Andrea Tompa

Omerta

Buch des Schweigens. Roman
Cover: Omerta
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783518430613
Gebunden, 954 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen Terezia Mora. Eine ländliche Gegend unweit der Stadt Klausenburg. Seit 1920 gehört die frühere ungarische Provinz zu Rumänien. Ende der 40er Jahre soll Schluss sein mit Elend und Rückständigkeit. Die bäuerliche Wirtschaft wird nach sowjetischem Vorbild kollektiviert, Dörfer und Siedlungen plattgemacht. Vilmos, ein nachdenklicher, belesener Gärtner, der Rosen liebt und den die Frauen mögen, macht im Stalinismus Karriere, halb gegen seinen Willen. Aus seinem wilden Garten wird ein Versuchsgelände für Obstsorten und international wettbewerbsfähige Rosenzüchtungen, die dem isolierten Ostblockland Anerkennung verschaffen sollen. Die Geschichte wird von vier Figuren erzählt - jede in ihrer unverwechselbaren Stimme geradezu physisch präsent. Da ist Kali, die junge Bäuerin, die ihrem prügelnden Mann davonläuft und als Dienstmädchen bei Vilmos lebt; da sind Annuska, eine 16-jährige Halbwaise, die sich in Vilmos verliebt, und ihre Schwester Eleonora, die ins Kloster geht und den politischen Säuberungen zum Opfer fällt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.06.2022

Rezensent Lothar Müller sucht nach der Utopie in Andrea Tompas Roman von 2018. Die polyphon erzählte Geschichte von vier Menschen um Liebe und Opportunismus in der rumänischen Diktatur überzeugt Müller vor allem durch ihre Form. Dass die Autorin keine fünfte, zeithistorische Erzählstimme zulässt, das Handeln der Figuren also auch nicht kommentiert oder bewertet, die Figuren aber immer etwas mehr über sich preisgeben lässt, als sie selber wissen, etwa durch charakterisierende Tonlagen, hält Müller für raffiniert. Terezia Moras Übersetzung bringt diese Tonlagen geschickt ins Deutsche, findet Müller.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2022

Rezensentin Christiane Pöhlmann schaut auf Andrea Tompas Roman von 2017 über eine Handvoll Figuren der ungarischen Minderheit in Rumänien wie auf Rosen. Sprachlich schön anzusehen in der "einfallsreichen" Übersetzung von Terezia Mora kann der vierstimmige Text Pöhlmann nur als "formales Signal" und nur momentweise überzeugen. Zu eindimensional die Figuren, zu rasch erzählt ihre Geschichte. Zu Ceausescu und dem Leid der ungarischen Minderheit etwa bietet Tompa kaum mehr als Anspielungen, so Pöhlmann. Verschenkter Stoff, findet sie.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2022

Rezensentin Katharina Teutsch möchte in den Kanon ungarischer Meisterliteraten Andrea Tompa unbedingt mit aufgenommen wissen. Nicht, weil sich die Kritikerin mit der ungarisch-rumänischen Autorin in Budapest zum vertrauten Plausch getroffen hat, sondern weil sie "Omertà" für virtuos hält und in der Tradition von Imre Kertesz sieht. Und man möchte Teutsch nach ihrer mit allerhand Zitaten gespickten Kritik gern glauben. Erzählt wird am Beispiel von drei Frauen und einem Mann, von den Demütigungen, denen die Landbevölkerung zur Zeit der Kollektivierungen in Rumänien ausgesetzt war: Kali flieht vor ihrem Mann als Magd zum Rosenzüchter Vilmos, die Halbwaise Anouche arbeitet sich auf dem Feld halbtot, während ihre Schwester Eleonara, eine Ordensschwester, wegen angeblichen Landesverrats inhaftiert und von der Securitate stundenlang verhört wird, resümiert Teutsch. Es ist aber vor allem die "schonungslos schöpferische" Sprache des Romans, die die Rezensentin einnimmt und die Terezia Mora in einen bäuerlichen Dialekt übertragen hat, wie sie ergänzt. Schmerzlich nahe kommt Teutsch Tompas derben Helden, die ihr stets auf "Augenhöhe" begegnen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.03.2022

Was hat "Omertà", die Schweigepflicht der Mafia-Mitglieder, mit vier Menschen im kommunistischen Rumänien Mitte des 20. Jahrhunderts zu tun, fragt sich Rezensentin Marianna Lieder und kommt auf folgende Antwort: Das auferlegte Schweigen ist doch nichts anderes als eine Form der Repression. Aber Tompa geht es in ihrem bewegenden Epos nicht nur darum, anhand von Einzelschicksalen die Repressionsmaßnahmen des kommunistischen Regimes erlebbar zu machen. Ihr gehe es vor allem um das Bemühen, der Realität, die für ihre Figuren immer fremder, immer unbegreifbarer wird, "durch Sprache wieder habhaft zu werden", stellt Lieder fest. So sei es nur logisch, dass sie ihre Protagonisten als Ich-Erzählerinnen und Erzähler selbst zu Wort kommen lasse. Deren Alltagsgeschichten, Wünschen und Sorgen folgt die Rezensentin mit Interesse, jedoch ohne sich je zur Identifikation oder zum grenzenlosen Mitgefühl gezwungen zu fühlen - eine der Stärken dieses lesenswerten Romans, wie sie findet.