9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2026 - Kulturpolitik

Der Schriftstellerverband (VS) protestiert gegen das neue Verfahren zur Vergabe der Verlagspreise, einer indirekten kleinen Subvention, die jährlich an ausgewählte Verlage ausgeschüttet wird. Hier habe sich Wolfram Weimer ein Veto ausbedungen. Andreas Platthaus sieht es in der FAZ nicht ganz so dramatisch. "Beim Verlagspreis soll es gemäß der Neukonzeption von dessen Vergabeverfahren künftig ein zwischen Jury und BKM geschaltetes Gremium geben, das bei Streitfällen im Regelfall den Ausschlag geben soll; ganz so weit her ist es also mit Weimers Veto nicht. Besetzt wird das Gremium vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Kurt-Wolff-Stiftung - den beiden Partnern aus der Buchbranche, die das BKM beim Verlagspreis hat."

Das Humboldt Forum feiert geradezu heimlich fünfjähriges Jubiläum, notiert Nicola Kuhn (Tsp), erholt hat es sich von den Querelen der letzten Jahre allerdings immer noch nicht, insbesondere auch mit Blick auf die Präsentation der Ethnologischen Sammlungen. Nun setzt man auf die Berufung der Londoner Anthropologin Henrietta Lidchi als Direktorin für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst. Hier geht es vor allem ums "Menschliche", weiß Kuhn: "So will sie 'unruly', übersetzt: widerspenstige, Objekte ins Spiel bringen, die ihre eigene Dynamik haben. Später führt sie in der Sammlung zu einer Fotografie der franko-kanadischen Regisseurin Caroline Monnet, einer Angehörigen der First Nation der Algonki. Das großformatige Bild mit dem Titel 'Echos einer nahen Zukunft' zeigt drei Generationen indigener Frauen, die selbstbewusst auf den Betrachter herabblicken und ihre sehr eigene, futuristische Form der Kleidung tragen. 'Es geht hier um Selbstrepräsentation', erklärt Lidchi und stellt gleich die Frage hinterher: 'Wie lässt sich dies ins Museum integrieren?'"
Stichwörter: Verlagspreise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2026 - Kulturpolitik

In der FAZ will sich der Dichter Durs Grünbein nicht lange mit der Frage aufhalten, ob die AfD faschistisch ist oder nicht: Was mit einer AfD-Regierung blüht, sei auch so ersichtlich, meint er angesichts des AfD-Hashtags "deutschdenken" und der jüngsten Attacken gegen das eigentlich doch "mausetote" Bauhaus: "Warum ein Jahrhundert später die alte Vogelscheuche gerade jetzt wieder aufgestellt wird, lässt sich nur begreifen, wenn man den Zusammenhang zwischen Deutschsein und Antimodernsein als eine lange Traditionslinie sieht." Heute geht es wieder "gegen Flachdach und kubische Form", wird ein Kult gepflegt "um einen 'volksgemäßen' Wohnungsbau, um regionale Ästhetik in Zeiten eines seelenlosen 'globalen Einheitsbreis'. Es sind die alten Fluchformeln von Heimatverlust, Entfremdung und Entwurzelung, die es beim Umrühren des Hexenkessels braucht, um den trüben Aufguss, die nationalistische Brühe, zum Kochen zu bringen." In den "gezielten Attacken gegen die künstlerische Moderne, für die das Bauhaus als gemeinsamer Nenner steht", zeigen sich Grünbein "gut lesbar: die Zeichen an der Wand".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2026 - Kulturpolitik

Nach dem Ärger um die Buchhandlungspreise hat Kulturminister Wolfram Weimer nun beschlossen, die Verlagspreise - eine parallele Kleinsubvention für die Branche - selber auf der Grundlage einer Jury-Auswahl auszuwählen, meldet der Tagesspiegel: "Zur Beratung im Verfahren stehen Fachleute des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Kurt-Wolff-Stiftung bereit. 'Das weiterentwickelte Verfahren dient einer transparenten und sorgfältigen Bewertung etwaiger Fragestellungen im Auswahlprozess und stärkt den verantwortungsvollen Austausch der beteiligten Partner', hieß es in einer Mitteilung zum Start der Bewerbungsphase... Der Börsenverein begrüßte, 'dass ein Verfahren gefunden wurde, das für mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit sorgt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2026 - Kulturpolitik

Der Berliner Kurzzeit-Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson droht wegen der Berliner "Fördergeldaffäre" Haft. Der Vorwurf lautet Veruntreuung öffentlicher Gelder. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen sie aufgenommen, berichtet in der SZ Jörg Häntzschel, der sich auf einen Bericht des Spiegel bezieht. Nach dem Schock des 7. Oktober hatte der Berliner Senat beschlossen, 10 Millionen Euro für Antisemitismusprojekte freizugeben - aber die Vergabe verlief willkürlich und nach CDU-Sympathie, die beiden CDU-Abgeordneten Christian Goiny und Dirk Stettner hatten eilig eine Liste zusammengezimmert. "Dass nun Wedl-Wilson und nicht Joe Chialo juristisch haften muss, liegt daran, dass Chialo zurückgetreten war, bevor die Förderungen unterschriftsreif waren. Wedl-Wilson, die unter Chialo Kulturstaatssekretärin gewesen war, erbte nicht nur sein Amt, sondern auch das Antisemitismus-Projekt und die 'Stettner-Goiny-Liste'. Sie war es, die unter erheblichem Druck der beiden schließlich die Zuwendungsbescheide unterzeichnete und damit die Mittel freigab."

