Vom Nachttisch geräumt

Religion verpfuscht das Leben

Von Arno Widmann
11.05.2015. Eine antizyklische Pfingstlektüre voller atheistischer Leseempfehlungen von Georges Minois.
Georges Minois ist einer der fleißigsten Sachbuchautoren der Gegenwart. Kein Jahr, in dem nicht eines seiner meist sehr umfangreichen Bücher zur Geschichte der Zukunft, zu der der Hölle, zu der des Alters, des Selbstmords, zu der der Erbsünde, des Atheismus usw. usw. erscheint. In vielen Jahren sind es zwei Bände, kaum einer unter fünfhundert Seiten. 1998 erschienen gar vier. Wie hat der inzwischen 68-Jährige das geschafft? Keine Ahnung. Er hatte jedenfalls mit den Anstrengungen eines universitären, mit Gremiensitzungen angefüllten Daseins nichts zu tun. Er war bis zu seiner Pensionierung Lehrer für Geschichte und Geografie am Lycée Ernest Renan im bretonischen Saint Brieuc. Natürlich hat er auch ein paar Bücher zur Geschichte der Bretagne geschrieben. In diesem Jahr ist übrigens von ihm eine Biografie Philipps des Schönen erschienen: 797 Seiten. Vergangenes Jahr eine Geschichte der Einsamkeit und der Einsamen auf 576 Seiten. Sein 2012 erschienener Dictionnaire des Athées… scheint mir gut geeignet, angeregt über die christlichen Feiertage zu kommen. Minois legt keine strengen Maßstäbe an. Er verlangt keine bösartigen Invektiven gegen den Glauben, er fragt nicht nach großen Gefühlen oder scharfsinnigen Argumenten. Er hat auf 460 Seiten zusammengestellt, was von und über mehr als 560 Frauen und Männern - nicht nur Autorinnen und Autoren - zwischen Abu Alalae el Máari (973 - 1058) und Émile Zola (1840 - 1902) über ihre religiösen Ansichten verbreitet oder auch nur geklatscht wurde.

Atheist war ja über Jahrhunderte weniger ein Begriff als vielmehr eine Beschimpfung. Jeder Gläubige ist dem Andersgläubigen ein Ungläubiger. Es kommen, darauf weist Minois in seiner knappen Einleitung hin, auch Autoren vor, die ganz sicher keine Skeptiker, geschweige denn Atheisten waren, die aber ihre Überlegungen so weit trieben, dass andere nur einen Schritt weiter gehen mussten, um auf der anderen Seite der Barrikade zu landen. Hegel ist ein solcher Autor. Von einigen der erwähnten Menschen gibt es nur die Legende, sie hätten alle religiösen Überzeugungen ihrer Mitbürger in Zweifel gezogen. Diese knappen Einträge überspringt der nach Futter suchende Leser. Er freut sich über George Eliot - sie steht zwischen Eisenstein und Empedokles -, von der er nicht wusste, dass sie das kritische, Epoche machende "Leben Jesu" von David Friedrich Strauß und "Das Wesen des Christentums" von Ludwig Feuerbach - beide übrigens Hegel-Schüler - ins Englische übersetzt hatte.

Aber schon der erste von Minois erwähnte Autor war mir unbekannt. Wer war dieser Abu Alalae el Máari? Ein arabischer Dichter aus Nordsyrien. Blind war er und einer der großen Pessimisten. Er schrieb, so Minois: "Die Christen irren hier und da auf ihrem Weg; die Muslime sind völlig von der Straße abgekommen. Die Juden sind nur noch Mumien und die persischen Magier nichts als Träumer. Es gibt nur zwei Arten von Menschen: Die Einen haben Geist und keine Religion, die Anderen haben Religion und wenig Geist." Ich sehe bei Wikipedia nach. Da heißt er: Abu l-"Ala al-Ma"arri. Dort wird auch die hübsche Anekdote überliefert, der Autor habe sich in einem der Bagdader literarischen Salons - wenn man so sagen darf - mit einem anderen Autor so sehr über die Qualitäten eines dritten gestritten, dass der Gastgeber ihn an den Füßen aus seinem Haus schleifen ließ. Dergleichen ist mir aus den Berliner Abendgesellschaften unserer Zeit nicht berichtet worden. Ma"arri ging zurück in seine Heimatstadt und soll dort bis zu seinem Tode im Alter von 84 Jahren nie wieder sein Haus verlassen haben. Er erklärte: "Man soll die Behauptungen der Propheten nicht für wahr halten; es sind allesamt Erfindungen. Den Menschen ging es gut, bis sie kamen und das Leben verpfuschten. Die heiligen Bücher sind nur Sammlungen nutzloser Geschichten, wie sie alle Zeiten hervorbringen konnten und auch hervorgebracht haben."

Es hat in der Geschichte des Islam weder an literarischen Zirkeln, an Streit und Auseinandersetzung, noch an Kritik am Islam gemangelt. Aufklärung gab es auch. Der Wikipedia-Eintrag ist besser als der Text von Minois, aber ohne den hätte ich jenen nicht konsultiert. Und mir auch nicht "Paradies und Hölle. Die Jenseitsreise aus dem "Sendschreiben über die Vergebung" bestellt. Schließlich will ich jetzt mehr über Abu l-"Ala al-Ma"arri wissen.

Georges Minois: Dictionnaire des athées, agnostiques, sceptiques et autres mécréants, Albin Michel, Paris 2012, 460 Seiten, 25 Euro.