ein wort gibt das andere

Hausmeister unserer Schöpfung

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
11.01.2026. Beherrschen wir die Künstliche Intelligenz oder sind wir schon ihre Diener? Das fragte der schwedische Ideenhistoriker Johan Fredrikzon kürzlich in einem Vortrag an der Freien Universität Berlin. Aber das Herr-Knecht-Verhältnis war schon immer ein kompliziertes, wusste Gontscharow (von Loriot ganz zu schweigen). Weil es ein menschliches ist. Nur die Maschine hat davon keine Ahnung.
Schneewesen, divers. Foto: Elke Schmitter


Die Stadt ist hell vor lauter Schnee, und wer die richtigen Schuhe trägt, blinzelt vor Glück. Weiße Kugelmänner mit Blattwerk auf der Glatze, einer Möhre oder einem Champagnerkorken im Gesicht stehen im Wege herum, und in den Parks läuft es sich wie in einem Breughel, durch göttlichen Funken lebendig gemacht. Die Raunächte sind zwar vorbei, doch nun gibt´s eine weitere, eisige Verzauberung für alle, zu deren Gunsten in diesem Jahr noch nichts geschah, nicht einmal im Traum, in der Phantasie oder im Brüten.

Zwei Wochen lang hat man, falls überhaupt, nur zuhause nachgedacht, nun wird wieder öffentlich spekuliert, folgt ein Wort auf das andere, mündlich und insofern nicht völlig unter Kontrolle. Selbst wenn man ein Manuskript mitgebracht hat wie der Ideenhistoriker Johan Fredrikzon, der in der Freien Universität die Saison eröffnet, und zwar mit einem Thema, das zugleich Schaudern und Zaudern macht: "Human as Medium: Caring for Machines in the Age of AI".

Worum geht es? Um eine Demütigung. Das jedenfalls war mein erster Gedanke - kann es etwas Dämlicheres, etwas Unerwünschteres geben als eine Situation, in der wir Menschen zu Dienern dessen werden, was wir selbst geschaffen haben? Eigentlich nicht. Aber sind wir nicht längst soweit? Und, if so, hat das etwas mit der Artifical Intelligence zu tun?

Auf dem Weg zu diesem Vortrag war es nicht leicht, sich auf das Thema einzustimmen. Zu tölpelhaft gingen wir Menschen über die verschneiten Dahlemer Wege, zu rot brannten die Wangen vor Kälte, zu verbreitet waren kindliches Lächeln und fröhliches Scheitern an der Selbstverständlichkeit, einen Schritt nach dem anderen zügig und unaufmerksam zu setzen: das Humane und die Panne scheinen doch eng zusammen zu gehören und uns, wenn die Dimensionen stimmen und die Panne nicht zur Not geworden ist, eher weicher, konstruktiver und empathischer zu machen, menschlicher gewissermaßen. Doch sind wir das auch, und wollen wir's sein, wenn wir die Pannenhelfer nicht für uns selber sind, sondern für nichtmenschliche, nicht wesenhafte Entitäten (Dinge, Automaten, black boxes, Computer), die nicht einmal Danke sagen können oder, wenn sie's tun, es ja nicht meinen?

Bei allem, was mit AI zu tun hat, kämpfe ich stets mit Resignation. Die Sache scheint einerseits zu groß, andererseits zu klein. Wie soll man mit etwas umgehen, das in detailliert ausgepinselten Szenarien uns alle, die Menschheit, vernichten könnte (mit Absicht oder auch nebenbei, als eine Art unerwünschte Nebenfolge), das aber andererseits auf den Klick des kleinen Fingers folgt, liegt es beispielsweise laptophaft auf dem Schoß wie ein niedliches Haustier? Wie soll man dem offensichtlichen Unsinn entgegentreten, diese unleiblichen Entitäten hätten Impulse, Begehren, Bewusstsein oder Willen, ohne zu ignorieren oder zu bagatellisieren, wie gefährlich die Algorithmen der Missgunst und Verschwörung bereits geworden sind? Wie soll man, wie soll man… usw., jede/r hat hier mindestens ein eigenes Paradoxon im Erleben oder im Denken, und es ist wohl Temperamentssache, ob man erregungsfroh den allgemeinen Untergang fantasiert oder sich an einen alten Aufsatztitel von Maurice Blanchot hält, der da lautet: "Die Apokalypse enttäuscht".

