9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2026 - Kulturpolitik

"Damit ist die schon längst sich abzeichnende Katastrophe der Berliner Kulturpolitik für alle Augen sichtbar", ächzt Andreas Kilb in der FAZ zum Rücktritt der Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Sie habe versagt, indem sie sich von den Berliner CDU-Politikern Dirk Stettner und Christian Goiny bei der krummen Finanzierung von Projekten gegen Antisemitismus habe treiben lassen: "Wedl-Wilson, die erst Ende Mai vor dem Untersuchungsausschuss aussagen wird, hatte in Wahrheit keine andere Wahl. Der am Donnerstag veröffentliche Prüfbericht des Landesrechnungshofs bescheinigt ihr ein so umfassendes Amtsversagen, dass ihre Demission unvermeidlich war. So hat ihre Behörde nicht nur gegen das Verfassungsgebot der Chancengleichheit verstoßen, indem sie nur die von Stettner und Goiny empfohlenen Projekte annahm. Sie hat auch im Verfahren selbst gegen elementare Verwaltungsprinzipien verstoßen, indem sie die Anträge weder formal noch inhaltlich ausreichend prüfte."

Im Tagesspiegel liefert Anna Thewalt eine Chronologie der Ereignisse, die zum Rücktritt Sarah Wedl-Wilsons führten. Auch hier erscheinen Goiny und Stettner als die treibenden Kräfte. Der Tagesspiegel hatte Anfang März aus Chat-Nachrichten der beiden zitiert, die ihm offenbar aus der Kulturverwaltung zugespielt worden waren: "Mit zunehmendem Zeitverlauf nimmt auch die Schärfe im Ton zu. Kurze Zeit später attestiert ein Bericht der Antikorruptionsbeauftragten der Kulturverwaltung in einer Untersuchung zur Bewilligung von Fördergeldern für Projekte gegen Antisemitismus ihrer Verwaltung ein 'erhebliches Risiko für Korruption und Misswirtschaft'."

Wer will in dieser failed city jetzt noch Kultursenator werden?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2026 - Kulturpolitik

Der Kulturausschuss des Bundestags debattierte gestern nochmal über die Affäre um den Buchhandlungspreis (unsere Resümees) - Wolfram Weimer hatte sich der Debatte durch Verpflichtungen entzogen, berichtet Andreas Kilb in der FAZ. Als Expertin war offenbar von der AfD auch die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen aufgeboten worden. "Dagen war es auch, die nach der üblichen Fragerunde der Ausschussmitglieder als Erste zu Wort kam, und sie packte das Thema gleich bei den Hörnern. Nein, die Nichtvergabe staatlicher Fördermittel an die drei Buchläden sei keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Im Übrigen hätten die Kollegen, bei denen unter anderem 'verurteilte Mörder der RAF' aufgetreten seien, durch den Wirbel um den Buchhandlungspreis einen guten Umsatz gemacht: 'Ausgrenzung ist immer auch Hervorhebung.' In einem schriftlich eingereichten Statement war sie zuvor noch deutlicher geworden: 'Die Verselbstständigung der Bevorzugung einer politischen Richtung ist hier erstmalig durchbrochen worden.'"

Außerdem: Den fatalen Einfluss der AfD kann man gerade in Sachsen-Anhalt studieren, wo die rechtsextreme Partei weitere Provenienzforschung erschweren will, berichtet Hubertus Butin in der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2026 - Kulturpolitik

Bei der Gelegenheit erfahren wir, dass Berlin einen "Staatssekretär für gesellschaftlichen Zusammenhalt" hat. Er hieß bislang Oliver Friederici, ist aber jetzt von Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson gefeuert worden, berichten Hanno Fleckenstein und Erik Peter in der taz. Hintergrund ist wohl die sogenannte "Fördergeldaffäre": Nach dem Entsetzen über die Neuköllner Freudentaumel zum 7. Oktober hatte der Senat Gelder für die Antisemitismusbekämpfung freigemacht, deren Vergabe auch in der zuständigen Kulturverwaltung umstritten war. "Der Senat und Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für die CDU) versuchen auf diese Weise Handlungsfähigkeit zu beweisen, bevor der Landesrechnungshof am Freitag einen Bericht zu dem Skandal veröffentlicht - der dem Senat schon vorliegt. Zugleich ist die Entlassung das erste Eingeständnis, dass bei der Vergabe der Fördermittel nicht alles mit rechten Dingen zuging und der Bericht mutmaßlich zahlreiche Missstände monieren wird." In der FAZ berichtet Patrick Bahners.

