Dan Halberts Weg nach Tycho

Von Richard Stallman
29.04.2009. Für Dan Halbert begann der Weg nach Tycho in der Hochschule - als Lissa Lenz ihn bat, ihr seinen Computer zu leihen. Ihrer war defekt, und sie hatte keine Chance, ihr Semesterprojekt erfolgreich abzuschließen, wenn sie sich keinen anderen leihen konnte. Es gab niemand, den sie zu fragen wagte, außer Dan. Das brachte Dan in ein Dilemma. Er musste ihr helfen - aber wenn er ihren seinen Computer lieh, hätte sie vielleicht seine Bücher gelesen. Nicht nur, dass es viele Jahre Gefängnis bedeuten konnte, jemanden seine Bücher lesen zu lassen - die Idee selbst entsetzte ihn zuerst. Wie jedermann war ihm seit der Grundschule beigebracht worden, dass Bücher mit anderen zu teilen abscheulich und falsch war - das war etwas, das nur Piraten tun. Und es war wenig wahrscheinlich, dass es der SPA, der Softwareprotektions-Aufsichtsbehörde, entgehen würde. Im Software-Unterricht hatte Dan gelernt, dass jedes Buch einen Copyright-Überwacher hatte, der der Zentralen Lizensierungsstelle berichtete, wann und wo es gelesen wurde und von wem. (Diese Informationen dienten zum Aufsprüen von Lesepiraten, aber auch zum Verkauf von persönlichen Interessenprofilen an den Handel.) Sobald sein Computer das nächste Mal ins Netz ging, würde die Zentrale Lizensierungsstelle alles herausfinden. Als Besitzer des Computers würde er die härteste Strafe bekommen - da er sich nicht genügend Mühe gegeben hatte, das Verbrechen zu verhindern. Natürlich wollte Lissa seine Bücher gar nicht unbedingt lesen. Vielleicht brauchte sie den Computer nur, um ihre Projektaufgabe zu schreiben. Aber Dan wusste, dass sie aus einer Mittelklassefamilie kam und sich schon die Studiengebühren kaum leisten konnte - geschweige denn all die Lesegebühren. Seine Bücher zu lesen war womöglich ihre einzige Möglichkeit, ihren Abschluss zu machen. Er verstand ihre Lage; er selbst hatte sich verschulden müssen, um all die wissenschaftlichen Artikel zu bezahlen, die er las. (Zehn Prozent dieser Gebühren gingen an die Forscher, die die Papiere schrieben; da Dan eine akademische Karriere anstrebte, konnte er hoffen, dass seine eigenen Forschungspapiere, wenn Sie häufig zitiert würden, ihm irgendwann genug einbringen würden, um seine Schulden zurückzuzahlen.)
Später erfuhr Dan, dass es eine Zeit gegeben hatte, als jeder in die Bibliothek gehen und Zeitschriftenartikel, ja sogar Bücher lesen konnte, ohne zahlen zu müssen. Es gab unabhängige Gelehrte, die Tausende von Seiten lasen, ohne Bibliotheksstipendien der Regierung zu benötigen. Aber in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten sowohl kommerzielle wie gemeinnützige Zeitschriftenverleger begonnen, Zugriffsgebühren zu erheben. Im Jahr 2047 waren Bibliotheken, die allgemeinen freien Zugriff auf wissenschaftliche Literatur anboten, nur noch eine ferne Erinnerung.
Es gab natürlich Mittel und Wege, die SPA und die Zentrale Lizensierungsstelle zu umgehen. Aber auch das war illegal. Einer von Dans Kommilitonen im Software-Unterricht, Frank Martucci, hatte sich ein verbotenes Debugging-Werkzeug besorgt und zum Überspringen des Copyright-Überwachers verwendet, wenn er Bücher las. Aber er hatte zu viele Freunde eingeweiht, und einer von ihnen verriet ihn gegen Belohnung an die SPA (hoch verschuldete Studenten waren leicht zum Verrat zu verleiten). 2047 saß Frank im Gefängnis, nicht wegen Raublesens, sondern wegen des Besitzes eines Debuggers.
Später erfuhr Dan, dass es eine Zeit gegeben hatte, als jeder Debugging-Werkzeuge besitzen durfte. Es gab sogar freie Debugging-Software auf CD und im Netz. Aber einfache Benutzer fingen an, sie zum Umgehen der Copyright-Überwacher zu nutzen, und schließlich urteilte ein Richter, dass dies ihr wichtigster Zweck in der Praxis geworden war. Das bedeutete, dass sie illegal waren; die Entwickler der Debugger kamen ins Gefängnis. Programmierer benötigten natürlich noch immer Debugging-Werkzeuge, aber 2047 vertrieben die Händler nur noch nummerierte Exemplare, und nur an amtlich lizensierte und verpflichtete Programmierer. Der Debugger, den Dan im Software-Unterricht benutzte, war durch einen eigenen Firewall abgeschirmt, so dass er nur für Übungsaufgaben verwendet werden konnte.
Es war auch möglich, die Copyright-Überwacher zu umgehen, indem man einen veränderten Systemkernel installierte. Schließlich erfuhr Dan, dass es um die Jahrhundertwende freie Kernel, ja sogar ganze freie Betriebssysteme gegeben hatte. Aber es war nicht nur so, dass sie illegal waren, genau wie Debugger - auch wenn man einen besaß, konnte man ihn nicht installieren, ohne das Root-Passwort seines Computers zu wissen. Und das würde einem weder das FBI noch der Microsoft-Support verraten.
Dan folgerte, dass er seinen Computer nicht einfach an Lissa ausleihen konnte. Aber er konnte auch nicht ablehnen, ihr zu helfen, denn er liebte sie. Er genoss jede Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Und dass sie sich gerade an ihn mit der Bitte um Hilfe gewandt hatte, konnte bedeuten, dass sie ihn auch liebte. Dan löste das Dilemma, indem er etwas noch Undenkbareres tat - er lieh ihr den Computer und verriet ihr sein Passwort. Das bedeutete, wenn Lissa seine Bücher las, würde die Zentrale Lizensierungsstelle denken, dass er sie selber las. Es blieb ein Verbrechen, aber die SPA würde es nicht automatisch herausfinden. Sie würde es nur herausfinden, wenn Lissa ihn verriet.
Sollte die Hochschule jemals herausfinden, dass er Lissa sein eigenes Passwort gegeben hatte, wäre es natürlich das Ende seines und ihres Studiums gewesen, ganz gleich wofür sie es verwendet hatte. Die Politik der Hochschule war, dass jeder Eingriff in die Überwachungsmaßnahmen des studentischen Computergebrauchs ein Grund für Disziplinarmaßnahmen war. Es spielte keine Rolle, ob man etwas Schädliches machte - das Delikt bestand darin, es den Administratoren zu erschweren, einen zu überprüfen. Sie nahmen einfach an, dass man in diesem Fall etwas anderes Verbotenes tat, unnötig zu wissen, was es war. Normalerweise wurde man dafür nicht der Hochschule verwiesen - nicht direkt. Stattdessen wurden einem die Computersysteme der Universität gesperrt, so dass man unvermeidlich in allen Fächern durchfiel.
Später erfuhr Dan, dass diese Art von Hochschulpolitik erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen hatte, als Studenten in großer Zahl anfingen, Computer zu verwenden. Vorher hatten die Universitäten eine andere Haltung zum Benehmen der Studenten; sie bestraften Aktivitäten, die schädlich waren, nicht solche, die bloß Verdacht erregten.
Lissa verriet Dan nicht an die SPA. Seine Entscheidung, ihr zu helfen, war der erste Schritt zu ihrer späteren Heirat. Und damit begannen sie auch, all das in Frage zu stellen, was man ihnen als Kindern über Piraterie beigebracht hatte. Das Paar begann, über die Geschichte des Urheberrechts zu lesen, über die Sowjetunion und ihre Einschränkungen des Kopierens, sogar über die ursprüngliche amerikanische Verfassung. Sie zogen nach Luna um, wo sie andere trafen, die sich ebenfalls dem langen Arm der SPA entzogen hatten. Als 2062 der Aufstand von Tycho begann, wurde das allgemeine Recht zu lesen schnell eines seiner Hauptziele.
Richard Stallman
(Aus: Der Weg nach Tycho, eine Sammlung von Artikeln über die Vorgeschichte der Lunarischen Revolution, veröffentlicht 2096 in Luna City, einen Nachtrag des Autors aus dem Jahr 2007 finden Sie hier)
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe vom Februar 1997 der Communications of the ACM (Jahrgang 40, Nummer 2). Er ist deutsch in dem Buch "Wem gehört die Welt - Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter", Oekom Verlag und Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin und München 2009 publiziert. Wir danken der Herausgeberin Silke Helfrich und Richard Stallman für die Abdruckgenehmigung. Der Text steht unter der CC-Lizenz "by-nc-nd".
Für das Buch hat Stallman, der einer der Gründer der Free Software-Bewegung ist, einen Nachtrag aus dem Jahr 2007 beigesteuert, in dem er erklärt, dass all die Überwachungstechnologien, die er 1997 schilderte, auf verwirklichten oder geplanten Copyright und Software-Gesetzen beruhen. Das Buch können Sie hier bestellen oder auf dem Blog von Silke Helfrich als pdf-Datei herunterladen. Mehr Informationen gibt es auch auf dieser Seite von gnu.org, wo der Text erstmals auf deutsch publiziert wurde. D.Red.

