Found Footage: Der Präsident als Plastiktüte

Von Thomas Groh
30.03.2010. Am 24. März wäre Steve McQueen 80 Jahre alt geworden. Dem viel zu früh verstorbenen "King of Cool" widmet Jason Bellamy (vom Filmblog The Cooler) seinen ersten Videoessay. Eine 16-minütige Würdigung:
Ein Transkript findet sich in Bellamys Blog.
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Vor kurzem war Werner Herzog noch Jurypräsident der Berlinale, jetzt ist er eine Plastiktüte. Zumindest spricht er die Gedanken einer solchen (in herrlich bajuwarischem Englisch) als Voiceover für diesen schönen Kurzfilm von Ramin Bahrani ein: Plastic Bag.

Plastic Bag ist Bestandteil des Projekts Futurestates, das auf seiner Website mehrere Kurzfilme versammelt, die sich mit der Zukunft der USA befassen.
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Non-Embeddable, aber dennoch interessant: Das Videomagazin Cine-Fils hat sich mit Dominik Graf über Film und Fernsehen unterhalten. Und von South Park gibt es eine neue Folge.
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Ein wunderschöner Zeitvertreib, gefunden in Peter Glasers Blog: Die Strecke zwischen Shin-Osaka und Tokio, gefilmt aus dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen heraus und außerdem in horizontaler Spiegelung.

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Wenn Filme brennen, ist das für gewöhnlich traurig - ein ästhetischer Mehrwert entsteht dabei aber ohne Zweifel. Sam Spreckley (mehr Videos hier) hat gezielt altes 8mm-Filmmaterial zum Schmelzen gebracht, aufgezeichnet und eigene Soundscapes drunter gelegt:

(gefunden beim Kraftfuttermischwerk)
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In der Ententeich-Rubrik Found Footage stellt Thomas Groh Netzvideo-Trouvaillen vor.

Abgeschrieben oder eigenes Werk? Links zum Streit über Helene Hegemanns Roman 'Axolotl Roadkill'

