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Literaturbeilagen

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Im Kino

Verrat am Zombiefilm

Die Filmkolumne. Von Nikolaus Perneczky, Jochen Werner
27.06.2013. Mani Haghighis großartige Kapitalismus-Allegorie "Modest Reception" mündet in eine Revolution der nehmenden Hand. Marc Foster ergeht sich in seinem Untoten-Blockbuster "World War Z" in biopolitisch bedenklichen Kontrollfantasien.


Ein Mann und eine Frau durchstreifen mit einem in dieser Umgebung merkwürdig fremd wirkenden Auto eine persische Berglandschaft - ein Krisengebiet offenbar, denn es gibt militärische Straßensperren, hin und wieder ist von einer Bombe die Rede. Ansonsten stoßen sie auf kaum mehr als Ödnis und hier und da eine Handvoll armer Bergbauern, Arbeiter, Einsiedler. Im Kofferraum des Autos befinden sich Plastiktüten voll mit gebündelten Geldscheinen, mindestens dreißig Stück. Das Paar ist in mysteriösem Auftrag unterwegs, um all dies Geld zu verschenken.

Von Almosen ist in diesem Zusammenhang immer wieder die Rede, von der islamischen Vorschrift der Mildtätigkeit gegenüber den Armen, doch geht es Regisseur Mani Haghighi - der den männlichen Protagonisten Kaveh in "Modest Reception - Die Macht des Geldes" selbst spielt - um andere Perspektiven auf den Akt des Schenkens. "Das ist kein Geschenk, das ist Geld", heißt es einmal im Film, und tatsächlich steht der Aspekt des Profanen, des leicht Schmutzigen und schlussendlich Gewaltsamen im Vordergrund, der dem Gestus des Wohltätigen immer auch zwingend innewohnt. Zwischen dem Gebenden und dem Beschenkten entsteht ein unverrückbares Machtverhältnis, und im Rahmen seiner episodischen Dramaturgie - Kaveh und seine Begleiterin treffen auf eine Reihe mehr oder weniger williger Bedürftiger, denen sie ihr Geld beizeiten auch gegen deren Willen aufdrängen - spielt "Modest Reception" verschiedene Aspekte dieses Machtgefälles durch.

Das beginnt einigermaßen harmlos, wenn sie einem verwirrten jungen Soldaten an einer Straßensperre säckeweise Banknoten vor die Füße werfen und lachend davonfahren, während ein kleines Vermögen vom Bergwind verweht wird. Abgründig wird es spätestens in dem Moment, als die zwei beginnen, ihre vermeintliche, angemaßte und doch ganz konkrete Machtposition auszunutzen, zunächst für kleine Handel, dann für immer sadistischere, manipulativere Spielereien. Es geht um von Episode zu Episode komplexere moralische wie soziale Zusammenhänge, die Haghighi mit größtmöglicher schwarzhumoriger Konsequenz zuspitzt. Egal wie weit man über dem Marktpreis zahlt, ist es ethisch vertretbar, den vom Erfrieren bedrohten Kindern das Feuerholz abzukaufen, für das man selbst keinerlei Verwendung hat? Oder schließlich, andersherum herangegangen: wenn alles seinen Preis hat, warum nicht die Babyleiche vom trauernden Vater zum Kilopreis für Hundefutter erwerben?

Eigenartig ist in diesem bitterbösen Spiel die Position, die Haghighi seinem Protagonistenpaar zuweist. Einerseits bleibt ihr Auftrag diffus und die perfiden Spiele mit den Beschenkten gehen offensichtlich zuallererst von ihnen selbst aus, entzünden sich nicht zuletzt aus der Dynamik ihrer eigentümlichen und letztlich unklaren Beziehung zueinander. Trotz dieses persönlichen sadistischen Spieltriebs bleibt stets transparent, dass die beiden Protagonisten vor allem als Agenten eines Prinzips handeln - einen konkreten Auftraggeber, der die Absurdität ihres Handelns an einen Zweck oder eine Motivation zurückbinden würde, gibt es in "Modest Reception" nicht und kann es auch nicht geben. Kaveh und Leyla sind, ob sie nun Geschwister sind oder ein Ehepaar oder was sonst, vor allem die agents provocateurs des Kapitalismus. In moralischer Hinsicht endgültig schwindelerregend wird Haghighis Film, wenn er sie zu Leidenden an den eigenen Taten macht.