Die CDU-Politikerin Karin Prien strukturiert die Förderungen durch das "Demokratie leben" - Programm um, weil ihr die Ausrichtung zu links ist (unser Resümee). Dabei wird nichts anderes herauskommen als "eine staatlich geförderte Verunsicherung, die sich vor Ort fatal auswirken wird", ärgert sich Valerie Schönian bei Zeit Online. Unter die gestrichenen Förderungen fallen übrigens auch Projekte der Amadeo-Antonio-Stiftung, der Bildungsstätte Anne-Frank, es "fördert Städte, Gemeinden, Landkreise, wo vielerorts die Unionsparteien stärker sind als linke Parteien; dazu Projekte der schon erwähnten CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Evangelischen Akademien, des Deutschen Kinderhilfswerks. Es gibt auch Geld für ein Projekt in Heidelberg, das Linksextremismus unter jungen Leuten begegnen will." Außerdem: Hat man schon vergessen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt bald stärkste Kraft werden könnte? "Was passiert eigentlich mit dem Programm, wenn die AfD dort im Herbst wirklich die Alleinregierung übernehmen sollte? Kann man das alles - wenige Monate vor der Wahl - nicht irgendwie, naja, einplanen? Oder hat man die Gegebenheiten in Ostdeutschland wirklich so wenig auf dem Schirm?" Wobei die bisherigen Millionen die AfD in ihrem Lauf auch nicht aufhielten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2026 - Kulturpolitik

Die EU fördert derzeit mit einer Million Euro eine Kollaboration europäischer Theater mit investigativen Journalistenplattformen, die das Schauspiel Köln zusammen mit der European Theatre Convention organisiert. Kay Voges, Intendant des Schauspiels Köln, verteidigt im Interview mit der SZ die Förderung gegen Kritik in der FAZ, hier ließen sich Theater "ihre wohlfeile (weil blaseninterne!) Kritik an Rechtsparteien finanzieren" (unser Resümee) und stellt sein Konzept des "faktenbasierten Theaters" vor, unter anderem am Beispiel einer Inszenierung der Correctiv-Recherche des Potsdamer Treffens von Rechtsextremen: "Durch diese Recherche und unsere Aufführung konnte man erfahren, dass AfD-Politiker hinter verschlossenen Türen Massenabschiebungen planen, auch von Bürgern mit deutschem Pass. Da ging es erst einmal um ein besseres Verständnis: Was wollen die wirklich? Das zu zeigen, halte ich absolut für aufklärerisch. Die Aufführung wurde gestreamt, das haben insgesamt etwa 1,5 Millionen Menschen gesehen." Dass hier nur eine linke Blase bedient werde, glaubt er nicht: "Ich habe noch nie so viele BWL-Studenten, Steuerberater, Manager oder Finanzamtsbeamte im Publikum gesehen wie bei dem Abend über 'Aufstieg und Fall des Herrn René Benko'. Die interessieren sich vielleicht nicht unbedingt für Theater, aber der Stoff, das Thema hat sie interessiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 - Kulturpolitik

