Ein Schlag für die VG Wort

Von Ilja Braun
30.05.2012. Nüchtern, ja fast schon kleinlaut liest sich die jüngste Pressemitteilung (hier als pdf-Dokument) der Verwertungsgesellschaft Wort: Das Landgericht München I habe "eine Entscheidung getroffen, die nicht zugunsten der VG Wort ausgefallen ist. In dem Rechtsstreit geht es um die Frage, ob eine Beteiligung von Verlagen an den Auszahlungen der VG Wort zulässig ist."Nanu? Die Verwertungsgesellschaft Wort erhält von Copyshops, Schulen und Hochschulen sowie von der Geräteindustrie jährlich etwa 120 Millionen Euro als Kompensation für die privaten Kopien, die mit diesen Geräten hergestellt werden – Tendenz steigend. Sie schüttet dieses Geld von jeher teils an Autoren aus, teils an Verleger von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Im Bereich der schöngeistigen Literatur erhalten Autoren 70 Prozent der Einnahmen, Verlage 30 Prozent, im Bereich der Wissenschaft wird 50:50 geteilt.
 
Warum aber erhalten Verlage Geld, obwohl es sich doch um Urheberrechtsabgaben handelt und Verlage selbst gar keine Urheber sind? Die Standardantwort der VG Wort auf diese Frage lautet: weil etliche Autoren ihre Rechte den Verlagen abgetreten haben. Da es aber einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand bedeuten würde, dies im Einzelfall zu prüfen, schüttet die Verwertungsgesellschaft das Geld nach pauschalisierten Verteilungsplänen aus.
Dahinter steht nicht zuletzt die Idee einer solidarischen Interessengemeinschaft von Autoren und Verlagen. Verlage tragen ihren Teil dazu bei, dass die Werke der Autoren den Weg zum Leser finden. Sie treiben einen erheblichen Aufwand, um Bücher in den Buchhandel zu bringen oder Abonnenten für ihre Zeitungen zu finden. Als Urheber und Verwerter stehen sie gemeinsam den Nutzern gegenüber, die beim Kauf jedes Scanners und jedes CD-Rohlings eine Urheberrechtsabgabe für private Kopien geschützter Werke zahlen.
Andererseits verdienen Verlage auch so schon eine Menge Geld an den Werken der Autoren. Sie verkaufen Bücher im Buchhandel und zahlen Autoren nur eine geringe Erlösbeteiligung. Zeitungsjournalisten beklagen Honorare, die unterhalb jeder Sittlichkeitsgrenze liegen. Und Wissenschaftsverlage wälzen das Layout auf die Autoren ab und lassen sich für den Druck hohe Zuschüsse zahlen. Es ist vor diesem Hintergrund keineswegs selbstverständlich, dass sie auch noch an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden müssten.
Und selbst wenn man es für moralisch geboten hielte: Es gibt keine rechtliche Grundlage dafür, wie das Landgericht München I nun festgestellt hat. Es sei nicht Aufgabe einer Verwertungsgesellschaft, "eine Billigkeitsgesichtspunkten entsprechende Umverteilung contra legem vorzunehmen", heißt es in der Urteilsbegründung.
Diese Feststellung hat eine lange Vorgeschichte. 2002 wollte der Gesetzgeber die Abtretung der für die Ausschüttungen maßgeblichen Rechte neu regeln, stieß dabei aber auf so heftigen Widerstand der Verleger, dass man zum 1. Januar 2008 einen Rückzieher machte. Die vor fünf Jahren ins Gesetz aufgenommene Neuregelung ist indes handwerklich so misslungen, dass nun einer, der sie damals schon kritisierte, vor Gericht recht bekommen hat: Martin Vogel.
Der Münchner Patentrichter und Mitautor des sogenannten "Professorenentwurfs" für die 2002 umgesetzte Urhebervertragsrechtsreform ist in einschlägigen Kreisen dafür bekannt, nicht schnell klein beizugeben. Er überzeugte die Münchner Richter mit einem einfachen Argument: Wenn Autoren mit der VG Wort einen Vertrag abschließen, so erklären sie darin, dass sie bestimmte Rechte an ihren Werken der Verwertungsgesellschaft zur Wahrnehmung einräumen. Folglich können sie diese Rechte im Nachhinein gar nicht mehr an Verlage abtreten. Also muss auch das Geld zu hundert Prozent an die Autoren fließen.
Diese Argumentation ist so schlüssig, dass die VG Wort ihr vor dem Münchner Landgericht kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Ihre Anwälte hoben die große Bedeutung der Verlage hervor und verwiesen auf die historische Tradition der gemeinsamen Interessenvertretung, konnten aber letztlich nicht sagen, auf welcher rechtlichen Grundlage Gelder, die den Autoren zustehen, willkürlich an Dritte ausgezahlt werden.