Von Anna Steinbauer
18.03.2010. 18.1.2010 Tobias Rapp hat für den Spiegel Helene Hegemanns Buch gelesen, die 17-jährige Autorin getroffen und mit großer Sympathie porträtiert. In dem Artikel steht bereits alles, was später endlos wiederholt werden wird: Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann, Prenzlauer Berg, die Mutter, die sich umbringt, das Schule-schwänzen, die Diskursfähigkeit Helene Hegemanns, der Film, den sie mit 14 gedreht hat, die Themen des Buchs - Sex, Drogen und die Schwierigkeit, in einem linksalternativen Milieu, dass gleichermaßen zu Spießigkeit wie Toleranz tendiert, einen Anlass für Rebellion zu finden. Rapp: "'Axolotl Roadkill' ist radikal, sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar. Und doch: Das ganze Buch wird von einer großen Suchbewegung getrieben, steckt voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken. 'Das ist ja kein Tagebuch oder ein aus Überdruck entstandener Bekenntnisroman. Es ist ein Experiment', sagt die Autorin."
20.1.2010
In der Welt zieht Cosima Lutz nach, und auch sie hat durchaus Sympathie für die Autorin: "'Altklugheit' wird ihr oft unterstellt. Vielleicht ist es auch nur ein Begriff von Leuten, die zwar älter, aber nicht klüger geworden sind."
21.1.2010
Und dann rollen die ersten Hymnen ein. Ursula März schreibt in der Zeit: "Mifti schreit ihren Schmerz heraus. Und kichert sich weg, wenn sie sich dabei betrachtet. Sie hat mehr erlebt, als sich ohne Selbstparodie und Selbstdistanz verkraften lässt. Das ist der Kern dieses Debütromans."
22.1.2010
Mara Delius schreibt in der FAZ: "Damit hat Helene Hegemann vor allem eins geschafft: Die plattgeredeten Wörter, die angestrengt alternativen Attitüden in Kunst, Kritik, Kleidung und die dahinter versteckten, vorsichtig eingezäunten Erwartungen, all das, was schon hundertmal gedacht, gesagt, getan und getragen wurde, hat sie aufgesogen, gebündelt und in etwas ganz Neues, Unerhörtes verwandelt, in den Ansatz zu einer Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist."
24.1.2010
Maxim Biller rühmt in der FAS das "ungeheure literarische Talent" der Helene Hegemann: "Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade - und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: suggestiv wie Sowjetpropaganda, himmlisch rhythmisch, zu Hause in der Hoch- und Straßensprache und so verführerisch individuell ..."
27.1.2010
"Hype hin, Hype her, so gut und so in die Fresse hat schon lange niemand mehr geschrieben", freut sich Nina Apin in der taz: "Dass Helene Hegemann im Visuellen zu Hause ist, beweisen ihre pointierten Dialoge und scharf zugeschnittenen Szenen. Souverän im Ton wechselt sie zwischen Volksbühne und Teenieroman, zwischen Drogenprosa und Facebook-Geplänkel."
2.2.2010
Simone Meier in der Baseler Zeitung geht das "altkluge, pseudophilosophische, monologische Gekotze der Hauptfigur", das sie total an Vater Carl erinnert, auf die Nerven, zeigt dann aber unerwarteten Respekt vor der Autorin: "Man hatte schon lange befürchtet, dass es irgendwann so kommen würde und die Generation, die einmal die kokainisierte Blasiertheit der Berliner 'Tristesse Royale'-Szene um Christian Kracht (heute 43) und Benjamin von Stuckrad-Barre (35) so toll gefunden hatte, als einigermaßen zurückgeblieben entlarvt werden könnte. Als ewiger Axolotl, jenes Lurchwesen, das aussieht wie ein blöde lächelndes, frühvergreistes Baby. Und nun hat das ausgerechnet eine 17-Jährige getan. Hat ein Buch über sich geschrieben und vielen anderen einen Spiegel vorgehalten."
3.2.2010
Peter Michalzik lobt in der FR: "Die Welt, durch die Mifti zugleich surft und stolpert, ist die sogenannte Berliner Boheme. Hier weiß man Miftis psychotischen Zustand im allgemeinen zu schätzen. Zwischen absoluter Toleranz und noch größerer Indifferenz ersäuft das Mädchen dazwischen in seinem durchreflektierten Irrsinn. Und genau da liegt dann Hegemanns Stärke."
4.2.2010
Dorothea Dieckmann erkennt in der NZZ "eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau". Doch wittert sie auch ein psychologisches Drama: "Genau die 'linksresignativen' Kulturbeiträger, denen seine Attacken gelten ..., feiern das brave Wunderkind, das keines sein will. Die Relativierung von Hegemanns Jugend ist dabei ebenso heuchlerisch wie das bereitwillige Zugeständnis, es handle sich um pure Fiktion. Sie selbst bestritt in einem Interview, ihren Vater, den Dramaturgen Carl Hegemann, im Roman abgebildet zu haben: Er sei 'ein großartiger Mann, der der Erste war, der das Manuskript lesen durfte'. Treffender kann man das fatale Dilemma des bösen Mädchens kaum auf den Punkt bringen."
5.2.2010
"Alles nur geklaut?" Unter dieser Überschrift stellt Deef Pirmasens in seinem Blog Gefühlskonserve kurze Auszüge aus Hegemanns Roman kurzen Auszügen aus Airens ein Jahr zuvor veröffentlichtem Roman "Strobo" gegenüber. Die Passagen belegen, dass Hegemann - leicht abgewandelt - ganze Sätze und Szenen von Airen übernommen hat. Dazu Pirmasens: "Das sind nur die offensichtlichsten Stellen. Es gibt noch mehr, in denen nicht Wort für Wort kopiert, aber das Handlungsmotiv einer Szene übernommen wurde. Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill zwar, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab. Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich."
Ijoma Mangold, Literaturredakteur der Zeit, stellt Hegemanns Buch abends begeistert in der ZDF-Sendung "Vorlesen" vor: Das "erstaunliche" sei, dass die Autorin in "diesem wilden Ritt alles, was sie tut, immer mit einer unglaublichen intellektuellen Hellsicht und Klarheit reflektiert".
6.2.2010
Ein Autor erklärt im Blog Leben im Zitat, dass Hegemann zitiert hat, sei nicht das Problem, sondern dass sie ihre Quelle nirgends genannt hat. "... was in Sachen Remix häufig vergessen wird: von einem Remix profitieren im Sinne des Wortes beide Seiten, da der Remix als solcher explizit markiert ist; der Remix ist transparent! Dies ist hier nicht der Fall, und deswegen taucht bis dato auch nur ein Name in den Feuilletons auf: Helene Hegemann, 17 Jahre. Dass nun möglicherweise auch der Name des unbekannten Airen ins Rampenlicht gerückt wird, dürfte lediglich ein schwacher Trost sein."
7.2.2010
Helene Hegemann und Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz antworten in einer Presseerklärung auf die Vorwürfe. Hegemann erklärt klipp und klar, dass sie von überall Aufgesogenes verarbeitet und weist die Kritiker zurecht: "Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt?s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen."
8.2.2010
Die Feuilletons rümpfen in einer ersten Reaktion die Nase - nicht über sich oder Hegemann, sondern übers Internet. Wieland Freund schreibt in der Welt: "Das ist peinlich, das ist klar. Aber vielleicht ist die 'Axolotl'-Affäre auch noch zu etwas gut. Zum Beispiel könnte sie die Sharing-Kultur lehren, dass ein angeblich unzeitgemäßes Urheberrecht nicht den Konzernen, sondern in erster Linie etwas Unbezahlbarem dient: der Gerechtigkeit nämlich."
Felicitas von Lovenberg beschreibt in der FAZ das ganze als eine Art lässliche Jugendsünde und hofft am Ende ihres Artikels milde: "'Axolotl Roadkill' schildere 'das unglücklich bis wütende Coming-of-Age-Gefühl, Opfer in einem Chaos zu sein, das man selbst nicht verschuldet hat', heißt es in der Zusammenfassung des Buchs von Deef Pirmasens. Möglicherweise wird die Rezeptionsgeschichte des Romans nun allerdings auch davon handeln, wie nahtlos der Übergang von Opfer zu Täter sein kann und so einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläuten, wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht - im Internet."
Hans Peter Roentgen zeigt sich in einem Leserkommentar im Autoren Forum empört über die Selbstgefälligkeit, mit der hier "Qualitätsjournalisten, die so darauf pochen, dass sie und nur sie recherchieren und nicht die schmutzigen Blogger im Netz" ihr Versagen verschleiern und den Fall als Auswuchs des angeblich urheberrechtsfeindlichen Internets hinstellen: "Kein Wort davon, dass ausgerechnet die FaS dieses Buch als eins gelobt hat, das nur alle zehn Jahre erscheint. Jetzt wissen wir, dass es doch ein wenig öfter passiert. Kein Wort davon, dass das Internet nicht nur das Copy and Paste (vulgo: Plagiieren) leicht macht, sondern ebenso das Entdecken solcher Tätigkeiten. Wenn man sich eben die Mühe macht, wie der Blogger Deef Pirmasens. Doch genau diese Mühe hielten die Damen und Herren vom QUalitätsjournalismus für überflüssig."
9.2.2010
