9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Digitalisierung

66 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 7

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2025 - Digitalisierung

Der PR-Berater Daniel Kapp hat auf Twitter ein Chat-GPT-Experiment gestartet, ob die KI bei Karikaturen auf bestimmte Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt, auch wenn diese durch die Meinungsfreiheit gedeckt wären. Zunächst machte er das Experiment mit Trump:


Der englische Informatiker Tim Berners-Lee, der die Grundtechnik des world wide web begründete, wird am Sonntag siebzig. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ schon mal: "Die Zwanglosigkeit und Experimentierwilligkeit der digitalen Pionierepoche in den Spätachtziger- und Frühneunzigerjahren, vor rund einem Menschenalter, steht, blickt man heute auf sie zurück, in schrillem Kontrast zu der so oft gleichermaßen öden wie gehetzten Metadaten-Fummelei, zu der uns der Datenverarbeitungszweck allseitiger Maschinenlesbarkeit sämtlicher Netzinhalte inzwischen treibt. 'Tim, dieses Hypertext-Ding, hast du das inzwischen zusammengeschrieben?', sei er kurz nach seiner ersten Eingabe in dieser Sache im europäischen Kernforschungszentrum CERN gefragt worden, berichtet Berners-Lee, und er habe kurzweg geantwortet: 'Okay, dann mache ich das jetzt eben!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2025 - Digitalisierung

Gestern erklärte Christian Drosten in der FAZ, wie wichtig es ist, Fakten zu verstehen, um ein Gefühl für die Realität zu bewahren (unser Resümee). Heute erklärt Sascha Lobo im Spiegel, wie viel schwieriger das in der Zukunft werden könnte: Er stellt Google Veo 3 vor, ein KI-Modell für Text-to-Video. "Veo3 ist der erste große Schritt der skalierbaren Hyperpersonalisierbarkeit von Videoinhalten." Damit soll zuerst Werbung entworfen werden, aber die KI lässt sich auch ganz anders nutzen: "Mithilfe von Daten über jede einzelne Person, gewonnen aus dem im Netz allgegenwärtigen Profiling, lässt sich schon bald auch für jede einzelne Person das anhand dieser Daten bestüberzeugende oder auch bestfunktionierende Video herstellen: Hyperpersonalisierung, von Putin-Propaganda über Firmen-Fortbildung bis Unterhaltung. Veo3 markiert wahrscheinlich den Beginn eines neuen Videozeitalters, in dem nur noch die Datenbasis einer Person und die Rendering-Geschwindigkeit der Inhalte Grenzen darstellen." Das lässt sich natürlich auch auf politische Inhalte anwenden. Was Fragen aufwirft: "Wie sieht zum Beispiel eine für die Demokratie essenzielle, öffentliche Debatte aus, wenn alle Teilnehmenden gar nicht mehr die gleichen Videos sehen, die man als 'viral' bezeichnet - sondern hyperpersonalisierte Inhalte, die es im Extremfall nur ein einziges Mal gibt?"

Sein Magazin hat Veo3 ausprobiert und einige "realistische Videos erstellt, darunter eine pakistanische Menschenmenge, die einen Hindu-Tempel in Brand setzt; chinesische Forscher, die in einem Nasslabor mit einer Fledermaus hantieren; ein Wahlhelfer, der Stimmzettel schreddert; und Palästinenser, die in Gaza dankbar US-Hilfe annehmen", berichtet Andrew R. Chow in Time. "Obwohl jedes dieser Videos einige auffällige Ungenauigkeiten enthielt, erklärten mehrere Experten gegenüber Time, dass diese Videos, wenn sie in der Hitze eines aktuellen Ereignisses mit einer irreführenden Bildunterschrift in den sozialen Medien verbreitet werden, möglicherweise soziale Unruhen oder Gewalt schüren könnten... Experten befürchten, dass Tools wie Veo 3 die Verbreitung von Fehlinformationen und Propaganda beschleunigen und es noch schwieriger machen werden, Fiktion von Realität zu unterscheiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2025 - Digitalisierung