Bücher warm wie Toast

Von Thekla Dannenberg
24.04.2009. Wurde heute in London schon wieder der Buchdruck revolutioniert? Der Guardian hält dies für möglich und stellt aufgeregt die Espresso Buchmaschine der Firma On Demand Books vor, die die Buchhandelskette Blackwell's heute in ihrer Filiale an der Charing Cross Road in Betrieb genommen hat. Der Apparat, der wie ein monströser Kopierer aussieht, kann seltene oder vergriffene Bücher auf Bestellung ausdrucken und binden - und zwar innerhalb von fünf Minuten: "Die Maschine in Aktion klickte und surrte, wobei sie mehr als 100 Seiten die Minute druckte, festklemmte, band, köpfte und das fertige Stück ausspuckte - warm wie Toast. Die Qualität der Paperbacks ist unstrittig: Der Text ist klar, unverschmiert und gut ausgerichtet, das Papier ist dick, der Umschlag schick, wenn auch zunächst ein bisschen klebrig."
Bisher hat Blackwell's dem Bericht des Guardian zufolge eine halbe Million Titel im Angebot, vor allem solche, für die das Copyright abgelaufen ist. Der Buchhändler will aber mit den Verlagen ins Gespräch, um auch Copyright-geschützte Bücher in das Angebot aufzunehmen. Die Buchhändler können damit vor allem Platz sparen: Eine Million Titel würden 23,6 Meilen Regale füllen!
Die Times ist nach ersten Tests nicht ganz so begeistert. Nicht nur fiel ihr selbstgedrucktes Exemplar der seit fünfzig Jahren vergriffenen "Heroes of Aviation" prompt auseinander, die Zeitung macht auch preisliche Bedenken geltend: "Blackwell ist überzeugt, dass in der Maschine die Zukunft liegt, aber überlegt noch, ob die Preise richtig austariert sind. Blackwell verlangt Regalpreise für lieferbare Bücher und 10 Pence pro Seite für einen vergriffenen Titel, womit man bei einem 300-seitigen Buch auf saftige 30 Pfund kommt."
In den USA wurde der - auch als EBM oder ATM for Books - bekannten Apparat 2007 in der New York Public Library eingeführt. Und obwohl das Time Magazine die von Verleger-Urgestein Jason Epstein inspirierte Espresso Buchmaschine zur Erfindung des Jahres kürte, war ihr Erfolg bisher mäßig durchschlagend. Neben einer Handvoll Buchhändler haben sie bisher nur einige wenige Universitätsbibliotheken und die Open Content Alliance in San Francisco aufgestellt.

