Hyperlokale wunde Punkte

Von Lara Brünjes
28.09.2010. "Journalism is publishing what someone doesn't want us to know, the rest is propaganda." Dieses Zitat von Horacio Verbitsky steht auf der Startseite des Blogs regensburg-digital. Es ist das Credo von Stefan Aigner, freier Journalist: Er hat sich der lokalen Berichterstattung im Internet verschrieben. Das Blog zeigt sich mit unabhängiger Recherche kritisch gegenüber örtlicher Politik, bietet den Bürgern ein Forum direkt unter den Artikeln und entwickelt so einen produktiven und differenzierten Austausch zwischen Journalist und Leser. In den Kommentaren zu den Recherchen Aigners, etwa zum katastrophalen Zustand eines Regensburger Schulgebäudes, werden lebhafte Diskussionen geführt, unter anderem auch von Betroffenen, in diesem Fall den Schülern. Besonders kritische Berichte des Blogs zur Personalpolitik des Möbelhauses XXXLutz wurden mit Unterlassungsverfahren desselben beantwortet - sie blieben vor Gericht aber erfolglos. Auch die Nürnberger Rüstungsfirma Diehl ging gerichtlich gegen Aigner vor und erwirkte eine einstweilige Verfügung, weil der Blogger deren Produkt "Smart 155" als "Streumunition" bezeichnet hatte (Hier der Hintergrund dazu in der taz). Aigner schreibt auf seinem Blog unabhängig, kritisch, zuweilen drastisch formulierend und unverhohlen wertend - und ist damit vielen lokalen Firmen, Politikern und Institutionen ein Dorn im Auge.
Denn meist ist es nur eine Tageszeitung, die in einer Region die gesamte lokale Nachrichtenberichterstattung leistet. Sie allein entscheidet, welche Informationen den Leser in diesem Gebiet erreichen und vor allem, wie sie zu bewerten sind. Damit einher geht die mittlerweile zur Normalität gewordene Abhängigkeit dieser Tageszeitung von Interessen der örtlichen Wirtschaft und der Politik; dies steht im offensichtlichen Widerspruch zu unabhängigem und kritischem Journalismus. Trotzdem bilden gerade in Gegenden, wo das Einzugsgebiet einer einzelnen Tageszeitung sehr hoch ist, diese das von individuellen Interessen bestimmte Meinungsmonopol.
Mit Bloggern wie Stefan Aigner zeichnet sich eine Gegenbewegung ab: Lokale Internetblogs distanzieren sich von der Klientelpolitik der Lokalblätter und verweisen mit selbst recherchierten, spezifisch lokalen Themen auf eine neue, hyperlokale Informationskultur im Internet.
Die meisten aufwändig gestalteten und mit größerer Themenvielfalt ausgestatteten Lokalblogs haben nicht unerhebliche laufende Kosten und versuchen, diese mit dem Verkauf von Werbeflächen auf ihrer Seite zu decken. Noch leiden sie darunter, dass es sich um sehr kleine Unternehmen oder Einzelkämpfer handelt, die sowohl juristisch als auch wirtschaftlich stark angreifbar sind.
Aber die Regionalzeitungen selber zeigen, dass in dem Markt auch ein Potenzial steckt. Da sie häufig auch die lokalen Anzeigenblätter besitzen, können sie die Preise des gesamten Anzeigenmarktes vor Ort bestimmen und machen nach wie vor erhebliche Gewinne. Damit lassen sie den Blogs, die geringere Preise nehmen können, eine Lücke. Etablierte Blogs wie das heddesheimblog von Hardy Prothmann erwirtschaften schon jetzt regelmäßig immer höhere Gewinne. Blog-Betreiber müssen also nach neuen Wegen suchen, die Blogs lukrativer zu gestalten und dabei nicht die wichtigsten Eigenschaften ihres Blogjournalismus einzubüßen: Unabhängigkeit und Individualität.
Die Tageszeitungen werden ihnen dabei nicht helfen: Sie reagieren meist mit Totschweigen auf die unerwartete Konkurrenz. Auch der juristische Gegenwind aus Wirtschaft und Institutionen ist stark: Bestes Beispiel ist dafür Stefan Aigner und sein Blog regensburg-digital. So forderte die Möbelhausgruppe XXXLutz Anfang 2010 eine Unterlassung von Aigner, der unter anderem über die schlechten Arbeitsbedingungen und eine untertarifliche Bezahlung der Mitarbeiter der Möbelhauskette berichtet hatte. Die darauf folgende Klage wurde bei einem Streitwert von 75.000 Euro vor dem Landgericht Regensburg zu Gunsten Aigners entschieden.