Helene Hegemann erklärt in einem Interview mit der Welt: "Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe und von vornherein immer damit hausieren gegangen bin, dass eben überhaupt nichts von mir ist. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."
In der FR will Peter Michalzik nicht von seinem Lob abrücken, gibt aber zu: "Auch für die Kritik, wir geben es gerne zu, liegt etwas Peinliches in dem Vorgang. Wer ehrlich ist, wird das Gefühl, jemandem auf den Leim gegangen zu sein, nicht verleugnen wollen."
Joachim Güntner sieht in der NZZ eine Lücke in Hegemanns postmodernem Textverständnis: "Mit der These, dass wir immer schon in Zitaten reden, wenn wir den Mund aufmachen, operiert die ganze postmoderne Intertextualitäts-Theorie. Nur dass deren Vordenker im Rauschen der Texte auch den Autor untergehen sahen. So viel Selbstdemontage hat Hegemanns Ego nicht zu bieten. Ihr Lieblingswort bleibt 'ich'."
Nina Apin, die das Buch in der taz gefeiert hatte, beschränkt sich auf einen Bericht über die Aufdeckung Pirmasens.
In der SZ bescheinigt Willi Winkler seinen Kollegen einen Missbrauch des "jungen Dings".
In der FAZ hat Andreas Kilb kein Problem mit den Zitaten. Denn: Hegemann zitiert Airen, "und er zitiert Benn, Burroughs und Jünger, ebenfalls ohne Fußnote". Kilb fährt fort: "Dennoch hat Hegemann vor Airen einen entscheidenden Vorsprung. Keinen altersmäßigen, sondern einen literarischen. 'Strobo' ist eine gleichmäßig dahinfließende Litanei, deren Grellheiten auf die Dauer etwas Lähmendes haben. 'Axolotl Roadkill' dagegen erzählt eine Geschichte. Die Figur, die Hegemann entwirft, gewinnt mit jeder Seite an Kontur, während Airens Jüngling verschwommen bleibt - auch wenn seine Erfahrungen echt sind und die der Hegemann-Heldin abgekupfert. Denn in der Literatur geht es nicht um das Leben, das in die Bücher fließt. Sondern um das, was aus ihnen herausströmt."
Im Literaturcafe ärgert sich Wolfgang Tischer maßlos über die Heuchelei der Journalisten: Erst der Hype, dann, nach der Aufdeckung der Plagiate, die "Geringschätzung gegenüber 'dem Internet' und 'Bloggern' ausgedrückt wird. Ich staune nur noch! Dabei ist das passiert, was heutzutage an der Tagesordnung ist: Kein Journalist hat nach tagelanger, genauer Recherche etwas herausgefunden, sondern ein Mensch einer anderen Berufsgruppe hat durch Zufall eine Merkwürdigkeit entdeckt und diese im Internet kundgetan. Es kann ein Arzt, ein Rechtsanwalt oder ein Gabelstaplerfahrer sein, spätestens dann, wenn er seine Entdeckung im Internet kundtut, wird er für Journalisten zum 'Blogger'."
10.2.2010
Jürgen Kaube spekuliert in der FAZ, dass Helene Hegemanns Roman womöglich nicht von ihr, sondern entweder von ihrem Vater Carl Hegemann oder gleich "dem Kulturestablishment" geschrieben wurde. "Hätte ein Mann fortgeschrittenen Alters notiert, es bereite ihm keine Schwierigkeiten, bei der Vergewaltigung eines Sechsjährigen zuzuschauen, schützte ihn hoffentlich kein Hinweis auf Tagebuch-Poetik vor der moralischen Verachtung. Hier darf es ein Mädchen seine Ich-Darstellerin - 'aus den Tiefen meines Unterbewusstseins' - heraus sagen lassen, das den Text womöglich vor der Drucklegung seinem Vater gezeigt hat. (...) ob er ihr solche Stellen hineingeschrieben hat?"
11.2.2010
Helene Hegemann ist neben Jan Faktor, Georg Klein, Lutz Seiler und Anne Weber für den Leipziger Buchpreis nominiert worden, meldet die FAZ.
Matthias Dell fragt sich im Freitag, warum es für die Kritiker - vor allem Maxim Biller - okay ist, sich bei de Sade zu bedienen, aber nicht okay, sich bei Airen zu bedienen: "Dieses hierarchische Denken (nach oben wird zitiert, nach unten abgeschrieben) ist in gewisser Weise genauso deutsch wie das Insistieren auf Individualität, das bei Biller fast parodistische Züge annimmt: Die großen Namen müssen her, um zu adeln, aber der Eindruck, dass hier nur jemand 'wie' alle anderen schreibt, darf irgendwie auch nicht zurückbleiben."
Thomas Steinfeld findet das Buch in der SZ literarisch unter aller Kanone: "Die wüsten Sprachbilder bedrängen sich so gegenseitig, stehen einander auf den Füßen herum, rutschen zur Seite und stiften jede Menge Verwirrung. Das Durcheinander ist Absicht, denn es gibt etwas zu verbergen: einen substantiellen Mangel an Erfahrung."
Ijoma Mangold bekennt in der Zeit, dass es ihm nicht nur schnurz ist, dass Hegemann "abgeschrieben" hat, sondern im Gegenteil: "Die schlafwandlerische Sicherheit, mit der die 17-jährige Autorin über fremde Quellen verfügt, weist ihr künstlerisch ein besseres Zeugnis aus, als wenn sie jede Droge, über die sie schreibt, auch selbst genommen hätte."
12.2.2010
Matthias Heine schäumt in der Welt angesichts der Häme, die Hegemann aus einigen Kommentaren entgegenspritzt: "Helene Hegemann bringt sie gegen sich auf, weil sie ein Buch veröffentlicht, ohne 30 Jahre lang mit dem Federkiel Frakturschriften zu kalligraphieren. Und dann bekommt das Gör für sein anstößiges, die Regeln missachtendes Machwerk auch noch mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit als all die wertvollen regelkonformen Produkte, die die alten Männer propagieren! Deshalb dampfen die Feuilletonbürokraten gerade Empörung aus jeder Pore."
Dirk Knipphals kommentiert die Sache in der taz, als hätte die eigene Zeitung nichts damit zu tun: "Es war wirklich arg stark aufgetragen worden. Das muss man bedauern, nicht nur weil die Literaturkritik da nun etwas großkotzig dasteht, sondern auch im Sinne von Helene Hegemann selbst: Ein sorgfältiger Aufbau einer Autorin sieht anders aus."
In der SZ werden Kritiker befragt, ob sie von ihrer Meinung zum Buch abrücken.
In der FAZ erklärt Airen im Interview, dass Hegemanns Buch trotz der Zitate ganz anders sei als seins und er darum nichts übel nimmt. "Ich habe ihren Roman gelesen, es ist genau die Art von Buch, die ich gern lese, aber es wäre auch ohne meine Stellen cool gewesen. Ich würde gern wissen, was Helene Hegemann gedacht hat. Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten - Gott sei Dank bin ich ohne Krankheit davongekommen. Das ist kein Roman, das war mein Leben. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt."
13.2.2010
In der FR nimmt ein unter dem Pseudonym Axel Lottel schreibender Literaturkritiker seine Zunft aufs Korn: "Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt."
In der taz fragt Jörg Sundermeier einigermaßen entgeistert, ob wir hier eine Debatte aus dem 19. Jahrhundert führen: "Helene Hegemann weiß offensichtlich, was so mancher Feuilletonist nicht wahrhaben will: dass man sich Erfahrungen auch anlesen kann. Literatur ist nicht 'wahr', 'schwarz auf weiß' ist noch kein Beweis. Komisch: Fünfzehn Jahre nach dem Tod von Helmut Heißenbüttel, zwanzig Jahre nach dem Tod von Max Bense, hundert Jahre nach dem Linguistic Turn und in einer Zeit, in der Grundkenntnisse in Strukturalismus und Poststrukturalismus zum Allgemeinwissen gehören, will mancher Feuilletonist am liebsten Bücher, die das Leben selbst spiegeln."
Thorsten Schmitz besucht Airen.
Und Helene Hegemann tritt bei Harald Schmidt auf.
15.2.2010
In der FAS ist Volker Weidermann entsetzt über den "Rausch von Hohn und Spott und Bosheit", in den die Hegemann-Kritiker verfallen sind.
Die Diskussion um das Buch wird jetzt auch international wahrgenommen. Nicholas Kulish berichtet in der New York Times, Robert McCrumb berichtet im Guardian. Ein Leser fragt im Guardian: "how much of the first work has been copied? Is the new work otherwise original, innovative, interesting? It's hard to have a hard and fast rule on this as each case would have to be considered on its merits. Otherwise, does Cervantes have a case against Borges for copying word for word from Don Quixote in 'Pierre Menard'? Obviously that's an extreme example as a story, but given that it's about this very issue - how new does a text have to be to be a new text, and how important is the context - it's pretty relevant."
16.2.2010
Der Autor Sigfrid Rauch macht in seinem Blog darauf aufmerksam, dass Helene Hegemann nicht die einzige Autorin ist, die Passagen aus anderen Werken übernimmt. Recht ähnlich sei das Verfahren Peter Esterhazys, der in der "Harmonia Celestis" sogar ganze Kapitel aus Büchern (zum Beispiel von Ernst Jünger) übernommen habe - auch aus seinem, Gauchs Roman "Vaterspuren" habe Esterhazy, ohne zu fragen, ein ganzes Kapitel übernommen. Der Berlin Verlag brachte allerdings einen Marginalienband mit Danksagungen an die zitierten Autoren heraus. "Soso, also darf Peter Esterhazy das. Er nimmt thematisch passende Texte und collagiert sie zu einem eigenen Werk, das von den Feuilletons hymnisch gefeiert wird. Klar, denke ich, wenn er sich bei anerkannten Autoren bedient und ein wenig umschreibt, muss das ja stilistisch gut sein."