Nicht der Perlentaucher, die FAZ schweigt

Von Anja Seeliger
21.04.2009. Unter der Dachzeile "Medienkritik" und der Überschrift "Die Redaktion antwortet nicht" erklärt Nils Minkmar den Lesern der letzten Sonntags-FAZ, dass der Perlentaucher gern die Verträge der Zeitungen mit ihren Autoren kritisiert, aber selbst seine Autoren ausbeutet. Der Rest des Artikels sind lange Zitate von "branchenkundigen" Lesern, die in Kommentaren auf unserer Seite die "neokapitalistische Doppelmoral" des Perlentauchers geißeln.Der FAZ-Leser erfährt wie üblich nicht, worum es geht. Der Grund meines Artikels im Perlentaucher – kein Wort. Dass alle Kommentare (es gab insgesamt acht) von zwei Lesern, "Thomas 09" und "Johannes 09", verfasst wurden – keine Erwähnung wert. Dass ich sehr wohl geantwortet habe – erfährt man zwar im Text, aber in der Überschrift wird erst mal das Gegenteil behauptet.
Nicht der Perlentaucher schweigt, die FAZ schweigt: über die Aushöhlung der Urheberrechte, die durch die Zeitungen schon betrieben wurde, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. Dieses Schweigen zu überdecken ist der ganze Sinn und Zweck von Minkmars Zitatkompilation.

Der sechste Sinn

Von Anja Seeliger
16.04.2009. (Via John Battelle) Stellen Sie sich vor, Sie könnten jede Information, die Sie gerade brauchen, egal wo Sie stehen, einfach mit einer Handbewegung produzieren - sei es eine Telefonnummmer, Informationen über ein Produkt in Ihrem Supermarktregal oder einfach die Uhrzeit. Pattie Maes und Pranav Mistry vom MIT Media Lab arbeiten genau daran. Am 4. Februar hat Maes das Projekt zur Entwicklung eines sechsten Sinns auf der TED Conference vorgestellt. Es ist phantastisch!Hier das Video:


