Klappentext
Eine kleine Stadt in der Schweiz. Ein Haushalt mit einer Frau und ihrem Sohn. Es gibt keinen Mann, es gibt Männer. Und an Geld herrscht immer Mangel, an Zärtlichkeit erst recht.Die Mutter von Lukas Bärfuss war eine Frau ohne Bildung und ohne Perspektiven, dafür mit einem unstillbaren Freiheitsverlangen. Das Kind sah sie als Fessel, sie hatte sich dies Leben nicht ausgesucht. Eine Rabenmutter, so nannte sie sich selbst; ihr Sohn landete auf der Straße. Sie hatte nur die Waffe der Ohnmächtigen, das böse Maul. Und im Alter blieb ihr kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Dominikanische Republik, aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt, in dem der Lebensabend unerschwinglich für sie war.Der Sohn musste sich früh in der Kunst üben, seine Mutter zu überleben. Heute stellt er, schreibend sich erinnernd, die Frage, wo in einem elenden Leben die persönliche Verantwortung aufhört und die einer ganzen Gesellschaft beginnt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2026
Rezensent Andreas Platthaus ist voll des Lobes nicht nur für den hohen literarischen Anspruch des Autors Lukas Bärfuss, sondern auch für das neue Buch, in dem Bärfuss die in ""Die Krume Brot" begonnene Geschichte struktureller Armut fortsetzt. Dass der Autor jetzt ausdrücklich seine eigene Geschichte und die seiner Mutter erzählt, erscheint Platthaus folgerichtig. Die Bücher gehören für ihn klar zusammen. Die darin aufgehobene Gesellschaftsanalyse findet Platthaus stark, weil sie zeigt, wie wenig wir unsere eigene Biografie in der Hand haben. Ein mutiges Buch, findet er, weil es mit Vorurteilen aufräumt und unsere Gegenwart in die Pflicht nimmt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.05.2026
Mit seinem furiosen autobiografischen Text "Königin der Nacht" zieht sich Lukas Bärfuss einen "dicken, fetten Splitter", erklärt Rezensentin Leonie C. Wagner. Einen Stachel, der ihm so tief im Fleische steckte, dass es seines schärfsten Werkzeugs bedurfte, um sich davon zu befreien: Der Literatur. Nachdem Bärfuss sich in seinen Vorgänger-Romanen bereits mit dem Suizid seines Bruders und dem Vermächtnis des kriminellen Vaters beschäftigte, widmet er sich nun: der Mutter, dieser kompliziertesten, aufgeblasensten aller familiären Konstruktionen, einer Frau, die er mal mit den übelsten Flüchen belegt, lesen wir, um sie dann wieder glühend zu verteidigen, als verfolgte, ausgestoßene, unterdrückte Frau. In drei Kapiteln mit sehr unterschiedlicher Tonalität, drei Phasen der Emanzipation, arbeitet er sich an diesem Konstrukt ab, beschreibt zunächst - gehetzt, umständlich, melodramatisch - das letzte Zusammentreffen, erzählt im zweiten - gelassener, fließender - von seiner Kindheit und den prekären Verhältnissen unter denen seine Mutter ihn großzog, und kommt schließlich zum kathartischen Finale. Wie bereits in "Koala" und "Vaters Kiste" beschränkt sich dieser Autor allerdings nicht auf das anekdotische Erzählen, sondern nutzt dieses als Ausgangspunkt für seine Sozialkritik, in der die Mutter, stellt Wagner fest, "für vieles herhalten muss". Eine eindrucksvolle Mischung aus Anklageschrift, Autobiografie, Verteidigungsrede und Gefühlsausbruch, so die Rezensentin.