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Essay

Nur eine kam durch: Marie-Luise Scherer

Von Arno Widmann
16.03.2004. Einführungsrede für Marie-Luise Scherer, die am Samstag - zusammen mit Hannelore Hoger - im Literaturhaus Berlin aus ihrem neuen Buch "Der Akkordeonspieler" las.
Verehrte Gäste, liebe, hoch verehrte Marie-Luise Scherer,

die unter Ihnen, die die Arbeiten von Marie-Luise Scherer schon kennen, bitte ich ihr Gähnen zu unterdrücken. Ich werde Ihnen nichts Neues sagen. Frau Scherer bitte ich weg zu hören, denn ich denke, jetzt ist der Augenblick, in dem etwas ausgesprochen werden muss, was jeder Leser, jede Leserin Marie-Luise Scherers weiß, was in den Rezensionen aber selten erwähnt wird und was die Autorin selbst seit Jahrzehnten schamhaft verschweigt: Marie-Luise Scherer ist keine Reporterin. Sie schreibt keine Reportagen. Sie ist eine Erzählerin. Seit weit mehr als zwanzig Jahren erzählt sie Geschichten.

Es gibt darunter solche, die von so grausiger Schönheit sind, dass wir sie niemals vergessen. Vor vierzehn Tagen ging ich mit einer Frau, die ich sehr liebe, die aber stets auf sicheren Abstand zwischen uns beiden bedacht ist, durch die Waldemarstrasse in Kreuzberg. Ich erzählte ihr die Geschichte von Ingrid Rogge, einer jungen Frau aus dem schwäbischen Saulgau, die im Juni 1979 aus ihrer WG in der Waldemarstrasse 33, 3. Hinterhof, 3. Stock verschwand und deren Skelett am 27. September 1985 "unter dem so genannten Kriechdach" des linken Seitenflügels im 3. Hinterhof der Waldemarstrasse 33 gefunden wurde. Noch in der verstümmelnden Kürzung, die meine sich verheddernde Rekapitulation der Schererschen Erzählung "Der unheimliche Ort Berlin" antat, war sie so wirkungsvoll, dass die zarte Hand meiner ansonsten so zurückhaltenden Begleiterin sich Schutz suchend in die meine verkroch. Niemand, der diese Geschichte gelesen hat, kann durch die Waldemarstrasse gehen, ohne an sie zu denken und ohne wieder jenen Schauder zu spüren, den Marie-Luise Scherer uns bei der ersten Lektüre verschaffte.

Marie-Luise Scherers Erzählungen setzen uns aus. Sie streifen uns die Schutzhaut - oder doch ein Gutteil davon - ab, die uns abschottet gegen die Wirklichkeit. Wir sind, so belehrte man uns in den letzten Jahren, autopoetische Systeme, Lebewesen also, die sich ihre Welt selbst erschaffen und sich darin einzurichten verstehen. Marie-Luise Scherers Erzählungen reißen uns aus unseren autopoetischen Idyllen, aus den kunstvoll verspiegelten narzisstischen Wunderkammern unserer Weltbilder.

Ihr gelingt das durch ein doppeltes Spiel. Ihre Erzählungen geben sich als Reportagen. Wir sehen die recherchierende Reporterin, die wie ein Kriminalist auch noch das entlegenste Detail notiert, da sie weiß, am Ende kann alles zu einem wichtigen Schlüssel bei der Lösung des Puzzles werden. Dahinter versteckt sie die in ihrem Stoff souverän schaltende Erzählerin, deren Geschichte - wie die Geschichte selbst - keine Lösung kennt, die ihre Erzählung erst beim Erzählen schafft. Man lese den ersten Satz einer Erzählung von Marie-Luise Scherer und man weiß: das ist keine Reportage: "Vladimir Alexandrowitsch Kolenko aus der kaukasischen Stadt Essentuki im Stawropoler Gebiet war geblendet von der Sauberkeit des Berliner Flughafens und dessen Toiletten." So beginnt ihre neueste Erzählung "Der Akkordeonspieler". So führten Tschechow und Gorki ihre Helden ein. Die Präzision der Ortsangabe gab den Geschichten damals einen realistischen Klang. Gleichzeitig aber karikierte, ironisierte die schon damals die geografischen Kenntnisse der meisten Leser deutlich überfordernde Genauigkeit den Pressejargon. Marie-Luise Scherer nimmt diesen Ball auf und jetzt dient dieser Anfangssatz jedem erfahrenen Teilnehmer am Schriftverkehr als ein Warnzeichen: Du betrittst eine Erzählung. Ich habe dieses Warnzeichen, solange Marie-Luise Scherer im Spiegel veröffentlichte, stets als eine Verheißung gelesen und wurde nie enttäuscht.