Aushöhlung des Urheberrechts

Von Anja Seeliger
11.04.2009. Am Donnerstag veröffentlichte der Rechtsanwalt Jan Hegemann im politischen Teil der FAZ einen Artikel, in dem er ein eigenes Leistungsschutzrecht für Presseverleger forderte. Denn bisher, so der Titel seines Artikels, sind Zeitungen "schutzlos ausgeliefert im Internet". Wie soll so ein Leistungsschutzrecht aussehen? "Der Autor hielte dann das Recht am einzelnen Beitrag, der Verwerter am gesamten Werk, also etwa einer Zeitschrift", so erklärte es kürzlich VDZ-Justiziar Dirk Platte in der Financial Times. Für Robin Meyer-Lucht, der bei Carta zu Hegemanns Artikel Stellung genommen hat, läuft diese Forderung auf eine "Zitier-Gema für Inhalte" hinaus. Dem kann man nur zustimmen. Aber ich glaube auch, es geht noch um viel mehr: Ein Leistungsschutzrecht würde die langsame Aushöhlung des Urheberrechts durch die Zeitungen gesetzlich zementieren.
Hegemann nennt folgende Gründe für die Notwendigkeit eines eigenen Leistungsschutzrechts für Verlage:
1. "Der Verleger organisiert und finanziert das Entstehen des Artikels, ermöglicht durch Druck und Vertrieb die Verbreitung. Schließlich adelt er den einzelnen Beitrag allein dadurch, dass dieser unter der Marke einer bestimmten Zeitung oder Zeitschrift mit der daran geknüpften Qualitätserwartung erscheint."
Im Ernst? Wenn Günter Grass einen Artikel in der FAZ veröffentlicht, wird dadurch Günter Grass geadelt oder die FAZ? Wäre dieser Artikel wirklich weniger wert, wenn er nicht in der FAZ, sondern, sagen wir mal, im Perlentaucher erschienen wäre? Oder wenn Günter Grass ihn auf seiner eigenen Webseite veröffentlicht hätte?
2. "Internet-Anbieter übernehmen kurzerhand ganze Artikel aus Presseerzeugnissen und stellen diese den Lesern in Form sogenannter „Rip-Offs“ zur Verfügung, ohne dass auch nur eine Quellenangabe erfolgt."
Wie kann man ganze Artikel in Form eines Rip-offs übernehmen? Und was überhaupt meint Hegemann mit dem Begriff "Rip-Off"? Zitate? Dafür gibt's ein Gesetz. Oder Kompilationen beziehungsweise Zusammenfassungen von Fremdinhalten? Dies zu verbieten oder kostenpflichtig zu machen, würde für die Zeitungen glatter Selbstmord bedeuten. Denn es gehört zu ihrem Kerngeschäft.
Ein Beispiel: In der heutigen FAZ liefert Thomas Strobl eine kompakte Zusammenfassung des Buchs von Alfred Müller-Armacks Theorie der Sozialen Marktwirtschaft, die 1946 in einem 157 Seiten kleinen Büchlein unter dem Titel "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" veröffentlicht wurde. 1946! Die Urheberrechte sind also noch nicht erloschen. Soll der Kastell Verlag, in dem das Buch noch lieferbar ist, jetzt Strobl und die FAZ verklagen, weil sie die Lektüre des Buchs durch ihre Zusammenfassung überflüssig gemacht haben? Oder soll sich der Verlag darüber freuen, dass die FAZ-Leser auf das Buch aufmerksam gemacht wurden und einige es jetzt vielleicht kaufen? Nach Logik von Jan Hegemann müsste der Kastell Verlag jetzt klagen.
Und Strobl ist eine positive Ausnahme, weil er seine Quelle nennt! Wie oft haben wir in deutschen Feuilletons Artikel von ausländischen Autoren gelesen und festgestellt, dass es sich um eine Übernahme beispielsweise aus dem Guardian oder der NYRB handelt, ohne dass die Zeitung einen Hinweis darauf geliefert hätte? An einer Übernahme ist nichts ehrenrühriges, im Gegenteil. Aber die Zeitungen selbst negieren die Arbeit ihrer Kollegen (Artikel in Auftrag gegeben, finanziert etc.) und tun so, als hätten sie diese Vorarbeit geleistet.
Das Nichtnennen von Quellen ist eine Spezialität der deutschen Feuilletons, nicht des Internets. Dem Perlentaucher wurde im Rechtsstreit mit der FAZ und der SZ sogar explizit zum Vorwurf gemacht, dass er die Zeitungen als Quellen nennt. Denn damit beuteer ihren Markenwert aus.
3. "Selbst wenn - etwa wie im Falle von 'Rip-Offs' ganzer Artikel - eine Urheberrechtsverletzung vorliegt, ist die Rechtsverfolgung schwierig. Der Verleger muss im Prozess gegen einen Verletzer das Bestehen ausschließlicher Nutzungsrechte an dem übernommenen Beitrag beweisen. Das ist aufwendig und scheitert spätestens dann, wenn der Journalist dem Verleger, was jedenfalls im Bereich der Tageszeitungen den gesetzlichen Normalfall darstellt, lediglich einfache Nutzungsrechte eingeräumt hat."
Was ist falsch daran, dass die Urheber ein Wörtchen mitreden, wann ihre Rechte verletzt worden sind und wann nicht? Urheber haben oft ganz andere Interessen als die Zeitungen. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann hat kürzlich ausdrücklich erklärt, er habe sich über unser Zitat aus seinem FAZ-Artikel gefreut. Denn der TagesAnzeiger, der den Perlentaucher gelesen hatte, wurde so auf den Artikel aufmerksam und hat ihn gegen ein Honorar nachgedruckt.
