Klappentext

Werkausgabe in 9 Bänden, herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard. Band 6 herausgegeben von Gerhard Scheit. Alle wesentlichen Aufsätze zum Bereich Philosophie sind hier versammelt - darunter einige wichtige, bisher noch nie gedruckte Essays, die für den Rundfunk geschrieben wurden. Die drei Schwerpunkte dieses Bandes repräsentieren die Hauptstadien von Amerys Entwicklung: Die Essays zur modernen französischen Philosophie: vom Existentialismus über die immer wieder aufgenommene Auseinandersetzung mit Sartre bis zu Levi-Strauss und Foucault. Dann die Kritik der deutschen Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Texte also zu Hegel, Nietzsche, Heidegger, Marcuse, Bloch, zum Positivismus und zur Kritischen Theorie. Und schließlich die großen Aufsätze über "Autorität und Freiheit", oder die "Sprache des Menschen".Eine Dokumentation im Anhang bringt Dokumente zur Rezeptionsgeschichte der Texte. Das Nachwort erläutert Amerys philosophische Entwicklung, die sich in der unaufhebbaren Spannung zwischen dem Denken der Aufklärung und der Erfahrung der Tortur vollzog.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2004

Auf in beinahe tragischer Weise verlorenem Posten kämpfte Jean Amery in Sachen Philosophie, erklärt Rezensent Karl-Markus Gauß. Rasch nämlich sah Amery sein Bemühen, den Deutschen die französische Philosophie nahe zu bringen, von der französischen Philosophie selbst konterkariert, die sich in radikaler Weise von seinem philosophischen Lehrmeister Jean-Paul Sartre abzuwenden begann. Kein Wunder, dass Amery "wütend, empört und zunehmend verzweifelt" gegen die jenseits des Rheins mächtig aufkommende Mode des Strukturalismus zu Felde zog, die er nur als "Antihumanismus" begreifen kann, meint der Rezensent. Dem Gewinn bei der Lektüre tut dies offenbar aber keinen Abbruch - jedenfalls lobt Gauß, dass viele dieser Texte als "veritable literarische Porträts" der Vorgestellten noch immer zu goutieren sind.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.06.2004

Für Andreas Dorschel demonstriert dieser sechste Band der gesammelten Werke Jean Amerys, dass man mit solchen Werkausgaben den damit gewürdigten Schriftstellern mitunter einen "zweifelhaften Dienst" erweist. Denn insbesondere bei Autoren, die von ihren Erzeugnissen leben mussten, ist eine "Mehrfachverwertung" der Texte zu erwarten, gibt der Rezensent zu bedenken. Zwar hat er vollstes Verständnis dafür, dass Amery sich in seinen philosophischen Aufsätzen "ausgiebig wiederholt, doch räumt er ein, dass ihn die Wiederholungen in diesem Band der Werkausgabe mitunter ziemlich gelangweilt haben. Zudem findet er manchen Aufsatz, der als Zeitungsartikel, als der er ursprünglich erschienen war, durchaus seine Berechtigung hat, als philosophischen Traktat nicht überzeugend und zu sehr der Tagesaktualität verpflichtet. So mancher Text wirkt durch den "anspruchsvolleren Rahmen" dieser Ausgabe "passé", moniert Dorschel. Doch auch "große Momente" hat der Rezensent in diesem Buch gefunden, wie er versichert. Ihm imponiert besonders der Aufsatz von 1968, in dem Amery die"Selbstdestruktion einer dem Zeitgeist vorauseilenden gehorsamen Theologie" aus der Position eines Atheisten analysiert und preist dessen "unbestechliche Intelligenz". Auch Amerys Kritik an Theodor Adornos "Negativer Dialektik" bleiben für den begeisterten Rezensenten "unüberholt".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.06.2004

Die analytische Schärfe, der man in Jean Amérys philosophischen Schriften begegnet, passt für Jan Süselbeck auf den ersten Blick gar nicht zu dem Klischee des traumatisierten Auschwitz-Opfers. Améry verstand sich nicht als Philosoph, stellt Süselbeck klar, sondern als "Porträtierer bedeutender Denker", der auf diese Weise die wichtigsten philosophischen Strömungen in einer Mischung aus "Empathie und Distanz", zitiert Süselbeck den Herausgeber, skizzierte. Selbst bei dem von ihm so verehrten Philosophen Jean-Paul Sartre wahre Améry einen kleinen Sicherheitsabstand, staunt der Rezensent. Umgekehrt verweigerte er den Protagonisten des französischen Strukturalismus nicht den gebührenden Respekt, auch wenn er ihren Ahistorismus ablehnte und gerade Foucault und den für die Strukturalisten so wichtigen Martin Heidegger einer rigorosen Sprachkritik unterzog. Es zeugt für Süselbeck von "großer denkerischer Noblesse", wenn Améry die Lektüre der Strukturalisten empfiehlt, obwohl er Foucaults Relativierung körperlicher Züchtigung und Bestrafung im Mittelalter aufgrund des eigenen erfahrenen Leids im Konzentrationslager zutiefst ablehnte. Améry hielt "der philosophischen Hybris die nüchterne Rechnung der Aufklärung" entgegen, schreibt Süselbeck beeindruckt und empfiehlt dringend die Lektüre dieser Schriften.