Jörg Häntzschel resümiert in der SZ die Ratschläge aus dem "Leitfaden Museen in der Migrationsgesellschaft", die der Museumsbund herausgegeben hat (und die die FAZ neulich als recht weltfremd kritisiert hat, unser Resümee). Grundlage ist die neue Definition eines Museums, die der International Council of Museums (Icom) 2022 herausgegeben hat. Ein Museum sei eine "Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit." Viele Museen tun sich schwer, das umzusetzen, meint Häntzschel: "'Die bewusste Integration von Perspektiven der Migration und Diversität' dürfte ihnen schon deshalb nicht leichtfallen, weil ihnen diese Perspektiven selbst fremd sind. Sie müssen sich also Hilfe holen, bei jungen Mitarbeitern mit anderem Hintergrund, in den 'Communitys' oder bei den Besuchern selbst." Dass "der Job des Kurators sich wandelt, ist unverkennbar: Er muss weiterhin Spezialist für chinesische Kunst, die Geschichte von Regensburg oder Luft- und Raumfahrt sein, doch seine alte Rolle als fachliche Autorität muss er abstimmen mit einer neuen Aufgabe, der des Moderators."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2026 - Kulturpolitik

In der SZ freut sich Jörg Häntzschel, dass Donald Trump, bevor er sich zu Jesus erklärte, den "Holocaust Expropriated Art Recovery Act", kurz Hear Act unterzeichnet hat. Bislang konnten amerikanische Gerichte nicht über die Rückgabe von Kunst, die sie für Raubkunst hielten, entscheiden, weil hier die Staatenimmunität galt. Das ändert sich mit dem Hear Act: Dort "sind genau jene Punkte nachgeschärft, die es US-Gerichten bislang erlaubten, auf den heiklen Eingriff in die Immunität anderer Staaten zu verzichten. Kunstraub ist als Bruch internationalen Rechts zu behandeln, stellt das neue Gesetz ausdrücklich fest; die Staatenimmunität gelte hier nicht. Welche Folgen das konkret haben könnte, beschreibt der Anwalt Markus Stötzel, der im damaligen Verfahren die Erben der Welfenschatz-Besitzer vertrat. Heute kämpft er im Auftrag der amerikanischen Nachfahren des Kunsthändlers Alfred Flechtheim für die Restitution von Werken von Picasso, Beckmann und anderen, die in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen liegen. Würde ein US-Gericht die Restitutionsforderungen der Flechtheim-Erben anerkennen, müsste das Land Bayern die Werke den Erben übergeben."

Jana Simon taucht für die Zeit in den Kulturkampf um Wolfram Weimer ein. Wer nicht Politiker gelernt hat, geht schnell unter, lernt man, weil man als normaler Mensch nicht darauf gefasst ist, dass alle das Schlechteste von einem denken. "Er fragt die Reporterin: Fanden Sie die Rede auch so schlecht? Manchmal will er auch wissen, was sie an seiner Stelle machen würde. Das ist eher unüblich in der Politik. Eigentlich hat Weimer meist gute Laune, ist stets höflich, jovial. Viele, mit denen man für dieses Porträt spricht, auch seine Gegner, beschreiben ihn als angenehm, als einen 'Menschenfänger'. Sie meinen das positiv. Weimer wirkt unverstellt, noch nicht völlig vom Politikbetrieb glatt gerieben. Er ist das, was sich eigentlich viele als Mitglied der Regierung wünschen: ein parteiloser Quereinsteiger. Wie nur hat dieser Mann es geschafft, in einem knappen Jahr fast die gesamte Kulturszene, die Film- und die Buchbranche gegen sich aufzubringen, sowohl die politische Linke als auch die Rechte?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2026 - Kulturpolitik