Es ist auch nicht richtig, dass die Zeitungen in der Regel nur einfache Nutzungsrechte an den Artikeln ihrer Autoren haben, wie Hegemann behauptet. Sieht man sich den Vertrag an, den die FAZ mit ihren freien Autoren abschließt, muss man feststellen, dass sich die Zeitungen inzwischen regelmäßig exklusive Nutzungsrechte einräumen lassen. Im letzten Absatz des FAZ-Vertrages heißt es: "ist es Ihnen unbenommen, Ihre Manuskripte ... anderweitig anzubieten und veröffentlichen zu lassen; die dafür notwendigen Nutzungsrechte werden wir Ihnen gerne einräumen, soweit dies die Verwertung der vorstehend eingeräumten exklusiven Nutzungsrechte nicht unbillig behindert."
Schon jetzt soll der Autor seinen eigenen, urheberrechtlich geschützten Artikel nur mit Genehmigung der Zeitungen weitervertreiben dürfen! Denn wie soll er wissen, wann er die Nutzungsrechte der FAZ "unbillig behindert"? Er kann es nur auf einen Rechtsstreit ankommen lassen oder - wenn er das vermeiden will - die Zeitung vorher fragen. Ob diese Verträge vor Gericht wirklich Bestand haben, ist meines Wissens nie geklärt worden (falls doch, bin ich für Hinweise dankbar!) Ein Leistungsschutzrecht würde jedenfalls die Position der Verlage gegen ihre Autoren stärken.
4. "Das geltende Recht hilft auch nicht weiter, wenn sich Verleger gegen die Aufnahme ihrer Presseerzeugnisse in digitale Archive wehren wollen. Bei älteren Ausgaben von Tageszeitungen oder Zeitschriften sind die Verfasser häufig nicht mehr auffindbar oder sogar nicht identifizierbar."
Google hat vor einiger Zeit angekündigt, es wolle die Archive der Zeitungen digitalisieren und durchsuchbar ins Netz stellen - ähnlich wie es das mit Büchern tut. Meines Wissens geschieht diese Digitalisierung im Augenblick nur bei Zeitungen, die damit einverstanden sind. Aber mal angenommen, Google würde ohne zu fragen einfach alle Zeitungen digitalisieren und diese dann auffordern, die Artikel zu nennen, an denen sie Urheberrechte haben, damit diese geschwärzt werden können. Das würde die Zeitungen in der Tat ziemlich in die Bredouille bringen.
Was genau aber wollen die Zeitungen mit einem Leistungsschutzrecht erreichen? Sie selbst stellen digitale Archive zur Verfügung und verkaufen Artikel, an denen sie die Rechte haben UND die Artikel, an denen sie - im Augenblick zumindest - keine Rechte haben. Kurz gesagt: Sie verhalten sich zu ihren Autoren wie Google sich zu den Verlagen verhält und wollen das jetzt gesetzlich bestätigt sehen.
5. "Der durch Google betriebenen Monopolisierung des Weltwissens kann der Verleger für seine Presseprodukte auch dort, wo die Urheberrechte herrenlos geworden sind, einen eigenen Anspruch entgegensetzen."
Herrenlose Urheberrechte gibt es nicht. Sie sind immer an einen Autor gebunden. Und wenn der sich nicht darum kümmern will, ist das sein gutes Recht. Nach heutigem Recht muss ein Urheber ausdrücklich "ja" sagen (zum Beispiel in einem Vertrag), wenn die Zeitungen seine Artikel weiterverwerten wollen. Die Presseverlage wollen dieses Recht des Autors mit einem eigenen Leistungsschutzrecht endgültig aushebeln. Eigentlich wollen sie agieren wie Google bei Book Search, nur dass sie - anders als Google - die Autoren nicht an den Folgeeinahmen beteiligen. So sieht's wenigstens im FAZ-Vertrag jetzt aus.
6. Google News "verwertet" den Inhalt der Zeitungen bislang nicht, wie Jan Hegemann am Anfang seines Artikels behauptet. Es zeigt ihre Existenz an. Es sagt, was in der Zeitung steht
Zunächst mal kann Google nur Artikel anzeigen, die kostenlos online stehen. Wenn die FAZ beispielsweise den Artikel von Hegemann in ihr Bezahlarchiv sperrt, kann Google ihn nicht finden und auch nicht in seiner Suchergebnisliste präsentieren. Ob ein Artikel bei Google gelistet wird oder nicht, hängt also einzig und allein von der FAZ ab.
Wenn die FAZ den Artikel von Hegemann aber kostenlos online stellt, kann Google ihn finden, es listet ihn in seinen Suchergebnissen auf und schickt die Leser durch den Link direkt zur Webseite der FAZ, wo sie den Artikel lesen können. Google bekommt etwas von der FAZ - ein Suchergebnis - und gibt etwas zurück - den Link zum Artikel auf der Zeitungs-Webseite. Google verwertet nicht die Leistung der Zeitungen, sondern seine eigene Leistung. Die besteht darin, Jan Hegemanns Artikel in einem Ozean von Artikeln für den Leser überhaupt erst auffindbar zu machen!
Der Irrsinn von Zeitungen - sie stellen Artikel kostenlos ins Netz, möchten aber nicht, dass ihre Leser es wissen - hat Methode. Die Süddeutsche zum Beispiel stellt oft einen großen Teil ihrer Artikel frei online. Aber auf der Webseite der Süddeutschen findet man sie meistens nicht. Wir tippen jeden Morgen mit dem E-Paper vor Augen die Überschriften der SZ-Artikel in die Google-Suchmaske, um die freien Artikel zu finden und darauf zu verlinken. Das machen Zeitungen, um gleichzeitig von Google gefunden und von Lesern gekauft zu werden. Diesen Widerspruch löst kein Leistungsschutzgesetz auf.

