Helmut Lethen

Die Staatsräte

Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt
Cover: Die Staatsräte
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018
ISBN 9783871347979
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Der Rang dieser vier Männer ist bis heute unbestritten - und doch waren sie Teil der kulturellen Elite im Dritten Reich, ausgezeichnet mit dem Ehrentitel des 'Preußischen Staatsrats': Carl Schmitt, der brillante Jurist und Staatsrechtler, der den Nazis half, die Verfassung systematisch auszuhöhlen; der große Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler, der sich auf die Immunität einer 'reinen' Musik berief; Gustaf Gründgens, der schillernde Künstler, der ohne die Protektion Hermann Görings verloren gewesen wäre; schließlich der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der als unantastbar galt, während sich in seinem Haus auch die Attentäter des 20. Juli trafen. Wie konnte es dazu kommen, dass sich diese Männer, herausragende Vertreter des gebildeten Bürgertums in Deutschland, mit dem Nationalsozialismus einließen?

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.04.2018

Rezensent Marc Reichwein erkennt in Helmut Lethens Buch über das Problem der Elite im Dritten Reich ein Meisterwerk der kulturhistorischen Biografik. Wie Lethen Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Schmitt in ihrer Komplizenschaft mit der Nazi-Diktatur zeigt, indem er eine Bühne konstruiert, die Figuren wie mechanische Puppen in Aktion setzt und das Gespenstische ihrer jeweiligen Stellung im Dritten Reich illustriert, hat Reichwein beeindruckt. Dass die fingierten Gespräche der Vier sich mitunter etwas schal lesen, gleicht der Autor laut Rezensent durch Anekdoten und weitere Zeitgenossen aus. Ein abwechslungsreiches Quartett, findet Reichwein.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.03.2018

Für den Rezensenten Klaus Bittermann zeigt Helmut Lethen in seinem Buch am Beispiel des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, des Arztes Ferdinand Sauerbruch, des Staatsrechtlers Carl Schmitt und des Theaterintendanten Gustav Gründgens sehr deutlich, dass im Dritten Reich niemand ein Amt bekleiden und ernsthaft Opposition gegen die Nazis betreiben konnte. Alle vier waren, neben anderen, von Göring mit dem neuen Titel "Preußischer Staatsrat" ausgezeichnet worden. Drei von ihnen haben ein bisschen Widerstand geleistet und "auch mal einen Verfolgten gerettet", so Bittermann, aber im Grunde waren sie nur nützliche Idioten der Nazis. Bittermann stimmt dem aus vollem Herzen zu. Unverständlich ist ihm jedoch, dass Lethen einen Teil des Buchs als fiktives Gespräch zwischen den vieren komponiert hat. Wozu soll das gut sein, fragt sich der Rezensent verblüfft.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2018

Rezensent Florian Meinel lernt aus Helmut Lethens Buch vor allem, dass dessen vier Antihelden in ihren egomanischen Filterblasen fast erstickten. Als Gesprächsband taugt das Buch laut Meinel eigentlich nicht, schließlich ist es vor allem Carl Schmitt, der hier spricht.  Den Rezensenten führt das zu der Annahme, der Autor habe eine Parabel über Moral, Feigheit und den Zugang zur Macht schreiben wollen, für die Schmitt nun mal am besten tauge. Die im Grunde schöne Idee, der prekären Quellenlage beim Thema Eliten im Dritten Reich durch eine Mischung aus Montage, Erfindung und Kollage zu entgehen, nutzt der Autor nicht zur Zufriedenheit des Rezensenten. Die opportunistischen "Edelnazis" Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler und Ferdinand Sauerbruch bleiben Staffage, bedauert er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.03.2018

Arno Widmann wird tüchtig aufgescheucht durch Helmut Lethens Buch. Einerseits ärgert ihn die Vermengung von Erfundenem und Tatsachen, andererseits macht Lethen seine Sache gut, findet er, denn er zeigt, wie Erlebtes in der Erinnerung neu und anders entsteht. In den fingierten Gesprächen zwischen Furtwängler, Gründgens, Sauerbruch und Schmidt kommt alles zusammen, meint Widmann: Lethens Hellsicht und Fähigkeit die Dinge zu benennen, zu zeigen, wie nah Widerstand und Gehorsam beieinander sein können und wie mächtig die Verstrickung wirkt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.02.2018

Alexander Cammann findet das Buch des Literaturwissenschaftlers Helmut Lethen elektrisierend. Wie der Autor mit Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt vier Aushängeschilder des Nazi-Regimes in zwischen 1936 und 1963 stattfindenden fiktiven Herrenrunden porträtiert, scheint Cammann genial. Dahinter erkennt er sowohl die jahrzehntelange Beschäftigung des Autors mit der Zwischenkriegszeit als auch Lethens bemerkenswerte Fantasie und Montagetechnik, wenn er die klassische Form des Geistergesprächs wiederbelebt. Was abenteuerlich klingt, funktioniert laut Rezensent bestens. Lethen schlüpft in die Gehirne der Figuren, vermisst ihre Hybris und verwendet zahllose Quellen und O-Töne, die er den Figuren in den Mund legt, erklärt Cammann. So manche Figur, meint er, klingt hinterher klüger als in Wirklichkeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2018

Jens Bisky bleibt nach Lektüre dieses Buche ratlos bis verärgert zurück. Der Literaturwissenschaftler Helmuth Lethen führt darin vier Großgeister zusammen, die während des Dritten Reichs zum Preußischen Staatsrat gehörten und nach dem Krieg auch in der Bundesrepublik wirkten: den Schauspieler Gustaf Gründgens, den Staatsrechtslehrer Carl Schmitt, den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch und den Dirigenten Wilhelm Furtwängler. In fiktiven Gesprächen und Reden, die laut Bisky literarisch so unergiebig wie bieder ausfallen, führe Lethen die "unheimliche Nachbarschaft" von Genie und Verbrechen vor Augen. Das ist für Bisky alles andere als eine Neuigkeit, die Gelehrtensatire kenne das Motiv seit Jahrhunderten.  Darüber hinaus hat der Rezensent keine Frage erkennen können, die mit diesem Buch hätte beantwortet werden können.
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