Das Urteil ist nicht nur für die VG Wort ein Schlag ins Gesicht, sondern auch für das Bundesjustizministerium. Schließlich ist das Deutsche Patent- und Markenamt als Aufsichtsbehörde dafür zuständig zu prüfen, dass die Verwertungsgesellschaften ihre Gelder nicht willkürlich verteilen. Das funktioniert offenbar nur so halb. Wie der Urheberrechtsjurist Thomas Hoeren einmal formulierte: "Die Beamten vom DPMA sitzen bei den Verwertungsgesellschaften dabei wie Notarbeamte bei der Ziehung der Lottozahlen."
Die VG Wort hat angekündigt, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Das ist ihr gutes Recht als Verliererin des Prozesses – es ist allerdings nicht im Interesse der Urheber. Würden deren Vertreter in den Gremien der VG Wort tatsächlich die Interessen der Autoren vertreten, so würden sie verlangen, dass die Verwertungsgesellschaft die strittigen Zahlungen so lange zurückstellt, bis das Urteil in der letzten Instanz bestätigt oder widerlegt ist. Eigentlich dürfte man eine entsprechende Anweisung auch von der Aufsichtsbehörde erwarten.
Am Freitag, den 1. Juni, findet in Berlin die Versammlung der Wahrnehmungsberechtigten der VG Wort statt. Man darf gespannt sein, ob dort über Konsequenzen gesprochen wird. Schließlich stehen für die Autoren nun jährlich zweistellige Millionenbeiträge auf dem Spiel.
Ilja Braun
Einen längeren Text des Autors zur Auseinandersetzung finden Sie auf irights.info als pdf-Dokument.
Die jüngste Stellungnahme der VG Wort zu dem Urteil hier als pdf-Dokument.

Die schöne Seite der Kostenlosmentalität

Von Thierry Chervel
15.05.2012. 6.000 Autoren sprechen sich gegen das Internet aus. Die Wucht, mit der der "Wir sind die Urheber"-Aufruf in die Debatte einschlägt, ist bemerkenswert. Es ist, als hätte sich die ganze tradierte Kulturwelt Deutschlands nach längerer Überlegung nun doch entschlossen, gegen den Medienwandel einzutreten. Vielleicht ließe sich ja eine Volksabstimmung dagegen lancieren - zum Beispiel auf epetitionen.bundestag.de?Drei Punkte sind an dem Aufruf, aber auch an Debattenbeiträgen wie dem von Sibylle Lewitscharoff heute in der FAZ interessant: Der Aufruf wird im wesentlichen von Autoren und der Literaturszene getragen, obwohl gerade diese Szene bisher am wenigsten von illegalen Downloads und kostenlos zirkulierenden Kopien betroffen ist. Die Autoren verteidigen das Urheberrecht, obwohl sie gar nicht im wesentlichen vom Urheberrecht leben. Und das Internet wird in Aufrufen und Debattenbeiträgen - wie dem von Sibylle Lewitscharoff heute in der FAZ - ausschließlich als feindliche Sphäre wahrgenommen und dargestellt.
Der Medienrechtler Thomas Stadler hat in seinem Blog zuerst darauf hingewiesen, dass Autoren an sich noch am wenigsten von den säkularen Verschiebungen in der Informations- und Kulturökonomie betroffen sind. Übrigens gehört die traditionelle Literaturbranche auch zu den kulturindustriellen Branchen, die noch am fairsten mit den Urhebern umgehen und in der die Notwendigkeit der Apparate – Lektoren, Übersetzer, Vertrieb – am ehesten zu begründen ist. In den Verlagen, die zumal in Deutschland noch weitgehend mittelständisch organisiert sind, bekommen Autoren einen messbaren und proportionalen Anteil an ihrem Werk. Total-Buy-Out-Verträge, wie sie in Zeitungen praktiziert werden, gibt es zumindest im literarischen Bereich nicht.
Die Branche funktioniert noch einigermaßen. Aber natürlich steht auch sie vor einem grundlegenden Wandel. Das anfangs ausgelachte Ebook wird sich durchsetzen und stellt traditionelle Arbeitsteilungen und Finanzierungsmodelle in Frage. Gleichzeitig verändert sich der Handel: Während intelligent operierende kleinere Buchhandlungen durchaus noch Chancen haben, geraten die traditionellen Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel, die vor kurzem noch die Angstgegner de Verlage waren, durch aggressivere und innovativere Mitbewerber wie Amazon in die Krise (vergleiche hierzu Rüdiger Wischenbart in seinem Virtualienmarkt, hier und hier). Seltsamerweise wird in den Urheber-Aufrufen und Debattenbeiträgen aber viel häufiger Google als Amazon angegriffen: ist Amazon vielleicht auch eine Hand, die füttert und in die man nicht beißen will? Dabei lässt sich nicht bestreiten, dass Amazon gegenüber den Verlagen viel gefährlicher operiert als Google – zum Beispiel, indem es selbst als Verlag auftritt oder (in den USA) versucht, eine rigorose Preispolitik durchzusetzen.
