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Essay

Gegen Terror und Einsamkeit

Etudes sans frontieres holt Studenten von Tschetschenien nach Europa. Von Andre Glucksmann, Raphael Glucksmann
04.01.2007. Terrorismus kann man nur bekämpfen indem man die Abschottung aufsprengt, in der die Opfer der politischen und sozialen Pest von Terror und Einsamkeit gefangengehalten werden. Ein Plädoyer für das Projekt "Studieren ohne Grenzen", das einige Studenten von Tschetschenien nach Europa holte.
"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Was mir am meisten gefehlt hat in den Kellern von Grosny, im Bombenhagel, waren meine Bücher, meine Schulhefte, meine Filme, all jene Dinge, die meiner Seele erlaubt hätten, sich weit weg zu schwingen von dieser Hölle." Milana Terloeva ist sechsundzwanzig Jahre alt. Sie ist Tschetschenin. In Russland ist das ein Verbrechen. Und bei uns? Im September 2003 verlässt sie die Trümmer von Grosny und kommt nach Paris. Drei Jahre später absolviert sie die Journalisten-Schule am Pariser Institut für Politische Wissenschaften (Sciences-Po), veröffentlicht ein wunderbares Buch* und steht nun kurz vor der Rückkehr in ihr Heimatland. Milana verkörpert den Erfolg von "Etudes Sans Frontieres" (Studieren ohne Grenzen).

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Wievielen Jungen und Mädchen wird im Chaos der Kriege und der Diktaturen, die diesen Planeten mit Blut beflecken, das Recht auf freie Bildung abgesprochen? Gibt es angesichts der Bedrohung unserer Gesellschaften durch den internationalen Terrorismus ein vornehmeres Ziel für die westliche Jugend, als Studenten aus zerstörten Ländern den Zugang zum Wissen und zur Kultur zu ermöglichen? Welches Unterfangen könnte von größerem Nutzen sein, um den Händlern des Hasses entgegenzutreten, die die Verzweiflung jener ausschlachten, die der Westen vergessen hat? Denjenigen die Hand reichen, die durch menschlichen Wahnsinn von der Geschichte ausgeschlossen werden, das ist es, was eine Handvoll französischer Studenten beseelt, die im März 2003 "Etudes Sans Frontieres" gründeten.

Sie waren von einer Demonstration gegen den Krieg in Tschetschenien (200.000 Tote bei einer Bevölkerung von einer Million) zurückgekehrt, die nicht mehr als hundert Menschen auf die Straßen von Paris gelockt hatte, und sie stellten sich die naheliegende, aber dennoch unerhörte Frage: "Was können wir tun, um junge Tschetschenen unseres Alters zu retten?" Da es Ausländern untersagt ist, in Tschetschenien zu arbeiten, und es ihnen daher nicht möglich war, vor Ort aktiv zu werden, übernahmen sie die Patenschaft für einige Studenten aus Grosny und boten ihnen ein Studium in Paris an. Den Skeptikern und den "Realisten" entlockte dies ein trauriges Lächeln: unmöglich! Und doch wurde es Wirklichkeit. Im September 2003 wurde der erste Jahrgang der von "Studieren ohne Grenzen" unterstützten Studenten aufgenommen.

Unsere so sehr geschätzte und vermisste Freundin Anna Politkowskaja hat an das Unterfangen von Anfang an geglaubt und dessen Bedeutung sofort erkannt. Ein Tropfen inmitten eines Ozeans der Gleichgültigkeit? Niemand wusste besser als sie um die Verwüstungen eines gnadenlosen Kriegs, niemand hatte so viele Male sein Leben aufs Spiel gesetzt, um den Schattenmenschen von Grosny zu begegnen. Zehn, zwanzig, dreißig oder fünfzig Studenten,
die nach Europa gehen, sagte sie ermutigend, sind ebensoviele Zeichen der Hoffnung für diejenigen, die in den Ruinen zurückbleiben. Nein, sie waren nicht allein auf der Welt. Nein, das Wort "Tschetschene" war in der Welt nicht in Vergessenheit geraten. Einen Spalt breit öffnete sich das "Ghetto". Die Mörder arbeiten bei Nacht und Nebel und verbrennen die Bibliotheken - es ist an uns, geistige Bücken zu bauen. Die Feinde der Freiheit haben Anna ermordet, aber ihr Kampf um die Wahrheit geht weiter. Zum Beispiel mit den jungen Leuten von "Studieren ohne Grenzen", mit Milana und den tschetschenischen Studenten, die nach Paris und Lille, nach Rom, Montreal, Barcelona eingeladen werden ?

Tschetschenien war die erste Aufgabe, die der Verein sich setzte, und es bleibt bislang auch ihre hauptsächliche. Ruanda folgte. Andere junge Leute aus anderen Ländern warten. Sollte das Projekt sowohl in finanzieller als auch in politischer Hinsicht abgesichert sein und auf breite Zustimmung innerhalb der Bevölkerung stoßen, wäre es dann nicht notwendig, junge Menschen aus Darfur oder aus dem Irak in unseren Schulen und Universitäten willkommen zu heißen?