Richard C. Schneider warnt in der NZZ vor der Zerstörung kulturell bedeutender Stätten im Libanon. "Die Unesco äußert sich besorgt über den Zustand historischer Bauten in Tyros und Chamaa oder über jenen der Beaufort-Burg, welche die israelische Armee nach harten Kämpfen erobert hat. Die rechtliche Verpflichtung der kriegführenden Parteien, Kulturgüter zu schützen, hat gerade in einem asymmetrischen Konflikt jedoch ihre Grenzen: Bewaffnete Milizen nutzen bewusst militärisch-zivile Infrastruktur oder historische Gebäude. Eine strafrechtliche Untersuchung kann grundsätzlich immer erst lange nach Kriegsende einsetzen und tut sich schwer, den oder die Schuldigen eindeutig zu identifizieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2026 - Kulturpolitik

Donald Trump stänkert weiter gegen die Smithsonian Institution und das National Museum of American History, um eine "grandios-erbauliche Geschichtserzählung" durchzusetzen, schreibt Frauke Steffens in der FAZ. Dabei begreifen die Museen etwa die Zeugnisse der Bürgerrechtsbewegung als Zeugnisse einiger der stolzesten Momente amerikanischer Geschichte, so Steffens. "Im National Museum of American History steht etwa der erhaltene Lunch Counter aus Greensboro in North Carolina, an dem sich schwarze Studenten weigerten, ihre Plätze für Weiße frei zu machen und den Staatsrassismus ihrer Heimat zu akzeptieren. Etliche ähnliche Ausstellungsstücke erinnern an Amerikaner, schwarze und weiße, die für die verspätete Verwirklichung der Verfassung, eben für den 'Sieg der Freiheit', ihr Leben riskierten." Für die SZ streift Peter Burghardt durch die Ausstellung des Smithsonian.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2026 - Kulturpolitik

Die letzten Teile des Luftschutzbunkers unter der von Hitler erbauten Neuen Reichskanzlei in Berlin sollen Bürogebäuden und Wohnanlagen weichen, konstatiert Peter Richter in der SZ. Das sei laut vielen Akteuren, die sich um historische Aufklärung bemühen, unbefriedigend, aber Bausenator Christian Gaebler (SPD) argumentiert, er wolle keinen NS-Wallfahrtsort. "Der Bunker, der jetzt unter Schutthaufen auf der Brache hinter den Landesvertretungen von Hessen und Brandenburg in Berlin Neubauten weichen soll, war nicht einmal der Bunker, den Hitler benutzte. Er diente dem Personal und zeitweise wohl auch Anwohnern. Deswegen ist er nicht harmlos." Doch zum Wallfahrtsort eignet er sich vermutlich nicht. "Dass ausgerechnet jetzt auch immer wieder Klagen laut werden, dass Deutschland gar keine Bunker mehr habe, um seine Bevölkerung im Notfall schützen zu können, steht auf einem anderen Blatt. Auf dem mit den besonders bitteren Pointen."

Anthea Hartig, Direktorin des für das amerikanische Geschichtsnarrativ nicht unwesentlichen Museum of American History in Washington, wird von Donald Trump heftig kritisiert, da sie die Sklaverei als Aspekt der amerikanischen Geschichte nicht ausklammert, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. "In der Erzählung des Museums sei das Land 'geprägt von weißer Übermacht, Sklaverei, Expansion, Ausschluss, Hierarchie, Rassismus, Fremdenhass, Misogynie und systemischer Ungerechtigkeit'. Hartig 'untergrabe das Vertrauen in amerikanische Institutionen und die traditionellen, gemeinsamen Ideale des amerikanischen Volks'", so Trump-nahe Inspektoren des Museums. Dass Hartig bald abgesetzt wird, ist laut Häntzschel wahrscheinlich, kommen die Mittel des Museums zu Zwei-Dritteln aus Bundes-Geldern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2026 - Kulturpolitik

Wenn MandarinInnen großer deutscher Kulturinstitutionen sich auf die Brust schlagen und die "Kunstfreiheit" beschwören, meinen sie meist das Recht von Künstlern, Israel das Existenzrecht abzusprechen oder es zumindest zu boykottieren - denn andere Debatten über "Kunstfreiheit" gab es hierzulande in den letzten Jahren kaum. Oliver Scheytt, Professor für Kulturpolitik und Präsident der "Kulturpolitischen Gesellschaft" legt in einem reichlich verklausulisierten Essay für die FAZ die "drei Prinzipien der staatlichen Kunstförderung" dar und beklagt die "aktionistischen, unglücklichen oder gar verfassungswidrigen Eingriffe bei der Documenta, bei der Berlinale, beim Buchhandelspreis oder bei der Kunstakademie Düsseldorf". Solchen Eingriffen möchte Scheytt zuvorkommen, indem er die Politik Verantwortung abschieben lässt, etwa durch "Delegation mit Bindungswirkung: Der Staat überträgt die Entscheidung auf eine Jury - und ist an deren Urteil gebunden. Dies ist das Modell, das der Kunstfreiheit am nächsten kommt: Fachleute entscheiden, Politik hält sich zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2026 - Kulturpolitik