Es gibt unter den Erzählern Läufer und Hürdenläufer. Für einen Läufer-Erzähler sind die Tatsachen ein Ausgangspunkt, vielleicht nicht mehr als eine Startmarkierung, Vielleicht katapultieren sie ihn sogar ein Stück seines Weges. Der Hürdenläufer-Erzähler dagegen achtet sorgfältig auf jede ihm sich in den Weg stellende Tatsache. Er darf nicht einfach weiterrennen. Er muss sie berücksichtigen, sie einbauen in seinen Lauf. Wer jemals bei einer Veranstaltung war, die länger als eine Stunde dauerte und anschließend versuchte, darüber zu berichten, der weiß, worauf ich anspiele. Die Pointe ist schnell gefunden, solange man nicht auch noch die ihr widerstrebenden Tendenzen unterbringen muss. Marie-Luise Scherer ist eine, ja wahrscheinlich die Meisterin der widerstrebenden Tendenzen. Ihre Erzählungen rennen nicht auf ein vorher abgestecktes Ziel zu. Jedenfalls hat der Leser keine Sekunde lang diesen Eindruck. Ihre Erzählungen verwickeln den Leser in den Gang der Geschichte als wäre sie das Leben selbst. Sie legt ihm Seite für Seite immer strengere Fesseln um, bis er das Buch nicht mehr aus der Hand legt, bevor er weiß wie die Geschichte endet. Obwohl er von Anfang an weiß, dass die Geschichte kein Ende haben wird.

Es sind die Fesseln der Kunst der Erzählung, die ihn an Marie-Luise Scherer binden. Es ist nicht der Glaube an Aufklärung über einen Sachverhalt. "Der Akkordeonspieler" ist eine Geschichte aus Tausendundeinernacht. Und wie diese enthält er tausend Geschichten in sich. Wir kennen die russischen Puppen, die Matrjuschkas, die in sich immer kleiner werdende weitere Puppen bergen. Ganz ähnlich geht es zu in "Der Akkordeonspieler". Wir setzen keine Sekunde mit der Lektüre aus. Wir verlangen nicht, dass die Reporterin sich auf die Geschichte des Helden konzentriert, sondern wir folgen der Erzählerin über alle Seitenpfade und Nebengeschichten. Wir folgen ihr, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Das liegt am Ton der Erzählerin. Ich weiß nicht, wie Hannelore Hoger das sieht, wie sie es also sprechen wird, aber hören sie genau hin, wenn sie diese Sätze lesen wird: "Sogar in der entlegenen südrussischen Stadt Essentuki bemühte man sich damals, auf berufsfremden Wegen an Geld zu kommen. Das Ende der Sowjetunion war herangerückt und die Preise freigegeben, das heißt, sie stiegen unaufhaltsam." Es ist großartig, wie es Marie-Luise Scherer gelungen ist, diese mit nüchternster Realität voll gestopften Sätze doch klingen zu lassen als stünden sie in einem Märchen. Das "damals" sinkt tief in den Brunnen der Vergangenheit. "Essentuki" ist wie "Bagdad" im ersten Satz von "Kalif Storch" und das "sie stiegen unaufhaltsam", das sich als ernüchternde Erklärung für "freigegeben" geriert, lässt in Wahrheit den Satz aufsteigen wie eine Montgolfiere. So arbeitet Marie-Luise Scherer. Sie schmeißt das sperrige Gut Wirklichkeit nicht raus aus ihren Sätzen, sondern holt es heran, hegt, belebt es und als eine umgekehrte Circe beatmet sie es mit ihren nikotinvergifteten Lungen so lange, bis aus einer schweinischen Wirklichkeit Helden hervorgehen, wie wir sie nur aus den Märchenbüchern kennen.

Aber die Schönheit der Texte von Marie-Luise Scherer liegt nicht zuletzt darin, dass sie uns niemals über ihre Herkunft täuscht. Der zitierte Satz kann so und so gelesen werden. Man kann ihn aufsteigen lassen als aromatischen Dank an die Götter, die der Autorin die Gabe, so schreiben zu können, ganz sicher nicht geschenkt, aber sie ihr doch auch nicht verwehrt haben, oder aber man liest ihn so, dass nichts zu hören ist als die sperrigen Hürden der wirklichen Welt. Die Erzählungen der Marie-Luise Scherer sind Balanceakte. Sie sind es insgesamt, jede Einzelne ist es und es gibt viele Sätze, wie der eben zitierte, die die Balance zwischen Märchen und Wirklichkeit halten.

Das ist eine hohe Kunst und es gibt niemanden in Deutschland, der es Marie-Luise Scherer darin gleich täte. Es gibt freilich auch immer weniger, die danach strebten. Vor dreißig, vierzig Jahren sah das anders aus. Die Literatur war sich nicht genug. Die Schriftsteller wollten das Leben einfangen. Es gab kaum einen, der nicht davon träumte, ein Gleichgewichtskünstler zu werden. Sie haben alle aufgegeben. Nur eine kam durch: Marie-Luise Scherer. Dafür danken wir ihr.

*

Arno Widmann, geboren 1948, war Mitbegründer und Chefredakteur der taz, Textchef bei der Vogue und Feuilletonchef bei der Zeit. Heute leitet er das Ressort "Meinung" bei der Berliner Zeitung. Am 1. Oktober 2002 erschien sein Debütroman "Sprenger" im Folio Verlag.

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