Post aus Tiflis

Die Militärexperten

Von Tengis Khachapuridse
03.09.2008. Luftabwehr, Stinger-Raketen, Antipanzerminen - über Nacht haben die Georgier den Kasernenjargon gelernt.
In den letzten Tage ist die Zahl unserer wenigen Militärexperten drastisch gestiegen. Die neuen "Experten" diskutieren auf den Straßen, in den Parks, Cafes, in der U-Bahn oder in den Hinterhöfen mit selbstsicheren Mienen über die Fragen, von deren Existenz sie bis vor kurzem definitiv kaum was gehört haben. "Die Luftabwehr! Die Stinger-Raketen! Hat jemand daran gedacht?" "Und die Antipanzerminen? ATM 57! Wie kam es, dass die Straßen nicht vermint wurden und die russischen Panzer fast bis nach Tbilissi vorgerückt waren? Man hätte wenigstens die Hauptstraßen verminen sollen!" "Woher hatten die Russen alle diese Infos? Die haben doch unsere militärischen Ziele fast zentimetergenau bombardiert? Es wimmelt von russischen Spionen im Lande! Was macht unser Sicherheitsdienst eigentlich?!" "Wird Georgien zum Mittelpunkt der neuen Ost-West Konfrontation?" So die neuen Militärexperten. Was die "alten Politikexperten" angeht, so sind ihnen die Gründe unseres Unglücks nach wie vor sonnenklar; "Das kommt davon, weil wir im Lande keine Demokratie haben! Keine Menschenrechte! Keine Meinungsfreiheit!" Ich persönlich verstehe wirklich nicht, was für eine Art der Meinungsfreiheit diese Leute noch haben wollen. Offiziell haben wir noch zwei Wochen den Kriegszustand im Lande, aber oppositionelle Parteien oder einzelne Figuren schreiben oder sagen das, was sie gerade auf der Zunge haben oder was ihr Intellekt ihnen erlaubt. Mit ihren pathetisch-rhetorischen Fragen sind die Zeitungen überfüllt: "Wer übernimmt die Verantwortung für die Verwüstung des Landes?" "Warum wurde unsere Bevölkerung nicht rechtzeitig evakuiert? Die Russen haben alle Osseten drei Tage vor dem Kriegsbeginn in Sicherheit gebracht!" "Warum hat er nicht?" "Er hätte doch?" "Er sollte?" Und so weiter ohne Ende. "Er" ist der Präsident. Gegen ihn erheben sie alle Vorwürfe. Die Logik ist atemberaubend einfach: er ist doch Nummer Eins im Lande, muss also die ganze Verantwortung tragen! Alles sehr einfach.

Um etwas mehr über solche Dinge erfahren zu können, nehme ich ein Taxi. Die Taxifahrer sind doch weltweit die besten Alleswisser. Ich habe zuerst keine Ahnung, wo ich eigentlich hinfahren soll, dann fällt mir aber ein, dass ich vorgestern in meiner zweiten Wohnung meine neuen CDs vergessen habe. Ich nenne dem Fahrer die Adresse. Er nickt nur und legt den Gang ein. Scheint nicht besonders redselig zu sein. Ich überlege eine Weile, wie ich am besten das Gespräch anfangen soll, aber die Hilfe kommt völlig unerwartet. In der Uferstraße, kurz vor der Barataschwili-Brücke stehen ein paar Prostituierten an ihrem Stammplatz. Also, das Leben geht tatsächlich weiter. Trotz Krieg und Verlust der Landesintegrität. Dem Taxifahrer entgeht mein Blick nicht. "Die haben dort auch dann gestanden, als die russischen Bomber jede Minute auftauchen konnten. Auch ich habe gearbeitet. Wenn ich mich an unserem Stand ein paar Tage nicht blicken lasse, verliere ich dort meinen Platz. Genauso, wie die dort", er deutete mit dem Kopf auf die Mädchen, "die Konkurrenz ist überall hart?" Dann verfällt er in Schweigen und scheint meine Existenz vergessen zu haben. Da die Bomber erwähnt worden sind, versuche ich von einem der Neuwörter Gebrauch zu machen um das Gespräch fortzusetzen. "Aber die Luftabwehr?" Der Fahrer lässt mich nicht weiterreden. "Ach, alles Quatsch! Wir hatten doch überhaupt keine Chance gegen Russland und der Mischa (Michael Saakaschwili, der Präsident. T.K.) hätte das wissen sollen! Oder?"

