Post aus der Walachei

Stille ist ungesund

Von Hilke Gerdes
08.11.2005. Ion Tiriac hat inzwischen eine Milliarde verdient, unter anderem mit dem Verkauf von Mercedes-Autos, aber Fahrradfahren wird in Rumänien verboten, genverändertes Soja wird nicht kontrolliert, gegen Abgase kämpft man mit Raumsprays und alle machen Lärm.
Lippenbekenntnisse

Es gibt Momente, in denen selbst die empathischste Beobachterin Rumäniens dem Land die Verschiebung des EU-Beitritts an den Hals wünscht. So beim Anblick der neuesten Neuerung, die nach den Sommerferien in Bukarests öffentlichem Raum zu entdecken war. In allen großen Straßen hängt eine bis dahin nicht dagewesene Art von Verkehrsschild: Rund, roter Rand, Fahrrad vor weißem Hintergrund.

"Fahrrad fahren verboten" ­als Antwort auf die von Sympathisanten des motorlosen Fortkommens gemachte Beobachtung, dass nicht nur Kuriere, sondern auch andere Menschen sich verstärkt mit diesem Verkehrsmittel durch die Stadt bewegen. Sogar Frauen. Sogar, weil hier die weibliche Rollenzuschreibung des Nett-Ausschauens auf dem Beifahrer-Sitz überwiegt.

Wie war das mit dem Umweltkapitel, gehört es nicht wie Justiz, Inneres und Korruption zu den dringlichen? Hat der EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn im diesjährigen Fortschrittsbericht nicht von "ernster Besorgnis" gesprochen, weil es an der Umsetzung von Reformen mangelt ? Der EU geht es im Bereich des Umweltschutzes nicht um kleinliche Dinge wie das Radfahren, sondern um Abgasnormen oder Industrieemissionen. Dennoch: Das neue Verkehrsschild signalisiert mehr als ein reines Verbot. Für einen Menschen, der die potenziell redlichen Anstrengungen in Kommissionen und Gremien nicht mitbekommt und politisch unkorrekt nur aus der eigenen Anschauung heraus urteilt, hat es nahezu symbolischen Wert: das Verbot versinnbildlicht, wie mit den EU-Wertigkeiten umgegangen wird.

Verbal will man alles für den Umweltschutz tun. Doch zwischen Bekenntnissen und Handlungen liegt ein weiter, steiniger Weg. Auch auf städtischer Ebene gäbe es Dringlicheres zu tun, als über den Bukarester Stadtplan gebeugt zu palavern, wo die Verbotsfähnchen hinzupieksen sind, die Produktion des Verkehrsschildes zu organisieren und eine Kohorte von städtischen Angestellten loszuschicken, um das Endergebnis an die Laternenmasten zu montieren.

Argumentieren können die Stadtvertreter mit der Sicherheit: Es ist nicht ungefährlich, sich mit dem Fahrrad zwischen den Automassen zu bewegen. Radwege fehlen. Eine Statistik über Unfälle mit Beteiligung von Fahrradfahrern gibt es allerdings nicht. Auf das Risiko reagiert die Stadt mit einem Verbot des Schwächeren - das ist die bequemste Variante. Wen kümmern schon Radfahrer? Trotz ihrer augenfälligen Zunahme sind sie eine kleine Minderheit, ohne Lobby oder politische Fürsprecher.

Anderes zählt in diesem konkreten Fall mehr: Prestige und Absatzmarkt. In diesem Jahr wurden so viele PKW verkauft wie nie zuvor, bereits 60,1 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2004. "Demonstration der Überlegenheit" lautet der freimütige Werbeslogan von Tiriacs Mercedes-Vertrieb. Ion Tiriac, der ehemalige Trainer von Boris Becker, ist heute der reichste Mann im Land. Er soll bei einer Milliarde Dollar angelangt sein. Überlegenheit meinen auch die Wagen demonstrieren zu müssen, die an der bei Ampelrot wartenden Autoschlange vorbeiziehen, um sich ganz vorne zu postieren. Wobei es nicht immer ein Mercedes ist ?

Verbreiteter sind im ganz Rumänien Geländewagen. Mit ihnen kann man unbesorgt auf ländliche Nebenwege geraten und den Divergenzen im Straßenniveau seelenruhig entgegensehen. Schwerer haben es in einem solchen Fall die Besitzer der tief liegenden Lamborghinis und Ferraris. Es gibt hier nicht viele, aber auch nicht wenigere als in mancher deutscher Region. Ist einer am Straßenrand zu sehen, sollte man Obacht geben. Abruptes Abbremsen des voranfahrenden Autos, um Zeit zum Schauen zu gewinnen, ist die gängige Reaktion, Gerne wird auch ausgestiegen und das PS-Wunder mit Handy fotografiert (vorzugsweise von der männlichen Jugend zwischen 18 und 25 Jahren). Fahrradfahren ist nicht 0,01 Prozent so cool.