Im amerikanischen Magazin Salon berichtet Laura Miller über die Sache - mit besonderer Berücksichtigung von Ian McEwan, der in seinem Roman "Atonement" einige Passagen aus den Erinnerungen von Lucilla Andrews abgeschrieben, die Autorin im Anhang aber als Quelle aufgeführt hatte - für Miller der entscheidende Unterschied.
17.2.2010
In der Welt fragt Uwe Wittstock, ob es für die begeisterten Literaturkritiker nicht an der Zeit wäre zuzugeben, dass sie einer Verlagskampagne aufgesessen sind, die Hegemann auf "Zornige Junge Frau" getrimmt hat: "Da bestehende Lebensverhältnisse naturgemäß immer verbesserungsbedürftig sind, trifft diese Haltung jederzeit auf eine gewisse Sympathie - zumal im etablierten Kulturbetrieb, der sein schlechtes Gewissen über die eigene Etabliertheit gern damit betäubt, rebellische Naturen zu bejubeln."
Der Ullstein Verlag verschickt - wie von Siv Bublitz versprochen - die aktualisierten Quellennachweise zu Hegemanns Buch an die Redaktionen. Diese Nachweise stehen inzwischen auch auf der Ullstein-Webseite (pdf) Jeder kann jetzt selbst überprüfen, wieviel und in welchem Zusammenhang Helene Hegemann aus anderen Büchern übernommen hat. Was Airens Roman "Strobo" angeht, hat Hegemann Passagen übernommen, die zusammengenommen eine gute Seite ausmachen (Hegemanns Roman hat insgesamt 196 Seiten).
18.2.2010
Iris Radisch knöpft sich in der Zeit Willi Winkler, Jürgen Kaube und Thomas Steinfeld vor: alles alte Machos, die sich an einer jungen Frau rächen, die Erfolg hat. "Hegemanns wichtigstes Vergehen besteht nämlich nicht darin, dass sie ihre Quellen verschwiegen und das Vokabular der Drastik manchmal ein wenig zu kokett eingesetzt hat. Das würde für einen patriarchalischen Radau wie den stattgehabten kaum ausreichen. Ihr Vergehen besteht vielmehr darin, das Chaos und die Bedenkenlosigkeit einer noch nicht hierarchisierten, noch nicht durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur in den Machtbereich der alten literarischen Leitkultur überführt und dabei einen ziemlichen Auffahrunfall provoziert zu haben."
Außerdem in der Zeit: Der Literaturwissenschaftler Jürgen Graf erklärt mit Verweis auf Thomas Mann, Bertolt Brecht und Elfriede Jelinek, dass sich Montagen immer auf dem schmalen Grat zwischen Copyright und künstlerischer Freiheit bewegen. Für Josef Joffe dagegen hat Hegemann ganz klar geklaut. Der Autor Thomas Meinecke ist wiederum für Zitate - aber mit Quellenangaben: "Ich will mich im Geflecht mit anderen Texten sehen." Und Peter Kümmel versucht sich zu erklären, was Hegemann mit dem "regiemäßigen Drangehen" meint, als sie ihre Schreibtechnik erklärte.
Im Freitag stimmt Dorothea Dieckmann ein gebremstes mea culpa an: "(Auch) ich habe den Hype bedient wie viele abhängige Rezensenten, die für eine dreistellige Summe über Hegemann schrieben, die derweil eine mindestens achtstellige Summe anschafft. (Auch) ich habe dem Buch Positives, nämlich 'Intelligenz und Stil' und nebenbei eine interessante Cut-up-Technik bescheinigt."
20.2.2010
Es sind voll allem die Literaturkritiker, die enttäuschen, verkündet Elke Heidenreich auf den vorderen Seiten der SZ zum Fall Hegemann. "Das Feuilleton schreibt füreinander und gegeneinander, man zeigt sich, wer der Gescheiteste, Schnellste, Arroganteste ist - und der Leser ist ohnehin wurscht, so scheint es mir zu sein. (...) Ich wittere zu viele eitle Hahnenkämpfe hinter den Kulissen und weiß auch von solchen. Und ich sehe nur noch selten Respekt vor der Arbeit eines Autors."
23.2.2010
Unter der Überschrift ""Plagiat"" singt Durs Grünbein in der FAZ eine Hymne auf Helene Hegemanns ersten Roman: "Dass von ihm jene erregende Sicherheit ausgeht, dass sich etwas Notwendiges und Neues unausweichlich auf einen zubewegt, jenes 'Lawinengefühl', wie ich es nennen möchte, das aufsteigt aus der großen amerikanischen Epik, sei es 'Fänger im Roggen' oder dem Montageroman der Beatniks. Ob dabei die Handlungsorte aus der Netzliteratur oder dem Nibelungenlied stammen, das tritt wohl ganz vor dem zurück, dass jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird von der Inspiration einer großen Schöpferin."
24.2.2010
Am nächsten Tag verkündet Grünbein - ebenfalls in der FAZ - dass seine Hegemann-Hymne im wesentlichen von Gottfried Benn war. Im Interview erläutert der Dichter seine Motive und erklärt, was seiner Ansicht nach "schiefgelaufen" ist in der ganzen Hegemann-Debatte: "Analytisch gesehen, alles. Es geht im Moment alles durcheinander. Was ist Intertextualität, was ist Plagiat, was ist ein Ready-made, wie wir es aus visuellen Künsten kennen, was ist ein Insert, ein Zitat, ein Pastiche? Und dann die große moralische Frage, die man schon im zarten Kindesalter gestellt bekommt: Was ist Mein und was ist Dein?"
In der Welt schreibt Uwe Wittstock einen empörten Kommentar über Durs Grünbeins Hegemann-Verteidigung, weiß aber noch nicht, dass sie von Benn ist.
Ähnlich wie Dorothea Dieckmann vor einer Woche im Freitag sieht auch Lothar Müller in der SZ Helene Hegemann als Opfer, als Opfer nämlich eines linksbürgerlichen Milieus, das nur superbegabte Kinder zeugt. Hier aber hat das Wunderkind versagt, denn es hat in der Not nicht "intertextuell" geschrieben, sondern schlicht kompiliert, urteilt Müller: "Ein solches Zusammenraffen aller möglichen fremden Textbausteine kann auch Wunderkindern beim Anreichern eines Manuskriptes helfen, auf dessen Fertigstellung ein Verlag - oder ein ehrgeiziger Vater - drängt."
Außerdem in der SZ: Vier Autoren versuchen zu erklären, was der Unterschied ist zwischen kompilieren, plagiieren und intertextuellem Schreiben? Oder zwischen Remix, Mashup und Plagiat. Dirk van Gehlen geht davon aus, dass der "Geniestreich" eines Einzelnen immer Kopie ist und findet Mashups okay, wenn sie auf ein Referenzsystem verweisen. Burkhard Müller findet es idiotisch, Kunst wie das Lebensmittelrecht mit einer "strikten Kennzeichnungspflicht" zu versehen, ihn verstimmt allerdings, dass Helene Hegemann zwar "die Vogelfreiheit der Blogosphäre für sich in Anspruch" nimmt, deren "Urkommunismus des Geistes" aber missachtet, wenn sie "hintenherum ein Eigentum neu für sich selbst" begründet, "wo es insgesamt längst hätte abgeschafft sein sollen". Feridun Zaimoglu, der vor vier Jahren beschuldigt wurde (mehr hier und hier), er hätte Teile seines Romans "Leyla" aus dem 14 Jahre zuvor erschienenen Buch "Das Leben ist eine Karawanserei ..." von Emine Sevgi Özdamar abgekupfert, gibt im Interview das aufrichtige Dorfei: "Leute wie ich stehen da als Spießer und Spaßbremsen, weil sie etwas ganz Selbstverständliches aussprechen: Klau ist Klau." Und der Autor Thomas Meinecke, der einen Ruf für seine Sample-Techniken hat, erklärt, er wäre enttäuscht, wenn Helene Hegemann sich nur bei Airen bedient hätte: "Ich hoffe, dass da noch viel mehr Fremdes hineingepuzzelt ist. Damit nicht nur gesagt wird, sie habe abgeschrieben, weil sie nicht ins Berghain reingekommen ist."
25.2.2010
War das wirklich ein guter Scherz?, fragt sich Dirk von Gehlen in seinem Blog zum Grünbeinschen ""Plagiat"": "Mich beschäftigt an diesem Test eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man als Zeitung seine Leser so verschaukeln darf. Es ist die naheliegendste Redaktions-Reaktion auf den so genannten Fall Hegemann, selber ein Plagiat zu testen. Ich glaube aber - eben weil es so naheliegend ist - dass man dem nicht nachkommen darf, weil man seine Leser damit in die Irre führt."
In der Welt entschuldigt sich Uwe Wittstock bei den Lesern, dass er Durs Grünbeins Intervention im Fall Helene Hegemann, die auf einem Text von Gottfried Benn basierte, für bare Münze genommen hat - bleibt aber bei seinem Widerwillen gegen die von ihm kritisierte Stelle.
In der NZZ freut sich Philipp Theisohn, der Verfasser der Studie "Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte", freut sich über Durs Grünbeins Plagiat in der FAZ und wirft der Literaturkritik vor, sie wolle im Fall Hegemann das Kind nicht beim Namen - Plagiat! - nennen, weil der Begriff so unfein sei. "Er verwandelt Kunst in Recht, Arbeit, Geld, mithin: Er erinnert den Literaturbetrieb an seine betriebliche Seite, die irgendwie dazugehört, von der man dann aber im Text möglichst wenig sehen will. Wer vom Plagiat spricht, der profaniert die Kunst". Doch bedeute dies keineswegs, dass jeder, der ein Plagiat als solches erkennt, einem Blockwartsdenken verhaftet sei...
