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Wer ist jetzt der Spießer?

Von Sascha Josuweit
30.03.2009. Vor zwanzig Jahren starb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard an Herzversagen. Achtzehnjährig hatte er mit Tuberkulose bereits im Sterbezimmer gelegen und die Sakramente erhalten. In den vierzig Jahren danach entstand sein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk unter dem Eindruck der Todeskrankheit.
Vor zwanzig Jahren starb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard an Herzversagen. Achtzehnjährig hatte er mit Tuberkulose bereits im Sterbezimmer gelegen und die Sakramente erhalten. In den vierzig Jahren danach entstand sein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk unter dem Eindruck der Todeskrankheit.

Die einen schätzten seine Texte für ihren seriellen Stil, ihre Unnachsichtigkeit gesellschaftliche Zustände betreffend und ihre Komik. Wenige, darunter Elfriede Jelinek und Hanns Dieter Hüsch, begriffen Bernhard intuitiv. Andere wünschten, die letzte Ölung wäre nicht umsonst gewesen. Österreichs Politiker und Kulturverweser, vom Bürgermeister bis zum Bundespräsidenten, agitierten parteiübergreifend. Die geschäftsmäßig skandalisierende Kronen-Zeitung wiegelte ihre Leser gegen den "Nestbeschmutzer" auf. Bernhards Zwangseinweisung wurde gefordert oder direkt seine Ausbürgerung. In Wien wurde der Autor auf der Straße mit dem Tod bedroht.

Zwanzig Jahre später hat Österreich seinen Bernhard fest im großmütterlichen Würgegriff. Bernhards Verfügung eines Publikations- und Aufführungsverbotes seiner Texte innerhalb Österreichs sowie "jeder Annäherung des österreichischen Staates, meine Person und meine Arbeit betreffend, in alle Zukunft" wurde längst aufgeweicht. In die sogenannte Thomas-Bernhard-Privatstiftung, initiiert vom Halbbruder und Universalerben des Autors, fließen Mittel gleich aus mehreren Bundesministerien. Die Wiener Burg, unter Claus Peymann einst Schauplatz der Bernhardschen Theatereklats, begeht das 20. Todesjahr mit Aufführungen, Filmen und Lesungen. Die Folklorisierung ist gut fortgeschritten. Ab und zu zeigt das alte aufrichtige Gefühl noch seine Fratze. Pflichtschuldig richtet das Österreichische Theatermuseum im Bernhard-Gedenkjahr eine Bernhard-Gedenkausstellung aus – aber erst im November. Ätsch.

Einem höheren Gesetz folgend, als gehöre ein "Staatsdichter" wie Bernhard selbstverständlich abgewatscht, kommen die offenen Angriffe inzwischen aus einer anderen Ecke. Sigrid Löffler rief zum 10. und noch einmal zum 15. Todestag Bernhards zu einer "Revision seines Werkes und seines Wertes" (Die Zeit, 7/99) auf und erklärte großketzerisch, außer vom sozialen und intellektuellen Emporkömmling und Poseur Bernhard selbst erzählten dessen Texte vor allem von der allumfassenden, auf die Lieblosigkeit der Mutter zurückgehenden Misogynie des Autors. Den Skandal um Peymanns "Heldenplatz"-Inszenierung am Burgtheater hatte Löffler seinerzeit im Spiegel noch in seiner ganzen Lächerlichkeit vorgeführt.

Bei aller grellen Polemik ist Maxim Billers Arschloch-Breitseite in der Sonntags-FAZ ("Dieser opportunistische Kaffeehaus-Schreihals", 4.1.2009) Teil dieser rätselhaft zwanghaften Gegenbewegung zur Kanonisierung eines Autors. Biller besteht darauf: Bernhard habe er nie ausstehen können, tot oder lebendig. Bernhards heuchelnde Spießerarschlöchrigkeit hat sich ihm aber angeblich erst jetzt, durch den aus dem Nachlass publizierten Erinnerungsband "Meine Preise" enthüllt. Laut Biller Bernhards bestes Buch, weil es seine Doppelmoral, "die ganze Wahrheit, seine eigentliche Poetik", ans Licht bringt. Die Heuchelei besteht für Biller darin, "polternd, grummelnd", über alles und jeden hergefallen zu sein und dennoch Preisgelder kassiert zu haben. Wer ist jetzt der Spießer – Bernhard oder Biller? Für Elfriede Jelinek übrigens "affirmiert Bernhard die Gesellschaft in seiner Rolle als Kritiker, als Schablone des Kritikers schlechthin, gerade indem er sie kritisiert". Kein Widerspruch also.

Wenn Löffler den Schriftsteller für seine Häuser, seinen Schuhtick und den möglicherweise nur geborgten Intellektualismus kritisiert oder Biller sich über Bernhards Freude über den vom Preisgeld gekauften Sportwagen mokiert, ist das natürlich witzig zu lesen. Davon, wie überflüssig und ungerecht die Gleichsetzung von Dichtung und Wahrheit auch sein kann, kann zumindest Maxim Biller ein Lied singen.

Was seine Tirade an Formkritik bietet, ist dagegen harmlos. Bernhardsche Stilelemente wie die Hyperbel oder die von Biller parodierte serielle Syntax ("allesverdunkelnder, redundanter Schleifenstil") sind im Original immer auch Abbild der inneren und äußeren Verhältnisse (der Landschaft, der Figur usw.), und natürlich ergeben sie eine Geschichte. Aber das weiß der Biller ja auch.