Ungeduld und Anarchie

Noch schlechter als der Fahrradfahrer hat es in der Bukarester Straßen-Hackordnung der Fußgänger. Selbst wenn die Ampel für ihn grün ist, hastet er über die Straße. Nicht weil er es besonders eilig hat, sondern weil er die Autofahrer kennt. An etlichen Stellen zeigt denen nur ein blinkendes Licht an, dass die Fußgänger gehen dürfen. Theoretisch, das heißt bei Abwesenheit des Fußgängers, können sie also weiterfahren. Und in der Praxis auch, so die Interpretation der immer größer werdenden Fraktion der ungeduldigen Autofahrer. Ein gehbehinderter oder ängstlicher Mensch kann etliche Minuten da stehen und warten. Es wird ihn keiner beachten.

Unter den Fußgängern gibt es allerdings auch allzu Beherzte, die, auf das gute Reaktionsvermögen der Autofahrer vertrauend, den Zebrastreifen betreten ohne nach links und rechts zu schauen. Und Fahrradfahrer scheinen es als eine Norm anzusehen, dass eine Beleuchtung ihres Vehikels unnötig ist.

Ob bei mutigen oder ängstlichen Fußgängern und Fahradfahrern: Nicht selten verpassen sich Kotflügel und Fußgänger-Ferse beziehungsweise Hinterrad um weniger als einen Meter. Angesichts dieser Praxis ist es erstaunlich, dass man nicht ständig Menschen mit zertrümmerten Gliedmaßen begegnet.

Die Anarchie hat ihre guten Seiten: Nirgendwo ist es für den Autofahrer so leicht eine Spur zu wechseln, nirgendwo wird ein unorthodoxes Manöver so toleriert wie hier. Von der Berliner Dickschädeligkeit ist man weit entfernt. Der Fahrradfahrer muss hier nicht fürchten angemeckert zu werden, fährt er auf dem schmalen Bürgersteig. In der deutschen Hauptstadt kann er selbst bei vier Meter breiten Trottoirs das Pech haben, die "Berliner Schnauze" kennen zu lernen.

Die Anarchie hat ihre schlechten Seiten, besonders wenn sie mit Ungeduld gepaart ist: Autos schieben sich auch noch bei Rot auf die Kreuzung. Da nützen selbst die neuen Warnmarkierungen der Kreuzungsbereiche nichts. Die Fahrer behindern sich gegenseitig, wodurch die Zeit, die sie hofften einzusparen, doppelt und dreifach wieder verschwendet wird, wenn erst einmal die gesamte Kreuzung blockiert ist. Dann kann sich der Autofahrer in Geduld üben. Fallen zusätzlich die Ampeln aus und ist kein Verkehrspolizist zur Stelle, entstehen nicht selten prächtig-komplizierte Knäuel von Fahrzeugen, die sich erst nach zähen, zeitraubenden Verhandlungen entwirren.

Den allgemeinen Ungeduldigkeitsgrad illustriert auch die Art, wie mit den Ampeln umgegangen wird, die den Fußgängern ­ - zur Disziplin mahnend - Warte- und Gehzeit in Sekunden anzeigen. Wer sich ordnungsgemäß geduldet, bis die roten Nullen umspringen auf die grüne 50, 50 Sekunden Zeit, um die Straße zu überqueren, steht alleine da, denn alle anderen marschieren schon bei der roten 04 los, weil in dieser Sekunde die Autos halten sollen.

Eine in allen Verkehrsituationen für alle Verkehrsteilnehmer gültige Regel scheint zu sein, möglichst schnell das Terrrain zu erobern: Fängt einer damit an, ziehen alle anderen nach. Bis eine ganze Fahrbahn blockiert ist.

Sich-im-Weg-Stehen, dieser rumänische Topos ist auf allen Straßen zu beobachten, besonders gut aber an einem Freitagnachmittag in einem der großen Supermärkte der Stadt, dort, wo man alles bekommt und wo ausgerechnet zu dieser Zeit stapelweise Paletten ausgepackt werden. Wer das erlebt, braucht eine Woche Erholung.