Lettre ouverte aux spectateurs citoyens

Von Thierry Chervel
08.04.2009. Eine Reihe von Filmleuten, darunter Catherine Deneuve und Chantal Akerman wendet sich in Liberation gegen das französische Gesetzesprojekt, das unter dem Namen "Création et Internet" läuft und Internetsperren für Nutzer vorsieht, die beim Herunterladen von Filmen oder Musik erwischt wurden: "Dieses - demagogische, technisch unanwendbare, bloß repressive - Gesetz ist eine verpasste Chance... Es stellt einen letzten und vergeblichen Versuch dar, die Piraterie durch Sanktionen zu beseitigen, und macht sich keine Gedanken um legale, kostengünstige und internetgemäße Downloadmöglichkeiten."In der Süddeutschen vom Samstag hatte der Musiker John Mellencamp eine ähnliche Auffassung vertreten.

FAZ enteignet den Papst

Von Anja Seeliger
02.04.2009. "Enteignet die Enteigner" schallte es uns neulich aus den Zeitungen entgegen. Böse ist immer das Internet. Die Enteigner sind Schüler, die ein Musikstück downloaden. Oder Google. Oder auch der Perlentaucher. Oder ruft da jemand "Haltet den Dieb"? Zeitungen spielen sich gerne als Hüter des Urheberrechts auf, das vom Internet ausgehöhlt werde. Die eigentliche Enteignung der Urheber findet aber in Zeitungen statt. Nach der Sache mit dem Hürlimann-Zitat habe ich noch ein bisschen bei Genios recherchiert. Genios ist eine Online-Datenbank, gegründet von FAZ und Handelsblatt, die unter anderem ein zahlungspflichtiges Archiv für die deutsche und internationale Tages- und Wochenpresse anbietet. Hier werden Artikel aus den Archiven der FAZ, Süddeutschen, Zeit, taz, Guardian etc. gegen Entgelt zum Lesen angeboten.Das Angebot enthält zum Beispiel die Artikel von Thomas Hürlimann (FAZ: 3,75 Euro), Alex Capus (Süddeutsche: 3,21 Euro) und Urs Widmer (FAZ: 3,75 Euro) über den Streit Schweiz vs. Steinbrück, Martin Mosebachs Büchnerpreisrede (FAZ: 3,75 Euro), Ralf Rothmanns Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung (FAZ: 3,75 Euro), George-Arthur Goldschmidts Polemik gegen die Aufnahme Ernst Jüngers in die Pleiade (Frankfurter Rundschau: 2,38 Euro), Thomas Brussigs Artikel über den Schießbefehl (Tagesspiegel: 2,38 Euro), Daniel Kehlmanns Schrift gegen das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" (FAZ: 3,75 Euro), Monika Marons Plädoyer gegen Gesine Schwan als Bundespräsidentin, Günter Grass' Essay zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes (Die Zeit: 2,38), die Nobelpreisreden von J.M. Coetzee (FAZ: 3,75 Euro) und Orhan Pamuk (Süddeutsche: 3,21 Euro), Imre Kertesz' Rede über das Jahrhundert von Auschwitz (Süddeutsche: 3,21 Euro), Martin Walsers Besprechung der Briefe von Lilli Jahn (Süddeutsche: 3,21 Euro), Jürgen Habermas' Antwort auf Günter Verheugen (Süddeutsche: 3,21 Euro), Uwe Tellkamps Essay über die DDR (FAZ: 3,75 Euro), die Regensburger Rede des Papstes (FAZ: 3,75 Euro) und die Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler zum Kriegsende (FAZ: 3,75 Euro)
Vielleicht haben einige dieser Autoren tatsächlich ihre Verwertungsrechte an die Zeitungen abgetreten. Aber der Papst? Bundespräsident Horst Köhler? Von einigen Autoren weiß ich, dass sie sie nicht abgetreten haben. Thomas Hürlimann hat das für seinen Artikel dem Perlentaucher bestätigt (Nachtrag 18.50 Uhr: Gerade erhalte ich eine Mail von Thomas Hürlimann, den die FAZ darüber informiert hat, dass er 2004 einen Vertrag unterschrieben hat, mit dem er die Rechte an den Texten, die er für die FAZ schreibt, abgetreten hat. Er hatte das vergessen.), auch Monika Maron hat es uns bestätigt. Die Verwertungsrechte für die Nobelpreisreden liegen ausschließlich bei der Nobelstiftung. Von Imre Kertesz weiß ich es auch, denn wir haben ihn gefragt, ob wir seine Rede für signandsight.com übersetzen dürfen. Auch Günter Grass tritt seine Verwertungsrechte nicht ab, das hat 2007 seine persönliche Assistentin Hilke Ohsoling dem Perlentaucher gegenüber erklärt: "Wir geben grundsätzlich keine Genehmigung dafür, dass Zeitungen Veröffentlichungsrechte an Texten von Günter Grass weitervertreiben". Martin Walser tritt seine Rechte an Artikeln nicht ab: "Diese Sachen werden ja meistens ohne jeden Vertrag gemacht", erklärte er Ilja Braun, der darüber im Perlentaucher schrieb.
Ob FAZ, Süddeutsche, Tagespiegel, Zeit, Frankfurter Rundschau oder taz, Zeit - sie alle machen bei dieser Enteignung der Autoren mit. Sie bieten Artikel feil, die ihnen nicht gehören. Der Urheber, also der Autor, sieht von den Einnahmen in der Regel keinen Pfennig. Und mehr noch: Genios bietet jedem Kunden an, diese Artikel gewissermaßen zu "mieten" und auf die eigene Webseite zu stellen. Wir haben das vor zwei Jahren am Beispiel von Günter Grass' Nobelpreisrede durchexerziert - allerdings nicht über Genios, sondern direkt über die FAZ: Für 265 Euro pro Monat hätten wir seine Nobelpreisrede im Perlentaucher veröffentlichen können. Die Bestellroutine funktioniert ähnlich wie bei Amazon. Da die FAZ keine Rechte an der Rede hatte, haben wir auf das Privileg der Veröffentlichung verzichtet.
Die Autoren wehren sich selten dagegen. Meistens wissen sie nicht einmal, dass ihre Artikel weiter verwertet werden. Oder es kümmert sie nicht. Martin Walser lebt von seinen Büchern, nicht von seinen Artikeln. Das Problem ist nur: Die Autoren tragen mit ihrem Desinteresse und Schweigen dazu bei, dass die Zeitungen still und heimlich ein Gewohnheitsrecht aus der Enteignung ALLER freien Autoren machen. Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau formulierte das gegenüber Ilja Braun so: "'Soweit es möglich ist', bemühe sich das Verlagshaus um schriftliche Verträge, gehe aber ansonsten davon aus, 'dass ihm diese Rechte auch dann eingeräumt werden, wenn nur mündlich Abreden erfolgen, die eine genaue Nutzung nicht präzise festlegen', erklärt Geschäftsführer Karlheinz Kroke in einem Schreiben. Die Online- und Archivnutzung sei den Mitarbeitern schließlich vor Auftragserteilung bekannt und 'mittlerweile absolut branchenüblich'." Schweigen macht die Enteignung "branchenüblich"!
Und der Leser? Er zahlt bei Genios oft genug für Artikel, die frei online stehen und durch eine einfache Google-Suche zu finden sind. Man kann zum Beispiel den Guardian, für den man bei Genios bezahlt, auch frei online lesen, denn der Guardian stellt seine gesamte Ausgabe frei ins Netz. Daniel Kehlmanns Artikel aus der FAZ, der bei Genios 3,75 Euro kostet, hat die FAZ gleichzeitig frei online gestellt. Ein Artikel aus der Times, der frei im Netz steht, kostet bei Genios 5,24 Euro.
Selbst für die FAZ-Blogs der freien Autoren wie Stefan Niggemeier oder Don Alphonso verlangt die FAZ über Genios vom Leser Geld: 3,27 Euro pro Blogeintrag. Beispiel Stefan Niggemeier und Beispiel Don Alphonso. Ich glaube nicht, dass die beiden davon etwas abbekommen. Mit einem Google-Abkommen wären sie besser gefahren.
Nachtrag vom 3.4.: Die Freischreiber haben einen Total-Buy-Out Vertrag der FAZ als pdf online gestellt.

Thomas Hürlimann: Mein Copyright

Von Anja Seeliger
01.04.2009. Gerade hat Thomas Hürlimann angerufen und uns versichert, dass wir seinen Artikel gern zitieren dürfen. Die FAZ hatte uns dafür 590 Euro in Rechnung gestellt. Er habe keinen Verwertungsvertrag unterschrieben. In einer Mail bestätigte er das dann noch mal. ---------------------------------------------------
Nachtrag 2. April: Gerade erhalte ich eine Mail von Thomas Hürlimann, der uns mitteilt, dass er 2004 doch einen Vertrag unterschrieben hat, worin er die Rechte seiner für die FAZ geschriebenen Texte an diese abgetreten hat. Wir hatten seine Mail im Wortlaut zitiert und löschen sie jetzt auf seinen Wunsch.
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Und Monika Maron schrieb uns vorsorglich: "Hiermit gestatte ich dem Perlentaucher, aus Artikeln und Büchern von mir jederzeit ausführlich zu zitieren. Die Rechteabtretungsklausel der FAZ habe ich nicht unterschrieben.
Mit herzlichen Grüßen
Monika"
Der Perlentaucher bedankt sich sehr herzlich!

Kurze Geschichte meines Urheberrechts

Von Thierry Chervel
01.04.2009. Als ich noch Redakteur bei der taz war, lief das mit Übernahmen eines Artikels von mir noch so. Ein Drittmedium rief im Archiv der taz an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Das Archiv hat dann an mich verwiesen. Und ich habe das Honorar ausgehandelt und in voller Höhe bekommen. Die Zeitung war nicht beteiligt.Als ich Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris war, lief es so: Ein Drittmedium rief im Archiv der SZ an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Dann rief mich das Archiv der SZ an, und wir machten halbe halbe.
Als ich nur noch sporadisch, für ein dürftiges Zeilenhonorar und ohne jeden Vertrag in der SZ und anderen Zeitungen schrieb, lief es so. Ein Drittmedium rief in den Archiven an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Die sagen "klar!", streichen das Honorar ein und informieren mich nicht.

Zitieren Sie nicht die FAZ!