Ein Krieg geht dann zuende, wenn gebildete Menschen frei am Aufbau des Friedens mitwirken. Der Weg aus der Krise setzt ein demokratisches Verhältnis zur Macht und zur Gewalt voraus. Und dieses Verhältnis erlernt man im interkulturellen Austausch. Der ermordete tschetschenische Präsident Aslan Maschadow (der einzige, den sein Volk jemals frei wählen durfte) hatte dies verstanden und die westlichen Länder bedrängt, sie möchten tschetschenische Studenten in ihre Universitäten aufnehmen. Er träumte von liberal gesinnten Führungskräften, die dazu fähig wären, eine vom Krieg zugrunde gerichtete und von der Gewalt aufgeriebene Gesellschaft wiederaufzubauen. Der Westen stellte sich taub. Tschetschenien blieb isoliert, und die Banden säten das Chaos. Den Wahhabiten hingegen kamen Studien-Stipendien in Ländern zugute, die für ihre liberale und laizistische Haltung hinreichend bekannt sind, wie Pakistan oder Saudi-Arabien.

Der Terrorismus ist nicht allein das Werk von Netzwerken, die es zu zerschlagen gilt. Er beruht auf einer Ideologie der Abschottung, der Hoffnungslosigkeit und des Hasses. Und dieser Ideologie wird man mit polizeilicher und militärischer Zusammenarbeit allein nicht beikommen können, sondern nur indem man die psychische Zwangsjacke der Abschottung aufsprengt, in der die Opfer der politischen und sozialen Pest von Terror und Einsamkeit gefangenhalten werden.

Es gibt zwei Arten von Engagement. Das erste will die Welt nach einem vorgefertigtem Dogma verändern. Das zweite, bescheidenere, will die dringenden Wunden der Menschheit verbinden. Das Scheitern des ersten darf die Jugend jedoch nicht vom zweiten abbringen. Sartre hat beides gekannt: Der Weggefährte der kommunistischen Partei, der lauthals jeden Antikommunisten als Hund bezeichnete, unterstützte an seinem Lebensabend die antisowjetischen Dissidenten und jene boat people, die vor der kommunistischen Diktatur in Vietnam flohen. Er entsagte dem Dogmatismus und verschrieb sich dem Prinzip der unbeschränkten Solidarität zwischen jenen, die sich der Freiheit erfreuen, und denen, die ihrer beraubt sind. "Studieren ohne Grenzen" ist ebendieser philosophischen und praktischen Auffassung verpflichtet.

Der Verein feierte am 8. November 2006 im Palazzo Farnese die Gründung seines italienischen Ablegers, unter der Schirmherrschaft des französischen Botschafters Yves Aubin de La Messiziere und in Anwesenheit von Wirtschaftsminister Tommaso Padoa-Schioppa sowie der Senatorin und Medizin-Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini. Es lieferte ganz Europa ein glänzendes Beispiel. Wenn unser florierender Kontinent nicht den jungen Opfern hilft, die Kriegen und Diktaturen zum Opfer fallen, dann braucht es nicht auf Rettung vor der Katastrophe hoffen - und sie wird nicht ausbleiben. Keine Zivilisation hat lange in Reichtum und Frieden überleben können, ohne dass sie das Chaos der umliegenden Welt letzten Endes ereilt hätte. Seit dem 11. September 2001 wissen wir, dass Nöte von Kabul Manhattan erschüttern können. Zentrum und Peripherie leben in einer Schicksalsgemeinschaft: Die Welt kennt keine Inseln mehr.

Ein paar Dutzend Studenten, die der allgemeinen Verwirrung entkommen, ist wenig, aber nicht lachhaft. Denn es geht hier um den Sinn Europas. Voltaire beschloss "Candide" mit diesen Worten: "Wir müssen unseren Garten bestellen" ("Cultivons notre jardin"). Viele Kommentatoren halten sich allzusehr mit dem Garten auf, wo doch die Aufforderung des Bestellens ("Cultivons") an oberster Stelle steht. Bestellen, cultiver, heißt: eine Kulturgemeinschaft bilden. Dies war seinerzeit die Absicht von Benedictus (den der jetzige Papst verehrt), der von Monte Cassino aus zahlreiche Klöster gründete, zarte Inselchen des Wissens und der Disputs, in denen die Grundsteine unserer Kultur bewahrt wurden.

Unser Garten ist mittlerweile die Welt. Lasst uns an den antiklerikalistischen Voltaire und den christlichen Heiligen anknüpfen. Gegen die Theoretiker eines Kampfes der Kulturen kann sich "Studieren ohne Grenzen" zu einer kollektiven Bewegung spiritueller Ökologie und geistiger Solidarität entwickeln. Es wird viel - und zurecht - von den Gefahren planetären Ausmaßes geredet, die unsere "Umwelt" bedrohen: das Abholzen der Wälder, die Erderwärmung, das Aussterben der Arten. Vergessen wir jedoch nicht, dass die erste Umwelt eines Menschen die Menschen sind. Auch zukünftig besteht die größte Bedrohung für die Menschheit in der Zerstörung nicht etwa der Natur, sondern der Kultur, das heißt in der Fähigkeit eines jeden, dem anderen Gehör zu schenken und ihn zu verstehen.

*
Übersetzung: Barbara Jantzen
Milana Terloeva, "Danser sur les ruines, une jeunesse tchetchene" (Hachette Litterature, Paris 2006).

Der Text erschien zuerst im Corriere della Sera am 30. November 2006 anlässlich der Gründung der italienischen Sektion von Etudes sans frontieres.

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