Zur Strafe soll ihm jemand Bernhards autobiografische Erzählungen schenken (Residenz Verlag, 2009), und die muss er dann laut vorlesen, alle 578 Seiten. Oder besser noch Raimund Fellingers Auswahl für Bernhard-Einsteiger. Da geht's um die Liebe, ums Geschichtenerzählen und -zerstören und die Kunst der Übertreibung. Beim Buchhändler liegt sie naturgemäß gleich neben seinen eigenen Büchern.

Was die Zeitungen mit Urheberrecht meinen

Von Ernst Piper
30.03.2009. Am Samstag schrieb der Konzertveranstalter Marek Lieberberg in einem Artikel für die SZ:
Am Samstag schrieb der Konzertveranstalter Marek Lieberberg in einem Artikel für die SZ:

"Die Website perlentaucher wirft die gesamte feuilletonistische Print-Tagesausbeute auf den Markt, natürlich kostenlos; und nicht nur, dass der Staat hier nicht eingreift, er förderte die Übersetzung dieser 'Auswertungen' ins Englische auch noch jahrelang durch die bundeseigene Kulturstiftung: frech, wie man Zeitungen, die eigentlich Anspruch auf Urheberrechte haben, über den Tisch ziehen kann." Wir haben bereits darauf geantwortet, dass wir niemals irgendwelche Texte "auf den Markt geworfen" haben, ohne Rechte einzuholen.

Der Historiker und Publizist Ernst Piper schickte uns außerdem folgende Mail zur Erläuterung des Begriffs Urheberrecht, die wir mit seiner Einwilligung online stellen:

Marek Lieberberg spricht in der SZ von "Zeitungen, die eigentlich Anspruch auf Urheberrechte haben". Dazu ist zu sagen, dass Zeitungen niemals Anspruch auf Urheberrechte haben. Urheberrechte haben nur Urheber, deshalb heißen sie so. Und Urheberrechte sind unveräußerlich, so steht es im Gesetz. Ein Verlag oder eine Zeitung kann vom Urheber ein Verwertungsrecht erwerben, wobei die Verwertungsrechte, die Zeitungen erwerben, in aller Regel nichtexklusiv sind. Was ich heute in der SZ veröffentliche, kann ich morgen woanders veröffentlichen, ohne dass ich die SZ auch nur fragen muss. Dass der Perlentaucher seine Feuilletonrundschau nicht an den Autoren, sondern an den Zeitungen orientiert, ist ein besonderer Dienst und eine Werbung für die erfreulicherweise noch immer vorhandene Vielfalt des deutschen Feuilletons, für die die Zeitungen dankbar sein sollten.

NYT kündigt Gehaltskürzung an

Von Anja Seeliger
27.03.2009.
(Via Gawker.) Die New York Times hat ihren Mitarbeitern in einem Memo eine fünfprozentige Kürzung der Gehälter ab April angekündigt, berichtet Nicholas Carlson im Silicon Alley Insider. Außerdem müssen sie in diesem Jahr 10 Tage unbezahlten Urlaub nehmen (vorausgesetzt, die Times einigt sich mit den Gewerkschaften). Er hat auch das Memo von "Arthur" [Sulzberger] und "Janet" [Robinson] veröffentlicht. In einem zweiten Memo, das Gawker veröffentlicht hat, informieren "Scott, Bill, Martin & Andy" die Redaktion außerdem, dass 100 Angestellte auf der Verlagsseite der Times entlassen werden. Nach Ansicht von Carlson ist das bei weitem nicht genug: Die Times müsste ihre Redaktion um 30 Prozent reduzieren, um wenigstens eine Weile kostendeckend arbeiten zu können. Aber wie lange? Wenn man sich die finanzielle Entwicklung der NYT anguckt und die Entwicklung ihrer Aktien (siehe Grafik), wird einem richtig schlecht. Das ist kein Niedergang, das ist ein Sturzflug. Der Times gönnt man das wirklich nicht. Während die Medien hierzulande den Kopf in den Kopf in den Sand stecken, und das Thema Internet ignorieren, hat die NYT wirklich was ausprobiert im Netz, auch wenn man das nicht alles

(Via Gawker.) Die New York Times hat ihren Mitarbeitern in einem Memo eine fünfprozentige Kürzung der Gehälter ab April angekündigt, berichtet Nicholas Carlson im Silicon Alley Insider. Außerdem müssen sie in diesem Jahr 10 Tage unbezahlten Urlaub nehmen (vorausgesetzt, die Times einigt sich mit den Gewerkschaften). Er hat auch das Memo von "Arthur" [Sulzberger] und "Janet" [Robinson] veröffentlicht. In einem zweiten Memo, das Gawker veröffentlicht hat, informieren "Scott, Bill, Martin & Andy" die Redaktion außerdem, dass 100 Angestellte auf der Verlagsseite der Times entlassen werden. Nach Ansicht von Carlson ist das bei weitem nicht genug: Die Times müsste ihre Redaktion um 30 Prozent reduzieren, um wenigstens eine Weile kostendeckend arbeiten zu können. Aber wie lange? Wenn man sich die finanzielle Entwicklung der NYT anguckt und die Entwicklung ihrer Aktien (siehe Grafik), wird einem richtig schlecht. Das ist kein Niedergang, das ist ein Sturzflug. Der Times gönnt man das wirklich nicht. Während die Medien hierzulande den Kopf in den Kopf in den Sand stecken, und das Thema Internet ignorieren, hat die NYT wirklich was ausprobiert im Netz, auch wenn man das nicht alles so positiv beurteilen muss wie Stefan Winterbauer.