Von Anja Seeliger
01.04.2009. Vor einer Woche haben wir einen Artikel Thomas Hürlimanns aus der FAZ zitiert, so wie wir ja im Grunde seit bald zehn Jahren in unserer Feuilletonrundschau Artikel zitieren und Links auf sie setzen, auch aus der FAZ. Aber nun haben wir einen Brief der FAZ bekommen, wonach wir Urheberrechte verletzt hätten. Für das "Bereitstellen" des Hürlimann-Artikels im Perlentaucher und bei Spiegel Online stellt uns die FAZ insgesamt 590 Euro in Rechnung. Wobei wir wie gesagt nur zitiert und verlinkt haben.
Hier der Brief (zum Vergrößern bitte aufs Bild klicken):


Wir haben das Hürlimann-Zitat erst mal gestrichen - aber für interessierte Blogger, die gern sicher gehen möchten, dass sie keinen ähnlichen Brief von der FAZ bekommen, hier die Information: das Zitat ging von "Nur an der Urne hat unser Staat etwas Hehres" bis zu "Mit Mundgeruch. Widerlich." Insgesamt 1.102 von 16.424 Zeichen. Blogger sollten sich künftig sehr genau überlegen, wieviel Zeichen FAZ sie zitieren.
Ob wir die 590 Euro zahlen müssen, wissen wir noch nicht. Wenn ja, dann wollen wir aber gern sicherstellen, dass Thomas Hürlimann seinen Anteil von der Summe erhält. Die FAZ spricht ja nicht nur für sich, sondern auch für Hürlimann. Denn in dem Brief spricht sie von Verletzung der Urheberrechte. Die FAZ hat keine Urheberrechte an Hürlimanns Artikel. Wird Hürlimann einen fairen Anteil der 590 Euro bekommen? Weiß er Bescheid?
Wir haben ihn gestern per Mail gefragt und warten noch auf Antwort.

Dan Halberts Weg nach Tycho

29.04.2009. Für Dan Halbert begann der Weg nach Tycho in der Hochschule - als Lissa Lenz ihn bat, ihr seinen Computer zu leihen. Ihrer war defekt, und sie hatte keine Chance, ihr Semesterprojekt erfolgreich abzuschließen, wenn sie sich keinen anderen leihen konnte. Es gab niemand, den sie zu fragen wagte, außer Dan. Das brachte Dan in ein Dilemma. Er musste ihr helfen - aber wenn er ihren seinen Computer lieh, hätte sie vielleicht seine Bücher gelesen. Nicht nur, dass es viele Jahre Gefängnis bedeuten konnte, jemanden seine Bücher lesen zu lassen - die Idee selbst entsetzte ihn zuerst. Wie jedermann war ihm seit der Grundschule beigebracht worden, dass Bücher mit anderen zu teilen abscheulich und falsch war - das war etwas, das nur Piraten tun. Und es war wenig wahrscheinlich, dass es der SPA, der Softwareprotektions-Aufsichtsbehörde, entgehen würde. Im Software-Unterricht hatte Dan gelernt, dass jedes Buch einen Copyright-Überwacher hatte, der der Zentralen Lizensierungsstelle berichtete, wann und wo es gelesen wurde und von wem. (Diese Informationen dienten zum Aufsprüen von Lesepiraten, aber auch zum Verkauf von persönlichen Interessenprofilen an den Handel.) Sobald sein Computer das nächste Mal ins Netz ging, würde die Zentrale Lizensierungsstelle alles herausfinden. Als Besitzer des Computers würde er die härteste Strafe bekommen - da er sich nicht genügend Mühe gegeben hatte, das Verbrechen zu verhindern. Natürlich wollte Lissa seine Bücher gar nicht unbedingt lesen. Vielleicht brauchte sie den Computer nur, um ihre Projektaufgabe zu schreiben. Aber Dan wusste, dass sie aus einer Mittelklassefamilie kam und sich schon die Studiengebühren kaum leisten konnte - geschweige denn all die Lesegebühren. Seine Bücher zu lesen war womöglich ihre einzige Möglichkeit, ihren Abschluss zu machen. Er verstand ihre Lage; er selbst hatte sich verschulden müssen, um all die wissenschaftlichen Artikel zu bezahlen, die er las. (Zehn Prozent dieser Gebühren gingen an die Forscher, die die Papiere schrieben; da Dan eine akademische Karriere anstrebte, konnte er hoffen, dass seine eigenen Forschungspapiere, wenn Sie häufig zitiert würden, ihm irgendwann genug einbringen würden, um seine Schulden zurückzuzahlen.) Von Richard Stallman

Bücher warm wie Toast

24.04.2009. Wurde heute in London schon wieder der Buchdruck revolutioniert? Der Guardian hält dies für möglich und stellt aufgeregt die Espresso Buchmaschine der Firma On Demand Books vor, die die Buchhandelskette Blackwell's heute in ihrer Filiale an der Charing Cross Road in Betrieb genommen hat. Der Apparat, der wie ein monströser Kopierer aussieht, kann seltene oder vergriffene Bücher auf Bestellung ausdrucken und binden - und zwar innerhalb von fünf Minuten: "Die Maschine in Aktion klickte und surrte, wobei sie mehr als 100 Seiten die Minute druckte, festklemmte, band, köpfte und das fertige Stück ausspuckte - warm wie Toast. Die Qualität der Paperbacks ist unstrittig: Der Text ist klar, unverschmiert und gut ausgerichtet, das Papier ist dick, der Umschlag schick, wenn auch zunächst ein bisschen klebrig." Von Thekla Dannenberg