Nichts davon hat aber mit der angeblichen "Kostenlosmentalität" im Netz zu tun.
Warum sind es also gerade die Autoren, die dagegen aufstehen?
Es hat mit einem tief sitzenden Widerwillen zu tun. Die wenigsten Autoren, die den Aufruf unterzeichnet haben, sind bisher dadurch aufgefallen, dass sie sich mit dem Internet auseinandergesetzt haben. In dem Aufruf dominieren die Autoren, die Jahr für Jahr oder alle zwei Jahre ihr neues Buch bringen, die vom Betrieb in bewährter Weise getragen, von den Zeitungen rezensiert und von den Literaturhäusern eingeladen werden. Sie funktionieren nach einem jahrzehntealten verbürgten Modell.
Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt. Als Autor auf dem bewährten Modell bestehen, heißt tatsächlich, sich nicht mit neuen Formen des Schreibens zu beschäftigen. Lewitscharoff spricht in ihrem FAZ-Beitrag von "haltlosem Internetgequassel" und von der Verhöhnung von Autorenleistungen durch von ihr nicht benannte Quellen im Netz (auch dies übrigens eine alte, im Netz nicht mögliche Technik des Schreibens: einen Gegner nicht benennen, ein Machtgestus, der dem Gegner erst gar keinen Status zubilligt - im Internet wird der direkte Bezug erwartet, Insiderspielchen werden in den Kommentaren durch Hyperlinks ausgebremst). Sie fühlt sich alles in allem vom Netz als Autorin einfach herabgewürdigt.
Aber die Autoren ahnen natürlich, dass der Begriff des "Autors" vom Netz - wie so vieles - radikal neu formuliert wird. Und daran ist etwas Wahres: Das Netz hat längst eine andere Praxis und einen anderen Begriff der Autorschaft entwickelt, mit dem sich so gut wie keiner der bekannteren Schriftsteller in Deutschland (Rainald Goetz ausgenommen) überhaupt nur gedanklich auseinandergesetzt hat, geschweige denn, dass deutsche Autoren damit experimentieren würden.
Ich meine damit nicht unbedingt irgendwelche Hypertextspielchen. Ich frage mich eher und viel konkreter, warum deutsche Autoren zum Beispiel nicht bloggen, warum sie so selten auf Facebook sind oder gar twittern. Man muss gar nicht groß mit Schreibweisen experimentieren um zu kapieren, dass Bloggen tatsächlich eine neue Form des Schreibens ist, die die alte Ästhetik der Geschlossenheit, die mit Buch und Zeitungsartikel verknüpft war, aufbricht.
Entgegen den Romantisierungen des "haptischen" Buchs könnte man glatt behaupten, dass ein Text im Netz physischer ist als ein Text im Buch oder in der Zeitung: Denn ein Text im Netz ist über Links stets sozusagen körperlich verbunden mit anderen Texten und mit Kommentaren, Gegenkommentaren und Aktualisierungen. Text im Netz ist Text in Bewegung. Was im Buch ein Zitat ist, wird im Netz zum Sprung in eine andere Welt.
Der Autor als Künder, als isoliert schwebende und schillernde und von unten angestaunte Blase der Originalität, wie ihn Lewitscharoff in ihrem FAZ-Artikel noch versteht, wird im Netz relativiert: Er ist Teil eines unendlichen Dialogs, durch Links damit verbunden wie ein Glied in einer Kette oder ein Knoten in einem Netz oder eine Zelle in einem Hirn. Das heißt nicht, dass einer Autorin nicht Autorität zuwachsen kann: Aber sie ist nicht mehr vermittelt über einen institutionell gedachten Betrieb: über die Pünktlichkeit und Größe der Kritik, die Zahl der Einladungen und Höhe der Honorare in den Literaturhäusern, die Reaktion in Funk und Fernsehen und am Ende vielleicht sogar - aber das ist im deutschen Betrieb gar nicht so ausschlaggebend - die Zahl der Buchverkäufe (und also ein sich auszahlendes Urheberrecht). Autorität wächst im Netz dagegen informell und anti-institutionell zu, durch Links, Kommentare, Pagerank.
Der deutsche Literaturbetrieb sollte sich einmal dringend und unter Verzicht auf das ständige apokalyptische Wehgeschrei damit auseinandersetzen, wie das Netz das Bild des Schreibens und des Autors verändert. Nur dann kann er auch seine eigene Rolle neu definieren.
Dazu gehört, darüber zu staunen, wie sehr das Netz von der Großzügigkeit seiner Einwohner lebt, das heißt, die schöne Seite seiner "Kostenlosmentalität" endlich mal zur Kenntnis zu nehmen: Jemand, der eine Website über seine Briefmarkensammlung oder sein Heimatdorf macht oder der nur einen Wikipedia-Artikel über sein Fachgebiet korrigiert, lässt andere an seinem Wissen und seiner Leidenschaft teilhaben, ohne etwas dafür zu verlangen. Das Netz verdankt sich und huldigt einer Ökonomie der Partizipation: In den USA tasten Autoren wie Kevin Kelly, Lawrence Lessig, Yochai Benkler und so viele das Potenzial des Netzes auf Demokratisierung von Wissen und Kultur ab. In Deutschland gibt es nichts als kulturkonservatives Genöle: von links, aus der Mitte und von rechts, von unten und von oben, in Dolby 5.1. und in 3D.