Dass der "Peak Woke" nicht hinter uns liegt, zeigt eine Handreichung des Deutschen Museumsbundes, an der laut Andreas Kilb in der FAZ Dutzende von Fachkräften und Beratern in endlosen Sitzungen gefeilt haben müssen. Sie heißt "Museen in der Migrationsgesellschaft" (hier als pdf-Doklument) und stößt bei Kilb auf scharfe Kritik. Nichts gegen "Diversity", aber die Broschüre übernimmt den postkolonialistischen Moralkodex und warnt etwa vor "tokens", also etwa Islamkritikern muslimischen Ursprungs: "Als 'token', erläutert der Museumsbund in beflissener Naivität, würden 'Einzelpersonen oder Gruppen' bezeichnet, die an Museumsprojekten nur teilnähmen, um 'nach außen den Anschein von Vielfalt und Offenheit zu erzeugen'." Im übrigen kritisiert Kilb, dass die Broschüre allein den "globalen Süden" als Folie ihres Vielfaltsbegriffs benutzt: "Die überwiegende Mehrzahl der Zuwanderer in Deutschland stammt aber aus der Türkei, Polen, Russland, Kasachstan, der Ukraine und dem Balkan; bei den Flüchtlingen liegen die Ukrainer mit weitem Abstand vorn. Glaubt der Museumsbund wirklich, dass er diesen Menschen etwas von 'weißer' Wissenschaft und 'strukturell verankertem' Rassismus erzählen kann?" Und "Kann man die vielfältige Kultur des Osmanischen Reichs ausstellen, ohne den Völkermord an den Armeniern wenigstens zu erwähnen? Können Polen, Russen und Ukrainer im Museum zu einer gemeinsamen Lesart ihrer konfliktbeladenen Geschichte finden?" Nichts dazu in der Broschüre.
Stichwörter: Deutscher Museumsbund

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2026 - Kulturpolitik

Im großen Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn hat Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Intendant des Berliner Hauses der Kulturen, allerhand zu beklagen: Die Budgetkürzungen, eine Kunstfreiheit, die in Deutschland so bedroht sei wie in Indien, den USA oder Kamerun und einen Rollback in Deutschland, der dafür sorge, dass "die Kolonialgeschichte keinen wichtigen Platz mehr im Erinnerungskonzept der Bundesrepublik hat". Dabei leben wir in einer "Postkolonialen Welt", so Ndikung: "Wenn Trump nach Grönland greift, dann ist das nichts anderes als Kolonialismus. Es geht um eine Machtstruktur, die sich in unterschiedlichen Formen ausdrückt. Und wenn heute ein Präsident von einem souveränen Land einfach mitgenommen und in einem anderen Land inhaftiert wird, gibt es auch dafür kein anderes Wort. Als Denkerinnen, Kuratorinnen, Künstlerinnen haben wir die Aufgabe, zu verstehen, was da eigentlich passiert, und es in einen historischen Kontext zu stellen." Ob er von Wolfram Weimer als Intendant verlängert wird, ist allerdings noch nicht klar, erfahren wir außerdem.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2026 - Kulturpolitik

Mit einer Million Euro fördert die EU eine Kollaboration europäischer Theater mit investigativen Journalistenplattformen, die das Schauspiel Köln zusammen mit der European Theatre Convention organisiert. Mit dem Geld sollen Recherchen finanziert werden, die "die Demokratie stärken", berichtet in der FAZ Simon Strauß. Er staunt nicht schlecht, "mit welcher Nonchalance staatlich geförderte, das heißt durch die politisch diverse Gesamtgesellschaft finanzierte Theaterhäuser wie das Schauspiel Köln oder das Volkstheater Wien behaupten, sie förderten den 'kritischen öffentlichen Dialog', sich in Wahrheit aber damit in erster Linie ihre wohlfeile (weil blaseninterne!) Kritik an Rechtsparteien finanzieren lassen. Denn um nichts anderes geht es Kay Voges, dem Intendanten des Schauspiels Köln, wenn er seine Zusammenarbeit mit dem linksgerichteten Netzwerk Correctiv durch die opulente EU-Förderung nun stolz verstetigt." Da fragt sich Strauß, "ob eine steuerfinanzierte Kollaboration zwischen linksliberalen Theatern und linksgerichtetem Journalismus" nicht eher "die Vorurteile von rechts- wie linkshetzerischen Antieuropäern bestätigt".

