Ulrich Herbert (Hg.)

Wandlungsprozesse in Westdeutschland

Belastung, Integration, Liberalisierung 1945 - 1980
Cover: Wandlungsprozesse in Westdeutschland
Wallstein Verlag, Göttingen 2002
ISBN 9783892446095
Gebunden, 592 Seiten, 40,00 EUR

Klappentext

Die Frage, wie angesichts der Belastungen aus der NS-Zeit innerhalb einer Generation aus dem Nachfolgestaat der Hitlerdiktatur eine liberale Gesellschaft werden konnte, ist Gegenstand dieses Sammelbandes. Bestand auf der einen Seite eine von der NS-Diktatur tief geprägte Gesellschaft in einem zerstörten und geteilten Land unter Besatzungsregime und ohne eigene Regierung, so stand auf der anderen Seite ein reiches Land mit einem weithin anerkannten demokratischen Regierungssystem und einer Gesellschaft, die sich kaum mehr von denen anderer westlicher Staaten zu unterscheiden schien...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2003

Anselm Doering-Manteuffel hat ein hochinteressantes Buch gelesen, das die Liberalisierungsprozesse der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf kulturelle Normen zurückführt, die bereits seit dem Übergang zur Hochmoderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirksam wurden. Daraus ergaben sich nach Ansicht der Autoren widersprüchliche Wertekonstellationen, die beide Weltkriege überdauerten - dann, in der jungen Bundesrepublik, gingen die Saaten auf, die vor der Zeit des Nationalsozialismus schon ausgebracht waren, sich dann aber nicht weiter entwickeln konnten. Die Aufsätze in diesem Band gehen also von einer Kontinuität gesellschaftlicher Wertebildung aus, wo meist ein Bruch diagnostiziert wird. Und das, konstatiert Doering-Manteuffel zustimmend, reduziert die 68er zu "Epigonen jener Generation, die den Ausbau der Bundesrepublik zu einem westlichen liberalen Gemeinwesen maßgeblich geleistet hat" - der Flakhelfer-Generation der 45er nämlich. Die Studentenrevolte sei nur möglich gewesen in Folge der liberalen Aufbauarbeit der Väter. Doering-Manteuffel lobt die "Langzeitperspektive" der Beiträge und ist sich sicher, dass die Thesen die Debatte über die Nachkriegsära positiv beleben werden. Seine einzige Einschränkung: Die Öffnung der deutschen Nachkriegsgesellschaft nach außen wurde nicht berücksichtigt und der sehr generelle Begriff der "Liberalisierung", wie ihn das Buch verwendet, umreiße eigentlich ganz bestimmte, zeitlich begrenzte Entwicklungen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.12.2002

Der Rezensent Axel Schildt ist voll des Lobes über die "durchweg soliden Beiträge" dieses Bandes, der die noch verborgenen Aspekte der Bonner Republik beleuchtet. Gerade der Herausgeber Ulrich Herbert habe mit seinen Arbeiten über die "tiefe Verankerung des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft" einen "gewichtigen Anteil" an der immer "intensiver" werdenden Forschung zur Nachkriegszeit. In diesem Band werden laut Schildt wichtige Themen angesprochen: "die Legende einer im Gegensatz zur Gestapo ‚sauberen’ Kriminalpolizei", die "Strategien der Abwehr und der Legitimation" in der Beschäftigung mit dem Holocaust und der "Versuch einer zweiten Historisierung", nämlich der Beschäftigung mit der Holocaust-Auseinandersetzung. Darüber hinaus, so Schildt, widmen sich zwei Fallstudien den Umordnungsprozessen politischer Art, wie dem "Postulat der Demokratisierung" und dem "Weg in die kritische Öffentlichkeit", den die "schreibende Zunft" eingeschlagen habe. "Sehr wichtig" erscheint dem Rezensenten auch die Beschäftigung mit der Frage, inwieweit "grundlegende Einstellungen" zu Norm, Moral, Sexualität und Kriminalität aus der Zeit des Dritten Reiches erhalten geblieben sind. Und bis zum Schluss zeigt sich der Rezensent angetan: "Alles in allem: eine eindrucksvolle Zwischenbilanz zur Erforschung unserer Republik."

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