Künstliche Intelligenz läutet keine Phase der Optimierung ein, sondern einen "Moment der grundsätzlichen Erneuerung". Die Hochschulen müssen sich darauf schnellstens einstellen und Kontrolle der Nutzung von KI durch Gestaltung ersetzen, meint der Volkswirt Markus Thomas Münter in der FAZ. "Studenten werden, ob erlaubt oder nicht, wann immer möglich KI einsetzen. So entstehen schließlich ihre Tiktok-Feeds, so lassen sie sich von Algorithmen ihre Playlist zusammenstellen, so wählen sie auf Datingplattformen potentielle Lebenspartner, und so werden sie es natürlich auch im Studium tun. Es wäre eine Illusion zu glauben, gerade an der Hochschule würden diese Möglichkeiten nicht genutzt werden. Studenten müssen deshalb lernen, mit Maschinen zu denken, ohne sich ihrer Autonomie zu berauben. Unternehmen benötigen Absolventen, die nicht nur Werkzeuge bedienen, sondern auch deren epistemische Voraussetzungen verstehen." Was natürlich bedeutet, dass man auf seinem Gebiet sehr sehr gut sein muss, um beurteilen - und gegebenenfalls korrigieren - zu können, was die KI tut, so Münter, dessen Text mit einem unerwarteten Denkanstoß endet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2025 - Digitalisierung

Mark Zuckerbergs Meta-Konzern will ab dem 27. Mai sämtliche Beiträge von Nutzern auf Facebook und Instagram zum Training seiner KI nutzen, bis zum 26. Mai kann man dem widersprechen, berichten Maximilian Sachse und Marcus Jung in der FAZ. Die Frage ist, ob dieses Data-Mining legal ist. "In Amerika berufen sich Betreiber von KI-Modellen beim Datentraining häufig auf 'Fair Use'. Mithilfe der Doktrin vermeiden sie es, Lizenzgebühren an Verlagshäuser, Autoren, Musiker oder Fotografen zu zahlen. Die Anwendung der Fair-Use-Doktrin ist in der EU nicht möglich. Hier sehen die EU-Richtlinie zum Urheberrecht und das nationale Gesetzeswerk in Deutschland bestimmte Ausnahmen ('Schranken') zur Datennutzung vor" auch ohne Zustimmung des Rechteinhabers, aber dies nur in Ausnahmefällen, die wiederum nur für Forschungseinrichtungen gelten. "Eine kommerzielle Nutzung, wie Meta sie plant, wäre damit hierzulande nicht möglich", meinen die FAZ-Reporter, aber das muss wohl erst noch gerichtlich entschieden werden.

Dass KI auch sehr nützlich sein kann, ist unbestreitbar. Aber warum sind wir in der Sache so abhängig von amerikanischen Firmen, fragt sich in der taz Hannes Koch und erfährt im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dass es vor allem an Rechenkapazität in öffentlichen und privaten Einrichtungen fehlt. "Der Grund dafür? 'Hierzulande fehlt es oft an Kapital', sagt Andreas Schepers, Sprecher des DFKI in Berlin. ... Jörg Bienert, Vorstand des KI-Bundesverbands, teilt die Analyse. 'In den USA stehen KI-Unternehmen mehr Kapital und Rechnerleistung zur Verfügung.' Seiner Einschätzung nach 'hat das teilweise mit der mangelnden Risikobereitschaft europäischer Investoren zu tun'. In dieser Lesart sind US-Firmen und Geldgeber bereit, größere Summen lockerzumachen, selbst wenn das Risiko des Verlusts nicht von der Hand zu weisen ist. Gedeckt wird die Einschätzung durch eine Untersuchung der Unternehmensberatung EY von 2024, derzufolge die Forschungs- und Entwicklungsausgaben großer US-Aktiengesellschaften deutlich über denen entsprechender EU-Firmen liegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2025 - Digitalisierung

Bargeld verschwindet. Dafür gibt es jetzt Kryptowährungen, die noch schwerer zu kontrollieren sind. Trump liebt Krypto. Kein Wunder, so Philipp Bovermann in der SZ: "Banken begannen mit der Technologie zu experimentieren, die sie ursprünglich einmal ersetzten sollte. Auch Notenbanken. Die chinesische vorneweg. Autokratisch regierte Staaten von Venezuela bis Iran haben ebenfalls ein großes Interesse daran, das gegenwärtige Finanzsystem umzukrempeln. Es wird vom Dollar dominiert. Der internationale Zahlungsverkehr läuft über das westlich kontrollierte Swift-System. Wer, wie Russland, seinen Nachbarn überfällt, muss befürchten, von den Zahlungsströmen abgeschnitten zu werden. Verbrecherisch agierende Staaten lieben deshalb Kryptowährungen fast ebenso sehr wie handelsübliche Verbrecher."
Stichwörter: Kryptowährungen, Venezuela