In der FAZ versucht der CDU-Politiker Rüdiger Kruse auf einer ganzen Seite eine konservative Kulturpolitik zu skizzieren, die sich von einer mit autoritären Mitteln durchgesetzten Identitätspolitik abhebt, wie sie von ganz rechts und ganz links drohe. Linke Kulturkritik habe "Deutschland positiv verändert", meint Kruse. Doch inzwischen sei der Kulturbetrieb verknöchert, "aus Reforminitiativen wurde verwaltungsgerechtes Regelwerk, die künstlerische Freiheit wird durch Maßstäbe an Haltung, Solidarität, political correctness wohlmeinend eingeengt. Das ist kein guter Nährboden für Kreativität. Strukturkonservativ können insofern auch Linke sein. Bestehende Strukturen, die oft als temporäre Projekte begannen, wollen genauso auf Dauer gestellt werden wie alle anderen. Es ist also nicht überraschend, wenn die seit Langem etablierten Strukturen der staatlichen Kulturförderung und die mit ihnen verbundenen Wertesysteme sich vermehrt der Kritik ausgesetzt sehen. ... Konservatismus, recht verstanden, zügelt die gesellschaftlichen Extreme, ohne sich im Bereich der Kunst vor extremen Positionen zu fürchten. Es ist Aufgabe einer konservativen Kulturpolitik, das allgemeine Prinzip der Subsidiarität auch im staatlich geförderten Kulturbereich zu implementieren und zu leben. Hierfür bedarf es der hier beschriebenen Haltung und des Vertrauens, dass die sich ergebenden Problemstellungen auf der Ebene gelöst werden, auf der sie zunächst entstehen. Wird etwa ein Antisemitismusvorwurf im Zusammenhang mit Künstlern erhoben, so hat zunächst die Institution, die mit diesen Künstlern zusammenarbeitet, den Raum für die Auseinandersetzung mit den Vorwürfen zu ermöglichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2026 - Kulturpolitik

Der Internationale Museumsverband (ICOM) hat seine Museumsdefinition von 2022 noch einmal um einen Code of Ethics verschärft, berichtet in der Welt Marcus Woeller: Außer der Förderung von "Inklusion, Diversität, Nachhaltigkeit, ethischem Kommunizieren und der Beteiligung von Communitys" müssen Museen jetzt "auf geopolitische, soziale, ökonomische, klimatische, digitale und kolonialgeschichtliche Herausforderungen reagieren. Sie sollten sogar 'die Richtung weisen'. Das Museum versteht sich damit nicht mehr nur als Ort des Sammelns, Bewahrens und Zeigens von kulturellem Erbe. Es soll zugleich eine maßgebliche Institution des gesellschaftlich und moralisch richtigen Handelns sein." Wo bleibt da noch die Kunst, fragt sich Woeller. "Die neuen Ethikcodes reagieren auf reale Skandale und benennen tatsächliche Missstände: Antisemitismus, Rassismus, Ausbeutung, Korruption, blinde koloniale Flecken, Sponsoring als Imagewäsche. Das ist wichtig. Ihre Schwäche liegt in der totalen Ausdehnung: Wenn alles ethisch überwacht und bewertet wird, dann wird jede anzunehmende Empörung zum Beweismittel in einem Disziplinarverfahren. Die Kunst bleibt frei. Solange sie bloß dem Code nicht widerspricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2026 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut feiert seinen 75. Geburtstag, ringt derzeit aber um seine Rolle in der Welt, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. So sei das Institut mit Mittelkürzungen und der wachsenden internationalen Unbeliebtheit der deutschen Regierung aufgrund ihrer Position gegenüber Israel konfrontiert. Deshalb scheint Goethe-Chef Johannes Ebert darum bemüht, sich von seinem Geldgeber namens Auswärtiges Amt abgrenzen zu wollen - und das im Mailverkehr mit Christina Beinhoff, zuständig für Auswärtige Kulturarbeit im AA. "Die Mails verraten aber auch, wie sehr das Goethe-Institut bemüht ist, seine Verbindung zum AA herunterzuspielen: 'Unser gemeinsames Ziel ist es, Nennungen des Auswärtigen Amts in der offiziellen Berichterstattung zu vermeiden', schreibt Ebert an Beinhoff. Die Absicht ist klar: Je stärker Goethe als Regierungsveranstaltung wahrgenommen wird, desto mehr verliert es in weiten Teilen der Welt an Glaubwürdigkeit. Man kann deshalb kaum umhin, einen gewissen Trotz mitzuhören in dem Motto der 75-Jahr-Feier, 'Wir in der Welt'."