Doch kurz darauf stand dem Betreiber des Blogs ein weiteres Verfahren ins Haus. Diesmal hatte er es mit der Katholischen Kirche zu tun. Michael Wenzl fasst den delikaten Sachverhalt auf seinem Blog zusammen.
So kämpft Aigners Blog laufend gegen Unterlassungsverfahren wie diese und bemüht sich um sein Recht auf freie Meinungsäußerung, das ihm nach dem Grundgesetz zusteht. Aigner muss dabei der finanziellen Realität ins Auge sehen: Die Kosten des Verfahrens zwischen ihm und XXXLutz musste zwar letztendlich der Konzern tragen. Verfahren aber, die zugunsten der Kläger ausfallen, brauchen ein Budget auf, das Blogs wie regensburg-digital gar nicht haben. Nicht zuletzt deshalb hat Stefan Aigner einen Förderverein ins Leben gerufen, dessen Mitglieder den Blog finanziell stützen, ohne seine Berichterstattung inhaltlich zu beeinflussen. Im Zusammenhang mit dem Verfahren zwischen Aigner und der Regensburger Diözese hatte der Blogger zu Spenden aufgerufen und innerhalb von zehn Tagen über 10.000 Euro von zumeist privaten Sympathisanten aus dem In- und Ausland gesammelt. So ist Aigner momentan in der Lage, den Prozess weiterzuführen: "Mein Rechtsanwalt und ich arbeiten zur Zeit an einer Erwiderung der Klage der Regensburger Diözese. Wir wollen sie Mitte Oktober einreichen", berichtet Aigner dem Perlentaucher.
Trotz dieser breiten Rückendeckung aus der Bevölkerung können Spendenbuttons und -aufrufe natürlich nicht die einzige Geldquelle eines unabhängigen Lokalblogs wie diesem sein; so fehlt gerade hinsichtlich etwaiger Rechtsstreits nach wie vor ein realistisches Finanzierungs- oder Geschäftsmodell für lokale Blogs, das auch Gerichtskosten tragen kann. Der juristische Druck durch Unterlassungsverfahren finanzkräftiger Blog-Gegner spricht zwar unbedingt für eine kritische Lokalbloggerei, doch das löst deren finanziellen Probleme nicht. Noch jedenfalls haben Blogs wie regensburg-digital keine Möglichkeit, ohne Furcht vor Existenz bedrohenden Unterlassungsklagen eine unabhängige, lokale Berichterstattung zu leisten.
Stefan Aigner aber lässt sich nicht entmutigen und berichtete nun indirekt darüber, wie ihm verboten wurde, über den Diözesen-Fall zu berichten. Zwischenzeitlich seien sogar andere Medien abgemahnt worden, die darüber berichtet hätten, wieso er, Aigner, vom Regensburger Bistum verklagt wurde. "Natürlich dürfen wir aufgrund der Einstweiligen Verfügung, die die Diözese Regensburg gegen unsere Redaktion erwirkt hat, nicht darüber berichten... worüber auch andere Medien berichtet haben und worüber bis heute Berichte, Kommentare, Meinungen etc. etc. im Internet abrufbar sind, deren Wahrheitsgehalt von der Diözese bestritten wird. Deshalb können wir nur eindringlich davor warnen, sich über das Internet darüber zu informieren, was nun überhaupt berichtet wurde und welche Berichte darüber wiederum der Berichtigung bedürfen (in den Augen der Diözese Regensburg). Lesen Sie das nicht!!! Schweigen Sie!"
Solange sich also die lokalen Blogs unpolitischer Themen annehmen, scheinen sie nichts befürchten zu müssen. Doch sobald der Betreiber eines kleinen Blogs sich anmaßt, über politische, soziale und institutionelle Missstände vor Ort zu berichten, stehen ihm Prozesse ins Haus, die das Recht auf freie Meinungsäußerung in von Klientel- und Mauschelpolitik bestimmten Orten unterdrücken, indem sie die Blogs durch einen Rechtsstreit finanziell ruinieren. So steht der Sinn und die Berechtigung von Lokalblogs freier Journalisten wie Stefan Aigner nicht zur Debatte, im Gegenteil. Die Reihe von Klagen gegen das Blog verdeutlicht die Notwendigkeit von kritischer Berichterstattung im Lokalen: "Die Klagen gegen mich und mein Blog bestätigen eigentlich nur meine Arbeit und beweisen, dass ich offensichtlich wunde Punkte treffe", so Stefan Aigner gegenüber dem Perlentaucher.
Gerade deshalb erscheint es immer dringender, Wege zu finden, einen Rechtsstreit um freie Meinungsäußerung nicht von der größeren Finanzkraft entscheiden lassen. Aber davon ist nicht nur die lokale Blogkultur noch weit entfernt.
Lara Brünjes

