass sie jedoch autobiografisch zu nehmen wäre. Vor allem geht es um etwas ganz anderes als Autobiografie: In den Gräueln des 20. Jahrhunderts habe Mateev, der unter dem anderen Pseudonym Joseph Constant als Bildhauer arbeitete, eine eminent moderne Haltung zur Welt entwickelt: Das Ich, das erzählt, nähere sich der neutralen dritten Person, verliere seinen Subjektstatus und werde zur Instanz, die, was um sie herum geschieht, "beinahe gleichgültig registriert". Das verweist, so Jurjew, bereits auf die existenzialistische Prosa von Camus oder Sartre.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.05.2010

Unheimlich erscheint Lothar Müller die Ruhe über diesem Buch. Das liegt an der undramatischen Sprache, mit der Michel Matveev in seinem bereits 1933 im Original erschienenen Roman Ungeheuerliches berichtet, von Pogromen in der Ukraine, von Verhören in rumänischen Polizeikellern und von der Hast des Flüchtenden auf dem Weg nach Paris. Andre Malraux' Urteil, Matveevs Umgang mit der Zeit, sein szenisches Erzählen, schaffe keine Dauer, kann Müller nur teilweise bestätigen. Zwar folgt auch er beim Lesen dem Sekundenzeiger, findet er das Erzählte durch das gewählte Präsens mitunter wie in Zeitlupe gebannt. Doch erkennt er darin die "Zeitform der Chronik", die für ihn ebenso im Dienst des Exemplarischen steht wie die vom Autor gewählte Anonymität des Erzählers. Exemplarisch, so klärt Müller uns auf, meint hier Teil der Vorgeschichte, die in den Holocaust mündet.
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