Nicht der Perlentaucher, die FAZ schweigt

21.04.2009. Unter der Dachzeile "Medienkritik" und der Überschrift "Die Redaktion antwortet nicht" erklärt Nils Minkmar den Lesern der letzten Sonntags-FAZ, dass der Perlentaucher gern die Verträge der Zeitungen mit ihren Autoren kritisiert, aber selbst seine Autoren ausbeutet. Der Rest des Artikels sind lange Zitate von "branchenkundigen" Lesern, die in Kommentaren auf unserer Seite die "neokapitalistische Doppelmoral" des Perlentauchers geißeln.Der FAZ-Leser erfährt wie üblich nicht, worum es geht. Der Grund meines Artikels im Perlentaucher – kein Wort. Dass alle Kommentare (es gab insgesamt acht) von zwei Lesern, "Thomas 09" und "Johannes 09", verfasst wurden – keine Erwähnung wert. Dass ich sehr wohl geantwortet habe – erfährt man zwar im Text, aber in der Überschrift wird erst mal das Gegenteil behauptet. Von Anja Seeliger

Der sechste Sinn

16.04.2009. (Via John Battelle) Stellen Sie sich vor, Sie könnten jede Information, die Sie gerade brauchen, egal wo Sie stehen, einfach mit einer Handbewegung produzieren - sei es eine Telefonnummmer, Informationen über ein Produkt in Ihrem Supermarktregal oder einfach die Uhrzeit. Pattie Maes und Pranav Mistry vom MIT Media Lab arbeiten genau daran. Am 4. Februar hat Maes das Projekt zur Entwicklung eines sechsten Sinns auf der TED Conference vorgestellt. Es ist phantastisch!Hier das Video: Von Anja Seeliger

Aushöhlung des Urheberrechts

11.04.2009. Am Donnerstag veröffentlichte der Rechtsanwalt Jan Hegemann im politischen Teil der FAZ einen Artikel, in dem er ein eigenes Leistungsschutzrecht für Presseverleger forderte. Denn bisher, so der Titel seines Artikels, sind Zeitungen "schutzlos ausgeliefert im Internet". Wie soll so ein Leistungsschutzrecht aussehen? "Der Autor hielte dann das Recht am einzelnen Beitrag, der Verwerter am gesamten Werk, also etwa einer Zeitschrift", so erklärte es kürzlich VDZ-Justiziar Dirk Platte in der Financial Times. Für Robin Meyer-Lucht, der bei Carta zu Hegemanns Artikel Stellung genommen hat, läuft diese Forderung auf eine "Zitier-Gema für Inhalte" hinaus. Dem kann man nur zustimmen. Aber ich glaube auch, es geht noch um viel mehr: Ein Leistungsschutzrecht würde die langsame Aushöhlung des Urheberrechts durch die Zeitungen gesetzlich zementieren. Von Anja Seeliger

Lettre ouverte aux spectateurs citoyens

08.04.2009. Eine Reihe von Filmleuten, darunter Catherine Deneuve und Chantal Akerman wendet sich in Liberation gegen das französische Gesetzesprojekt, das unter dem Namen "Création et Internet" läuft und Internetsperren für Nutzer vorsieht, die beim Herunterladen von Filmen oder Musik erwischt wurden: "Dieses - demagogische, technisch unanwendbare, bloß repressive - Gesetz ist eine verpasste Chance... Es stellt einen letzten und vergeblichen Versuch dar, die Piraterie durch Sanktionen zu beseitigen, und macht sich keine Gedanken um legale, kostengünstige und internetgemäße Downloadmöglichkeiten."In der Süddeutschen vom Samstag hatte der Musiker John Mellencamp eine ähnliche Auffassung vertreten. Von Thierry Chervel

FAZ enteignet den Papst

02.04.2009. "Enteignet die Enteigner" schallte es uns neulich aus den Zeitungen entgegen. Böse ist immer das Internet. Die Enteigner sind Schüler, die ein Musikstück downloaden. Oder Google. Oder auch der Perlentaucher. Oder ruft da jemand "Haltet den Dieb"? Zeitungen spielen sich gerne als Hüter des Urheberrechts auf, das vom Internet ausgehöhlt werde. Die eigentliche Enteignung der Urheber findet aber in Zeitungen statt. Nach der Sache mit dem Hürlimann-Zitat habe ich noch ein bisschen bei Genios recherchiert. Genios ist eine Online-Datenbank, gegründet von FAZ und Handelsblatt, die unter anderem ein zahlungspflichtiges Archiv für die deutsche und internationale Tages- und Wochenpresse anbietet. Hier werden Artikel aus den Archiven der FAZ, Süddeutschen, Zeit, taz, Guardian etc. gegen Entgelt zum Lesen angeboten.Das Angebot enthält zum Beispiel die Artikel von Thomas Hürlimann (FAZ: 3,75 Euro), Alex Capus (Süddeutsche: 3,21 Euro) und Urs Widmer (FAZ: 3,75 Euro) über den Streit Schweiz vs. Steinbrück, Martin Mosebachs Büchnerpreisrede (FAZ: 3,75 Euro), Ralf Rothmanns Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung (FAZ: 3,75 Euro), George-Arthur Goldschmidts Polemik gegen die Aufnahme Ernst Jüngers in die Pleiade (Frankfurter Rundschau: 2,38 Euro), Thomas Brussigs Artikel über den Schießbefehl (Tagesspiegel: 2,38 Euro), Daniel Kehlmanns Schrift gegen das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" (FAZ: 3,75 Euro), Monika Marons Plädoyer gegen Gesine Schwan als Bundespräsidentin, Günter Grass' Essay zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes (Die Zeit: 2,38), die Nobelpreisreden von J.M. Coetzee (FAZ: 3,75 Euro) und Orhan Pamuk (Süddeutsche: 3,21 Euro), Imre Kertesz' Rede über das Jahrhundert von Auschwitz (Süddeutsche: 3,21 Euro), Martin Walsers Besprechung der Briefe von Lilli Jahn (Süddeutsche: 3,21 Euro), Jürgen Habermas' Antwort auf Günter Verheugen (Süddeutsche: 3,21 Euro), Uwe Tellkamps Essay über die DDR (FAZ: 3,75 Euro), die Regensburger Rede des Papstes (FAZ: 3,75 Euro) und die Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler zum Kriegsende (FAZ: 3,75 Euro) Von Anja Seeliger

Kurze Geschichte meines Urheberrechts

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