Redaktionsblog - Im Ententeich - 2012-05

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Auf dem Rücken des Nachbarn

Redaktionsblog - Im Ententeich 04.04.2013 Spätestens nach dem Zeit-Gespräch mit Nico Hofmann, dem Produzenten von "Unsere Mütter, unsere Väter", müssen beim ZDF Alarmglocken geläutet haben, dass es mit der Darstellung der polnischen Partisanen als endemische Antisemiten beim Nachbarn Ärger geben könnte. Zur Schadensbegrenzung schob der Sender nach der dritten Folge hastig einen Dokumentarfilm über eine polnische Familie nach, die Juden versteckt hatte und dafür von Deutschen ermordet wurde. Die Reaktion in Polen war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Von Adam Krzemi?ski

Was Arno Widmann nicht sagen durfte

Redaktionsblog - Im Ententeich 04.04.2013 Der Berliner Verlag hat eine kritische Auseinanandersetzung mit dem Verleger Alfred Neven DuMont nach der Onlinestellung sang- und klanglos unterdrückt - ohne jede Kenntlichmachung. Soviel zu den "journalistischen Standards" eines führenden deutschen Medienhauses, das überdies die Chuzpe hat sich in seinem Zensurakt auf eben jene Standards zu berufen (mehr in unserem vorigen Blogeintrag). Die Passage steht in Widmanns monatlicher Kolumne "Vom Nachttisch geräumt", in der der Autor neue Bücher vorstellt. Da es in der aktuellen Kolumne um Spätwerke geht, hat sich Widmann auch den Roman "Drei Mütter" seines 86-jährigen Verlegers angesehen. Es handelt sich nur um eine erstaunlich kurze Passage in Widmanns Kolumne, die von der Berliner Zeitung online und der FR gestrichen wurde. Im Grunde verreißt Widmann Alfred Neven DuMonts Roman "Drei Mütter" nicht einmal. Er schildert ihn als das Werk eines betagten Mannes, der keinerlei Rücksicht auf political correctness mehr nehmen muss und durchaus mit Details inzestuöse Erotik schildert. Allerdings findet Widmann: "Sie sind schlampigst lektoriert. Wer es aber schafft, darüber weg zu surfen, der bekommt Einblicke, die jüngere Autoren einem so lässig, unaufgeregt nicht bieten können." Außerdem biete der Roman ja auch ein interessantes Schlüsselloch: "Man blickt in den Gefühlshaushalt eines der entscheidenden Unternehmer… Von Thierry Chervel

Berliner Zeitung lässt Artikel verschwinden

Redaktionsblog - Im Ententeich 03.04.2013 Kaum staunte man über die innere Größe des Verlegers Alfred Neven DuMont, 86, und der Chefredaktionen der Berliner Zeitung (online) und der Frankfurter Rundschau (ebenfalls online), die eine Neven DuMont-kritische Kolumne publiziert haben – da muss man sein Bild schon wieder revidieren. Die verlegerkritische Passage in Arno Widmanns Kolumne "Vom Nachttisch geräumt" ist von beiden Redaktionen stillschweigend entfernt worden. Ein solcher tiefer nachträglicher Eingriff in einen online gestellten Artikel ohne jede Kennzeichnung widerspricht der "Netikette". Von Thierry Chervel

Die Monotheismusdebatte - Editorial

Redaktionsblog - Im Ententeich 29.01.2013 Wer die letzten 35 Jahre Revue passieren lässt – von der iranischen Revolution über die religionsamtliche Morddrohung gegen Salman Rushdie, den 11. September und zahllose Selbstmordattentate – wird kaum bestreiten, dass es eine Gewalt im Namen Gottes gibt. Viel unheimlicher ist allerdings die Frage, ob diese Gewalt Religionen inhärent ist, ob sie womöglich ein Kennzeichen monotheistischer Religionen ist, und wo die Ursprünge dieser Gewalt liegen. Von Thierry Chervel