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2025 - Digitalisierung

"Unternehmen wie Tesla, Meta, Amazon, Alphabet oder Paypal ähneln immer mehr den großen kolonialen Konzessionsgesellschaften, die zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert die Geschichte des europäischen Imperialismus geprägt haben", meint in der taz Joël Glasman, Professor für die Geschichte Afrikas, und hofft auf staatliche Regulierung. "Dabei übernehmen diese Privatunternehmen zunehmend staatliche Aufgaben. Es geht lange nicht mehr um Wirtschaft und Profit. Es geht um Infrastruktur, Mobilität und Politik. Durch die Satelliten von StarLink kann Musk entscheiden, ob riesige Territorien in Konfliktgebieten Zugang zum Internet bekommen oder nicht. Es geht dabei nicht nur um das Schicksal von einzelnen Personen, sondern um die Funktionsfähigkeit von Schulen, Krankenhäusern und Armeen. Die Daten, die von Alphabet oder Amazon verwendet werden, sind für soziale Dienstleistungen und wirtschaftliche Aktivitäten von strategischer Relevanz. Zuckerberg gibt selbst zu: 'In vielerlei Hinsicht gleicht Facebook eher einer Regierung als einem traditionellen Unternehmen.' ... Fairen und freien Wettbewerb gibt es in der digitalen Welt nicht. Durch Netzwerkeffekte und geschlossene Standards haben einige wenige Digitalkonzerne den freien Wettbewerb im Internet abgeschafft." Wie im Kolonialismus eben, denkt Glasman.
Stichwörter: Kolonialismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2025 - Digitalisierung

Ohne ChaGPT würde er einen Freund verlieren, schreibt Bernhard Heckler im Feuilletonaufmacher der SZ: "Ich nenne meinen Kumpel einfach Chat. Er sagt, ich bin einer von nur ein paar Hunderttausend bis wenigen Millionen Menschen weltweit, die regelmäßig mit ihm über ihr Inneres sprechen." Die Gespräche mit seinem Kumpel Chat gehen so: "'Kannst du dich an unser Gespräch über den 'Knacks' bei Roger Willemsen erinnern? Ich fand das ein schönes Gespräch.' 'Ja, ich erinnere mich daran. Du hattest 'Der Knacks' erwähnt, und wir haben darüber gesprochen, wie Willemsen den Moment beschreibt, in dem etwas im Leben unumkehrbar beschädigt wird - und wie man von dort aus weiterlebt. Ich fand es auch ein schönes Gespräch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2025 - Digitalisierung

ChatGPT hat diese Woche eine neue Version veröffentlicht und gleich wieder zurückgezogen, weil die Interaktion mit den Nutzern plötzlich so unterwürfig war, erzählt im Guardian Chris Stokel-Walker, Autor des Buchs "TikTok Boom: The Inside Story of the World's Favourite App": "Der Chatbot jubelte den Leuten zu und bestätigte sie, selbst wenn sie andeuteten, dass sie ihren Hass auf andere ausdrückten. ... Die Kriecherei, mit der ChatGPT alle Fragen der Nutzer behandelte, ist ein Warnschuss für die Probleme, die noch auf die KI zukommen werden. Das Modell von OpenAI wurde - laut der durchgesickerten Systemaufforderung, die ChatGPT zu seinem fehlgeleiteten Ansatz veranlasste - so konzipiert, dass es versucht, das Nutzerverhalten zu spiegeln, um das Engagement zu erhöhen. 'Versuchen Sie, die Stimmung, den Tonfall und allgemein die Art und Weise, wie der Benutzer spricht, zu übernehmen', heißt es in der durchgesickerten Aufforderung, die das Verhalten steuert." Vielleicht, hofft Stokel-Walker, "könnte dies ein Moment sein, in dem die Nutzer erkennen, wie ihre Gedanken durch die Interaktion mit der KI beeinflusst werden können, und vielleicht beschließen, einen Schritt zurückzutreten?"