Systembedingter Regelverstoß

Zur Rehabilitation des rumänischen Verkehrsteilnehmers muss gesagt werden: Wer gesunden Menschenverstand hat, kann sich hier nicht an alle Regeln halten. An manchen Straßenkreuzungen ist es sicherer, schon bei Rot über die Straße zu gehen, weil bei Grün die Linksabbieger angeschossen kommen. Für die Autofahrer ist es sinnvoller, beim Abbiegen die Straßenspur zu ignorieren und zu fünft quer zu stehen, weil ansonsten ein Stau entstünde. Diese Fünf steuern auf eine Spur zu und schaffen es eine normale Anordnung von hintereinander fahrenden Wagen zu kreieren, ohne Blechschäden.

In kleinen Straßen gehen die Leute gern auf der Fahrbahn statt auf dem Bürgersteig. Einen Neuankömmling mag es erstaunen. Lebt er länger hier, macht er sich diese Gewohnheit selbst zu eigen. Aus triftigen Gründen: Die schmalen Bürgersteige sind entweder zugeparkt oder so uneben, dass es bei fehlender Beleuchtung, bei Schnee, Eis und Regen leicht zu Verletzungen des Bewegungsapparates kommen kann. Und er muss nicht so zusammenzucken, wenn wieder einmal ein Wachhund angeschossen kommt und zum Gruß kläffend und knurrend gegen das Hoftor oder den Gartenzaun donnert.

Die systembedingten Regelverstöße führen zu erhöhter Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer. Man muss auf alles achten, statt sich auf Ampeln und Verkehrschilder zu verlassen. Dieses Prinzip ist im regelfetischistischen Westeuropa angekommen; just läuft ein länderübergreifendes EU-Projekt, das mit ampel-und schilderfreien Kreuzungen experimentiert (mehr hier). Koordiniert wird es vom Verkehrsplaner Hans Monderman, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Deregulierung von Verkehr befasst. Er hat in den Niederlanden vielbefahrene Straßenkreuzungen umgestaltet zum "Shared Space", wie er die Kreuzungen nennt, auf denen allein die Verkehrsteilnehmer die Verantwortung tragen. Es scheint zu funktionieren, bisher gab es keine ernsten Unfälle.


Gesetze

Gesetze existieren, werden aber nicht angewendet, wie kürzlich ein Taxifahrer trocken anmerkte. Bei sinnvollen Regelungen ist das fatal, im konkreten Falle des Fahrradfahrverbots allerdings gut, weil im Endeffekt ökologisch. Der umweltbewusste Mensch muss nicht fürchten angehalten zu werden, wenn er den großen Boulevard benutzt. Das kann er sich zur Beruhigung zuflüstern, sollte er direkt an einem Verkehrspolizisten vorbeifahren. Dieser wird ihn nicht beachten, hat er doch genug zu tun mit den Autofahrern.

Die Taxifahrer-Weisheit entspricht auch den Erfahrungen, die Greenpeace hier vor einiger Zeit machen konnte. Sie haben sich auf den Feldern Rumäniens umgeschaut. Schön war es nicht, was sie gesehen haben. Oder besser gesagt: eher entsetzlich.

Es waren nicht solche Banalitäten wie die Grundversorgung der rumänischen Landschaft mit Plastikflaschen und anderem Verpackungsmüll, die Besorgnis erregten, sondern die wesentlich ernstere, weil folgenreichere Angelegenheit, die auch einmal Erwähnung fand in der Post aus der Walachei: der Einsatz vom genveränderten Saatgut im Soja-Anbau.

Greenpeace stellte fest, dass die Situation völlig außer Kontrolle geraten ist. Der Anbau von GV-Soja ist auch hier meldepflichtig, nur hält sich keiner daran. Und keiner kontrolliert. Das einmal erworbene Saatgut wird illegal verkauft und angebaut. Wirtschaftliche Gründe spielen dabei die größte Rolle, denn Monsanto oder Pioneer, die großen GV-Saatgut-Produzenten, verlangen bei Wiederanbau hohe Lizenzgebühren.

Dass der Monsanto-Konzern im vollen Bewusstsein der Gefahren gehandelt habe, berichtete der ehemalige Geschäftsführer der rumänischen Monsanto-Filiale, Dragos Dima, der jetzt nach Beendiung seiner Schweigepflicht gemeinsam mit Greenpeace an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Auch von Labor-Experimenten mit genveränderten Kartoffeln und Pflaumen ist die Rede, von denen Greenpeace eher zufällig erfahren habe.

Ein der Gentechnik gegenüber kritisch eingestellter Verbraucher hat es hier schwer. Die Kennzeichnungspflicht für GV-Soja wurde bis jetzt nicht durchgesetzt. Schwer werden es auch die Bauern haben, sobald das EU-Recht gelten wird. Die Behörden dürften jetzt schon nicht mehr wegschauen.