#LSR oder das Ausmaß der Desinformation

Redaktionsblog - Im Ententeich 12.12.2012 Marcel Weiß und ich haben im neuen Podcast des Neunetzes über das Leistungschutzrecht für Presseerzeugnisse und das Ausmaß der Desinformation zum Thema in den Zeitungen selbst gesprochen. Außerdem reden wir über ein paar verdrängte Aspekte in der deutschen Debatte zum Medienwandel – etwa, dass sich einige globale Medienmarken etabliert haben, die heute in Konkurrenz zu deutschen Medien stehen – etwa die New York Times, der Guardian, die großen englischsprachigen Wirtschaftszeitungen oder der Economist. Hinzu kommt die Konkurrenz der Wissenskonzerne, auf die Rüdiger Wischenbart im Virtualienmarkt hingewiesen hat. Gegen all das hilft kein #LSR! Am Ende zum wiederholten Male eine Leseempfehlung für Yochai Benklers "The Wealth of Networks" (aus Kostenlosmentalität gratis ins Netz gestellt), ein Grundlagenwerk zu den tektonischen Verschiebungen in der Informationsökonomie. Weitere Lesempfehlungen aus dem Gespräch sind bei Marcel Weiß im Neunetz verlinkt. Von Thierry Chervel

Das Schweigen der Medien

Redaktionsblog - Im Ententeich 18.09.2012 Zum ersten Mal begegnete mir das Gerücht über Bettina Wulff lange Zeit vor der großen Jagd auf den Bundespräsidenten – nicht im Internet, sondern klassischer Weise in der Kneipe. Ein Freund servierte es mir im Brustton der Überzeugung. Bettina Wulff? Das weiß doch jeder! Als die Jagd auf den Präsidenten dann eröffnet war, hing dieses Gerücht wie eine üble Wolke in der Luft. Offiziell wurde sie beschwiegen. Aber wohin man man auch ging - irgendeiner zupfte einem immer am Ärmel. Am intensivsten war das Gerede in den Redaktionsstuben der deutschen Boulevard- und Qualitätsinstitute. Von Thierry Chervel

Die Dialektik der Gegenaufklärung

Redaktionsblog - Im Ententeich 09.08.2012 Die Debatte um Beschneidung ist nicht nur eine Debatte zwischen Gegnern und Befürwortern der Beschneidung, sondern viel mehr noch ein Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Debatte selbst. Denn viele der Gegner stört an der Debatte bereits, dass sie überhaupt geführt wird. Allein die Problematisierung von Beschneidung gilt ihnen bereits als Antisemitismus oder Islamophobie oder, wie Jörg Lau konstatiert, als beides zugleich und "ein und dasselbe". Es ist auch die erste Debatte, in der Zaimoglu, Bahners und Broder mit grimmiger Miene Hand in Hand gehen. Viele der Autoren, die eben noch den Islamismus und seine Verharmlosung durch die Toleranzfraktion mit Vernunftargumenten bekämpfen wollten, bescheinigen nun all jenen, die die archaische Sitte der Beschneidung als Körperverletzung sehen, Antisemitismus im Namen eines "Kults der Vernunft". Hannes Stein findet Antisemitismus bei Voltaire und schließt daraus auf achgut.de, dass Aufklärung antisemitisch ist. Matthias Küntzel, der im Perlentaucher ebenfalls schon die bloße Debatte selbst in den Verdacht des Antisemitismus rückt, opfert ihr gewissermaßen die Vernunft selbst: "Vernunft", so schreibt er (und die Anführungszeichen sind von ihm), sei keine ethische Größe an sich. Und er möchte den "Kult der Vernunft", diese "säkulare Ersatzreligion" in die Religionskritik mit einbeziehen. Von Thierry Chervel

Godards hässlichster Moment

Redaktionsblog - Im Ententeich 23.07.2012 Seit Jahren spüre ich einer Erinnerung an Godard nach, die mich nie losgelassen hat, auch wenn ich zugeben muss, dass ich nie wirklich systematisch nach ihr recherchierte. Mir steht eine Szene vor Augen, die ich beim ersten Sehen, vor sehr langer Zeit, als krasse Obszönität empfand. Meine Liebe zu Godard kratzte sie dennoch kein bisschen an. Diese Liebe blieb noch lange Zeit intakt, in melancholischen Bruchstücken bis heute. Von Thierry Chervel

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