Antje Vollmer hätte keine Rede für Westergaard gehalten

Von Thierry Chervel
23.09.2010. "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es für sehr unklug", antwortete die Grünen-Politikerin Antje Vollmer in einer Diskussion (etwa ab Minute 15) des SWR auf die Frage, was sie davon hält, dass sich Angela Merkel in einer Rede dezidiert für Kurt Westergaard, den Zeichner einer bekannten Mohammed-Karikatur, einsetzte.Die Grünen, so scheint es, haben ein taktisches und opportunistisches Verständnis von Meinungsfreiheit. Nach Renate Künast hat sich mit Antje Vollmer nun die zweite Grünen-Poltiikerin mit Kritik an Angela Merkels Rede zur Auszeichnung Kurt Westergaards gemeldet.
Zur Erinnerung: All jene Chefredakteure, die seinerzeit nicht den Mut aufbrachten, Westergaards Karikatur zu drucken, hatten ihn am 8. September mit einem Preis für Pressefreiheit bedacht. Angela Merkels Rede zu diesem Anlass war bemerkenswert. Sie ließ die hohen Herren indirekt wissen, dass sie an ihrer Stelle die Karikatur gebracht hätte. Sie hatte sich bei vergleichbaren Gelegenheiten - auch bei der Frage, ob sie diese Rede für Westergaard halten solle ? jedenfalls für die Freiheit entschieden: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut."
Es war an diesem feierlichen Tag Konsens in der deutschen Presse, dass man die Meinungsfreiheit im Prinzip hochhalten soll, auch wenn man selbst hier mal gekniffen hatte. Aber es gab auch Kritik an Merkel. In der liberalen SZ etwa, die es Westergaard nie verzeihen wird, dass sie ihn nicht druckte, ließ man den Skandinavisten Bernd Henningsen gegen den "Meinungsfreiheits-Fundamentalismus" wüten.
Zu den kritischen Stimmen gehörte wie gesagt auch Renate Künast: "Ich hätte es nicht gemacht", sagte sie zu Merkels Rede. Künast wird als die nächste Regierende Bürgermeisterin von Berlin gehandelt. Aber der Tagesspiegel stutzte: "Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Berlin regiert wird von einer Frau, die sich mehr um die möglichen Reaktionen von religiösen Fanatikern sorgt als um den Wert unserer Grundrechte", schreibt Gerd Nowakowski.
Antje Vollmer, ehemalige Vizepräsidentin einer Institution, die auf Meinungsfreiheit beruht, hat Künasts Kritik nun also noch erheblich verschärft und argumentativ aufgemöbelt. Zuvor hatte sie in der Diskussion Thilo Sarrazins Rhetorik gegeißelt, die sie als Aufruf zum Krieg der Kulturen wertet: "Das ist eine ganz bestimmte Rhetorik, die Angst schürt und Untergangsfantasien erzeugt. Und diese Art von Rhetorik haben Gesellschaften früher eigentlich immer nur in der Vorbereitung von Kriegen angewandt. Zu sagen, wir sind bedroht, wir müssen jetzt den Feind analysieren. Wir müssen ihn so analysieren,dass wir uns auch ermannen, ihn bekämpfen zu wollen, und dann geht irgendwann der Krieg los. Genau mit dieser Art vorauseilenden Kriegsbereitschaft und -emotionalität hat sich Karl Kraus in den 'Letzten Tagen der Menschheit' ungeheuer präzise beschäftigt. Und mir kommt vieles so ähnlich vor."
Darauf folgt die Parallele: "Die ganze Debatte um diese Mohammed-Karikatur war genau dasselbe: Bringt uns auf die Palme und zeigt uns, wie schrecklich die andere Seite ist."
Und dann lässt die als moralisch hochdenkend geltende Politikerin ein Argument folgen, das aufmerken lässt: "Aber würde dieser Krieg mal ausbrechen, wir würden ihn niemals gewinnen können. Dann muss man doch einmal nüchtern sein, und sagen: Schluss mit dieser Art von Theater!"
Wenigstens eine, die zugibt, dass es sich bei ihrer Art von Toleranz nicht um ein Ideal handelt!
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Die Muster des Kulturalismus