Europa mit zwei Lungen

Von Thekla Dannenberg
19.03.2009. Der Kongress "Die Freiheit im Blick", den die Zeitschrift Osteuropa gerade zusammen mit dem Goethe-Institut und der polnischen Botschaft in Berlin ausrichtet, dürfte wohl zu den spannendsten Veranstaltungen des gesamten Gedenkjahres gehören: Versammelt hat sich die halbe mitteleuropäische Intelligenzija, um über Aufbruch, Freiheit und die Verheißung Europa zu diskutieren. Rita Süßmuth seufzte in ihrem ansonsten etwas pastoralen Statement hübsch lakonisch: "Geist - davon kann es ruhig mehr geben". Der polnische Botschafter Marek Prawda warb sehr überzeugend für die unruhestiftenden Qualitäten der Polen. Und der große Adam Michnik, unerschütterlicher Dissident und Herausgeber der Gazeta Wyborcza, blickte in seiner Eröffnungsrede auf die Zeit des großen Aufbruchs und ihre hässliche Kehrseite, die Jugoslawienkriege, zurück und schloss daran ein flammendes Plädoyer auf Europa, das nun endlich mit zwei Lungen atme. Der Text, der der Rede zugrunde liegt, ist nur im Print - in Osteuropa nachzulesen:
Der Kongress "Die Freiheit im Blick", den die Zeitschrift Osteuropa gerade zusammen mit dem Goethe-Institut und der polnischen Botschaft in Berlin ausrichtet, dürfte wohl zu den spannendsten Veranstaltungen des gesamten Gedenkjahres gehören: Versammelt hat sich die halbe mitteleuropäische Intelligenzija, um über Aufbruch, Freiheit und die Verheißung Europa zu diskutieren. Rita Süßmuth seufzte in ihrem ansonsten etwas pastoralen Statement hübsch lakonisch: "Geist - davon kann es ruhig mehr geben". Der polnische Botschafter Marek Prawda warb sehr überzeugend für die unruhestiftenden Qualitäten der Polen. Und der große Adam Michnik, unerschütterlicher Dissident und Herausgeber der Gazeta Wyborcza, blickte in seiner Eröffnungsrede auf die Zeit des großen Aufbruchs und ihre hässliche Kehrseite, die Jugoslawienkriege, zurück und schloss daran ein flammendes Plädoyer auf Europa, das nun endlich mit zwei Lungen atme. Der Text, der der Rede zugrunde liegt, ist nur im Print - in Osteuropa nachzulesen:

"Was bedroht Europa heute? Auf der einen Seite ein zu Schwäche führender Zynismus, der jede Wertelehre und jedes Wertesystem aushöhlt, auf der anderen Seite alle autoritären oder gar totalitären Projekte. Wir sprechen über ein multikulturelles Europa, was natürlich gut ist. Dennoch - wenn wir in Europa einen großen Anteil von Bürgern aus der Welt des Islam haben, die als Minderheit unter Verweis auf die europäischen Grundsätze Rechte einfordern, wenn sie aber zur Mehrheit geworden sind, diese Rechte anderen verweigern, da das ihre Grundsätze sind, so ist darauf hinzuarbeiten, dass die Europäische Union die demokratischen Werte standhaft verteidigen kann.

Natürlich vereinfache ich. Aber darauf beruht das Paradox der Demokratie, dass sie ihre Feinde stets toleriert. Und sie muss so sein, wenn auch nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wenn diese Grenze überschritten wird, schlägt sich die Demokratie selbst die Zähne aus. Ich habe mir sehr oft die Frage gestellt, warum die Weimarer Demokratie untergegangen ist. Weil niemand sie verteidigen wollte - weder die Intellektuellen noch die Gewerkschaften und auch nicht die Arbeiter. Es siegte ein partikularer Egoismus, der die Nazis an die Macht brachte. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht, oder sie wiederholt sich nur als Farce - wie Marx mit Hegel sagte -, doch die Demokratie ist nie garantiert. Es könnte wieder so weit kommen, dass niemand die Demokratie wird verteidigen wollen.

Wenn ich zeitgenössische Theaterstücke ansehe oder Literatur lese - vor allem junge polnische Künstler -, sehe ich hier Verachtung für die Institutionen eines freien Staates. Man kann natürlich sagen, dass die Eliten alles dafür getan haben, um zum Gegenstand von Verachtung zu werden, doch wenn niemand den demokratischen Staat verteidigen wird, wird er schließlich unterliegen. Meine Obsession ist die Verteidigung der Republik. Das Wesen der Auseinandersetzung in jedem unserer Länder lautet: Verteidigst du die liberalen Werte oder bist du mit einer Art Staat vom Schlage des Putinismus einverstanden?"

