Post aus Tiflis

Zwei Fragen

Von Tengis Khachapuridse
09.09.2008. Die georgischen Dörfer in Süd-Ossetien wurden verwüstet und geplündert, die Menschen aus ihnen vertrieben und die Friedhöfe umgegraben. Ein Besuch bei Flüchtlingen.
Sie leben unweit von meinem Haus in einem alten baufälligen Kindergarten. Allem Anschein nach war dieser Kindergarten in den letzten Jahren nicht mehr in betrieb, aber das Gebäude wurde nicht abgerissen. Zum Glück, denn viele leben in den Zelten weit außerhalb der Stadt, neben der Flughafenchaussee. Kein einziger Baum ringsum, Wasser gibt es nur aus Zisternen. Hier aber, in der Innenstadt, ist die Lage viel besser und man sieht, dass sie sich in ihre neue Umgebung einigermaßen eingelebt haben. Die Kinder spielen im Hof und die Frauen kümmern sich um ihren neuen Haushalt.

Nur die Männer, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben, sitzen jetzt mit abwesenden oder traurigen Blicken unter einem großen Baum und rauchen. All das, was wir in letzter Zeit jeden Tag nur im Fernseher gesehen oder gehört haben, sitzt ihnen bis heute noch tief in den Knochen. Was noch tiefer sitzt, ist fast achtzehn Jahre alt und man sieht es nicht. Das muss man fühlen und ich fühle es, weil ich diese Menschen viel besser kenne, als meine anderen Mitbürger. Der Grund dafür ist sehr einfach - ich bin einer von ihnen, denn ich stamme aus der gleichen Region, Auch in meinem kleinen Heimatort, den ich nach dem Tode meiner Eltern leider nur sehr selten besuche, sind russische Bomben gefallen und haben sechs Menschen getötet. Dort habe ich die ersten sechzehn Jahre meines Lebens verbracht.

Diese Menschen sind sonst ziemlich wortkarg und ruhig. Sehr fleißig und sehr ehrlich. Für diese manchmal an Naivität grenzende, fast kindische Ehrlichkeit macht man über sie viele Witze in Georgien. Ich grüße die Männer und setzte mich auf die Holzbank. Die Männer erwidern nickend meinen Gruß und mustern mich neugierig. Jedem Erscheinen eines Fremden begegnen sie mit stiller Hoffnung etwas Neues zu hören. Etwas, das ihnen irgendeine leise Hoffnung geben könnte. Das weiß ich auch und schäme mich für meinen nichts bringenden Besuch. "Ich? wir.. also meine Frau und ich haben für die Kinder etwas gebracht. Sie ist drüben mit den Frauen, hilft etwas mit", sage ich wie entschuldigend, "es ist natürlich nicht der Rede wert. Ich dachte mir nur, ich könnte mit Ihnen ein wenig reden, bis meine Frau zurück ist."

Ich senke den Kopf um die Spuren der Enttäuschung in ihren Augen nicht erblicken zu müssen. "Ist aber sehr schön, dass Sie sich zu uns hinsetzen möchten", sagt ein Mann mit angegrauten krausen Haaren. Sein trüber Blick erhellt sich kurz, "wir freuen uns immer, wenn jemand uns zuhört." Diese Menschen erzählen ihre tragischen Geschichten, als wollen sie die quälende, schreckliche Last ein für allemal abschütteln. Zuerst stockend und irgendwie befangen, dann immer fließender, von der Seele weg und am Ende, als wäre ein Staudamm gebrochen, dringt durch die unsichtbare die dünne Trennwand des peinlichen Schweigens, was sie erlebt haben.

Sie wollen einfach gehört werden. Von jemandem, der das nicht gesehen und nie erlebt hat. Nur den Fremden, denn einander brauchen sie so was ja gar nicht zu erzählen. Wozu auch? Die Geschichten sind zwar unterschiedlich, aber im Prinzip fast gleich. Zerbombte Dörfer, total ausgeplünderte und danach niedergebrannte Häuser, verwüstete Gärten und verbrannte Kornfelder? "Die Osseten haben in unserem Dorf alle Häuser dem Erdboden gleich gemacht, die Kirche auch! Und unseren Friedhof haben sie mit Traktoren umgegraben. Mit dem Geschrei, "ab jetzt werden nicht mal die Knochen der Georgier hier bleiben!" Die Stimme des Mannes zittert und bricht ab.