Von Thierry Chervel
08.09.2010. Thilo Sarrazin kam den Feinden von Islamkritikerinnen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali wie gerufen. Er liefert ihnen endlich das Szenario, von dem sie schon lange träumten. Sarrazin entstellt ihnen mit seiner eugenischen Argumentation die verhasste Kritik von Religion und Tradition und unseren Arrangements mit der Malaise zu angeblicher Kenntlichkeit. In der heutigen Zeit sehnt sich Thomas Assheuer eine rechtspopulistische Partei herbei, in der sich Eva Hermann, Necla Kelek, Norbert Bolz und nebenbei auch der Perlentaucher um Thilo Sarrazin scharen, den sich Assheuer als eine Art Geert Wilders - oder gar Haider? - zu imaginieren scheint. In die gleiche Kerbe haut eine Rede des FAZ-Feuilletonchefs Patrick Bahners, die noch vor der Sarrazin-Debatte gehalten wurde und in der Necla Kelek zu einem Heinrich Treitschke der Gegenwart umgemodelt wird. Kelek sagt: Der Islam ist das Problem. Und Treitschke sagte: Die Juden sind unser Unglück. Man weiß ja, wohin das führte. Assheuer und Bahners werfen sich schon mal in die Joppe des Resistants.Dabei ahnen sie nicht, dass sie Sarrazin wesentlich mehr ähneln, als man es von Necla Kelek behaupten kann, die nur Sarrazins Darstellung der Missstände in Deutschland und sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt.
Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali kritisieren den Islam nicht, um junge Musliminnen anschließend auf die Plätze zu verweisen und ihnen mitzuteilen, dass sie aufgrund mangelhaften Genmaterials ohnehin keine Chance haben, etwas an ihrer Lage zu verändern. Sie kritisieren eine Kultur nicht, um irgendeine andere Kultur zu beschützen, sondern weil sie für die Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten Einzelner kämpfen.
Das Peinliche an Sarrazin ist, dass er sich - zumindest in den Debatten um sein Buch - in jenes Muster verstrickt, gegen das er gerade ankämpft. Der Kulturalismus ist doch das Problem, auch das von Bahners und Assheuer, die den Islam so sein lassen wollen und sich seine Kritiker nur als tümelnde Teutonen oder tendenzielle Treitschkes vorstellen können. Sarrazin verschärft das Problem noch durch seine Modellrechnungen. Sarrazin beklagt, dass sich die Muslime in eine Kultur einsperren und zementiert ihren geschlossenen Kreis, indem er ihre Gruppenidentität durch genetische und eugenische Argumentationen auch noch zum Schicksal erklärt. Sarrazin bestätigt das Denken in Gruppenidentitäten, dem sich die Immigranten durch die Diskurse fast aller Repräsentanten ausgesetzt sehen: Der Einzelne wird durch sie zum bloßen Mitglied einer Gruppe gemacht, der er wegen kultureller oder gar genetischer Programmierung kaum entkommen kann. Die Imame warnen ihn vor den Verlockungen westlicher Freiheit. Der türkische Präsident erklärt Assimilation im Gastland zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Konservative Politiker im Gastland beschwören volle Boote und drängen auf christliche Leitkultur. Und die Linke verteidigt das Recht aufs Kopftuch.