Und außerdem sollten die Autoren ihre Angst vom Netz ablegen. Sie leben doch gar nicht vom Urheberrecht. Die meisten der Autoren des Aufrufs leben vom Betrieb. Der Verkauf ihrer Bücher bringt ihnen allenfalls einen Anteil ihrer Einnahmen, der nur bei prominenten Autorinnen wie Charlotte Roche oder bei Daniel Kehlmann wirklich zum Eurostrom anschwillt. Meistens verkaufen die Autoren ein paar tausend Exemplare ihres neuen Buchs und leben von Stipendien, Preisen und Lesungen mit 500 bis 1.000 Euro Abend Honorar pro Abend, je nach Rang im Betrieb und Positionierung der Kritik in der FAZ-Beilage. In Wahrheit leben sie bereits jetzt auch von der Kulturflatrate der in Deutschland fließenden Subventionen. Für die Verlage, deren Verteidigung der Urheber-Aufruf in erster Linie gilt, sieht die Situation natürlich anders aus. Sie sind darauf angewiesen, dass sie ihr Preismodell auch durchsetzen können. Aber werden die Verlage wirklich von "Nutzern" und Piraten bedroht? Und nicht wie gesagt von einem Moloch wie Amazon, der gleichzeitig - denn das Leben ist paradox und komplex - für einen immer größeren Teil ihrer Einnahmen sorgt?
Nicht das Netz ignoriert die Urheberrechte, sondern die Autoren haben keine Ahnung vom Netz. Zeit, dass sie sich damit befassen.
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Wer den Apfel küsst

Von Thierry Chervel
09.05.2012. In der FAZ am Sonntag schrieben Rainer Hank und Georg Meck vor einer Woche unter dem Titel "Wenn Kunst und Kommerz sich küssen" über "Geistiges Eigentum" und vertraten den üblichen Standpunkt. Was juckt mich gerade, auf diesen Artikel zu antworten? Nun ja, nicht dass er so originell, sondern dass er so typisch ist. Und dass er von Hank ist, dessen liberale Einschätzungen gerade in Wirtschaftsdingen ich in vielen andern Themen schätze und teile. Und doch habe ich hier einen diametral entgegengesetzten Standpunkt. Ich knüpfe an meinen Artikel "Diesen Kuss der ganzen Welt" vom 16. Februar an.Was mich an Hanks Artikel zunächst ein wenig störte, ist der großväterlich gönnerhafte Ton gegenüber den Piraten. Nie auf die Idee gekommen, dass man in der Debatte vielleicht selbst derjenige ist, der zu lernen hat? Es stimmt ja, die Piraten haben von so gut wie nichts Ahnung und geben es selber zu. Aber in Urheberrechtsfragen lassen sie sich von ein paar mitleidigen Schulterklopfern wohl kaum zu Boden legen. Die Piraten haben ein Papier zu diesen Fragen ins Netz gestellt, das auch manche der Argumente von Hank aushebelt. Die Piraten sind zum Beispiel nicht gegen ein Urheberrecht, wohl aber gegen den Begriff des "Geistigen Eigentums", den auch Hank hier verteidigt.
Eigentlich ist jede der Grundbehauptungen in Hanks Artikel falsch, am besten man geht sie mal Punkt für Punkt durch.
Grundbehauptung 1: "Kunst ist Kommerz. Und das ist gut so."
Grundbehauptung 2: "Das Internet ist nichts für Dilettanten."
Grundbehauptung 3: Geistiges Eigentum ist nichts anderes als der Apfel in Nachbars Garten.
Keine dieser Behauptungen in Hanks Artikel hält der Wirklichkeit stand. Schon vor dem Internetzeitalter stimmt keine dieser Behauptungen. Am kritischsten ist in dieser Debatte natürlich der Begriff des "Eigentums". Hank merkt gar nicht, wie sehr er sich hier zum Sprachrohr von Kräften macht, die seinen eigenen liberalen Überzeugungen eigentlich krass entgegenstehen.
Der Apfel in Nachbars Garten

Wer sich so unreflektiert wie Hank zum Fürsprecher "Geistigen Eigentums" macht, führt in Wirklichkeit, vielleicht, ohne es zu wollen, einen Diskurs der Enteignung. Er raubt dem Individuum, um das es ihm angeblich geht, Handlungsmöglichkeiten und Freiheiten, die es schon hatte.