Luft

Wenn alte LKW über die Straßen, rumpeln und eine schwarze Abgaswolke hinter sich herziehen, heißt es: Schnell die Lüftung aus und alle Fenster zu.

Während in Berlin über Feinstaub diskutiert wird, schleudern Tausende von katalysatorenfreien Pkw Kohlendioxid und so manches nie TÜV-geprüfte Fahrzeug Kohlenmonoxid in den rumänischen Hauptstadt-Himmel.

An einigen großen Plätzen gibt es Anzeigetafeln mit kryptischen Zahlenkolonnen, von denen keiner in der Bevölkerung weiß, welche Emissionen sie eigentlich messen.

Krebs- und Atemwegerkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen in Rumänien (Gesundheitsbericht hier).

Die chemischen Errungenschaften des Westens haben Konjunktur. Schlechte Luft wird mit Raumsprays und in den Pkw mit Duftbäumchen behandelt, über die erst kürzlich wieder Schlechtes in deutschen Zeitungen zu lesen war. Eine andere Variante der Luftveränderung in den Autos, vorzugsweise den Taxis, sind kleine Glasbehälter mit honiggelber Flüssigkeit, Werbegeschenke einer russischen Ölgesellschaft, die einen Geruch zwischen Moschus und Toilettenstein verströmen. Atemraubend.


Lautstärke

Auf dem estländischen Zeltplatz konkurrieren die Kleingruppen Jugendlicher um die höchste Dezibelzahl ihrer Gettobluster. In Londoner Boutiquen mit einer Zielgruppe im Alter zwischen 15 und 25 Jahren fallen einem von der Musik die Ohren ab. Die Kontaminierung der Umwelt mit Lärm ist kein rumänienspezifisches Phänomen, aber in keinem anderen Land scheinen, abgesehen von den Friedhöfen und Museen, so wenige Inseln der Ruhe zu sein wie hier.

Ein rumänisches Restaurant, das etwas auf sich hält, lässt eine Live-Band spielen. Andere müssen sich auf Musik aus der Anlage beschränken. Hinsichtlich der Lautstärke macht es keinen Unterschied: Beide Formen bewirken eine Stimmbänderreizung, falls man das Tischgespräch aufrecht erhalten möchte. Auch die idyllisch am See gelegenen Lokale im Park vermögen es mit ihrer Musik, den nach Ruhe lechzenden Großstadtbewohner zu vertreiben.

Wer sich an den höllischen Verkehrslärm gewöhnt hat, kann seine Ohren einem neuem Training unterziehen: Übertönt wird das Autorauschen neuerdings von quäkenden Werbesprüchen, die herumfahrende Kleinlaster von sich geben.

Flüchtet man aufs Land, so gibt es irgendwo in der Nachbarschaft immer einen Kläffer. Oder manchmal den stolzen Besitzer einer Kreissäge, der sich just mit dem Wintervorrat für den Holzofen befasst.

Wird ein Picknick im Wald veranstaltet, muss die unerträgliche Stille mit Gedudel aus dem Autoradio beseitigt werden. Um genug zu hören, lagert man in unmittelbarer Nähe seines Fahrzeugs. Wer mit dem öffentlichen Bus fährt, darf den örtlichen Radiosender mit achtzig Prozent Werbung kennen lernen. Nicht viel besser ergeht es dem Taxi-Benutzer. Wer glaubt, im Schwimmbad oder Fitness-Club seine Ruhe zu finden, hat sich getäuscht. Auch hier wird lautstark mit Musik berieselt. Schwimmt man lieber im Schwarzen Meer, so hat man im Sommer die musikalische Dauerbeschallung im Rücken.

Seit einiger Zeit ist bei den "Schlammigen Vulkanen", wie die durch Erdölgase nach oben getriebenen Tonschlamm-Formationen genannt werden, in einer abgelegenen Gegend nordöstlich von Bukarest, eine kleine Verpflegungsstation eingerichtet. Jetzt kann man auch dort der Musik lauschen. Stille ist einfach ungesund.


Nachtrag: Das Fahrradverbot hat inzwischen zur Erkenntnis geführt, dass es doch nicht so schlecht um die rumänische Zivilgesellschaft steht. Vor allem jüngere, vom Fatalismus weniger infizierte Menschen haben in der ersten Novemberwoche protestiert. Just folgte die Aufhebung des Verbots. Trotzdem sind sie noch einmal auf die Straße gegangen: "Man weiß ja nie, was in drei Monaten wieder entschieden wird."