Martin Heidegger

Nietzsche: Seminare 1937 und 1944

Gesamtausgabe, IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen. Band 87
Cover: Nietzsche: Seminare 1937 und 1944
Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783465033080
Gebunden, 324 Seiten, 49,00 EUR

Klappentext

1. Nietzsches metaphysische Grundstellung (Sein und Schein). 2. Skizzen zu Grundbegriffe des Denkens. Übungen Sommersemester 1937 und 1944. Herausgegeben von Peter von Ruckteschell.
Das als "Arbeitskreis zur Ergänzung der Vorlesung" im Sommersemester 1937 angekündigte Seminar folgt inhaltlich den von der Vorlesung "Nietzsches metaphysische Grundstellung im abendländischen Denken" vorgegebenen Leitlinien. Heidegger zeigt, dass die Frage nach dem Sein in dem metaphysischen Denken der abendländischen Philosophie als Leitfrage für Nietzsche sich zusehends zur Frage nach dem Willen zur Macht als dem Sein des Seienden verunstaltet, das sich in der Seinsvergessenheit des Nihilismus zum Schein wandelt und als die ewige Wiederkehr des Gleichen in Erscheinung tritt. Mit ihr drängt die abendländische Philosophie an ihr Ende, diese Wiederkehr des Gleichen ist der "Anfang vom Ende her", und damit erscheint im Blickfeld des hier im Seminar beispielhaft vollzogenen 'sehenden Denkens' die Notwendigkeit des anderen Anfangs. Heidegger trägt damit erstmals Gedanken aus den damals gleichzeitig entstehenden "Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)" vor.
Der inhaltliche Zusammenhang des "Kursus für Kriegsteilnehmer" vom Sommersemester 1944 unter dem Titel "Grundbegriffe des Denkens" mit dem Seminar Sommersemester 1937 ergibt sich in der nochmaligen eindringlichen Auseinandersetzung mit dem späten Nietzsche, insbesondere der Darstellung seines Wertedenkens in Auslegungen von Texten aus dem "Willen zur Macht". Es erscheint die 'Macht' als 'Wert' sowie der Wille zur Macht als letzte erkennbare Wirklichkeit im Schein des Nihilismus. Das Ende der Metaphysik im Nihilismus der Seinsvergessenheit kann nur, ja muss - das zeigt Heidegger in diesem Kursus in schwerer Zeit mit besonderem Nachdruck - zum seinsgeschichtlichen Denken des anderen Anfangs führen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2004

An Nietzsches Denken konstatiert Heidegger ein Paradox: Man kann die Geste des Überwindens der Tradition, die in Heideggers Lesart ganz zentral für Nietzsches Philosophie ist, als vergeblich beurteilen. Sie zu überwinden aber hieße, in diese selbe Geste zurückzufallen. Heidegger erkennt sich also selbst und den Fehler seiner eigenen bisherigen Philosophie in Nietzsche. "Heidegger spricht über Nietzsche und meint die eigene Gegenwart", stellt der Rezensent Günter Figal fest. Sehr zu recht, das räumt er ein, habe sich Heidegger für diese Aspekte interessiert, den ganzen Nietzsche vermochte er damit aber nicht zu fassen. Dessen "Gegenwartsskepsis" bleibe weitgehend ausgeblendet. Vor allem aber tendiere Heidegger, immerzu mit "Grundbegriffen" und "Grundproblemen" beschäftigt, dazu, Nietzsche als den Denker, der die "Kunst der Nuance" zu neuen Höhen getrieben hat, schlicht zu ignorieren. Für Heideggers Konsequenzen aus der einseitigen Lektüre aber fällt das alles nicht ins Gewicht. Die Vorstellung vom "Willensverzicht", den er als "Lösung" avisiert, hat für den Rezensenten offenkundig ihre Gültigkeit nicht verloren. "Der Sinn ergibt sich; wenn es ihn gibt, ist er von selbst da." Das lässt sich, so Figal, von Heidegger lernen, der mit der so formulierten Einsicht Nietzsche hinter sich lässt.

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