Svenja Goltermann

Opfer

Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne
Cover: Opfer
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
ISBN 9783103972252
Kartoniert, 336 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Opfer von Krieg und Gewalt sind in den Medien allgegenwärtig, ob als Bilder von verstümmelten Soldaten, von verängstigten Kindern oder leidenden Zivilisten. Doch wer gilt eigentlich wann und warum als Opfer? Die Historikerin Svenja Goltermann erzählt, wie das Bild des Opfers, das wir heute kennen, sich erst seit dem 18. Jahrhundert herausgebildet hat: Mit den modernen Gesellschaften entstand das Bedürfnis, die Verluste zu zählen und die Toten zu identifizieren. Zugleich sollte der Krieg humanisiert, Kriegsversehrte sollten versorgt, Überlebende und Hinterbliebene entschädigt werden. So wurde der Begriff des Opfers nach und nach ausgeweitet, von Soldaten auf die zivile Bevölkerung, von körperlichen Verletzungen bis zur Anerkennung des Traumas als seelische Wunde. Wer jedoch als Opfer überhaupt benannt und anerkannt wird, war und ist eine Frage von Hierarchien und Macht - und damit ein eminent politisches Problem.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.01.2018

Rezensent Gottlieb F. Höbli lernt die problematische Geschichte des Begriffs "Opfer" kennen in diesem Buch der Historikerin Svenja Goltermann. Anhand von Einblicken in Medizin, Kriegs- und humanitäres Völkerrecht kann ihm die Autorin anschaulich und faktengesättigt vermitteln, wie sich durch eine veränderte Wahrnehmung von Krieg und Gewalt der Begriff vom "Krüppel zum Kriegsopfer" wandelte und soldatische Opfer in Folge Anerkennung statt Mitleid verlangten. Interessiert liest der Kritiker hier auch nach, wie mit den US-amerikanischen Heimkehrern aus dem Korea- und Vietnamkrieg auch die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung aufgenommen wurde.  Und auch wenn Höbli Goltermanns Einwänden zur Kritik an einer gegenwärtigen "Opferkultur" und einer "Konjunktur des Opfers" nicht anschließen möchte, kann er die Lektüre dieser lehrreichen Studie unbedingt empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.12.2017

Nicht uninteressant findet Rezensent Stephan Speicher diese Studie der Historikerin Svenja Goltermann, die die Wandlung des Opferbegriffs in den letzten zweihundert Jahrhundert untersucht. Der Kritiker liest hier nach, dass der Opferstatus erst seit den Siebzigern wirklich anerkannt ist, auch im Zuge der psychiatrischen Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung. Gefallene Soldaten zum Beispiel wurden lange Zeit in Massengräbern verscharrt, weil Opfer sein immer noch mit Scham behaftet war, erfährt der Kritiker. Anschaulich kann ihm die Autorin auch vermitteln, wie sich mit einiger Verspätung erst durch die Anerkennung der Schicksale von KZ-Häftlingen der Begriff des Opfers wandelte. Dass Goltermann in ihrer Darstellung wenig fokussiert erscheint, stört den Kritiker allerdings ebenso wie das Fehlen linguistischer Fragestellungen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.12.2017

Isabell Trommer sieht das Verdienst des Buches von Svenja Goltermann gerade darin, dass die Autorin nicht den mit dem Titel einhergehenden Erwartungen nach gegenwärtigen Opferbegriffen folgt, sondern erhellend und gut lesbar eine historische Studie schreibt. Die Entstehung und Entwicklung der Figur des Opfers in der Moderne vermag ihr die Autorin anhand von zentralen Punkten auseinanderzusetzen (Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt, Entstehung eine neuen Traumakonzepts). Interessant und lesenswert, so Trommer.
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