Im Tagesspiegel schreibt Anselm Neft einen wunderbaren Tagestipp für eine Lesung Martin Walsers. Der beginnt so: Neft liegt krank in seiner Wohnung, liest "Axolotl Roadkill", schläft ein und als er aufwacht, sitzt Helene Hegemann auf seinem Bett und fragt:
"- Literatur oder nicht?
- Literatur.
- Echt? Diese inakzeptable Wortzusammenhangsscheiße?
- Nee, echt, is' schon viel Interessantes drin. Dieses zum Lebensgefühl gewordene Misstrauen. Dieses gnostische Fremdsein in der Welt, der Gesellschaft, dem Körper.
- Was laberst du da, Alter?
- Wir schweigen eine Weile und schauen auf ein Stück Rindfleisch unter der Heizung."
Ebenfalls im Tagesspiegel watscht Sibylle Krause-Burger die Hegemannfans unter den Literaturkritikern ab: "Wenn das so weitergeht, wird man demnächst eine Siebenjährige entdecken und ihr Gestammel über die ersten Doktorspiele zum Bestseller hochjubeln. Nur ein Großer wie Marcel Reich-Ranicki kann uns davor noch bewahren."
27.2.2010
Im Standard abgedruckt ist die Antrittsrede des neuen Mainzer Stadtschreiber Josef Haslinger, der sich mit Helene Hegemann, dem Internet und Intertextualität, wie Julia Kristeva sie versteht, auseinandersetzt: "Jeder Text, so schreibt Kristeva in ihrem Bachtin-Aufsatz, baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. Die Erkenntnis, dass die Literaturgeschichte und das den Autor umgebende Sprachverhalten an seinem Text mitschreiben, ist jedoch keine Aufforderung, von nun an die Texte der Kollegen gezielt als Baumaterial für die eigenen Kathedralen zu verwenden. Julia Kristeva spricht nicht von 'copy and paste', sondern von Absorption und Transformation fremder Texte in eigene."
Im Neuen Deutschland widerspricht Sascha Anderson den Kritikern, die Helene Hegemann vorwerfen, sie habe ja nicht selbst erlebt, was sie beschrieben habe: "Das Nicht-Erleben kreiden ihr nur jene an, die von Literatur nichts begriffen haben. Von Literatur nichts begriffen zu haben, ist allerdings kein Maßstab dafür, ob jemand das Wort ergreifen oder das Maul aufreißen oder die Stimme oder Einspruch erheben darf oder nicht. Das tragende Argument gegen 'Axolotl Roadkill' ist, dass Helene Hegemann, so gut oder schlecht sie es eben vermag, ihr Erfahrungs-'Defizit' durch Abschreiben kompensiert hat. Die Autorin hat ja keineswegs kopiert, sondern wohlweißlich umformuliert. Die Leistung des Umformulierens entspricht nicht dem, was die Kunstwelt als Leistung der Montage von Zitaten anerkennt."
In der Welt hält Tilman Krause im Fall Helene Hegemann fest, dass "das wahre Leben" keine literarische Kategorie sei, und fragt, ob die Hegemann-Bewunderer einfach nicht genug ihr eigenes "Jugendirresein" ausgelebt haben.
16.3.2010
Der Schriftstellerverband hat eine "Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums" veröffentlicht, die wohl sicher stellen solle, dass nicht die nominierte Helene Hegemann mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wird, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. So heißt es in der Erklärung: "Wenn ein Plagiat als prestigewürdig erachtet wird, wenn geistiger Diebstahl und Verfälschungen als Kunst hingenommen werden, demonstriert diese Einstellung eine fahrlässige Akzeptanz von Rechtsverstößen im etablierten Literaturbetrieb." Unterschrieben haben unter anderen Günter Grass, Günter Kunert, Christa Wolf und Sybille Lewitscharoff.
17.3.2010
In der Welt kommentiert Uwe Wittstock die "Leipziger Erklärung", die die Hegemann-Debatte neu entfacht hat. Er weist unter anderem darauf hin, dass die ersten Sätze aus den "Kindheitsmustern" der Mitunterzeichnerin Christa Wolf von William Faulkner übernommen sind - und zwar ohne Anführungszeichen und Danksagung: "Christa Wolf eine Wegbereiterin der 'Copy & Paste'-Ästhetik?" fragt Wittstock und antwortet: "Anders als die 'Leipziger Erklärung' suggeriert, kommt es nicht darauf an, ob ein Schriftsteller an fremden Töpfen nascht und 'ohne Einwilligung und Nennung der geistigen Schöpfer' kopiert, sondern ob er die übernommenen Themen oder Sätze tatsächlich weiterdenkt, fortentwickelt und so in etwas Neues, Eigenes verwandelt."
Das Studentenblog litaffin kommentiert die (übrigens in seltsamem Deutsch gehaltene) "Leipziger Erklärung" von Großschriftstellern gegen eine mögliche Vergabe des Leipziger Buchpreises an Helene Hegemann: "Als Jurymitglied würde ich mir einen derartigen Versuch der Einflussnahme verbitten. Als Helene Hegemann empfände ich den persönlichen Angriff im Gewand einer allgemeinen Petition als unfair. Als Teil einer 'jüngeren Generation' fühle ich mich jedoch in jedem Fall unterschätzt."
Dirk von Gehlen kritisiert die "Leipziger Erklärung" in seinem Blog Digitale Notizen: "Gerade weil im Rahmen der Hegemann-Debatte sichtbar wurde, wie wichtig eine genaue Begriffsdefinition in diesem sich verflüssigenden Feld zwischen Original und Kopie ist, hätte ich mir von einem derart illustren Unterzeichner-Kreis etwas mehr Genauigkeit erwartet."
Für Peter Michalzik hätte die Leipziger Erklärung gegen einen Buchpreis für Helene Hegemann nur einen Sinn, wenn die Entscheidung für sie schon getroffen wurde, wie er in der FR spekuliert.
In der SZ kommentiert Lothar Müller die "Leipziger Erklärung", sieht die zitierten Passagen in Helene Hegemanns Roman "Axolotl" aber eindeutig als Plagiat und setzt ihm als positives Gegenbeispiel Peter Esterhazys Roman "Harmonia Caelestis" entgegen, in dem sogar ganze Kapitel anderer Autoren übernommen sind: "Ein riskantes Verfahren, aber er hat seine Collage als Collage ausgewiesen. Und vor allem: Der Roman, der dabei entstanden ist, weist ihn als souveränen Autor aus." (Siehe dazu auch "Die Esterhazy-Methode - Wie es ist, als Schriftsteller von einem Schriftsteller beklaut zu werden" von Sigfrid Gauch.)
Ebenfalls in der SZ erklärt Sibylle Lewitscharoff im Interview, warum sie die "Leipziger Erklärung" unterschrieben hat und spricht sich gegen eine Ästhetik des Mashups aus: "Dass man im Mixen, im Sampeln, im Kopieren, im Zusammenschneiden eine kreative Leistung erblickt - das ist natürlich Unfug. Dinge zusammenzuleimen ist sehr einfach."
18.3.2010
In der Welt erklärt die Poststrukturalistin Julia Kristeva, was es mit dem von ihr stammenden und durch die Hegemann-Debatte anrüchig gewordenen Begriff der Intertextualität auf sich hat. Sie beschreibt ihn als einen dialogischen Begriff der Literatur und findet dann einige überraschende Argumente gegen Digitalisierung und Internet: "Es ist sehr leicht geworden, abzuschreiben oder etwas nachzumachen und die Komposition dann als eigene auszugeben - ohne besondere Eingriffe, durch bloßes Copy & Paste. Das ist meiner Meinung nach einer der schwächsten Aspekte moderner Kultur, und es bedeutet für unseren Begriff von Kreativität eine enorme Krise. Der Begriff des Subjekts und des kreativen Individuums, diese persönliche Konstruktionseinheit, die wir vom Juden- und Christentum geerbt haben, kollabiert."
Der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik geht an Georg Klein für seinen "Roman unserer Kindheit". Mehrere Zeitungen (hier, hier, hier und hier) übernehmen eine Agenturmeldung, in der es über Hegemann heißt, sie habe sich "für ihren Debüt-Roman 'Axolotl Roadkill' in zahlreichen Internet-Blogs bedient und die Quellen zunächst nur zum Teil kenntlich gemacht".
29.4.2010
Der Rauch um "Axolotl Roadkill" hätte sich beinahe verzogen, da antwortet Helene Hegemann ihren Kritikern in der Zeit: "Viele Journalisten, mit denen ich in dieser Zeit kommuniziert habe, weigerten sich, egal ob sich ihre Artikel gegen mich richteten oder mich verteidigen sollten, die eigentlich wichtigste Tatsache mit einzubeziehen: nämlich dass es sich bei der als Plagiat bezeichneten Menge von Stellen um zusammengenommen circa eine einzige von 206 Buchseiten handelt... Mir wurde moralisch falsches Handeln vorgeworfen, in Artikeln, die die Moral selbst diskreditieren - dadurch, dass sie von Menschen geschrieben wurden, denen es augenscheinlich nicht um recherchierte Informationen ging, sondern darum, eimerweise Scheiße über mir auszuschütten."
6.5.2010
In ihrem fabelhaften Blog love german books freut sich Katy Derbyshire, dass sie "Axolotl Roadkill" ins Englische übersetzen wird: "I'm going to roll up my sleeves and confront those blackouts, sweaty T-shirts and ten different illegal drugs head on. I'm going to revel in the gorgeous language, feel my way into fucked-up Mifti like a first-class voyeur and - I hope - enjoy every minute of it. ... I'm also rather grateful for the detailed list of sources, something a translator usually has to use guesswork to get around."