Das Desaster um Wolfram Weimer, der drei linke Buchhandlungen von der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises ausschließen ließ (unsere Resümees), geht weiter, wie Claudia Damann in der FR berichtet. Die AfD wollte in einer "Kleinen Anfrage" vom Bundesinnenministerium wissen, ob "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse" über vier weitere Buchhandlungen, im übrigen alle aktuelle Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises vorliegen. Die Antwort lautete zwar, dass "keine der genannten Buchhandlungen derzeit im Verfassungsschutzbericht des Bundes erwähnt" werden. "Eine weiterführende Auskunft" könne aber "aus Gründen des Staatswohls" nicht erfolgen. "Durch eine offene Auskunft über den aktuellen Wissensstand könnten die betroffenen Akteure Abwehrstrategien entwickeln." Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, ärgert sich im Gespräch mit Damann: "Die 'nebulöse, wabernde Antwort' ... führe in der Öffentlichkeit 'zu einem gefährlichen Misstrauen, einem Verdacht und dem Gefühl, bei den genannten Buchhandlungen sei ja doch vielleicht etwas zu finden'. Olaf Zimmermann warnt: 'Das ist wirklich zersetzend. Das zerstört auch Demokratie.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2026 - Kulturpolitik

Jetzt ist es raus: Der Vertrag der eigentlich recht erfolgreichen Historikerin Gundula Bavendamm als Leiterin des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde nicht verlängert, aber auch der Geschäftsführers der Vertriebenen-Gruppe in der Unions-Bundestagsfraktion Sven Oole wurde nicht wie befürchtet zu ihrem Nachfolger gewählt, berichtet Christian Schröder im Tagesspiegel: Nach harten Auseinandersetzungen setzte sich mit Roland Borchers "ein Bewerber einstimmig durch, der die Museumsarbeit im Sinne seiner Vorgängerin Gundula Bavendamm fortsetzen dürfte. Der Historiker, 45 Jahre alt, hat am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin geforscht. Die enge Zusammenarbeit mit Institutionen der einst von der Wehrmacht überfallenen Nachbarstaaten wie Polen und Tschechien ist für das grenzübergreifende Konzept des Berliner Museums essenziell. Seit 2009 agiert Borchers als stellvertretender Direktor des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Oberschöneweide. Er beschreibt seine Arbeit als 'Suche nach Anerkennung' für Opfer, Überlebende und Nachfahren des NS-Terrors."

"Die Klüngellösung wurde also knapp vermieden", kommentiert Andreas Kilb in der FAZ die Wahl von Borchers. Kilb schildert noch mal die Kämpfe im Hintergrund - der Vertriebenenbund und seine Truppen im Bundestag, durchweg CDU, hätten eine andere Lösung gewollt, aber dann gab es offenbar ein Machtwort des Kanzlers. Kilb bleibt skeptisch: "Nur unabhängige Historiker sollten eine gesamtstaatliche Präsentation zum Thema Flucht und Vertreibung gestalten dürfen. Es bleibt zu hoffen, dass der neue Stiftungsdirektor Borchers diese Unabhängigkeit besitzt."

Alhena Caicedo, Direktorin des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte, ist gerade in Berlin und fordert die Rückgabe der Steinstatuen von San Agustín. Sie lagern zur Zeit im Depot des Ethnologischen Museums Berlin. "Sie sind hier bestimmt sicher und werden gut aufbewahrt", sagt sie im Gespräch mit Pauline Cruse von der taz, "aber weitergehend untersucht wurden sie in Berlin überhaupt nicht, obwohl wir das in Zusammenarbeit vorgeschlagen hatten. Und die Leute, die sagen, es sei nachhaltiger, dass die Statuen hier sind, sollten vielleicht darüber nachdenken, welchen Symbolwert sie eigentlich haben. Ist es nicht besser, dass sie dort sind, wo sie ihren symbolischen, spirituellen Wert entfalten können? Es geht nicht nur um das Objekt, sondern darum, für wen es geschaffen wurde." Über die Skulpturen weiß man laut Cruse wenig: "Nach heutigem Kenntnisstand lebten die Erschaffer dieser Steinstatuen zwischen 3.300 v. Chr. und 1.530 n. Chr. in der Region um San Agustín im Südwesten Kolumbiens."

