Lange herrschte die Überzeugung vor, dass sich die Erfolgs- und Identitätsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland wesentlich einer prosperierenden Ökonomie verdankte und dass der westdeutsche Teilstaat im Schatten des Eisernen Vorhangs zum Profiteur des Kalten Krieges wurde, ohne eine "geistige Vorstellung" seiner selbst zu bedürfen. Konservative und linke Kritiker waren sich einig darin, geringschätzig auf ein "Land ohne Idee" herabzublicken. Diese Sichtweise bedarf einer Korrektur, denn sechzig Jahre Bundesrepublik eröffnen auch eine überzeugende ideenpolitische Perspektive, die über den gesamten Zeitraum seit der Entstehung des Grundgesetzes Konturen gewinnt. In der Rückschau zeigt sich die Entwicklung einer stabilen liberalen Ordnung eigenen Rechts, denn das Wirtschaftswunderland hat durchaus eigenständige politische Ideen hervorgebracht: ob im Hinblick auf eine ordoliberale soziale Ökonomie, diskurstheoretische oder liberalkonservative Begründungen des demokratischen Verfassungsstaates. Die politischen Debatten und Selbstverständigungsdiskurse waren dabei vielfältig und offen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.12.2009
Grundsätzlich interessant findet Rezensent Thomas Meyer diese Ideengeschichte der Bundesrepublik, einfach weil Jens Hacke "sehr gut verstanden" hat, dass "Ideen Politik machen". Mit der Umsetzung ist der Rezensent allerdings nicht so ganz zufrieden. Das Konzept von "Bürgerlichkeit", auf das Hacke sich stützt, sei voller Redundanzen und zudem unpräzise, bemängelt Meyer, und: "sehr vage, gelegentlich leicht konfus." Trotzdem nimmt Meyer den Autor gegen mögliche Kritik in Schutz und konstatiert, dass dessen Ausführungen nicht die eines "Realitätsflüchtlings" sind, der ein "utopisch-elitäres Wohlfühlklischee" unter die Leute bringen will, sondern durchaus "fundiert".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.10.2009
Jens Hackes Ideengeschichte der Bundesrepublik hat Jens Bisky nicht vom Hocker gerissen. Der Rezensent hat das schmale Buch als Gegenstück zu Friedrich Sieburgs 1954 erschienenem Werk "Die Lust am Untergang" gelesen, in dem der Autor ein fehlendes nationales Gefühl für die Bundesrepublik diagnostiziert. Bei Hacke nun werden die "buchenswerten Kommentare und Selbstdeutungen", die die Bundesrepublik dann doch von sich selbst entwickelt hat, vorgeführt, wobei sie für ihn anscheinend nicht wirklich überzeugend in die Idee einer "liberalkonservativen Bürgerlichkeit" münden, wie Bisky feststellen muss. Ihm fehlt in dieser Studie das Konkrete, Pointierte, vieles bleibe bei dem Historiker im "Halbdunkel", weshalb eine gewisse Ermüdung beim Lesen eintritt, wie der Rezensent klagt. Das findet er umso bedauerlicher, als er dem 1973 geborenen Autor solide Kenntnis in der Geistesgeschichte der Bundesrepublik zuerkennt. Aber Hackes Befunde sind ihm einfach zu wenig in der historischen Wirklichkeit verankert, und so bleibt seine "Republik bei sich und mit sich allein", wie Bisky kritisiert.
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