Herausgegeben von Christoph Jünke. Der deutsch-österreichische Soziologe und Philosoph Leo Kofler (1907-1995) ist eine markante Gestalt des deutschen Nachkriegsmarxismus. Geboren im österreichisch-ungarischen Ostgalizien, aufgewachsen im "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit und während Faschismus und Krieg in der neutralen Schweiz interniert, wird Kofler 1947 an die Universität Halle berufen. Ende 1950 flieht der Bürokratiekritiker nach Westdeutschland. Als "heimatloser Linker" wird der an Max Adler und Georg Lukács geschulte marxistische Einzelgänger Kofler zu einem wichtigen Vermittler von alter Arbeiterbewegung und Neuer Linker.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2000
Wie schon in seiner Kritik in der "SZ" würdigt Stefan Dornuf den österreichischen Sozialhistoriker Leo Kofler als "orthodoxen, aber undogmatischen" Linken, den es trotz politischer Irrtümer unbedingt zu lesen gilt. "Von Biographie und intellektueller Statur her" vergleicht er ihn mit Hans Mayer, Emigranten beide und in gewisser Weise Autodidakten. Kopfschüttelnd äußert sich Dornuf über den Herausgeber Christoph Jünke, dem er "Begriffslosigkeit und Halbbildung" unterstellt. Dialektik sei eine Methode und keine Kategorie, heißt es bei Dornuf, und der Begriff des "westlichen Marxismus" stamme von Merleau-Ponty und nicht von Perry Anderson. Vor allem nimmt er Jünke übel, dass er Kofler als Philosophen bezeichnet: Kofler sei schlau genug gewesen, um zu wissen, dass Geschichte nicht ohne Sozialphilosophie auskomme, seine Stärke aber liege bei der Anthropologie. Originell etwa findet Dornuf Koflers Entwendung der Begriffe des "Dionysischen" und "Appollinischen" bei Nietzsche, mit denen er das Habermassche Interaktionsmodell widerlegt habe.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.11.2000
Wie Erich Fromm sei Kofler zeit seines Lebens ein verkannter Wissenschaftler gewesen, schreibt Stefan Dornuf: die einen rümpften über ihn die Nase, weil er quer zu den Disziplinen wilderte, die anderen, so auch der Herausgeber, hielten ihn für einen bedeutenden Philosophen, der er - so Dornuf - nicht war. Kofler sei Autodidakt, Marxist und ein völlig unorthodoxer Gelehrter gewesen, dem die Einleitung von Christoph Jünke überhaupt nicht gerecht werde: "auf eine der political correctness verpflichtete linke Glaubensgemeinde zugeschnitten". Die im Buch versammelten Beiträge bezeugen nach Dornuf dann doch lobenswerterweise die Sperrigkeit von Koflers Theorien und Ansichten, etwa seine Ausfälle gegen die Grünen oder seine Theorie der "repressiven Entsublimisierung", die sowohl vom Kölner Karneval wie der Berliner Love Parade handelt. Alles streitbare Positionen - viel zu schade, meint Dornuf, diesen Mann ins Museum zu bringen.
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