Sarrazin graut vor der anderen Kultur aus Sorge um die eigene. In hundert Jahren, so seine Rechnung, wird hier keiner mehr "Wanderers Nachtlied" kennen. Die Redaktion der Talksendung "Hart aber fair" machte sich ein hämisches Vergnügen daraus nachzuweisen, dass schon heute keiner mehr weiß, was die Vögelein im Walde tun. Dennoch glauben auch Sarrazins Gegner so fest an "Kultur" wie Sarrazin selbst. In den Debatten um sein Buch spielt die Idee, dass moderne Gesellschaften nicht einfach mehr in ihrer "Kultur" leben, keine Rolle. Diese Idee nannte sich Säkularisierung.
Lebten die Deutschen einfach in ihrer "Kultur", dann würde der Vater bestimmen, was der Sohn lernt und wen die Tochter heiratet. Homosexualität wäre ein Verbrechen. Engelmacherinnen würden geköpft. Interkonfessionelle Heiraten wären undenkbar. Die Frau bräuchte die Unterschrift des Mannes, wenn sie Geld vom gemeinsamen Konto abheben will. Zumindest Katholiken könnten sich nicht scheiden lassen. Pädophile Priester könnten ihren Sünden straflos frönen. Kultur, Sitte, Religion sind eine schöne Sache, aber sie sind auch ein System aus Zwängen, Heuchelei und Verfügung über den Einzelnen.
Die Entwicklung zur Moderne wäre nicht möglich ohne einen Schritt heraus aus "Kultur" und "Identität", ohne die Emanzipation des einzelnen aus den Bindungen der Tradition, ohne die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die schon deshalb keine innere Schwächung bedeutet, weil moderne Gesellschaften stets auch die Kraft haben müssen, den stets drohenden Übergriff der Religion auf die Gegenwart in Schach zu halten. Diese Selbstreflexion ist es übrigens auch, die überhaupt erst einen unvoreingenommenen Blick auf den anderen ermöglicht. Sie ist ein durchaus schmerzhafter Schritt, weil sie Glaubenssysteme in Frage stellt, aber sie ist kein "westlicher" Wert, weil sie immer zuerst das eigene Herkommen in den Blick nimmt. Sie ist universal. Gültig formuliert wurden diese Werte nicht vom "Westen", sondern in der UN-Menschenrechtserklärung.
Selbstverständlich können auch Muslime diesen Schritt gehen, wie Sarrazins Gegner nun immer wieder betonen. Millionen Iraner haben in der Diaspora höchst qualifizierte Jobs. Sie haben sich bestens integriert, ohne den Gedanken an die auch vom Westen verratene Heimat aufzugeben. In Algerien verschwand die Zivilgesellschaft selbst in der finstersten Zeit der Islamisten nie völlig. Auch in Deutschland gibt es türkische Arbeiter, die ihre Töchter nicht unters Kopftuch zwingen und den lieben Gott mit einem Bierchen in der Hand einen guten Mann sein lassen.
Aber bevor Sarrazins Gegner nun triumphierend mit diesen Beispielen wedeln, sollten sie selbst ein wenig über sich nachdenken. Sie irren sich nämlich doppelt: über Sarrazins Rassismus und über den eigenen.
