Elizabeth S. Anderson

Private Regierung

Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden)
Cover: Private Regierung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518587270
Gebunden, 259 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann. Als Adam Smith und andere die Theorie freier Märkte entwickelten, war das ein progressives Projekt: Die Freiheit der Märkte sollte auch zur Befreiung der Lohnabhängigen führen - von den Zwängen obrigkeitsstaatlicher Strukturen, vor allem aber von der Gängelung durch die Arbeitgeber. In ihrem Buch zeigt Elizabeth Anderson, was aus dieser schönen Idee geworden ist: reine Ideologie in den Händen mächtiger ökonomischer Akteure, die sich in Wahrheit wenig um die Freiheit und die Rechte von Arbeitnehmern scheren. Bereits die Industrielle Revolution hat den vormals positiven Zusammenhang zwischen freiem Markt und freiem Arbeiter aufgelöst, wie Anderson im ideengeschichtlichen Teil ihrer Untersuchung darlegt. Im nächsten Schritt bestimmt sie die gegenwärtige Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern neu: als eine von Regierungen und Regierten, wobei diese "Regierungen" private sind und quasi autokratisch herrschen können. Das Nachsehen haben die Beherrschten, nämlich die Arbeitnehmer, wie Anderson anhand zahlreicher Beispiele belegt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 07.05.2019

Markus Decker liest bei Elizabeth Anderson nach, wie Amazon seine Mitarbeiter in den Warenlagern behandelt: Selbst bei 39 Grad werden die Türen nicht geöffnet, wer zusammenklappt, wird mit dem Krankenwagen abtransportiert und bekommt Minuspunkte. Überhaupt macht ihm die amerikanische Philosophin begreiflich, wie Unternehmen zu einer Macht geworden sind, die belohnt und bestraft, faktisch Recht setzt und nicht mehr rechenschaftspflichtig ist. Interessant findet Decker auch, dass laut Anderson die heutigen Arbeitsmärkte zu solchen Ungleichgewichten geführt haben, dass von frei ausgehandelten Verträgen, die den frühen Liberalismus-Theoretiker Adam Smith und Thomas Paine vorschwebten, keine Rede mehr sein kann. Die große Schwäche des Buches sieht der Kritiker allerdings darin, dass Anderson aus ihren Erkenntnissen keine echten politischen Konsequenzen zieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2019

Rezensent Cord Riechelmann hat Elizabeth Andersons Buch sichtlich mit dem größten Interesse gelesen: Es geht um die Frage, wie man heute einen Egalitarismus herstellen kann, der für den Vordenker der freien Marktwirtschaft Adam Smith und überhaupt für die vormarxistischen Denker noch höchstes Gut war. Für Smith war die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber noch eine Beziehung unter Gleichen. Doch laut Anderson hat die industrielle Revolution dieses Denken überholt: In Fabriken sind die Arbeiter nicht gleich, wie die amerikanische Philosophin mit einigen gruseligen Beispielen aus der heutigen Arbeitswelt (mit Sprech- und Pinkelverboten) in den USA belegt. Was also tun? Anderson schlägt vor, zum ursprünglichen Adam Smith zurückzukehren, dessen Maxime für ein erfolgreiches Unternehmen gewesen sei, anderen zu einem Vorteil zu verhelfen. Soziale Marktwirtschaft ohne Eigennutz - Riechelmann scheint's zu gefallen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.03.2019

Rezensent Ronald Düker ist begeistert. In Elisabeth Andersons Essay "Private Regierung" hat er gelernt, dass "unter der gefeierten Flagge der Liberalität noch die übelsten Zwangsverhältnisse mitsegeln" - und diese Zwangsverhältnisse, so Düker, lokalisiere Anderson in heutigen modernen Unternehmen. Beim Geflügelproduzenten Tyson etwa dürften Arbeitnehmer nicht auf Toilette gehen, weshalb sie gezwungen seien, Windeln zu tragen. Anderson schlage einen großen historischen Bogen, um ihre Argumentation zu bekräftigen: Ursprünglich sei das freie Unternehmertum eine linke Idee gewesen, um sich aus feudalen Hierarchieverhältnissen zu lösen. Dann aber entstanden in den Unternehmen Verhältnisse, die jenen ähnelten, denen man gerade entronnen sei. Für Düker, der allerdings Andersons Begriff der "privaten Regierung" nicht recht erklärt, liefert das Buch überraschende Einblicke in heutige Machtverhältnisse.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2019

Bestechend findet Rezensent Friedemann Bieber, dass die amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson endlich auch die Unfreiheit des Menschen auf dem Arbeitsmarkt in den Blick nimmt. Dass den liberalen Denkern einst der freie Markt als Ideal erschien, versteht Bieber, schließlich galt es, sich aus den Fesseln feudalistischer Herrschaft zu befreien. Aber nach Industrialisierung und moderner Arbeitsteilung sei die Verhandlungsposition der Arbeitenden gegenüber Arbeitgebern so schwach geworden, dass ein Vertragsschluss zwischen ihnen kaum noch frei zu nennen sei, schreibt Bieber. Der Rezensent betont, dass die Situation in den USA ungleich fataler ist als in Deutschland, wo Gewerkschaften einen ganz anderen Arbeitsschutz durchgesetzt hätten. Aber auch hierzulande griffen Andersons theoretische Überlegungen durchaus. Ärgerlich findet Bieber nur den rhetorischen Bombast, zu dem Anderson mitunter greife. Und gern hätte er auch etwas über die Gig-Economy gelesen, die kleine Selbständige eigentlich noch unfreier mache als die Festangestellten.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.02.2019

Als "private Regierung" bezeichnet die amerikanische Philosophin Elizabeth Anderson die "willkürliche Herrschaft" über andere, die vor allem in der Lohnarbeit zum tragen kommt, informiert Rezensentin Andrea Roedig. In diesem Buch, das neben zwei Vorlesungen, die Anderson 2015 an der Princeton University hielt, auch vier kritische Stellungnahmen aus verschiedenen Disziplinen enthält, mache die Philosophin auch mit historischen Exkursen deutlich, wie Arbeitgeber mit dem Kauf der Verfügung über Arbeit  die Verfügung über Menschen gleich mit kaufen, fährt die Kritikerin fort. Dass das deutsche Arbeitsrecht vorbildhaft sei, liest Roedig hier auch.