Fantasie über die Zukunft des Schreibens

Von Thierry Chervel
14.03.2010. Am 14. März 2000 gründeten Anja Seeliger, Niclas Seeliger, Adam Cwientzek und ich bei einem Hamburger Notar die Perlentaucher Medien GmbH. Das Wetter habe ich als noch winterlich, aber nicht unfreundlich in Erinnerung. Am Tag darauf gingen wir mit der ersten Feuilletonrundschau online, die heute verloren ist, weil wir die Feuilletonrundschauen zunächst noch Tag für Tag überschrieben. Erst ab 2. April 2001 sind sie archiviert. Die erste Bücherschau des Tages lässt sich aber auf den 15. März 2000 datieren. Um nicht bei Null anzufangen hatten wir außerdem die Herbstbeilagen von 1999 ausgewertet. Das erste Buch in unserer Datenbank ist Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen". FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld umkreist es wie eine scharfe Handgranate, ohne selbst Stellung zu beziehen, resümierten wir.Einige Tage vor dem 15. März 2000 hatten die Börsen ihren höchsten jemals gemessenen Stand erreicht. Die erste Internetblase platzte. Die alten Medien waren wieder obenauf. Sie platzten vor Geld. Der Internetboom war durch seine unglaublichen Anzeigenbudgets auch ein Medienboom gewesen. Der letzte, aber das war noch nicht klar. Welche Abenteuer des Geistes noch folgen würden, konnte man nicht ahnen. Die Journalisten hatten sich durch den Boom gerade noch als Player der New Economy gefühlt, nun waren sie froh, dass sie ihre sicheren Inseln des Geistes und der Warenwirtschaft nicht aufgegeben hatten. Einen SZ-Artikel von Sonja Zekri, die heute als Moskaukorrespondentin exzellente Arbeit leistet, werde ich nie vergessen. Sie sagte Amazon am 25. Juli 2001 das nahe Ende voraus. Wir zitierten sie in unserer Feuilletonrundschau, nicht ohne einen kleinen Kommentar:
Süddeutsche Zeitung, 25.07.2001
Sonja Zekri berichtet, dass Amazon vor der Pleite steht: "Schon heute dürfte Amazon in die Netz-Geschichte als eines der am stärksten überschätzten Unternehmen eingehen, ein Riesenbluff, der im Vertrauen auf den steigenden Aktienkurs wirtschaftete und die Aktionäre nicht mit Bilanzen versöhnte, sondern mit den Anekdoten und dem ansteckenden Lachen des Firmengründers Jeff Bezos." Ähem, nur eine ganz winzige Anmerkung: Allein in Deutschland macht Amazon nach kurzer Zeit einen Umsatz von 200 Millionen Mark und dürfte damit zu den zehn größten Buchhandlungen des Landes zählen. Bol.de hat es trotz riesiger Kampagnen und der Milliarden des Bertelsmann-Konzerns gerade mal auf 36 Millionen Mark Umsatz gebracht. Nicht nur, dass Bertelsmann die Idee nicht hatte - sie haben es nicht mal geschafft, sie zu kopieren!
Und so entwickelte sich seit Zekris Artikel der Aktienkurs von Amazon (die rote Linie zeigt zum Vergleich den Dow Jones, die gelbe die New York Times).