Sarrazin kokettiert mit eugenischen und sozialdarwinistischen Diskursen, ja, und diese Diskurse dienten zur pseudowissenschaftlichen Rechtfertigung von Rassismus. Aber was Sarrazins Gegner übersehen, ist, dass diese Diskurse keineswegs immer schon rechtsextrem waren. Es gab sie, bevor sie von den Nazis zu mörderischer Konsequenz getrieben wurden, in allen politischen Lagern. Auch die Sozialdemokraten, die ja stets eine autochthone Klientel gegen herandrängende Konkurrenten verteidigen mussten, waren nicht frei davon. Einer der Vordenker der Rassenhygiene, Alfred Grotjahn, war SPD-Politiker. Die Schweden praktizierten, auch unter Sozialdemokraten, bis in die siebziger Jahre Zwangssterilisierungen. Auch der seinerzeit überaus populäre Naturforscher Ernst Haeckel, ein Vordenker der Rassenhygiene, war kein Rechter. Sonst hätte die DDR sein Andenken nicht ehrend hoch gehalten. Der Darwinismus war ja gerade eine Lehre der Aufklärung, die gegen die bestehenden Mächte und ihren Bibelglauben ins Feld geführt wurde. Wie der Kommunismus zeigt der Sozialdarwinismus, dass auch radikalisierte Aufklärungsdiskurse, eben wenn sie die Fähigkeit zur Skepsis und Selbstrelativierung über Bord werfen, in religiösen Wahn zurückfallen können. Natürlich waren es vor allem die Nazis, die das Böse in diesen Ideen endgültig ans Licht holten. Aber die Linke sollte sich, bevor sie das Böse immer automatisch ins andere Lager abschiebt, auch mal für die Archäologie der eigenen Passionen interessieren.
Am schlimmsten aber irren die Gegner Sarrazins über sich selbst, wenn sie jetzt das Beispiel der integrierten Muslime hochhalten. Über Integrierte spricht man ja in der Regel kaum, sie stellen eben kein Problem dar. Aber dass sie nicht selten sogar als Verräter an ihrer Andersheit angesehen werden, zeigt die extrem aggressive Reaktion gerade der jetzt so Aufgeregten auf Muslime, die Kritik an ihrer Religion üben und in aller Entschiedenheit für die Integration plädieren. Idealtypisch für diesen Ärger über Kritik war die Reaktion Timothy Garton Ashs auf Ayaan Hirsi Ali. Da sie den Glauben an den Islam aufgegeben hat, repräsentiert sie für ihn - nichts. Er sieht sie - so in einem Artikel des Guardian zur Zeit der vom Perlentaucher lancierten Islamdebatte - als "Dissidentin von außerhalb" des Islams. Wer derart integriert ist, ist für die Wohlmeinenden eigentlich gar kein Muslim mehr. Statt dessen, so Garton Ash oder Ian Buruma seinerzeit, solle man sich lieber an den gemäßigten Islamisten Tariq Ramadan halten.
Hierzulande war es ja gerade die sich jetzt so vernünftig gebende Zeit, die eine Petition von Islamwissenschaftlern gegen Necla Kelek publizierte, eines der niederträchtigsten Dokumente der jüngeren intellektuellen Geschichte in Deutschland. Kelek und Hirsi Ali wurden in einer großen Koalition von Medien von der taz über Süddeutsche und FR bis zu Schreibern von FAS und FAZ als "Hasspredigerinnen", "Fanatikerinnen" oder "Fundamentalistinnen der Aufklärung" und "Heilige Kriegerinnen" beschimpft.