Was abstrakt klingt, lässt sich ganz leicht illustrieren: Wenn ein Schüler einst ein Stück Musik liebte und es einem Freund zu hören geben wollte, dann zog er eine Kopie auf Kassette und schickte sie ihm zu. Heute kauft ein Schüler ein Musikstück in Form einer mp3-Datei bei Amazon, kopiert sie und mailt sie dem Freund zu – und begeht damit tendenziell ein Verbrechen. Vorher gehörte ihm die Kopie des Musikstücks selbst, nun kopiert er "geistiges Eigetnum" und muss die Kettenhunde der Industrie fürchten: Mag sein, dass die eine MP3-Kopie vor Gericht noch als Pendant zur Privatkopie gälte. Aber wie wär's wenn er fünf Freunde damit beschickte hätte, wenn er das Musikstück seiner Schulklasse zur Verfügung stellte oder die Datei gleich auf Facebook ablegte? Wo ist die Grenze?
Eine Handlung, die sich aus der Logik der Sache ergibt, die Kopie eines Musikstücks, das man teilen will, war einst eine Selbstverständlichkeit und wird heute kriminalisiert. Schon in Zeiten der Musikkassetten brach die Musikindustrie in Klagegesänge aus, nun aber scheint sie im Moment ihrer größten Schwäche ihre Ansprüche doch noch durchsetzen zu wollen. Es wäre aber falsch die mantraähnliche Beschwörung "geistigen Eigentums" als bloßes Rückzugsgefecht einer niedergehenden Industrie abzutun. Andere Akteure - Apple oder Amazon - stehen bereit, um sie am Ende durchzusetzen - dazu unten mehr. Was hier jedenfalls programmatisch betrieben wird, ist die Übertragung eines Begriffs von physischem Eigentum auf immaterielle Güter.
Diese Analogie, die nur lobbyistischen Zwecken dient, ist logisch nicht haltbar. Auch die Zeitungen selbst betrachten "Geistiges" nicht als Eigentum. Das zeigt schon ein Blick auf Hanks Artikel selbst:
"Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben", steht dort mit einem kleinen Link. Klickt man drauf, kommt man nach wenigen Schritten zur Preisliste und entdeckt, dass man Hanks Artikel dort nicht "kaufen", also als "Eigentum" erwerben, sondern allenfalls "mieten" kann. Man erwirbt ein befristetes Recht. Bei einer größeren Website wie dem Perlentaucher betrüge der Preis für das Recht, Hanks Artikel ein halbes Jahr auf unsere Website zu stellen, 665 Euro – danach müssten wir ihn wieder löschen. Eigentum ist etwas anderes!
Wem "gehört" der Text denn nun? Am ehesten dem Autor, der aber von der Zeitung gezwungen wird, ihr seine Rechte an dem Text abzutreten. Die 665 Euro, die die FAZ vom Perlentaucher wollte, sind übrigens mehr, als Hank an dem Text verdient hätte, wenn er ein freier Autor wäre. Nach den Zeilensätzen der FAZ hätte ein freier Autor wohl kaum mehr als 500 Euro dafür bekommen. Dafür muss er hinnehmen, dass die Zeitung ihn immer wieder lizenzieren kann. So lauteten die Klauseln zumindest im letzten mir bekannten FAZ-Vertrag vor ein paar Jahren - ich nehme nicht an, dass sich etwas daran verändert hat. Faktisch "gehört" der Text also auch nicht dem Autor. Und mehr noch: Rechtlich und logisch "gehört" er ihm auch nicht. Er darf nur für eine bestimmte Zeit lang über die Rechte an diesem Text verfügen. Siebzig Jahre nach seinem Tod erlischt auch dieses Recht, und der Text gehört der Allgemeinheit, der er von Anfang galt.
Zeitungen geben das ungern zu. Matthias Spielkamp hat neulich in einem drastischen Fall gezeigt, wie ein Institut wie das Handelsblatt – das gleichzeitig eine nassforsche Kampagne unter dem Titel "Mein Kopf gehört mir" betreibt – Autoren die Rechte an ihren Artikel abzwingen will.
Mit anderen Worten (es ist hier ja schon häufiger gesagt worden): Die institutionellen Verfechter des "geistigen Eigentums" sind seit Jahren aktiv, um sowohl den Konsumenten als auch den Kreativen Rechte abzuknöpfen, die sie eigentlich schon mal hatten. Es ist ein Rollback.
"Kunst ist Kommerz. Und das ist gut so"
Auch die nächste Grundbehauptung Hanks ist falsch: "Kunst ist Kommerz", behauptet Hank und fügt an: "Und das ist gut so."
Ich teile Yochai Benklers Euphorie über die gewaltigen Kräfte, die die Informationsökonomie untergraben und sie neu ordnen, nicht in allen Punkten. Aber ich möchte jedem Wirtschafts- und Kulturredakteur, der sich mit dem Medienwandel beschäftigt und über bloßes Ressentiment hinauskommen möchte, Benklers "Wealth of Networks" zur Lektüre empfehlen. Benkler macht darin unter anderem klar, dass Hanks Behauptung noch nie gestimmt hat – auch nicht vor dem Internet. (Hier lässt sich das Buch legal und doch gratis herunterladen.)