Die Frage ist zu direkt und lässt mir keine Manövermöglichkeit. "Das wussten doch wir alle, aber die Russen haben alles gemacht, um diesen Krieg zu beginnen!" Mein Widerspruch ist für ihn kein Argument. "Na und? Man hätte den Krieg irgendwie doch vermeiden sollen!" Der Mann verstummt wieder und konzentriert sich auf den chaotischen Verkehr. "Ja, aber es ist schon passiert? Und jetzt müssen wir doch etwas tun. Sehen Sie einen Ausweg?" frage ich vorsichtig. Er blickt mich echt erstaunt an. "Ich? Warum sollte ich nach dem Ausweg suchen? Bei den Wahlen habe ich dem Mischa meinen Stimme gegeben, also muss er sich was einfallen lassen!" Widerspruch sinnlos. Eiserne Logik - für mich denkt mein Führer! Ja, solche Leute gibt es immer noch. Auch in Georgien. "Wird das Benzin wieder teurer, was?", fragt er plötzlich und blickt mich kurz an in stiller Hoffnung, eine Gegenmeinung zu hören. "Weiß nicht", sage ich vorsichtig, "auf jeden Fall, weiß ich nicht mehr, was bei uns zuletzt billiger geworden ist." Er winkt ab und seufzt tief. "Ach, alles Scheiße! Früher war ja alles billiger?" Er errötet plötzlich vor Wut. "Und diesen Kerlen in der Regierung ist das Ganze" - er macht mit der Hand eine heftige Kreisbewegung, "scheißegal! Die haben Geld wie Heu und haben ihre Familien schon lange in Sicherheit gebracht. Ins Ausland!" Ja, auch so ein Gerücht wurde in Umlauf gesetzt. "Woher wissen Sie denn das"? Er winkt nur ab. "Als Taxifahrer hört man ja immer was. Tag und Nacht. Und es wird bestimmt noch schlimmer werden." Alles klar. Jetzt weiß ich schon, mit wem ich rede. Es gibt Leute. die so sehnsüchtig an "frühere Zeiten" denken. Aber sie verschweigen dabei viele Dinge, die zwölf Jahre lang für mich und auch für sehr viele Menschen in Georgien der Hölle auf der Erden gleich waren: ständiges Chaos im Land, wuchernde Korruption, zügellose Kriminalität und tatenlos dastehende Polizei, chronische Stromausfälle und verdunkelte Straßen, eiskalte, ungeheizte Wohnungen und mit billigen russischen und türkischen Schmuggelwaren handelnden Geschäfte, in denen man einfach mit US-Dollar zahlen konnte und diese nicht umzutauschen brauchte. Kurz, es war kein Staat, sondern ein Land ohne Zukunft.

Erstaunlicherweise war das alles für solche Menschen wie diesen Fahrer ein normales und völlig akzeptables Leben, dem sie bis heute nachweinen. Nicht aber für mich und viele Andere! Dass der Staat nun die Ordnung und ein normales, zivilisiertes Leben wiederherstellen will, sehen diese Leute als eine unerhörte Menschenrechtsverletzung an. Erfahrungsgemäß ist Diskussion mit ihnen sinnlos. Wegen solcher Worte können sie mir vorwerfen, ich spreche wie ein Regierungssprecher auf einer Pressekonferenz für ausländische Reporter. Aber die von mir genannten Fakten können sie unmöglich widerlegen. Und die "neuen Experten" erst recht nicht. Während des Rests der Fahrt schweigen wir beide. An meinem Haus bremst er langsam und sieht mich fragend an. "Ist Okay", sage ich und zahle. "Und denken Sie bitte manchmal auch an den Ausweg!", sage ich ihm zum Abschied, "wer weiß, vielleicht finden Sie ihn irgendwann." Er nickt fast unmerklich und gibt Gas. Ich drehe mich nicht um. Ich freue mich auf meine neuen CDs.