Aber ein bisschen was möchten doch auch sie vom Kitzel des Risikos abhaben. Ausgerechnet in dieser Woche traf sich in Potsdam die Creme der deutschen Cehferedakteure, um Kurt Westergaard einen Preis auszuhändigen - und ließen sich von Bundeskanzlerin Merkel versichern, dass auch sie für jene Meinungsfreiheit geschätzt werden, die sie seinerzeit so schmählich verrieten. Joachim Gauck hielt die Laudatio. Und Hans-Werner Kilz und Stefan Aust versanken nicht im Boden vor Scham.
Damals begründeten viele Medien den Verzicht auf ihre Freiheit mit "Respekt für Religion". Noch in diesen Tagen befürwortet Renate Künast die Entlassung Sarrazins unter anderem mit dem Argument, dass er Respekt für den Islam vermissen lasse. Aber einen solchen Verfassungsgrundsatz gibt es nicht. Religionsfreiheit ist ein individuelles, kein kollektives Recht. Und was denn nun - Respekt oder Freiheit?
Es geht wohl um den Status quo, der hier gerade von einer schwarz-grün-rot-rot-gelben Koalition inbrünstig verteidigt wird. Als Kritikerinnen verkörpern Ali und Kelek das Fundament der modernen Gesellschaften, die nur in stetiger Auseinandersetzung mit sich selbst funktionieren können. Aber Kritik gilt als ätzend und zersetzend. Auch wenn sie sachlicher und fundierter vorgetragen wird als Thilo Sarrazin es tut. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit der Berliner Jugendrichtern Kirsten Heisig. In der Presse kam sie vorzugsweise als "Richterin Gnadenlos" vor, wenn überhaupt mal über sie berichtet wurde. Erst nach ihrem Selbstmord erfuhr man, gegen was für Widerstände sie im Justizapparat kämpfen musste. Als ihr Buch "Das Ende der Geduld" herauskam, fielen die Rezensenten aus allen Wolken: Die Frau stand ja gar nicht rechts! Aber dann wurde sie schnell wieder vergessen.
Gerade den ermüdeten Repräsentanten des Status quo scheint die angebliche Wärme und Gemeinschaftlichkeit der anderen Kulturen als wünschenswertes Gegenbild, das man gerne bei einem Bio-Falafel zu den domestizierten Klängen von Weltmusik konsumiert. Es scheint den Grünen naturnäher. Es erinnert Konservative und Christenmenschen an jene Vergangenheit, als die hiesige Zeit noch von der Kirchturmsglocke reguliert wurde. Es wird gewollt, finanziert und abgesichert.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Sarrazin Kontra bekommt. Aber sein Rückgriff auf eugenisches Denken repräsentiert keine Tendenz, auch wenn es seine Gegner sehr gern so hätten, denn dann würde die Gegenwart in das verbürgte Gut-Böse-Schema einer einmal bewältigten Vergangenheit zurückfallen, und man könnte sich wenigstens im Nachhinein auf der richtigen Seite bewähren. Diesen Reflex hat Sarrazin ausgelöst. Er kommt aus dem gleichen Schuldkomplex, aus dem heraus seine Kritiker das vorgestellte Bild von der Andersheit der Muslime als narzisstischen Spiegel der eigenen Toleranz hegen und pflegen. Pascal Bruckner nannte das in der Perlentaucher-Debatte vor drei Jahren den "Rassismus der Antirassisten".
Thierry Chervel
twitter.com/chervel