Journalisten soll man antizyklisch lesen!
Nach dem Platzen der Blase hatte man aber auch glauben können, dass das mit dem Netz wieder vorübergeht. Als Suchmaschine nutzte man noch Metager. Die Vorteile Googles waren kaum bekannt. Formen wie das Blog oder die Wikipedia nicht mal ausgedacht. Das E-Book scheiterte in seiner ersten Version. Dann folgt auf den letzten Medienboom die jüngste Zeitungskrise.
Heute ist das Wehklagen groß. Google hat Millionen Bücher gescannt und ins Netz gestellt, und alle möglichen Akteure sind froh, wenn sie dem Konzern ab und zu ein Steinchen in den Weg legen können. Die Zeitungsverlage versuchen durch Leistungsschutzrechte ein paar Brosamen von den Milliarden abzubekommen, die die einst belachten Konzerne nun scheffeln. Sie kündigen Paywalls und Abomodelle an, an die sie selber nicht glauben. Atemlos sehen sie dem Kampf der Giganten Google, Apple, Amazon zu, in dem selbst Nokia und Microsoft wie Statisten wirken. Der Spiegel ist von 400 auf 150 Seiten geschrumpft, die Süddeutsche entlässt unauffällig Jahr für Jahr ein paar Journalisten mehr. Man engagiert sich ermüdete Pioniere wie Jaron Lanier und lässt sie Sätze schreiben wie "Noch nie hat jemand einen guten Rat für die sterbenden Zeitungen gehabt, aber man hält es immer noch für angemessen, ihnen die Schuld an ihrem eigenen Schicksal zu geben" oder "Unter dem Strich produzierte die Blogosphäre leeres Gerede, wie es in den heute hochgejubelten flachen und offenen Systemen eigentlich immer geschieht". Das Internet zermanscht das Hirn, sekundiert Frank Schirrmacher. Er will die Kontrolle zurückgewinnen. Aber die ist perdu. Die Revolution frisst ihre Kinder, ihre Väter und ihre Verächter.
In ihrer Bangigkeit stellen die Medienindustrien verständlicherweise zunächst die Frage nach der Zukunft ihrer selbst: Was wird aus dem Journalismus? Was wird aus dem Buch? Aber wer so fragt, macht bereits Voraussetzungen. Er nimmt an, dass sich diese überkommenen Formen von Geist - und damit die Macht der sie repräsentierenden Konzerne und Institutionen - in den neuen Aggregatzustand der Zeichen hinüberretten lassen. So einfach ist das nur nicht. Seit es das Netz gibt, ist für die Medien alles Netz. Eine Zeitung ist eine Internetdatei, die man druckt, ein Buch ist eine Website, die man bindet, eine Sendung ist ein Live-Stream, den man funkt. Die bisherigen Gegebenheiten werden dadurch zutiefst verändert. Grenzen verwischen, Genres vermischen sich, Autoritäten wanken, neue Akteure haben sich Produktionsmittel angeeignet. Die Frage der Bezahlschranke ist letztlich sekundär. Selbst wenn das Ipad kommt und damit die von Apple gewünschte gefälligere Ästhetik, die nach professionellerer Aufarbeitung verlangt, wird für die Medien immer klar sein, wer in diesem Spiel die Kasse hält: Steve, nicht Rupert.
Durch die Digitalisierung lösen sich die Zeichen von den Dingen. Der Roman braucht das Buch nicht mehr. Musik kommt ohne Platte aus. Vielleicht sollte man zunächst fragen, was sich mit diesen losgelösten, schwebenden, stets neu konfigurierbaren Zeichen alles machen lässt, um herauszufinden, was aus "dem Buch", "dem Journalismus" und am Ende vielleicht sogar "der Literatur" werden wird.
Die Zukunft ist ja längst angebrochen. Das Netz hat Formen von Text hervorgebracht, die ohne es nicht existieren könnten, zum Beispiel das Blog und das Wiki, also eine extrem individualistische und eine extrem kollektive Art des Schreibens. Diese Formen können Funktionen des Journalismus wie die der Kritik oder der Information übernehmen, ohne Journalismus zu sein. Wer nach der Zukunft des Journalismus fragt, ist also gezwungen über diese Formen des digitalen Schreibens nachzudenken, die ihn untergraben, vielleicht sogar ersetzen könnten.
Ein Beispiel: Während des Georgienkrieges vor zwei Jahren kursierten in den Medien und im Netz unterschiedliche Versionen des Geschehens, eine prorussische und eine progeorgische Version. Je nach Fraktion variierte zum Beispiel die Erzählung vom Ablauf der Kriegshandlungen. Wer hatte angefangen und wann? Welche Quellen sprachen für welche Informationen? Welche NGOs hatten sich wie geäußert? Wer in den Archiven der Presse und Sender oder bei Google recherchierte, fand allenfalls fragmentarische Informationen. Ein Bild von dem, was sich über den Konflikt sagen ließ, konnte man so nicht zusammensetzen.
Dieses Bild lieferte erst - und zwar schon in dem Moment des Konfliktes - die Wikipedia. Sie bot eine lexikalische Information in Echtzeit. Die Tatsache, dass sich auch in den betreffenden Artikeln der Wikipedia unterschiedliche Fraktionen stritten, zwang jede der Seiten, ihre Informationen durch Quellen zu belegen. Wer sich über die strittigen Fragen informieren wollte, konnte die Diskussionsseiten zu den Artikeln lesen.
Wikipedia-Artikel sind Texte, die atmen, wachsen und innerlich grollen. Sie haben sicherlich nicht immer in der Realität, aber der Möglichkeit und dem Anspruch nach, den gleichen Willen zu Wahrhaftigkeit und Aktualität wie Journalismus. Sie greifen journalistische Information auf. Aber sie sind kein Journalismus. So wie sie, schon wegen ihres Echtzeit- und stets offenen Charakters auch keine Artikel einer Enzyklopädie sind. Und doch haben sie sich an die Stelle der Enzyklopädien gesetzt.
Auch das Blog stellt journalistisches Selbstverständnis zutiefst in Frage - hierüber ist oft diskutiert worden. Wie radikal anders das Blog ist, zeigt der Vergleich mit einem ebenfalls extrem subjektiven Genre des Journalismus, der Kritik: Kritiker waren daran gewöhnt, das letzte Wort zu sprechen. Danach diskutierte allenfalls noch das Publikum im privaten Rahmen. Anders als bei jedem anderen Genre hatte das Objekt der Kritik stillzuhalten. Ein Blog wie Nachtkritik.de zeigt, dass sich diese richter- oder priesterähnliche Position in der Verwaltung der Kunstwahrheit nicht halten lässt: Hier können die Kritisierten zurückschlagen. So krude, unfertig, halb bedacht Blogbeiträge oft sein mögen - durch die Kommentarmöglichkeit und den Hyperlink ist ein Blog doch immer ein Dialog, mit den Lesern, mit anderen Blogs oder Medien, und mit den Kritisierten.
Für die Debatte gilt das gleiche. Am jüngsten Streit über den Islam könnten Medienwissenschaftler wunderbar die unterschiedlichen Argumentationsstrategien der unterschiedlichen Medien studieren. Verkürzt könnte man es so ausdrücken: In den Zeitungen redete man über die Gegner, im Netz redet man mit ihnen. Deutlich wurde es in den Artikeln, in denen sich Thomas Steinfeld (hier) oder Claudius Seidl nach der ersten Runde der Debatte gegen Kritik verteidigen, häufig ohne die Adressen der sie kritisierenden Artikel (etwa hier im Perlentaucher) anzugeben. Im Netz verlinkt man zu den Artikeln, auf die man antwortet, im Journalismus teilt man die Information über die Gegner in Portiönchen aus. Und auch wenn es an Journalismushochschulen als ungehörig gelehrt wird, verzichten Journalisten häufig auf die Nennung von Quellen. Darauf basierte ja ein Teil ihrer Macht, solange die Öffentlichkeit die Filter der Medien brauchte: Was sie nicht nannten, existierte eigentlich nicht. Das SZ-Feuilleton zum Beispiel ließ in der Islamdebatte keinen einzigen Beitrag zu, der Steinfeld widersprach. Keiner der von Steinfeld Attackierten durfte antworten. Es galt nur Steinfelds Version ihrer Ideen. Das ist das Pfäffische am klassischen Journalismus, der selbst entscheiden will, was die Schäfchen wissen dürfen. Die Leser der SZ kennen dadurch allerdings nur einen Ausschnitt aus der Debatte. Im Blog kann der Blogger natürlich kritische Kommentare entfernen, aber auf die Dauer macht das sein Blog steril. Es geht nicht ohne Diskussion.
Wenn die Zeitungen sich nun einfach weiter für Zahlschranken entscheiden (die ja bei er FAZ oder der SZ nie abgeschafft wurden), schneiden sie sich auch von Möglichkeiten ab, die Text bietet, und von Erwartungen, die legitimer Weise an Text gerichtet werden. Sie konservieren, für ein Weilchen, die alte Welt in der neuen. Der Zeitungsartikel ist hermetisch, der Blogbeitrag porös, die Kritik ist rund (oder spitz), der Blogbeitrag fragmentarisch.
Und das Buch war eine Insel!, rief Kevin Kelly in seinem klassischen New York Times-Essay "Scan this Book". Für Kelly werden Bücher durch die Digitalisierung gewissermaßen in eine Nährlösung gelegt. Aus Inseln werden Zellen. Die Bücher entwickeln Synapsen. Durch Links, Tags, Kommentare schaffen sie physische Verbindungen zueinander. Der unendliche Dialog ist nicht mehr nur Metapher. Jürgen Neffe hegt in einem Zeit-Artikel ähnliche Hoffnungen und setzt dabei auf die Urheber: "Den Autoren als Urhebern (und ihren Partnern, den Lesern) eröffnet die Ära des entleibten Buches ungekannte Dimensionen - falls sie tun, was Kulturschaffende immer getan haben, wenn sich ihnen neue Techniken und Entfaltungschancen bieten. Aus ihrer 'Feder' wird das Buch der Zukunft kommen, das über die Zukunft des Buches entscheidet."
Verlagen und Autoren steht die schwierigste, aber auch aufregendste Zeit seit Erfindung des Buchdrucks bevor. Ist ein Buch, das nicht in Gestalt eines Buchs erscheint, überhaupt ein Buch? Jürgen Neffe träumt von "undruckbaren Büchern", die nur in digitaler Form existieren können und neue Formen der Erzählung und Darstellung ausprobieren. Ist die Entscheidung eines heutigen Autors, einen Roman im klassischen Sinne zu schreiben, bereits so etwas wie die Entscheidung eines Oulipo-Autors, ein Gedicht ohne den Buchstaben "e" zu schreiben, eine willkürliche, selbstauferlegte Regel und geistige Askese? Wird das Genre des Romans außerhalb des Gegenstands zwischen Buchdeckeln überleben?
Das Buch verschwindet von seinen Rändern her, oder genauer: Es löst sich auf in den neuen Aggregatzustand der Zeichen wie Eisschollen im Klimawandel. Bestimmte Formen sind obsolet geworden: Die Wikipedia ersetzt den Brockhaus. Wozu noch Loseblattsammlungen? Reiseführer lassen sich in digitalisierter Form viel besser aktualisieren - und mit Leserkommentaren versehen. Naturwissenschaftliche Erkenntnis wird nicht mehr in Büchern verbreitet, sondern in Zeitschriftenartikeln - und diese Artikel sind in Wirklichkeit Dateien in Onlinedatenbanken, die man durch supermassive Bezahlschranken abschottet, sofern sie nicht open access sind. In den Geisteswissenschaften könnte eine ähnliche Entwicklung bevorstehen - der "Heidelberger Appell" war die Immunreaktion der traditionellen Akteure gegen das Kommende.
Nur das ans breite Publikum gerichtete Sachbuch und die Literatur stehen scheinbar unangefochten da. Jahr für Jahr werden neue Romane veröffentlicht, unsterbliche Meisterwerke darunter wie Roberto Bolanos "2666" oder David Foster Wallace' "Unendlicher Spaß". Nur wenige Schriftsteller scheinen sich für die neuen Formen von Text und Schreiben zu interessieren, die im Netz entstanden sind. Kaum einer führt ein Blog, wo er skizzieren und experimentieren und nebenbei auf neue Art mit seinem Publikum diskutieren könnte. Manche Autoren lassen sich mit ihrer Schreibmaschine filmen.
Aber auch der Roman ist nichts Ewiges. Er ist entstanden durch den Buchdruck und die Existenz eines breiteren Publikums, das lesen konnte. Damals galt er als das ganze Neue und Verdächtige. Seine Sprache war ungebunden - also lose. Anders als Versepen deklamierte man ihn nicht in Gesellschaft, sondern las ihn in seiner Kammer. Der Rahmen fehlte. Der Roman, das waren Bücher, die man "mit einer Hand" las. Pastoren und Professoren rieten besonders den Mädchen und Frauen ab. Das Autoerotische am Genre war zutiefst verdächtig, die entfesselte Imagination in einer Sprache, die sich durch ihren Prosacharakter selbst zum Verschwinden brachte. Wo ist der Halt, die Kontrolle? Der Roman zermanschte das Gehirn!
Hm, vielleicht sollte man das Genre mit den neuen Mitteln neu ausprobieren?
Thierry Chervel
Am 20. März diskutieren Daniela Seel (Kookbooks), Jürgen Neffe und Thierry Chervel
über die "Zukunft des Schreibens", moderiert von Susanne Führer, Deutschlandradio.
Datum: 20. März 2010
Uhrzeit: 11:30 - 12:30 Uhr
Ort: Sachbuchforum Halle 3, Halle 3, Stand E211
Das Deutschlandradio Kultur wird diese Diskussion aufzeichnen. Sendung der Diskussion in der "Werkstatt" am 16. Mai, 0.05 - 1.00 Uhr.