Denn immer wieder werden Kaveh und Leyla fast gewaltsam herausgebrochen aus ihren Rollen als Funktionsträger - Rollen, die ihnen auch die Dramaturgie von "Modest Reception" zuweist. In der Interaktion mit den anderen Menschen, auf die sie im Verlauf dieses Stationendramas treffen, funktionieren sie konsequent, ohne sich eine menschliche Regung zu erlauben. Sind sie jedoch anschließend wieder allein, vergießen sie bittere Tränen ob der Konsequenzen des eigenen Tuns. Sie sind nicht nur Agenten des Geldes, sie sind auch Melancholiker seiner Macht.

Ziemlich am Ende steht ein nächtlicher Raubüberfall, im Gegensatz zum ansonsten betont schlichten, unmarkierten Stil der Inszenierung in blutendes Rot und strahlendes Blau getaucht; der einzige wirkliche Akt von Souveränität, der im Film ausgeübt wird. Durchgeführt wird dieser Überfall mit einer schleichenden, in gewisser Hinsicht eleganten und doch ungemein bedrohlichen Brutalität, die ihn mit äußerstem Unbehagen auflädt - und doch bleibt unmissverständlich, auf welche Seite sich "Modest Reception" schlägt.

Während Haghighi über weite Strecken seiner bitterbösen Kapitalismussatire - einem großen Film, der ihn als einen Meisterregisseur des iranischen Gegenwartskinos etablieren müsste - eine Art Sozialdystopie auf der Basis einer neoliberalen, elitären Gesellschaftsphilosophie entwickelt, wie sie jüngst etwa vom schwer erträglichen Peter Sloterdijk vertreten wurde, lässt er den Zynismus dieses Charity-Kapitalismus in den Händen der nur vermeintlich Machtlosen ersticken, die sich kurzerhand nehmen, was sie sich nicht schenken lassen wollen. Eine Revolution der nehmenden Hand, wenn man so will.

Jochen Werner

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"World War Z", Marc Forsters Verfilmung der gleichnamigen Romanvorlage von Mel Brooks' Sohn Max, ist - da gibt es nichts zu beschönigen - ein Rohrkrepierer. Matt Zoller Seitz, der seit Roger Eberts Tod im April dieses Jahres dessen Homepage betreut und mit Filmkritiken bespielt, vergleicht "World War Z" - vielleicht in Anspielung auf das etymologische Kontinuum von rabies und arrabiata - mit italienischer Küche, bei der man den Knoblauch weggelassen hat. Auch mir fällt kein Zombiefilm ein, der so fade, ja steril schmeckt wie dieser. Konsequent werden guts and gore, wo sie überhaupt (genretypisch) aus verwundeten Körpern ins Offene drängen dürfen, aus den Bildern getilgt oder ins Off verbannt. Dieser Gewaltverzicht zielt jedoch nicht auf eine Aktivierung der Fantasietätigkeit, sondern im Gegenteil auf ihre totale Einhegung und Kontrolle: ein Film wie unter Quarantäne, der sich gegen das Leid, das er angeblich beschwört, so gut es nur geht immunisiert.
 
Emblematisch für diese Antisepsis des Genres sind die vielen vogelperspektivischen Totalen auf das entsprechend wuselnde Geschehen der Zombie-Apokalypse, aufgenommen aus Flugzeugen, Hubschraubern oder einfach aus der Sicht des fliegenden Auges von Marc Forster, der den Beruf des Filmregisseurs gegen den des Bevölkerungsstatistikers eintauscht (am Filmplakat wird das besonders greifbar). In diesen Totalen, in denen "World War Z" sich über die Gewalt erhebt und die den Film gleichzeitig (man könnte auch sagen: kehrseitig) ganz buchstäblich "tragen", gibt sich der biopolitisch informierte Blickpunkt der Macht zu erkennen, den Forster uns mit aller (strukturellen, darum aber gerade nicht sichtbaren) Gewalt aufs Auge drückt. Das ist der eigentliche, der entscheidende Verrat am Zombiegenre: Nicht, dass den Zombies neueren Datums, anders als noch bei George A. Romero, die Motorik von Hochleistungssportlern eignet, ist das Problem, noch dass die einst erhabene Plage zum viralen Infekt verwissenschaftlicht wurde (obwohl sich beide Neubestimmungen widerstandslos in das Gesamtprojekt von "World War Z" fügen). Sondern es ist die Verschiebung der filmischen wie politischen "Einstellung" - weg von den erratischen, erdnahen Improvisationen der Überlebenden und hin zum souveränen, allem Irdischen enthobenen Institutionenhandeln des von Brad Pitt gespielten UN-Abgesandten -, worin sich das Genre selbst untreu wird.
 