Shortlist für den Deutschen Bücherpreis veröffentlicht

Von Lara Brünjes
08.09.2010. Die Jury hat heute die Shortlist-Nominierungen für den Deutschen Buchpreis 2010 bekanntgegeben. Die Romane von Autorengrößen wie Thomas Hettche und Martin Mosebach schafften es nicht unter die letzten sechs:Jan Faktor
Georgs Sorgen um die Vergangenheit...
Kiepenheuer & Witsch
Thomas Lehr
September. Fata Morgana
Hanser
Melinda Nadj Abonji
Tauben fliegen auf
Jung und Jung

Doron Rabinovici

Andernorts
Suhrkamp

Peter Wawerzinek

Rabenliebe
Galiani Berlin
Judith Zander
Dinge, die wir heute sagten
Deutscher Taschenbuch Verlag
Der Buchpreis wird am 4. Oktober in Frankfurt verliehen.

Hyperlokale wunde Punkte

28.09.2010. "Journalism is publishing what someone doesn't want us to know, the rest is propaganda." Dieses Zitat von Horacio Verbitsky steht auf der Startseite des Blogs regensburg-digital. Es ist das Credo von Stefan Aigner, freier Journalist: Er hat sich der lokalen Berichterstattung im Internet verschrieben. Das Blog zeigt sich mit unabhängiger Recherche kritisch gegenüber örtlicher Politik, bietet den Bürgern ein Forum direkt unter den Artikeln und entwickelt so einen produktiven und differenzierten Austausch zwischen Journalist und Leser. In den Kommentaren zu den Recherchen Aigners, etwa zum katastrophalen Zustand eines Regensburger Schulgebäudes, werden lebhafte Diskussionen geführt, unter anderem auch von Betroffenen, in diesem Fall den Schülern. Besonders kritische Berichte des Blogs zur Personalpolitik des Möbelhauses XXXLutz wurden mit Unterlassungsverfahren desselben beantwortet - sie blieben vor Gericht aber erfolglos. Auch die Nürnberger Rüstungsfirma Diehl ging gerichtlich gegen Aigner vor und erwirkte eine einstweilige Verfügung, weil der Blogger deren Produkt "Smart 155" als "Streumunition" bezeichnet hatte (Hier der Hintergrund dazu in der taz). Aigner schreibt auf seinem Blog unabhängig, kritisch, zuweilen drastisch formulierend und unverhohlen wertend - und ist damit vielen lokalen Firmen, Politikern und Institutionen ein Dorn im Auge. Von Lara Brünjes

Antje Vollmer hätte keine Rede für Westergaard gehalten

23.09.2010. "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es für sehr unklug", antwortete die Grünen-Politikerin Antje Vollmer in einer Diskussion (etwa ab Minute 15) des SWR auf die Frage, was sie davon hält, dass sich Angela Merkel in einer Rede dezidiert für Kurt Westergaard, den Zeichner einer bekannten Mohammed-Karikatur, einsetzte.Die Grünen, so scheint es, haben ein taktisches und opportunistisches Verständnis von Meinungsfreiheit. Nach Renate Künast hat sich mit Antje Vollmer nun die zweite Grünen-Poltiikerin mit Kritik an Angela Merkels Rede zur Auszeichnung Kurt Westergaards gemeldet. Von Thierry Chervel

Die Muster des Kulturalismus

08.09.2010. Thilo Sarrazin kam den Feinden von Islamkritikerinnen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali wie gerufen. Er liefert ihnen endlich das Szenario, von dem sie schon lange träumten. Sarrazin entstellt ihnen mit seiner eugenischen Argumentation die verhasste Kritik von Religion und Tradition und unseren Arrangements mit der Malaise zu angeblicher Kenntlichkeit. In der heutigen Zeit sehnt sich Thomas Assheuer eine rechtspopulistische Partei herbei, in der sich Eva Hermann, Necla Kelek, Norbert Bolz und nebenbei auch der Perlentaucher um Thilo Sarrazin scharen, den sich Assheuer als eine Art Geert Wilders - oder gar Haider? - zu imaginieren scheint. In die gleiche Kerbe haut eine Rede des FAZ-Feuilletonchefs Patrick Bahners, die noch vor der Sarrazin-Debatte gehalten wurde und in der Necla Kelek zu einem Heinrich Treitschke der Gegenwart umgemodelt wird. Kelek sagt: Der Islam ist das Problem. Und Treitschke sagte: Die Juden sind unser Unglück. Man weiß ja, wohin das führte. Assheuer und Bahners werfen sich schon mal in die Joppe des Resistants.Dabei ahnen sie nicht, dass sie Sarrazin wesentlich mehr ähneln, als man es von Necla Kelek behaupten kann, die nur Sarrazins Darstellung der Missstände in Deutschland und sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt. Von Thierry Chervel

Shortlist für den Deutschen Bücherpreis veröffentlicht

08.09.2010. Die Jury hat heute die Shortlist-Nominierungen für den Deutschen Buchpreis 2010 bekanntgegeben. Die Romane von Autorengrößen wie Thomas Hettche und Martin Mosebach schafften es nicht unter die letzten sechs:Jan Faktor Von Lara Brünjes