Hank beschreibt in seinem Artikel lediglich einen Zustand der Kulturindustrie, der nach dem Zweiten Weltkrieg eingetreten war und etwa bis in die neunziger Jahre aktuell blieb. Die Arbeitsteilungen und Wertschöpfungsketten, die vor allem im Musikbusiness funktionierten , möchte Hank ins Internetzeitalter verlängern. Er verkennt, dass auch schon zu jener Zeit große Teile der Produktion von Kultur, Wissen und Information der Logik des Marktes entzogen waren – und das sogar in dem kapitalistischsten aller Wirtschaftsräume, den USA, wo Milliardäre nichts Dringenderes zu tun haben, als "etwas an die Allgemeinheit" zurückzugeben und ganze Universitätsinstitute, Krankenhausflügel, Bibliotheken, Museen und Konzertsäle spenden – weil Kultur nur dann zu sich kommt, wenn sie tendenziell allen gehört, was wohlgemerkt nicht heißt, dass nicht Urheberrechte gelten.
Auch Deutschland ist eine Marktwirtschaft: Und doch geben deutsche Länder und Gemeinden jährlich acht bis neun Milliarden Euro für Opern, Museen und andere Kulturinstitute aus - mit der Zustimmung der Bürger: Jedenfalls werden diese Subventionen nicht in jedem Wahlkampf zu heißen Themen. Hinzukommen acht Milliarden Euro jährlich für die öffentlich-rechtlichen Sender und Subventionen für Universitäten und Wissenschaft in Höhe von mindestens zwölf Milliarden Euro. Ein riesiger, für die Allgemeinheit höchst wertvolle Sektor ist der Logik des Marktes also weitgehend enthoben – weil die Allgemeinheit es so will, auch in Gesellschaften, die kapitalistisch verfasst und glücklich damit sind. Dass aber ausgerechnet in den USA Bibliotheken und Universitäten sogar mit Budgets ausgestattet sind, von denen ihre staatlich geförderten Pendants in Europa nur träumen können, weil Privatersonen ihnen Geld schenken, zeigt, dass die Unsichtbare Hand noch ganz anders segnen kann, als es sich Adam Smith es sich ausmalte.
Hank argumentiert also aus der Position von Kulturunternehmen, die auch das "Geistige" einer industriellen Logik unterziehen wollen, wie es die Kulturindustrien nach dem Krieg taten und die sich dafür Schutzräume und Monopole zusichern lassen wollen, die weit über die Interessen der Kreativen und des Publikums hinausgehen. Dass wir uns richtig verstehen: Diese Kulturindustrien sollen funktionieren können und haben bis heute ihre Verdienste – wie etwa die innovativen Fernsehserien von HBO zeigen. Man muss auch nach Kulturindustrien differenzieren: Musikindustrie oder Zeitungskonzerne mit ihren einstigen Umsatzrenditen von zwanzig bis dreißig Prozent waren durch Buy-Out-Verträge die schlimmsten Ausbeuter "Geistigen Eigentums". Die Buchbranche dagegen hat den Autoren stets einen prozentualen Anteil gelassen.
Also Urheberrecht, ja: Die Urheber sollten sogar wieder gestärkt werden, wie das Beispiel der Buy-Out-Verträge in Zeitungen zeigen. Ein Diskurs des "Geistige Eigentums" aber, der in Wahrheit nur immer mehr von dem kapern will, was im emphatischen Sinne der Allgemeinheit gehört, nein.
"Das Internet ist nichts für Dilettanten"
Der allerkrasseste Widersinn in Hanks Essay offenbart sich dann allerdings in dem Satz: "Das Internet ist nichts für Dilettanten." Dieses Missverständnis ist nicht nur bestürzend komisch, es lässt bei näherer Betrachtung auch ziemlich tief blicken. Hank hebt mit dieser Behauptung wieder auf die Musikindustrie ab und möchte die industrielle Arbeitsteilung, die sich hier im Zeitalter der Langspielplatte und des UKW-Radios ergeben hat fürs Internet zementieren. Aber das ist nicht das wesentliche. Hank mag sich mit Grausen abwenden, wenn eine Castafiore ihre Arien bei Youtube ablegt: Damit hat er aber noch nicht erkannt, was das Netz ist.
Nämlich eben dies: etwas für Dilettanten. Wie kann ein liberaler Autor wie Hank den kulturkonservativen Hochmut teilen, der in Denunziationen des "Kults des Amateurs" durch Andrew Keen oder des "digitalen Maoismus" durch Jaron Lanier liegt?