Von schräg oben und aus einiger Distanz besehen nehmen die heranstürmenden Untoten eine neue Gestalt an. Sie erscheinen als zusammenhängende, durch Infektion proliferierende Masse. Das SFX-Team von "World War Z" verstärkt diese besondere Konturierung der Zombiehorden noch, indem es sie in Wellenform bringt. Während Peter Jackson sich damit brüstet, dass seine Schlachtentableaus mit jedem Film noch unübersichtlicher und wimmelnder geraten, ergeht sich Marc Forster in Kontrollfantasien von einer rhythmisch wabernden Körpermasse im Singular, die gegen Mauern und andere Widerstände anbrandet wie Meereswellen an die Küste (dahin also ist die Fantasie in diesem Film abgewandert). Freilich ging es auch schon bei Romero um das Problem - und die Angst vor - der Masse. Aber nie hätten sich seine Zombies dabei erwischen lassen, diese Angst einfach nur vor einem immunisierten und mit der Kontrollmacht identifizierten Zuschauer auszuagieren. Romero zieht uns hinein in die Masse, verunklart Grenzziehungen und lässt uns die ambivalente Sehnsucht danach spüren, in ihrem konturlosen Ganzen aufzugehen. Von nichts anderem handeln Szenen wie jene am Ende seines klaustrophobischen Kammerspiels "Day of the Dead", worin ein Mensch bei lebendigem Leib entzwei gerissen wird.



Oberhalb all dieser gestalterischen Entscheidungen fingiert "World War Z" Tagesaktualität und einen Eindruck - vor allem in der nebbichen Nahost-Episode - von politischer Brisanz. Dass Zombiefilme zur Allegorisierung der politischen Gegenwart taugen, das dürfte Forster dabei irgendwie vorgeschwebt haben. Nicht in der vorgelagerten Bedeutungshuberei erfüllt sich indes dieser poltische Einsatz, sondern eher unter der Hand, in der beschriebenen Neu-Perspektivierung des ursprünglich dissidenten Zombie-Mythos als Mythos der Herrschenden.

Im letzten Akt begibt sich "World War Z" in eine WHO-Forschungsstation nach Cardiff in Wales. Peter Capaldi (der chief whip aus der BBC-Serie "The Thick of It") hat einen Auftritt und auch Moritz Bleibtreu. Zwei, drei Zeilen darf jeder sprechen, das war's dann auch wieder, ganz so, wie man es aus (an Förderrichtlinien orientierten) Europudding-Zweckvergemeinschaftungen gewohnt ist. Nach demselben Prinzip verfährt Forster den ganzen Film über. Zuletzt im Fernsehen verdientermaßen zu Ehren gelangte Schauspieler wie Mireille Enos (aus AMCs "The Killing", hier Brad Pitts Frau) oder David Morse (in David Simons "Treme" für HBO, hier in einer Minirolle als entrückter CIA-Agent) werden regelrecht verheizt - von einem Drehbuch, an dem entschieden zu viele Köche (darunter noch ein TV-Veteran, der "Babylon 5"-Creator J. Michael Straczynski) mitgewirkt haben. Am Ende fehlt es nicht nur an Knoblauch und Beuschel, sondern es hapert an der ganzen Menüfolge.

Nikolaus Perneczky

Außerdem startet heute Wong Kar-Weis neuer Film "The Grandmaster". Hier unsere Berlinale-Kritik.

Modest Reception - Die Macht des Geldes - Iran 2012 - Originaltitel: Paizraie sadeh - Regie: Mani Haghighi - Darsteller: Taraneh Alidoosti, Mani Haghighi, Saeed Changizian, Esmaeel Khalaj, Saber Abbar, Naqi Seif-Jamali - Laufzeit: 100 Minuten

World War Z
- USA 2013 - Regie: Marc Foster - Darsteller: Brad Pitt, Mireille Enos, Daniella Kertesz, James Badge Dale, Ludi Boeken, Matthew Fox, Moritz Bleibtreu - Laufzeit: 116 Minuten

Archiv: Im Kino

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06.04.2016. Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf. Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.) Mehr lesen

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24.03.2016. Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an. Apichatpong Weerasethakuls soeben auf DVD erschienener erste Langfilm "Mysterious Object at Noon" zeigt durch einen somnambulen Filter die Enstehung von Träumen. Mehr lesen

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17.03.2016. Der Verzicht ist Programm in Kevin Reynolds authentizitätsfixierten Bibelfilm "Auferstanden". Phil Collins gelingt in "Tomorrow Is Always Too Long" einigen kitschigen Scherenschnitten zum Trotz ein angenehm zwischen Affirmation und Dekonstruktion pendelndes Stadtporträt Glasgows. Mehr lesen

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