Found Footage: Der Präsident als Plastiktüte

30.03.2010. Am 24. März wäre Steve McQueen 80 Jahre alt geworden. Dem viel zu früh verstorbenen "King of Cool" widmet Jason Bellamy (vom Filmblog The Cooler) seinen ersten Videoessay. Eine 16-minütige Würdigung: Von Thomas Groh

Abgeschrieben oder eigenes Werk? Links zum Streit über Helene Hegemanns Roman 'Axolotl Roadkill'

18.03.2010. 18.1.2010 Tobias Rapp hat für den Spiegel Helene Hegemanns Buch gelesen, die 17-jährige Autorin getroffen und mit großer Sympathie porträtiert. In dem Artikel steht bereits alles, was später endlos wiederholt werden wird: Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann, Prenzlauer Berg, die Mutter, die sich umbringt, das Schule-schwänzen, die Diskursfähigkeit Helene Hegemanns, der Film, den sie mit 14 gedreht hat, die Themen des Buchs - Sex, Drogen und die Schwierigkeit, in einem linksalternativen Milieu, dass gleichermaßen zu Spießigkeit wie Toleranz tendiert, einen Anlass für Rebellion zu finden. Rapp: "'Axolotl Roadkill' ist radikal, sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar. Und doch: Das ganze Buch wird von einer großen Suchbewegung getrieben, steckt voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken. 'Das ist ja kein Tagebuch oder ein aus Überdruck entstandener Bekenntnisroman. Es ist ein Experiment', sagt die Autorin." Von Anna Steinbauer

Fantasie über die Zukunft des Schreibens

14.03.2010. Am 14. März 2000 gründeten Anja Seeliger, Niclas Seeliger, Adam Cwientzek und ich bei einem Hamburger Notar die Perlentaucher Medien GmbH. Das Wetter habe ich als noch winterlich, aber nicht unfreundlich in Erinnerung. Am Tag darauf gingen wir mit der ersten Feuilletonrundschau online, die heute verloren ist, weil wir die Feuilletonrundschauen zunächst noch Tag für Tag überschrieben. Erst ab 2. April 2001 sind sie archiviert. Die erste Bücherschau des Tages lässt sich aber auf den 15. März 2000 datieren. Um nicht bei Null anzufangen hatten wir außerdem die Herbstbeilagen von 1999 ausgewertet. Das erste Buch in unserer Datenbank ist Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen". FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld umkreist es wie eine scharfe Handgranate, ohne selbst Stellung zu beziehen, resümierten wir.Einige Tage vor dem 15. März 2000 hatten die Börsen ihren höchsten jemals gemessenen Stand erreicht. Die erste Internetblase platzte. Die alten Medien waren wieder obenauf. Sie platzten vor Geld. Der Internetboom war durch seine unglaublichen Anzeigenbudgets auch ein Medienboom gewesen. Der letzte, aber das war noch nicht klar. Welche Abenteuer des Geistes noch folgen würden, konnte man nicht ahnen. Die Journalisten hatten sich durch den Boom gerade noch als Player der New Economy gefühlt, nun waren sie froh, dass sie ihre sicheren Inseln des Geistes und der Warenwirtschaft nicht aufgegeben hatten. Einen SZ-Artikel von Sonja Zekri, die heute als Moskaukorrespondentin exzellente Arbeit leistet, werde ich nie vergessen. Sie sagte Amazon am 25. Juli 2001 das nahe Ende voraus. Wir zitierten sie in unserer Feuilletonrundschau, nicht ohne einen kleinen Kommentar: Von Thierry Chervel