Die Veranstaltung geht heute den ganzen Tag über im Roten Rathaus in Berlin weiter, mit Diskussionen zu Europa in Bewegung, Freiheit der Kultur oder europäische Öffentlichkeit. Dabei sind unter vielen anderen Ales Steger, Ivaylo Ditchev, Ilmar Raag und Mykola Rjabtschuk.

Lest Eisenstein!

Von Anja Seeliger
17.03.2009. Wie fühlt sich Revolution an? Ich meine nicht den Vergleich zwischen dem Zustand davor und danach, sondern den Moment, wenn man mittendrin steckt? Chaotisch! Elisabeth Eisenstein hat das wunderbar beschrieben in ihrem 1979 erstmals erschienenen Buch "The Printing Press as an Agent of Change" (hier ein Auszug auf Deutsch) über die Erfindung des Buchdrucks. Clay Shirky hat in seinem Blog noch einmal darauf hingewiesen und Parallelen zur jetzigen Revolution gezogen:
Wie fühlt sich Revolution an? Ich meine nicht den Vergleich zwischen dem Zustand davor und danach, sondern den Moment, wenn man mittendrin steckt? Chaotisch! Elisabeth Eisenstein hat das wunderbar beschrieben in ihrem 1979 erstmals erschienenen Buch "The Printing Press as an Agent of Change" (hier ein Auszug auf Deutsch) über die Erfindung des Buchdrucks. Clay Shirky hat in seinem Blog noch einmal darauf hingewiesen und Parallelen zur jetzigen Revolution gezogen:

"Während des dramatischen Übergangs zum Druck stellten sich Experimente erst im nachhinein als Wendepunkte heraus. Aldus Manutius, der venezianische Drucker und Verleger, erfand das kleinere Octav-Format und die Kursivschrift. Was wie eine kleine Neuerung aussah - nimm ein Buch und mach es kleiner - war rückblickend eine Schlüsselerfindung für die Demokratisierung des gedruckten Worts. Als Bücher immer billiger und tragbarer wurden und darum begehrenswerter, erweiterte sich der Markt für Verleger und erhöhte den Wert der Lesefähigkeit noch mehr. So sehen echte Revolutionen aus: das alte wird schneller zerstört, als neues entstehen kann. Die Bedeutung eines Experiments ist in dem Moment, in dem es gemacht wird, nicht offensichtlich. Große Veränderungen stocken, kleine Veränderungen breiten sich aus. Sogar die Revolutionäre können nicht vorhersagen, was passieren wird ... Und so ist es auch heute. Wenn jemand wissen will, wie wir die Zeitungen ersetzen sollen, dann will er eigentlich hören, dass wir keine Revolution durchleben. Er will hören, dass das alte System nicht zusammenbricht, bevor neue Systeme bereit stehen, die es ersetzen können. Er will hören, dass die alten sozialen Abmachungen nicht in Gefahr sind, dass die Kerninstitutionen ausgespart werden, dass neue Methoden zur Verbreitung von Informationen die bisherige Praxis verbessern und nicht beenden werden. Er will angelogen werden."

Wolframs schöne neue Antwortenwelt

Von Frauke Fentloh
17.03.2009. In zwei Monaten, verkündet Stephen Wolfram, werden wir das Wissen der Menschheit im Internet erfragen können. Die Vorstellung erscheint gleichermaßen verlockend und gruselig - praktisch jedenfalls und bequem, aber auch irgendwie eindimensional. Wolfram zumindest ist sich sicher: Das ist es, wovon der Mensch träumte, vor fünfzig Jahren, als die Computer groß wurden.
In zwei Monaten, verkündet Stephen Wolfram, werden wir das Wissen der Menschheit im Internet erfragen können. Die Vorstellung erscheint gleichermaßen verlockend und gruselig - praktisch jedenfalls und bequem, aber auch irgendwie eindimensional. Wolfram zumindest ist sich sicher: Das ist es, wovon der Mensch träumte, vor fünfzig Jahren, als die Computer groß wurden.

Mit dem Search Engine "Wolfram Alpha" soll es künftig möglich sein, einer Suchmaschine konkrete Fragen zu stellen, statt, wie etwa bei Google, im Netz publizierte Schriften mithilfe von Schlagworten zu durchsuchen. "Die Menschen kommunizieren normalerweise über natürliche Sprache. Und wenn man es mit dem gesamten Spektrum des Wissens zu tun hat, denke ich, dass dies auch die einzige realistische Option ist, um mit Computern zu kommunizieren", schreibt Wolfram in seinem Blog. Bisher könne man nur Antworten auf Fragen finden, die irgendwann, irgendwo schon einmal gestellt worden sind. Das soll sich mit "Wolfram Alpha" ändern: Statt nachzuschlagen, werde das System Wissen neu "berechnen". Möglich soll dies werden mit den Algorithmen aus Wolframs Software "Mathematica".

Der Internet-Unternehmer Nova Spivack durfte bereits einen Blick auf die ambitionierte Suchmaschine erhaschen und ist begeistert. "Das ist der nächste Schritt zur weltweiten Verteilung von Wissen und Intelligenz - ein neuer Sprung in der Intelligenz unseres gemeinsamen 'globalen Gehirns'", ist er sich sicher.

