Donatella, Di Cesare

Heidegger, die Juden, die Shoah

Cover: Heidegger, die Juden, die Shoah
Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2015
ISBN 9783465042532
Broschiert, 406 Seiten, 29,80 EUR

Klappentext

In der aktuellen Diskussion um Martin Heideggers "Schwarze Hefte" spielt Donatella Di Cesares Buch "Heidegger, die Juden, die Shoah" eine zentrale Rolle. Es zeigt, dass Heidegger im Kontext einer langen Tradition des Antisemitismus in der Philosophie zu lesen ist, zu der auch Kant, Hegel und Nietzsche gehören. Der Philosoph schreibt dem Judentum eine spezifische Bedeutung in der Geschichte zu. Diese Bedeutung stellt sich als eine Anordnung von Stereotypen dar, die metaphysisch gerechtfertigt werden. Indem Heidegger die "Judenfrage" in sein Denken aufnimmt, fällt er also in ein metaphysisches Denken zurück. Di Cesare spricht deshalb von einem "metaphysischen Antisemitismus". Zuletzt aber bildet die Shoah das Zentrum, auf das Heideggers Äußerungen bezogen werden. Das Buch ist auch ein Beitrag zur Frage nach der Verantwortung der Philosophie für die Vernichtung der Juden in Europa. Die deutsche Ausgabe ist erheblich erweitert und berücksichtigt bereits die "Schwarzen Hefte" der Jahre 1942 bis 1948.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.06.2016

Martin Heidegger scheint langsam historisch zu werden. Jedenfalls gibt es kaum noch Heideggerianer, meint der Sankt-Gallener Philosoph Dieter Thomä, der den vorliegenden Bnd zusammen mit Reinhard Mehrings Essaysammlung "Heidegger und die 'große Politik'" bespricht. Beiden Autoren attestiert er, dass sie kundige und zugleich meinungsstarke Beiträge zur jüngsten Heidegger-Debatte liefern. Bei Di Cesare hebt  er besonders hervor, dass sie Heideggers Antisemitismus in eine lange Geschichte philosphischer Judenfeindlichkeit einordnet, in die leider auch Kant, Hegel und Nietzsche gehören. Dass Heidegger den Biologismus ablehnte, entlaste ihn dabei nicht: "Es gibt eben auch so etwas wie geistigen Rassismus." Zwar lasse Di Cesare jenen, die Heideggers Antisemitismus hinwegreden wollten, auch ein Schlupfloch - die angebliche "Überwindung der Metaphysik", die auch einen Vorwand liefern könnte, Heideggers Antisemitismus zu entsorgen - nur habe Heidegger selbst dazu nicht die geringsten Anstalten gemacht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.01.2016

Sehr begrüßenswert findet es Christoph David Piorkowski, dass Heideggers lange Zeit beiseite gewischter Antisemitismus seit Veröffentlichung der "Schwarzen Hefte" sehr konkret diskutiert wird. So auch in diesem Band der Philosophin Donatella Di Cesare, die zuvor ihren Posten der stellvertretenden Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft niedergelegt hatte: Ihr Fazit lautet, so der Kritiker, dass sich Heideggers persönlicher Antisemitismus von seiner Philosophie nicht trennen lasse. Im Gegenteil, sein Begriffsinstrumentarium sei "von der Pike auf antisemitisch durchseucht" und stehe in einer langen abendländischen Denktradition, die den Juden in ihren Begriffsdichotomien als grundlegenden Antagonisten konstruiere - schon wegen solcher Darlegungen empfiehlt Piorkowski dieses Buch all jenen, die sich für Philosophie interessieren. Dass Heidegger, der die Metaphysik aus der Philosophie schaffen wollte, dabei selbst auf Metaphysik zurückgreife, sei das Eine - für absolut unverzeihlich aber hält es der Rezensent, wie der Philosoph die Juden, die er als zentralen Antrieb der Technisierung der Welt begreift, noch im Moment ihrer Deportation und Vernichtung in der Tötungsindustrie der Nazis für dafür selbst verantwortlich erklärt.