Die Antwort könnte in einer tiefen narzisstischen Kränkung liegen, die das Netz jedem zufügt, der wie Hank (oder ich!) eigentlich liberal denken will. Für den klassischen liberalen Diskurs ist das Allgemeinwohl eine Summe aktiv und frei verfolgter Einzelinteressen. Es ist zwar besser, den Kapitalismus durch demokratische Instanzen, ökologische Grenzen und soziale Solidarität zu domestizieren, aber eine Gesellschaft, die die rohe Energie des Eigennutzes und der schöpferischen Zerstörung, die im Markt pulsiert, abtötet, kann nicht frei sein und sich entwickeln.
Das zutiefst Befremdliche, Neue und jedem klassisch-liberalen Diskurs Unbehagliche am Netzist nun aber, dass es sich nicht als eine Summe egoistischer, sondern eher als eine Summe altruistischer Impulse addiert. Es ist gewoben aus dem millionenfach individuellen Wunsch zu teilen.
Was anderes ist ein Dilettant als einer, der sich selbst ermächtigt, ohne dabei eigene Interessen zu verfolgen? Nur durch diese Figur konnte das Netz überhaupt entstehen: durch Leute wie Richard Stallman, der zusammen mit anderen Gnu entwickelte, oder Tim Berners-Lee, der das WWW zur Weiterentwicklung in die Welt setzte, oder Linus Torvalds, ohne dessen Idee zu Linux das heutige Netz nicht hätte entstehen können – und Hunderttausende andere, die mehr oder weniger große Beiträge leisteten, damit das Netz zum Netz wurde.
Diese partizipative Kultur, die trotz ihres selbstlosen Charakters zugleich eine umwälzende wirtschaftliche Kraft entfaltet, ist es, die Yochai Benkler als "The Wealth of Networks" bezeichnet. Auch wer den Optimismus der Interneteuphoriker nicht teilen will, muss diese ungeheure Kraft erst mal zur Kenntnis zu nehmen. Die Piraten kommen aus dieser Kultur. Ihre Ideen zum Urheberrecht verdanken sich einer Praxis des Teilens, ohne die eine ganze neue Welt nicht entstanden wäre.
Besonders provokant an dieser Kultur ist, dass sie gerade kein "digitaler Maoismus" ist. Sie erhebt keinen totalen Anspruch aufs Individuum und erklärt auch die Gesellschaft nicht zur tabula rasa, die zur Not mit Terror neu zu ordnen wäre. Nirgends sind die von Richard Herzinger neulich beschworenen totalitären Tendenzen eigentlich auszumachen. Die Wikipedia ist eine der verblüffendsten Schöpfungen dieses Geistes: Auch wenn sie zuweilen zu einer gewissen Graumäusigkeit und zum Beamtenhaften tendiert: Wie soll man angesichts dieser unglaublichen kollektiven Leistung – bei allen Streitigkeiten und Fanatismen, die in ihr ausgetragen werden – nicht staunen? Sie ist wirklich "flüssige Demokratie", Wissen in Bewegung, stets provisorisch und minütlich auf dem Weg der Selbstverbesserung. Sie ist der Sieg des Dilettantismus über die allerprofessionellsten (aber inzwischen leider toten) Enzyklopädien.
Nicht nur dass sich diese partizipative Kultur nicht in Gegensatz zum Kapitalismus oder gar zur Demokratie stellt: Auf ihr basieren sogar einige der erfolgreichsten Geschäftsmodelle der letzten zwanzig Jahre. Selbst IBM kam aus der Krise, indem es anfing mit freier Software zu arbeiten. Was wäre Amazon ohne die Nutzerkommentare, die tiefere Einblicke ermöglichen als die Tests der Stiftung Warentest. Der Algoritmus von Google basiert auf den Abstimmungsprozessen im Netz durch freiwillig gesetzte Hyperlinks. Durch Plattformen wie Ebay stößt die spezialisierteste Nachfrage auf das spezialisierteste Angebot – und so weiter.
Das Internet ist nichts für Dilettanten? Es ist nichts ohne Dilettanten! Darüber sollte man erst staunen und dann urteilen. Und nicht - wie Hank - nach der Polizei rufen, wenn ein 14-Jähriger eine MP3-Datei kopiert. Eine kopierte Datei ist das gleiche wie ein geklauter Apfel? Wieder falsch: der geklaute Apfel landet im Magen des Diebs und wird verdaut. Durch das Kopieren einer Datei wird der ursprüngliche Gegenstand nicht vernichtet, sondern vervielfacht. Angst sollte einen Liberalen an ganz anderer Stelle beschleichen.
Der medial-infrastrukturelle Komplex
Man kann sich fragen, ob die Summe der altruistische Impulse, aus denen das Netz gewoben ist, nicht das ist, was man früher schlicht als "Kultur" bezeichnete. Denn auch Kultur, Wissen und Information sind eigentlich Commons, Gemeingüter. "Geistiges Eigentum" ist eine Allmende, die nur zeitweise mit Schutzfristen umstellt wird, um in erster Linie Urhebern und dann auch Kulturindustrien eine wirtschaftliche Existenz zu ermöglichen. Nur so lässt sich "Geistiges Eigentum" als Errungenschaft der amerikanischen und französischen Revolutionen betrachten, nicht in seiner Verabsolutierung im Dienste von Partikularinteressen.