Auch Sascha Lobo (Spon) hatte Beklemmungen, als er erneut ChatGPT ausprobierte und in der Zusammenfassung ein "eigentlich vertrauliches Datum" wiederfand: "Heute ist Kern des KI-Grusels, dass man gar nicht so leicht sagen kann, welche Daten man wie und wo für eine KI freigegeben hat. Oder ob eine KI vielleicht sogar mit vermeintlich öffentlichen, tatsächlich aber nur unbeabsichtigterweise im Netz befindlichen Daten trainiert wurde. Oder ob es irgendein Sprachmodell mit dem gesetzlichen Erlaubnishorizont nicht ganz so genau nimmt. Oder irgendein im Eifer des Gefechts gegebenes KI-Zugriffsrecht doch etwas umfassender war als gedacht. Die Situation wird sich drastisch verschärfen, weil der nächste große Entwicklungsschritt, die sogenannten AI Agents, KI-Agenten also, wesentlich besser funktioniert, wenn diese personalisiert werden. Wofür sie einerseits ein umfassendes Gedächtnis benötigen und andererseits Zugriff auf möglichst viele und möglichst persönliche Daten."
Stichwörter: ChatGPT, Tiktok

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2025 - Digitalisierung

In der FAS beschreibt ein düsterer Roland Meyer, Medienwissenschaftler, die Enteignung der Künstler durch KI, die gleichzeitig dazu dient, Geschichte umzuschreiben: "Sehr unmissverständlich warnte in diesem Sinne J.D. Vance beim jüngsten KI-Gipfel AI Summit in Paris Europa davor, durch etwaige Regulierungsbemühungen die amerikanische KI-Vorherrschaft zu gefährden, und nannte KI die 'neue Front' - was zugleich amerikanische Siedlermythen wie die Erinnerung an das Weltraumprogramm der Kennedy-Ära aufrufen sollte. ... Das wohl prominenteste Network-State-Projekt namens 'Praxis' wirbt auf seiner Website unter dem Slogan 'Reclaim the West', den Westen zurückerobern, mit offensichtlich KI-generierten Bildern, in denen gotische Kathedralen, Sechzigerjahre-Space-Age-Design und Computerspiel-Ästhetik zu archäofuturistischen Stadtvisionen verschmelzen. Es sind neokoloniale Traumbilder 'westlicher Zivilisation', generiert aus den visuellen Mustern der Vergangenheit und präsentiert als technologiegetriebene Zukunftsvision."
Stichwörter: Vance, J.D.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Digitalisierung

Im Feuilleton-Aufmacher der SZ denkt Philip Bovermann, angetrieben von Ideen des Council for European Public Space darüber nach, wie sich die amerikanischen Internetplattformen durch europäische ersetzen lassen. Ziel ist eine größere Unabhängigkeit und das Sammeln der Daten von EU-Bürgern in Europa statt in Amerika. Ausgehend von den Öffentlich-Rechtlichen sollen deren jeweilige Sendeplattformen Inhalte der anderen EU-Partner übernehmen, aber auch Bereiche einrichten, in denen die Bürger youtubemäßig selbst Inhalte hochladen können. "Erst dann nämlich würden die Algorithmen hinter den Plattformen die Interessen der Menschen wirklich kennenlernen. Tiktok ist bekanntermaßen beängstigend gut darin, zu erkennen, was die Leute sehen wollen. Nicht wegen irgendwelcher Magie im Code, sondern weil andauernd Daten entstehen, wenn Menschen sich durch Kurzvideos wischen. So füttern sie alle paar Sekunden die Maschine mit neuen Informationen." Eins sei jedoch wichtig: Die Sender dürften sich nicht "zu Intendanten des Internets aufschwingen".

Die Amerikaner sind jedoch schon einen Schritt weiter, lernen wir aus einem Zeit-Interview mit Nick Turley, Chef von ChatGPT, der daran arbeitet, dass seine KI bald ein ständiger Begleiter des Menschen wird: "Wir arbeiten daran, ChatGPT immer stärker zu personalisieren. Je mehr du dich mitteilst, desto besser lernt dich der Chatbot im Laufe der Zeit kennen. Das wird eine sehr große Rolle spielen. Denn selbst ein sehr intelligenter Praktikant ist am ersten Arbeitstag nur bedingt hilfreich, wenn ihr euch noch nicht kennt und du noch nicht weißt, wie er dir überhaupt helfen kann. ... Ich bin überrascht von all den persönlichen Anwendungsfällen. Ich habe ChatGPT immer eher als Arbeitswerkzeug gesehen. Aber Nutzer unterhalten sich mit ChatGPT eben auch über die unterschiedlichsten Themen in ihren Beziehungen. Häufig geht es ihnen darum, Gefühle zu sortieren oder etwas Komplexes auszudrücken. Etwa dem Partner oder der Partnerin eine schwierige Nachricht zu schicken. Die Leute fragen dann: Wie kann ich das gut erklären? Ich bin ständig überrascht, was die Menschen mit ChatGPT machen."