Das Ganze, erläutert Spivack, ist nicht das Werk von künstlicher Intelligenz, sondern von rund hundert Mitarbeitern, die in den letzten Jahren Daten in das von Wolfram entwickelte System eingegeben haben. Kombiniert mit den mathematischen Algorithmen lasse sich aus diesen Datensätzen Wissen generieren: "Sie haben ein System gebaut, das in der Lage ist, Berechnungen über enorme Datenmengen anzustellen, die die reale Welt repräsentieren. Und wichtiger noch, es ermöglicht jedem, seine eigenen Berechnungen zu konstruieren - einfach durch das Stellen von Fragen."

Die Suchmaschine kann also neues Wissen generieren, wenn man sie darum bittet.

Zur Kalkulierung dieses Wissens hat Stephen Wolfram ein Set von möglichen zu stellenden Fragen und die Daten zur dazugehörigen Antwort in Bausteine zerlegt. Mithilfe dieser Datenbruchstücke könne dann die Antwort zur gestellten Frage berechnet werden. Wie genau das funktionieren soll, bleibt natürlich nebulös. "Alles, was man tun muss, ist Fragen zu nehmen, die Menschen in natürlicher Sprache stellen könnten, und sie einer präzisen Form zu repräsentieren, die zu den Berechnungen passt, die man machen kann", schreibt Wolfram in seinem Blog.

Sicher scheint jedenfalls: Wolfram Alpha steckt den Rahmen für die übermittelten Informationen ab, die Möglichkeit zur Abwägung verschiedener Quellen wird es nicht bieten. Die Daten, aus denen die Antworten konstruiert werden, wurden zuvor ausgewählt und eingegeben von Wolfram und seinen Mitarbeitern. Natürlich geht es bei dem Projekt vor allem um die Vermittlung von Faktenwissen - doch auch bei dieser Differenzierung lassen sich Spielräume unterschiedlich weit auslegen. Ist die Evolution etwa ein Faktum? Meine Antwort wäre ein klares "ja". Für andere mag sie ein biologistischer Mythos sein. Herkömmliche Suchmaschinen können undifferenziert sein, mitunter nervtötend und zudem wenig zielgerichtete Ergebnisse ausspucken - dennoch bieten sie die Möglichkeit eigener Sondierung, der Auswahl von Quellen und die Berücksichtigung verschiedener Standpunkte.

Die Idee eines "globalen Gehirns", das Antworten generiert, scheint da doch eher unheimlich als verlockend. Ob das Ganze überhaupt funktionieren kann, steht auf einem anderen Blatt - schließlich kommt der Plan, das "gesammelte Wissen" der Menschheit zu konservieren einer Sisyphusarbeit gleich. Wolfram selber räumt in seinem Blog ein, dass die Geschichte von Wolfram Alpha eine unendliche sein muss: "das Projekt wird nie beendet sein." Im Mai jedoch werden Wolfram und seine Mitarbeiter soweit sein, der Öffentlichkeit ihre Antwortenmaschine zu präsentieren, dann geht das Programm unter www.wolframalpha.com online. Man darf gespannt sein auf diese schöne neue Antwortenwelt.

Wie albern waren die Mohammed-Karikaturen?

Von Thierry Chervel
10.03.2009. Als die Zeitungen vor vier Wochen über die Fatwa gegen Salman Rushdie vor 20 Jahren und ihre Folgen bis heute nachdachten, kamen sie selbstverständlich auch auf den Karikaturenstreit vor drei Jahren zu sprechen.
Als die Zeitungen vor vier Wochen über die Fatwa gegen Salman Rushdie vor 20 Jahren und ihre Folgen bis heute nachdachten, kamen sie selbstverständlich auch auf den Karikaturenstreit vor drei Jahren zu sprechen.

"Nein, man soll auch gläubigen Muslimen nicht die Begegnung mit der westlichen Kultur ersparen, alberne Karikaturen eingeschlossen", konzediert zum Beispiel Thomas Steinfeld in seinem Artikel für die SZ zum Jahrestag der Fatwa am 14. Februar. Es ist auch ein Plädoyer für eine Mäßigung des Westens im Umgang mit anderen Kulturen. Der Westen solle sich klar machen, "wie totalitär selbst seine Glücksideale" seien.

Wie "albern" waren die Karikaturen denn? Mit dem Wörtchen wischt Steinfeld noch im Jahr 2009 das, worum es in dem Streit doch angeblich ging - die Karikaturen selbst - mit lässiger Bewegung aus dem Blick wie ein lästiges Stäubchen vom wohlgeordneten Redakteursschreibtisch. Das "albern" ist ein Dekret, noch im Nachhinein, denn die Leser der SZ konnten sich auf dem Höhepunkt des Streits, soweit wir das nachrecherchieren konnten, und auch bis heute kein Bild von den Karikaturen machen.

Da war die SZ nicht allein. Fast alle westlichen Zeitungen waren sehr schüchtern mit den Karikaturen. Der Streit markiert auch darum einen prägnanten Moment in der Geschichte der Medien. Die dänische Jyllands-Posten druckte die Karikaturen erstmals am 30. September 2005. Der Streit kochte erst viel später hoch, als interessierte Kreise in muslimischen Ländern die Karikaturen, angereichert mit viel drastischeren Zeichnungen, die gar nicht in Jyllands-Posten gestanden hatten, im Nahen Osten zirkulieren ließen. Eine Zeitung also hatte die Karikaturen zuerst gedruckt, aber als das Interesse des Publikums am größten war, verzichteten die meisten westlichen Zeitungen, so wie die SZ, darauf, die Zeichnungen zu dokumentieren. Das Zeitungspublikum war gezwungen, ins Netz zu gehen und die Karikaturen per Google zu suchen: Selten waren die Nutzerzahlen beim Perlentaucher und in vielen anderen Online-Medien höher.