In jedem Fall, dachte ich, kann es doch helfen, jemandem zuzuhören, der sich auskennt. Wie der Vortragende, ein schmaler Schwede mit weißem Haar, für das er bei weitem noch nicht alt genug ist: Ein Master in Computer Science, ein promovierter Historiker der Geisteswissenschaften, ein Erforscher der AI-Geschichte. Was sagt er zum Herr-Knecht-Verhältnis bei Mensch und Maschine, das ja, wie wir aus Erfahrung oder durch Hegel wissen, kein einfaches ist? Der Herr, das vergisst auch die Leserin z.B. des "Oblomow" nie mehr, ist nichts ohne seinen Diener. Er wird von diesem nicht nur instandgehalten (durch Kleider bürsten, Stiefel putzen, Mahlzeiten servieren usw.), er wird vor allem von ihm als solcher gesehen und also: gemacht. Ist er noch Herr, wenn er keinen Diener mehr hat - oder nur noch einen, der ihn verachtet? (Und für wen Gontscharow zu ausladend ist und zu sehr 19. Jahrhundert, der schaue einen beliebigen Sketch von beispielsweise Loriot über einen Gast, der vom Kellner schlecht behandelt oder gar ignoriert wird: diese existentielle Verzweiflung, dieses Gefangensein in der nicht-Anerkennung!)

Doch solche Seelenwege ging man hier nicht. Ich fasse für Sie zusammen: Wir sind an Technologie als etwas gewöhnt, das zwischen Menschen vermittelt. Das Telefon, das Buch, der Zug, all das sind Medien, die uns in Verbindung bringen, mithilfe derer wir traditionell interagieren. Die künstliche Intelligenz, so Fredrikzon, kehrt dieses Verhältnis um. In vielen Organisationen kommunizieren inzwischen vor allem Maschinen miteinander. Algorithmen treffen Entscheidungen, Modelle reagieren auf andere Modelle, Systeme tauschen Daten aus. Menschen übernehmen unterstützende Rollen. Sie formatieren Eingaben, damit diese der Maschine bekömmlich sind, sie überwachen Grenzwerte und greifen bei Pannen ein. Sie sorgen für optimale Arbeitsbedingungen der Objekte, von der Stromversorgung bis zu den Zuständigkeiten; sie pflegen, sichern und protokollieren.

Das ist an sich, sagt Fredrikzen, nicht völlig neu. Auch das Fräulein in der Telefonzentrale war eine Servicekraft für die Technik. Doch die Prioritäten haben sich verschoben; inzwischen sind wir Menschen in der Sorgearbeit eher für die Maschinen engagiert als umgekehrt. Vor allem aber blicken wir nicht durch, was die Entscheidungswege betrifft - also auch: wie Pannen zustande kamen. Und zwar nicht aufgrund behebbarer Mängel, sondern weil wir nun mal eine black box geschaffen haben, die eine bleibt. Wir sind die Hausmeister unserer Schöpfung geworden.

Weil wir keine Maschinen sind, denken wir nur ungern überhaupt etwas Neues: Das kann man nach jedem Vortrag bemerken. Egal, wie anschaulich, wie wichtig oder lebensweltlich er war, wie aufregend oder auch dröge, die Leute fragen das, was sie schon wissen, oder sie ergänzen, was ihrer Meinung nach fehlt. Das verhielt sich auch hier nicht anders. Die meisten Zuhörer waren männlich, in einem schwarzen Hoodie, zwischen Mitte 20 und Ende 30 und mit dem Thema vertraut. Ich war's, die nach all dem ein wenig taumelte. Doch eine Art trotzig-naiver Zuversicht aus der Vorstellung gewann, die schlampige, ineffiziente, verträumte und assoziative, die prokrastinierende, affektiv unkontrollierbare, unzuverlässige Menschenart könnte den Sieg der Maschine am Ende vermasseln.