Zu den Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen gehörte überdies nicht nur das Urheberrecht, sondern gleich auch seine Begrenzung: 1790 legte der erste Coypright Act der Vereinigten Staaten die Schutzfrist für "geistiges Eigentum" auf 14 Jahre ab Erscheinen des Werks fest. Sie konnte einmal verlängert werden. Warum so kurz? Lewis Hyde beschreibt in seinem Aufsatz "Frames from the Framers" die Diskussion über dieses Thema zwischen Jefferson, Madison und Adams. Alle drei stuften intellektuelles Eigentum als Monopol ein - als eine absolut nicht wünschenswerte Sache, denn Monopole behindern jede geistige Weiterentwicklung und dienen der staatlichen Kontrolle und Tyrannei. Heute gilt in den USA das Copyright lebenslänglich plus siebzig Jahre nach dem Tod des Autors. In Deutschland ist die Schutzfrist des Urheberrechts ebenso lang. Diese langen Fristen lassen einen großen Teil des kulturellen Erbes veröden, weil man sich nicht frei damit auseinandersetzen darf.
Aber es droht Schlimmeres:
Auch der Wunsch zu teilen, die Auseinandersetzung mit Kultur, die frei sein soll, lassen sich kapern und unterwerfen. Schon jetzt werfen sich die geschwächten Kulturindustrien unter Rezitation von Urheberrechtsparagrafen in die Arme neuer Plattformkonzerne. Es droht die Entstehung eines medial-infrastrukturellen Komplexes. Das leicht hingeworfene "Spotify und Itunes funktionieren offenbar gar nicht schlecht", in dem Hanks Artikel kulminiert, offenbart eine weitere Verkennung der Lage. Steve Jobs diente sich den Konzernen der Musikindustrie mit dem Argument an, das "Geistige Eigentum" respektieren zu wollen. Dafür schuf er sein hermetisches Abbild des Internets namens Itunes und schaltete nützliche Idioten wie die Stadionband U2 vor, die seine Idee in Werbekampagnen propagierten.
Ich wiederhole mich (aber es gibt ja nicht so viele, die es sagen): Apple ist gefährlicher als das viel häufiger angegriffene und längst geschwächte Google, im Grunde sogar gefährlicher als Amazon oder Facebook. Steve Jobs hat es hinbekommen, einen der Vorteile des Netzes – die ubiquitäre Verfügbarkeit kultureller Inhalte - mit der proprietären Logik der alten Kulturindustrien zu kombinieren. Und dafür noch die allseits ersehnten Geräten mit ihren spiegelglatten Nutzeroberflächen zu schaffen. Nun ist es der Konzern Apple (und nicht irgendein Pirat), der sich der kulturellen Inhalte bemächtigt. Einen großen Teil seiner obszönen Gewinne von 10 Milliarden Dollar oder mehr im Quartal - mehr als jeder andere Konzern der Welt! - verdankt er der Tatsache, dass er bei jedem Transfer "Geistigen Eigentums" rufen kann: "Und wo sind meine dreißig Prozent?" Aber er muss ja nicht mal danach rufen: Er streicht sie automatisch ein.
Apple und - in geringerem Maße - Google, Amazon und Facebook sind die neuen Herren über die Inhalte. Die traditionellen Kulturindustrien arbeiten ihnen in die Hände, streben das Bündnis vielleicht sogar an. Sie werden angezogen wie von einem schwarzen Loch. Das offene Netz mit seiner Kultur des Teilens existiert wie die offene Gesellschaft selbst nicht einfach so. Es muss wie diese permanent verteidigt werden. Die Debatte um ein scheinbar so struppiges Thema wie das Urheberrecht konnte auch deshalb ein solches Gewicht erlangen, weil sich hier entscheidet, wo eine Gesellschaft im digitalen Zeitalter frei und unfrei sein will. Wo will sie den Polizisten aufstellen - beim 14-Jährigen, der eine Datei kopiert, oder bei einem Oligopol von Infrastukturkonzernen, das sich ein Gemeingut unter den Nagel reißt?
Die Gefahr beim "Geistigen Eigentum" ist nicht der Diebstahl, sondern die Monopolisierung. Manchmal müssen Monopole auch im Interesse des Kapitalismus selbst zerschlagen werden. Denn gerät das Netz in die Hände einiger weniger, dann wird es zu einem Instrument der Überwachung und Herrschaft, wie es sich Science-Fiction-Autoren in ihrem schlimmsten Fantasien nicht ausmalen konnten. Hier sollte sich ein liberaler Autor mal am Kopf kratzen.
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Ein Schlag für die VG Wort

Die schöne Seite der Kostenlosmentalität

Wer den Apfel küsst