Die Zeitungen sind so stolz auf ihre unverzichtbare Funktion in einer freien Öffentlichkeit und bringen sie so gerne gegenüber dem unartigen und stets nur sekundären Internet ins Spiel. Aber als es darauf ankam, haben sie gekniffen. Zum Glück gab es das Internet! Nicht um ihren Mut zu beweisen, sondern aus Informationspflicht und um dem riesigen Interesse ihrer Leserschaft zu genügen, hätten sie die Karikaturen drucken müssen, alle Karikaturen.

Darum ist es auch wichtig, einen Satz in einem Artikel von Daniel Bax' zum Thema in der taz zu korrigieren: "Um der Legendenbildung vorzubeugen: es waren linke (taz) wie konservative (FAZ, Focus) Blätter, die die Zeichnungen druckten - und linksliberale (Süddeutsche, Frankfurter Rundschau) wie rechte (Bild), die darauf verzichteten."

Das ist nicht ganz richtig. Nur die Welt, die Daniel Bax seltsamerweise nicht erwähnt, tat das einzig Richtige und druckte ohne viel Aufhebens sämtliche Karikaturen ab. Die taz hat , soweit wir das recherchieren konnten, auf dem Höhepunkt der Affäre nicht "die" Karikaturen, sondern zwei davon in zurückhaltender Größe gebracht, darunter immerhin die Zeichnung Mohammeds mit einer Bombe im Turban von Kurt Westergaard, im Grunde die einzige unter den zwölf Zeichnungen, die einem ein wenig den Atem stocken lässt, sie ist sinnbildhaft, verzichtet auf Witz und Ironisierung und stellt einen kriegerischen Mohammed als Angstfigur dar. Hier der Ausriss vom 31. Januar 2006:



Die meisten Blätter gingen nicht einmal so weit. Stern und Spiegel dokumentierten eine ganze Zeitungsseite aus Jyllands-Posten auf einer mickrigen Spalte.

Den Vogel schoss allerdings die FAZ ab. Christian Geyer forderte am 2. Februar 2006 den Abdruck der Zeichnungen durch die Presse: "Tatsächlich ist in dieser Phase der Eskalation, in der wir seit der erzwungenen Entschuldigung der dänischen Zeitung stehen, nicht Kuschen, sondern Publizieren der gebotene Schritt zur Deeskalation. Nur wenn man in dieser Sache europaweit zu den Selbstverständlichkeiten der demokratischen Öffentlichkeit steht, nimmt man die Brisanz von dem einzelnen Presseorgan, dem einzelnen Land, das gerade erpresst werden soll - und das diesem Druck naturgemäß nicht lange gewachsen ist. Nur in europaweiter Solidarität wird klar: Religiöse Fundamentalisten, die die Unterscheidung zwischen Satire und Gotteslästerung nicht respektieren, haben nicht nur mit Dänemark ein Problem, sondern mit der gesamten westlichen Welt."

Aber die FAZ druckte die Zeichnungen nicht. Musste sie auch gar nicht, meinte Geyer, denn "die FAZ hatte bereits am 3. November (2005) auf ihrer Medien-Seite eine der strittigen Mohammed-Karikaturen publiziert, als sie über den damaligen Stand des Konflikts berichtete."

Hier der Ausriss:



Eine der strittigen Karikaturen! Und zwar eine der Zeichnungen, in denen sich der Zeichner gerade weigerte, Mohammed abzubilden. Und die FAZ-Leser hätten sich ins Archiv begeben müssen, um sie zu sehen.

Man mag die Karikaturen albern finden - allerdings sollte man den Lesern erlauben, sich ein Bild zu machen, bevor man sie abtut. Ich finde die Karikaturen nicht albern. Sie sind witzige, durchdachte Zeichnungen, die sich ironisch mit dem durchaus beängstigenden Auftrag auseinandersetzen. Viele der Zeichner zeichnen über die eigene Angst. Keine der Zeichnungen überschreitet eine Grenze der Auseinandersetzung, keine Zeichnung ist beleidigend. Sie nicht zu veröffentlichen, setzte sie in ein falsches Licht und ließ sie als einen Akt der Aggression erscheinen, den sie gar nicht meinten. Es war Verrat an den Zeichnern, die eine ganz gewöhnliche journalistische Arbeit machten. Wer die Zeichnungen albern nennt, hat im Grunde nur seine Meinung übers eigene Metier publik gemacht.


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Nachtrag vom 29. November 2013:

Die Zeit druckte am 2. Februar 2006 eine der strittigen Karikaturen ("Stop we are reunning out of Virgns"). Kurt Westergaards eigentlich anstößige Zeichnung hat auch die Zeit im Moment der Karikaturenaffäre ihren Lesern vorenthalten.


Börsenverein hackt Kindle?