Alle schweigen und ich wage nicht, jemanden etwas zu fragen. "Jetzt wissen wir wenigstens, woran wir sind", sagt einer stumpf und senkt den Kopf. Was er und seine Familie, Nachbarn und Verwandte alles vor diesem Krieg achtzehn Jahre lang erlebt und erduldet haben, weiß kaum jemand außerhalb Georgiens. Die vom Kreml strengst kontrollierten russischen Medien schwiegen und unsere Medien haben praktisch gar keinen Zugang zu den Lesern, Hörern und Zuschauern im Ausland. Achtzehn Jahre lang mussten die Bewohner der georgischen Dörfer in ständiger Angst und voller Ungewissheit leben. Fast jede Nacht unter dem Beschuss der so genannten ossetischen Volkswehr. In Wirklichkeit waren es aber von Russen bis an die Zähne bewaffnete Osseten mit absoluter Aktionsfreiheit. Vor den Augen der russischen "Friedenstruppen" machten sie der georgischen Bevölkerung das Leben zur Hölle. Achtzehn Jahre lang. Unzählige Raubüberfälle, Menschenentführungen und unerbittliche Lösegeldforderungen, Morde und Brandstiftungen, ganze Viehherden zusammen mit Hirten wurden entführt, von den permanenten Drohungen und Demütigungen gar nicht zu reden.

Jemand bricht plötzlich das Schweigen. ein Mann, der Alexi heißt, meint laut: "Und doch, ein schlechter Frieden ist viel besser, als ein erfolgreicher Krieg ." Sofort fällt ihm ein andere Mann namens Amiran, ins Wort: "Du beschuldigst die Regierung! Aber sie wollte ja immer alles friedlich regeln! Immer friedliche Verhandlungen? Aber womit haben die Russen und Osseten all diese Jahre lang geantwortet? Die wollten überhaupt nichts hören! Kurz vor diesem Krieg haben die Osseten unsere Dörfer nicht mehr mit MPs und MGs beschossen, sondern auch mit der Artillerie! Und das bei helllichtem Tag, vor der Nase der russischen "Friedenstruppen! Wer hat ihnen die Kanonen und Bomben gegeben? Und als unsere Soldaten endlich mal uns zur Hilfe kamen, haben die Russen der ganzen Welt die Schauermärchen über die blutgierigen Georgier zu erzählen begonnen! Ein einziges Mal in achtzehn Jahren haben wir uns zu verteidigen versucht?"

Der Mann wird ganz rot im Gesicht und zündet sich eine Zigarette an. "Stimmt. Aber wir sind uns auf die Provokation reingefallen! Hätten wir nicht geantwortet, wären wir heute wenigstens in unseren Häusern? Jetzt haben wir mehr, viel mehr verloren, als man es sich vor dem Krieg vorstellen konnte. Jetzt gibt es dort kein einziges georgisches Dorf mehr. Und die vernichteten Orte werden bereits umbenannt, das weißt du auch wohl, was?" Das habe ich auch vor ein paar Tagen im Fernseher gehört. Ein älterer Mann, namens Otari mischt sich empört ein: "Also, wir sollten uns nicht verteidigen, sondern ruhig zuschauen, wie sie unsere Dörfer fast zwei Tage lang bombardierten, was?" Die Männer heften ihre Blicke auf Alexi, aber er schweigt.

Dann sagt er hartnäckig: "Irgendwie? irgendwie hätten wir diesen Krieg vermeiden sollen?" Die logische Frage ertönt fast einstimmig: "Ja, aber wie?" Da weiß Alexi leider keine Antwort. Er ist ja genauso wie die Andern. Ein ehrlicher fleißiger Bauer, der nur im Frieden leben und in seinem Garten ruhig arbeiten will. Meine Frau erscheint im Hof. Ein paar Frauen begleiten sie und sprechen etwas mit ihr. Ich stehe auf und verabschiede mich von den Männern. Auch meine Frau verabschiedet sich von ihren neuen Bekannten und wir gehen nach Hause. Viele Blicke begleiten uns. Nach Hause - es ist für uns ja völlig selbstverständlich. Wohin denn sonst?