Das Denken ist eine Geste und eine Erfahrung: "Eine Geste", so Nancy, ist "ein Verhalten, eine Weise, sich irgendwohin zu bewegen oder etwas kommen zu lassen, eine Disposition - einladender Wink oder Sich-entziehen -, die aller Bedeutungsherstellung vorausgeht. Eine Erfahrung: ein Überschreiten aller gegebenen Bedeutung und Annäherung an eine Realität, die der Sinn in seinen Netzen nicht festzuhalten vermag." In diesem erstmals auf Deutsch erschienenen Band, der Texte aus den 90er Jahren bis zur Jahrtausendwende versammelt, bewegt sich Nancy im Denken von Kant, Nietzsche, Heidegger, Sartre, Bataille und Derrida, ergreift mit großem Feingefühl den Gestus ihres Denkens und öffnet es für die dringlichen Probleme und Krisen unserer Zeit. Anhand der Motive des Noos, Ethos, Nomos und Kenos praktiziert Nancy ein Denken, das jenseits aller Vollendung - Erfüllung oder Sättigung - verbleibt und stets darum ringt, die Erfahrung unserer Zeit denken zu können.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2014
Beim Philosophen Jean-Luc Nancy kann Michael Mayer was lernen. Zum Beispiel, was das nackte Denken eigentlich meint, dem Anderen ausgesetzt nämlich, oder: rein und wehrlos. Wenn sich der Autor vor diesem Hintergrund Bataille und Sartre, Kant und Nietzsche, Heidegger und Derrida vornimmt und in immer neuen Ansätzen und Lektüren das Ausgesetzsein, die Scham beim Denken des Anderen erkundet, erkennt Mayer Gemeinsamkeiten und die Dringlichkeit des nackten Denkens.
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