Von Ilja Braun
02.03.2009. Ist es noch vor der deutschen Markteinführung des Amazon Kindle gelungen, das von dem US-amerikanischen Online-Buchhändler entwickelte E-Book-Lesegerät zu hacken? Das könnte man bei der Lektüre einer in der FAZ veröffentlichten dpa-Meldung meinen. Auf der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierten Online-Plattform libreka, so heißt es dort, sollen ab März 2009 100.000 Bücher zur Verfügung stehen, welche "direkt auf die gängigen E-Book-Lesegeräte 'Kindle' oder 'Reader' heruntergeladen werden können. Welcher "Reader" auch immer gemeint sein mag (der Adobe Reader? Sonys Reader Digital Book, das erst im März erhältlich sein soll?) - das "Kindle" ist jedenfalls dafür bekannt, dass darauf bislang nur solche E-Books angezeigt werden können, die der Kunde bei Amazon gekauft hat - ein Geschäftsmodell, das wegen seiner quasi-monopolistischen Struktur vielfach kritisiert worden ist (siehe auch). Sollte es den libreka-Machern etwa gelungen sein, das Amazon-Gerät zu hacken? Das wäre erstaunlich, setzt der Börsenverein sich sonst doch für ein "zivilisiertes Internet" ein, bekundet Sympathien für das französische Olivennes-Modell und verklagt gerade die Universität Würzburg, weil diese ihren Studierenden Lehrmaterial an Leseplätzen zugänglich gemacht hat. Oder strebt man mit Amazon, immerhin einem der größten Konkurrenten des…
Ist es noch vor der deutschen Markteinführung des Amazon Kindle gelungen, das von dem US-amerikanischen Online-Buchhändler entwickelte E-Book-Lesegerät zu hacken? Das könnte man bei der Lektüre einer in der FAZ veröffentlichten dpa-Meldung meinen. Auf der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierten Online-Plattform libreka, so heißt es dort, sollen ab März 2009 100.000 Bücher zur Verfügung stehen, welche "direkt auf die gängigen E-Book-Lesegeräte 'Kindle' oder 'Reader' heruntergeladen werden können. Welcher "Reader" auch immer gemeint sein mag (der Adobe Reader? Sonys Reader Digital Book, das erst im März erhältlich sein soll?) - das "Kindle" ist jedenfalls dafür bekannt, dass darauf bislang nur solche E-Books angezeigt werden können, die der Kunde bei Amazon gekauft hat - ein Geschäftsmodell, das wegen seiner quasi-monopolistischen Struktur vielfach kritisiert worden ist (siehe auch). Sollte es den libreka-Machern etwa gelungen sein, das Amazon-Gerät zu hacken? Das wäre erstaunlich, setzt der Börsenverein sich sonst doch für ein "zivilisiertes Internet" ein, bekundet Sympathien für das französische Olivennes-Modell und verklagt gerade die Universität Würzburg, weil diese ihren Studierenden Lehrmaterial an Leseplätzen zugänglich gemacht hat. Oder strebt man mit Amazon, immerhin einem der größten Konkurrenten des einheimischen Buchhandels, über das Branchenportal Libreka zukünftig eine engere Kooperation an? "Natürlich werden wir weiter neue Geschäftsmodelle anbieten", schreibt Verleger und Libreka-Mitbegründer Matthias Ulmer in einem Leserkommentar im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels. Ullmer schränkt jedoch ein: "Neue Geschäftsmodelle hängen uns doch schon zum Hals raus, so viele haben wir skizziert, geprüft, gerechnet, umgesetzt und zum größten Teil wieder in die Schublade gepackt, weil es halt noch zu früh ist, weil die Nutzer noch nicht so weit sind." Möglicherweise handelt es sich bei der Meldung über die bevorstehende Marktführerschaft von Libreka im E-Book-Geschäft also auch nur um eine Ente. Das glaubt nicht nur mancher Blogger, sondern wohl auch mancher Vertriebsleiter (mehr hier).

Ilja Braun lebt und arbeitet als freier Journalist in Köln

Siehe zu Kindle und E-Books auch unsere neuesten Virtualienmärkte, hier und hier.

Wer ist jetzt der Spießer?

30.03.2009. Vor zwanzig Jahren starb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard an Herzversagen. Achtzehnjährig hatte er mit Tuberkulose bereits im Sterbezimmer gelegen und die Sakramente erhalten. In den vierzig Jahren danach entstand sein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk unter dem Eindruck der Todeskrankheit. Von Sascha Josuweit