Wolfram Weimer hat sich den Zorn der Feuilletons auch mit seiner Absage für den geplanten, 100 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zugezogen. Von dieser Absage ist er jetzt wieder zurückgerudert, was Frank Scholze, Leiter der DNB, mit Erleichterung zur Kenntnis nimmt. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt er, warum elektronische Dateien in seinen Augen keine echte Alternative für physische Bücher sind, und warum sie viel teurer ist, als man sich das vorstellt: "Echte Langzeitarchivierung, so wie wir sie verstehen, beschränkt sich bei weitem nicht darauf, immer wieder Backups von Dateien anzulegen. Man speichert die Werke in sogenannten Dark Archives, die gar nicht ans Internet angeschlossen sind. Diese Archive sind noch da, selbst wenn unsere sonstige Infrastruktur komplett zerstört würde. Das sogenannte Open Archival Information System (OAIS) ist ein internationales Referenzmodell dafür. Danach müssen Sie georedundant speichern, also die Dateien mehrfach an verschiedenen Orten sichern." Das sei aufwändig und sehr teuer: "Je weniger Sie analog sammeln, desto mehr müssen Sie investieren, um Ihre digitalen Bestände zu schützen." Aber Scholze gibt auch zu, dass der geplante Erweiterungsbau der fünfte wäre: "Aktuell gehen wir davon aus, dass er für dreißig Jahre reichen wird."

Kaum flaut der eine Krach ab, beginnt schon der nächste: Die Jury des Hauptstadtkulturfonds wirft Wolfram Weimer "politische Einmischung in die Arbeit unabhängiger Fachjurys" vor, berichtet Jörg Häntzschel höchst besorgt in der SZ. Es geht um ein Projekt der Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Miriam Rainer, die einen Workshop zur Übersetzung "wichtiger palästinensischer Autoren aus dem 20. Jahrhundert" veranstalten wollte. Das wollte der Hauptstadtkulturfonds mit 30.000 Euro unterstützen, doch wurde das Projekt nicht vom Bundeskulturministerium genehmigt. ... Rainer selbst betont, dass es sich um ein literaturhistorisches, kein aktivistisches Projekt handeln sollte. Die Autoren, die sie in ihrer Bewerbung genannt hatte, Samira Azzam, Ghassan Kanafani und Mahmoud Darwish, sind auch längst gestorben. Doch natürlich waren sie als Palästinenser teils stärker, teils weniger stark in den Widerstand gegen Israel involviert. Die Jury habe sich mit dieser Frage verantwortungsvoll auseinandergesetzt, versichert [die Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds Leonie] Baumann."

37 Museen in der Ukraine sind entweder beschädigt oder geplündert worden, vergangenes Jahr forderte ein Oberstleutnant der Bundeswehr bei einer nicht öffentlichen Sitzung des Deutschen Museumsbundes für kunst- und kulturhistorische Museen die Kulturgut bewahrenden Institutionen in Deutschland daher auf, selbstständig Notfallpläne zu erarbeiten, berichtet Hubertus Butin in der FAZ. Aber wären deutsche Museen überhaupt vorbereitet? Und wer fühlt sich eigentlich verantwortlich? "In erster Linie sind das Bundesministerium des Innern und das ihm nachgeordnete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für den Kulturgutschutz verantwortlich. Das Bundesamt übernimmt nach eigener Auskunft etwa die generelle Planung von Transporten, wenn Objekte aus Museen in Sicherheit gebracht werden müssen, betont jedoch, dass die spezifische Organisation und Umsetzung konkreter Maßnahmen vor Ort von den Bundesländern und den Museen übernommen werden müssten. Allerdings haben manche Länder wie etwa Niedersachsen, Baden-Württemberg und Sachsen bis heute den Museen keine Evakuierungsräume genannt, die zur Rettung der wertvollsten Objekte dienen können."