Was die Zeitungen mit Urheberrecht meinen

30.03.2009. Am Samstag schrieb der Konzertveranstalter Marek Lieberberg in einem Artikel für die SZ: Von Ernst Piper

NYT kündigt Gehaltskürzung an

27.03.2009.
(Via Gawker.) Die New York Times hat ihren Mitarbeitern in einem Memo eine fünfprozentige Kürzung der Gehälter ab April angekündigt, berichtet Nicholas Carlson im Silicon Alley Insider. Außerdem müssen sie in diesem Jahr 10 Tage unbezahlten Urlaub nehmen (vorausgesetzt, die Times einigt sich mit den Gewerkschaften). Er hat auch das Memo von "Arthur" [Sulzberger] und "Janet" [Robinson] veröffentlicht. In einem zweiten Memo, das Gawker veröffentlicht hat, informieren "Scott, Bill, Martin & Andy" die Redaktion außerdem, dass 100 Angestellte auf der Verlagsseite der Times entlassen werden. Nach Ansicht von Carlson ist das bei weitem nicht genug: Die Times müsste ihre Redaktion um 30 Prozent reduzieren, um wenigstens eine Weile kostendeckend arbeiten zu können. Aber wie lange? Wenn man sich die finanzielle Entwicklung der NYT anguckt und die Entwicklung ihrer Aktien (siehe Grafik), wird einem richtig schlecht. Das ist kein Niedergang, das ist ein Sturzflug. Der Times gönnt man das wirklich nicht. Während die Medien hierzulande den Kopf in den Kopf in den Sand stecken, und das Thema Internet ignorieren, hat die NYT wirklich was ausprobiert im Netz, auch wenn man das nicht alles Anja Seeliger

Europa mit zwei Lungen

19.03.2009. Der Kongress "Die Freiheit im Blick", den die Zeitschrift Osteuropa gerade zusammen mit dem Goethe-Institut und der polnischen Botschaft in Berlin ausrichtet, dürfte wohl zu den spannendsten Veranstaltungen des gesamten Gedenkjahres gehören: Versammelt hat sich die halbe mitteleuropäische Intelligenzija, um über Aufbruch, Freiheit und die Verheißung Europa zu diskutieren. Rita Süßmuth seufzte in ihrem ansonsten etwas pastoralen Statement hübsch lakonisch: "Geist - davon kann es ruhig mehr geben". Der polnische Botschafter Marek Prawda warb sehr überzeugend für die unruhestiftenden Qualitäten der Polen. Und der große Adam Michnik, unerschütterlicher Dissident und Herausgeber der Gazeta Wyborcza, blickte in seiner Eröffnungsrede auf die Zeit des großen Aufbruchs und ihre hässliche Kehrseite, die Jugoslawienkriege, zurück und schloss daran ein flammendes Plädoyer auf Europa, das nun endlich mit zwei Lungen atme. Der Text, der der Rede zugrunde liegt, ist nur im Print - in Osteuropa nachzulesen: Von Thekla Dannenberg

Lest Eisenstein!

17.03.2009. Wie fühlt sich Revolution an? Ich meine nicht den Vergleich zwischen dem Zustand davor und danach, sondern den Moment, wenn man mittendrin steckt? Chaotisch! Elisabeth Eisenstein hat das wunderbar beschrieben in ihrem 1979 erstmals erschienenen Buch "The Printing Press as an Agent of Change" (hier ein Auszug auf Deutsch) über die Erfindung des Buchdrucks. Clay Shirky hat in seinem Blog noch einmal darauf hingewiesen und Parallelen zur jetzigen Revolution gezogen: Von Anja Seeliger

Wolframs schöne neue Antwortenwelt

17.03.2009. In zwei Monaten, verkündet Stephen Wolfram, werden wir das Wissen der Menschheit im Internet erfragen können. Die Vorstellung erscheint gleichermaßen verlockend und gruselig - praktisch jedenfalls und bequem, aber auch irgendwie eindimensional. Wolfram zumindest ist sich sicher: Das ist es, wovon der Mensch träumte, vor fünfzig Jahren, als die Computer groß wurden. Von Frauke Fentloh

Wie albern waren die Mohammed-Karikaturen?

10.03.2009. Als die Zeitungen vor vier Wochen über die Fatwa gegen Salman Rushdie vor 20 Jahren und ihre Folgen bis heute nachdachten, kamen sie selbstverständlich auch auf den Karikaturenstreit vor drei Jahren zu sprechen. Von Thierry Chervel

Börsenverein hackt Kindle?

02.03.2009. Ist es noch vor der deutschen Markteinführung des Amazon Kindle gelungen, das von dem US-amerikanischen Online-Buchhändler entwickelte E-Book-Lesegerät zu hacken? Das könnte man bei der Lektüre einer in der FAZ veröffentlichten dpa-Meldung meinen. Auf der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierten Online-Plattform libreka, so heißt es dort, sollen ab März 2009 100.000 Bücher zur Verfügung stehen, welche "direkt auf die gängigen E-Book-Lesegeräte 'Kindle' oder 'Reader' heruntergeladen werden können. Welcher "Reader" auch immer gemeint sein mag (der Adobe Reader? Sonys Reader Digital Book, das erst im März erhältlich sein soll?) - das "Kindle" ist jedenfalls dafür bekannt, dass darauf bislang nur solche E-Books angezeigt werden können, die der Kunde bei Amazon gekauft hat - ein Geschäftsmodell, das wegen seiner quasi-monopolistischen Struktur vielfach kritisiert worden ist (siehe auch). Sollte es den libreka-Machern etwa gelungen sein, das Amazon-Gerät zu hacken? Das wäre erstaunlich, setzt der Börsenverein sich sonst doch für ein "zivilisiertes Internet" ein, bekundet Sympathien für das französische Olivennes-Modell und verklagt gerade die Universität Würzburg, weil diese ihren Studierenden Lehrmaterial an Leseplätzen zugänglich gemacht hat. Oder strebt man mit Amazon, immerhin einem der größten Konkurrenten des… Von Ilja Braun